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Aus DIE WELT vom 25. August 2000
Schule "am Pflock des Augenblicks"
100 Jahre nach Nietzsches Tod ist seine Warnung vor Nützlichkeitsdenken in Bildungsfragen aktuellen denn je
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
„Ich kenne für mich kein höheres Ziel, als irgendwie einmal Erzieher in einem großen Sinne zu werden...“ So schrieb der knapp dreißigjährige Friedrich Nietzsche an eine Verehrerin. Er meinte damit nicht die Profession des Lehrers, und er war selbst ja kein begeisterter und begeisternder Lehrer; während der zehn Jahre seiner Tätigkeit als jugendlicher Professor der Philologie in Basel zog er keine Studentenmassen an.
Eigentlich wollte er nicht einmal Philologe sein, weil er die Philologen allenfalls als Handlanger der Philosophen verstand und weil ihm die Philologie zu viel Kleinkrämerei war. Sein Traum war immer der eines philosophierenden Schriftstellers und damit auch eines philosophierenden Erziehers – Erzieher freilich im Sinne einer „Umwertung aller Werte“. Wegen dieser Gedanken gefährlicher Sprengkraft kann Nietzsche auch nicht als vorbildlicher Erzieher gelten. Das dürfte ein Grund sein, weshalb es kein „Nietzsche“-Gymnasium gibt. Dennoch ist Nietzsche es wert, dass man ihn als „Erzieher“, besser: als Bildungstheoretiker wieder entdeckt. Er sagte von sich selbst, dass er als Philosoph im 21. Jahrhundert zu Hause sei. Tatsächlich klingen einige seiner Prognosen - so die von der Vollendung des Nihilismus und damit einer Entwertung aller Inhalte, Werte und Bindungen, der wir entgegengehen - aus heutiger Sicht überaus aktuell.
Nietzsches Philosophie ist kein geschlossenes Konstrukt, sie ist aphoristisch. So manche seiner Sinnsprüche haben pädagogischen Charakter, und ihre Bezüge zu unserer Gegenwart drängen sich jedem auf, der sich ihnen vorurteilsfrei zuwendet. Beispiele: Der aktuellen Forderung, Schule habe nicht Vorratswissen, sondern Methodenkompetenz zu vermitteln, kann mit Nietzsche entgegnen: „Unsere moderne Bildung ist gar keine wirkliche Bildung, sondern nur eine Art Wissen um die Bildung.“ Die moderne Erleichterungspädagogik würde er kontern mit den Worten: „Das Leichtere und Bequemere hüllt sich in den Mantel prunkhafter Ansprüche.“ Der um sich greifenden Unfähigkeit vieler Schüler, den Dingen auf den Grund zu gehen, könnte er entgegnen: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst: Entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“ Pädagogen und Politikern, die sich Sorgen um gewaltbereite Junge machen, würde er empfehlen: „Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu achten; alles andere folgte daraus.“ Was die Erziehung zur Eigenverantwortung betrifft, so würde er Lehrern empfehlen: „Der gute Erzieher kennt Fälle, wo er stolz darauf ist, daß sein Zögling wider ihn sich selber treu bleibt.“
Wenngleich wenig beachtet,
so sind es vor allem Nietzsches fünf Baseler Reden „Über die
Zukunft unserer Bildungsanstalten“ aus dem Jahre 1872 wert, dass man sie
heute wieder zur Hand nimmt. Nietzsche übt darin Kritik am Deutschunterricht
und an der „verhunzten und geschändeten Sprache“. Er attackiert das
Gymnasium, weil es keine allgemeine Bildung vermittle und zur bloßen
Berufsvorbereitung tendiere. Er wettert gegen die „Bildungsphilister“,
die über Dinge schwätzen, die sie nicht durchdrungen haben.
Vor allem aber ist heute
auf spannende Weise Nietzsches Warnung vor einem einseitigen Nützlichkeitsdenken
in Bildungsfragen aktuell. Hier schimmert Nietzsches beständiges Kreisen
um den Gegensatz zwischen Leben und Geist durch – ein Gegensatz, der gerade
in Zeiten eines von der so genannten Neuen Mitte zum Götzen erhobenen
Pragmatismus zeitgemäßer ist denn je. Wie Nietzsches Zeit ist
nämlich auch die heutige geprägt von einem Klima, wenn nicht
gar einem Primat des Materialismus, des Empirismus, des Ökonomismus
und des Utilitarismus. Dementsprechend rechnet er es im ersten seiner Vorträge
„Über die Zukunft der Bildungsanstalten“ zu den beliebtesten nationalökonomischen
Dogmen, den Nutzen, ja den möglichst großen Geldgewinn als Ziel
und Zweck der Bildung auszugeben. Wörtlich: „Dem Menschen wird nur
soviel Kultur gestattet, als im Interesse des Erwerbs ist.“
Das kommt einem bekannt vor. Denn 100 Jahre nach Nietzsches Tod geht von den Alpen bis zur Nordsee eine Schulpolitik dieser Art um. Parteiübergreifend gemeinsam ist ihr das monomanische Schielen nach Methoden des Marktes. Getreu protziger Management-Theorie wird Schule auf die Reise geschickt hin zu: Total Quality Management, Kundenzentrierung, Handlungsorientierung, Just-in-time-Knowledge und Download-Wissen usw.
Schule heute also unter dem Diktat von Marketing und Informationstechnik? Schulpolitik als Filiale der Wirtschaftspolitik? Schule am „Pflock des Augenblicks“, wie Nietzsche sagen würde? Jedenfalls wird eine schulpädagogisch „korrekte“ Sprache kreiert, wenn nicht gar der verbale Kniefall vor der Tyrannei eines flachen Ökonomismus vollzogen. Tatsächlich droht Schule zur Schule der De-Kultivierung zu mutieren: zur Schule des lean-management und der fast-education; zur Schule der "events" statt der geistigen Unterkellerung; zur Schule der Flüchtigkeit statt der Konzentration.
Dennoch: Das Beschwören
einer durchgestylten Schule lenkt ab von der Furie des Verschwindens des
Kulturellen auf Grund einer fortschreitenden Funktionalisierung von Bildung.
Es geht aber in Sachen Bildung – weil sie sonst nur Ausbildung ist – eben
schon um den Eigenwert des Nicht-Ökonomischen. Gerade das Letztere
macht Kultur aus. Was wir an Stelle gemanagter Schule also benötigen,
ist etwas anderes, nämlich eine mit Hilfe von großen geistigen
Gegenständen rekultivierte Schule. Vielleicht lässt uns Nietzsche
wieder darüber nachdenken.
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