DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Gastbeitrag aus dem NORDKURIER vom 28. August 2004

Längere Übergangsfrist nötig

Schüler dürfen bei der Rechtschreibreform keinen Nachteil haben

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Um die richtige Schreibe bricht fast jeden Sommer eine heftige Diskussion aus. Dieser Zeitpunkt hat einen ganz simplen Grund: Der 1. August ist nämlich ein markantes Datum für die Rechtschreibreform. An eben diesem im Jahr 1998 trat sie in Kraft, und an eben diesem endet im Jahr 2005 der Zeitraum, in dem herkömmliche und reformierte Schreibung gleichermaßen galten. Danach soll in Ämtern und in Schulen nur noch reformiert geschrieben werden. Ob das so kommt, ist nach der am 6. August dieses Jahres verkündeten Rückkehr der Häuser „Spiegel“ und „Springer“ sowie der „Süddeutschen“ und des „Rheinischen Merkur“ unwahrscheinlicher denn je.

Aus der Warte der Schule stellt sich damit die Frage: Wenn demnächst 60 Prozent der Presseprodukte in herkömmlicher Schreibung erscheinen, wenn Eltern und Großeltern, wenn große Literaturverlage und renommierte Schriftsteller sich größtenteils der herkömmlichen Schreibung befleißigen, gilt dann noch der Satz, dass Schüler nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen?

Die Meinungen unter Deutschlands 750.000 Lehrern sind gespalten. Ein Drittel sehnt sich nach der alten und – wie sie sagen – bewährten Schreibung. Ein weiteres Drittel sehnt sich nur noch danach, dass endlich Klarheit geschaffen wird – wie auch immer. Das dritte Drittel ist nach wie vor von den Segnungen der Reform überzeugt. Ärgerlich für die Schulen aber bleibt, dass es weder Politik noch Reformkommission in den vergangenen 17 Jahren seit Beginn des Reformprozesses verstanden, ein in breiten Schichten akzeptiertes Reformpaket zu schnüren. Insofern war es zu befürchten, dass der Streit um die Rechtschreibung über kurz oder lang an der Schule vorbei vom Medienmarkt, und damit indirekt vom Volk, entschieden wird und dass die Schule zunehmend ins orthographische Abseits gerät.

Gewiss, Teile der Reform waren umsetzbar. Aber unter dem Strich ist die Rechtschreibung seit 1998 kaum leichter geworden; vielmehr hat sich in der Schreibung eine gewisse Beliebigkeit eingeschlichen, und es sind neue Fehler hinzugekommen. Solide Studien, die die Erleichterungsthese gestützt hätten, gab es nicht. Die Zahl der Schreibfehler dürfte sich nicht verringert haben; die Lesbarkeit der Schriftstücke von Schülern hat wegen der liberalisierten Kommasetzung wohl gelitten.

Das Wichtigste für die Schüler aber ist jetzt: Sie dürfen aus dem Hin und Her um die Reform keinen Nachteil haben. Es wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als die Übergangsfrist zu verlängern. Vor allem mit Rücksicht auf die Schüler höherer Jahrgangsstufen müssen fünf Jahre zugegeben werden. Bis 2010 sollten sowohl herkömmliche wie auch reformierte Rechtschreibung als richtig gelten.

Ein Chaos bricht in den Schulen deswegen – selbst wenn dann eine Rückkehr käme – nicht aus. Von den in vielen Bundesländern üblichen 700 Wörtern des Grundwortschatzes, also des am Ende der vierten Klasse schriftlich zu beherrschenden Wortschatzes, sind gerade mal gut 20, also etwa drei Prozent von der Reform bzw. einer Umkehr der Reform betroffen. Da sollte man sich nicht in Katastrophenszenarien flüchten. Die Schüler und ihre Lehrer haben schon ganz andere Umstellungen bewältigt!

Gefordert sind auch die Ministerpräsidenten; sie sollten die Rechtschreibreform zur Chefsache machen. Noch einmal endlose Beratungen in der Kultusministerkonferenz, noch eine Reform-Kommission und ein Reform-"Rat" - das kann es nicht sein.

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