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"Neues Deutschland" vom 7. Januar 2005
Die Gesamtschule ist ein Irrweg
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Schulsysteme
können – idealtypisch betrachtet – nach zwei sehr
unterschiedlichen
Architekturprinzipien konstruiert sein. Variante 1 wäre die
jeweils eigene
Schule für jeden Einzelnen; eine solche Schule wäre
höchstindividuell, und sie
wäre vermutlich im Intellektuellen sehr leistungsfähig.
Variante 2 wäre die
eine und gleiche Schule für alle; eine solche Schule wäre
vermutlich eine
Schule der Gleichmacherei, in der die Individualität des
Einzelschülers auf der
Strecke bliebe. Somit stellt sich auch bei der Gestaltung eines
Schulwesens die
uralte Frage: Freiheit oder Gleichheit? Modell 1 - die Schule der
Freiheit für
jeden Einzelnen - wäre eine Schule ohne soziales Lernen; sie
wäre finanziell
nicht machbar, sie war es allenfalls im alten Rom, als die Reichen die
gebildeten griechischen Sklaven als Lehrer für ihre Kinder hatten.
Modell 2 -
die Schule der Gleichheit für alle - ist realisiert in Form der
integrierten
Gesamtschule.
Letztere
erwies sich in den vergangenen 30 Jahren deutscher Schulgeschichte als
kein
taugliches Schulmodell. Deshalb brauchen wir auch keine neue Debatte
wie 1990
zur Wiedervereinigung um sog. dritte schulische Wege. Im Schulwesen
beschreiten
wir mit dem gegliederten Schulwesen längst einen dritten Weg,
nämlich den Weg
zwischen der Schule der totalen Freiheit und der Schule der totalen
Gleichheit.
Ein gegliedertes, differenziertes Schulwesen ist bereits der dritte
Weg, weil
es in gelungener Weise die Vorzüge der beiden Extremvarianten
vereint
(Individualisierung hier, Gleichbehandlung dort) und deren Nachteile
(Vereinzelung hier, Kollektivierung dort) vermeidet. Es ist ein
Kompromiss aus
den Prinzipien der Chancengerechtigkeit und der Begabungsgerechtigkeit.
Selbst
die Hauptschule ist eine gute und notwendige Schule. Ihre Probleme
würden nicht
dadurch gelöst, dass man sie abschaffte, sondern diese Probleme
würden dadurch
nur neu etikettiert. Zumindest in den alten Ländern ist
Hauptschule auch alles
andere als eine „Restschule“, denn sie hat dort nach wie vor über
30 Prozent
der Schülerschaft. Wenn 30 Prozent ein „Rest“ sind, dann sind
Parteien mit 30-prozentigen
Wahlergebnissen keine Volksparteien, sondern Restparteien. Und
schließlich -
das wird oft übersehen – folgt auf das gegliederte Schulwesen ein
hochdifferenziertes Bildungswesen auch für junge Erwachsene ohne
Hochschulreife; es besteht aus mindestens sieben berufsbildenden
Schulformen
(Berufsschule, Fachschule, Berufsfachschule, Wirtschaftsschule,
Fachakademie,
Fachoberschule, Berufsoberschule) und aus einer Reihe von Schulen des
Zweiten
Bildungsweges (Abendrealschule, Abendgymnasium, Kolleg). Will sagen:
Gerade in
Deutschland gibt es keinen schulischen Abschluss ohne Anschluss.
Im
übrigen existiert keine einzige wissenschaftliche Studie, die der
deutschen
Gesamtschule auch nur in einem einzigen Bereich einen Gleichstand mit
den
Schulen des gegliederten Schulwesens, geschweige denn einen Vorsprung
attestiert. Vielmehr kommen sämtliche Untersuchungen des
Max-Planck-Instituts
für Bildungsforschung (MPIB), der Humboldt-Universität
Berlin, der
Ludwig-Maximilians-Universität München und vieler weiterer
renommierter
Forschergruppen unisono zu einem Ergebnis: Gesamtschule in Deutschland
liegt
beispielsweise am Ende der 10. Klasse hinsichtlich Lernleistung und
hinsichtlich sozialer Entwicklung ihrer Schüler drei Jahre hinter
dem Gymnasium
und zwei Jahre hinter der Realschule. Die im Herbst 1998 aufgelegte
sog.
BIJU-Studie des MPIB (Titel: Bildungsverläufe und psychosoziale
Entwicklung im
Jugendalter) attestiert der Gesamtschule in NRW diesen Rückstand - und zwar trotz vergleichbarer sozialer
Provenienz der Schülerschaft und trotz einer um 30 Prozent
besseren personellen
und sächlichen Ausstattung. Auch PISA 2003 bestätigt:
Deutsche Gesamtschule
kann nicht mit Realschule und schon gar nicht mit Gymnasium mithalten;
sie
rangiert nämlich mit PISA-Werten bei 480 weit hinter dem Gymnasium
(588 bis
606; der PISA-Sieger Finnland hat übrigens 544) und auch hinter
der Realschule
(501 bis 510). Spätestens seit der im Jahr 2002
veröffentlichten innerdeutschen
PISA-E (E = Erweiterungsstudie) müsste auch klar sein, dass ein
gegliedertes
Schulwesen zumindest in Deutschland die vernünftigere und die
kindgerechtere
Variante ist. Sonst hätten Bayern und Baden-Württemberg nicht
so eindeutig die
beiden nationalen Spitzenplätze eingenommen - Bayern mit einem
Wert, der
Plätzen der internationalen PISA-Spitzengruppe im vorderen Drittel
entspricht.
Der
von den Gesamtschul-Euphorikern immer wieder bemühte Vergleich mit
Gesamtschulen in anderen OECD-Ländern zieht nicht, oder er ist
recht einäugig.
Einäugig ist er dann, wenn er vernachlässigt, dass auch die
PISA-Schlusslichter
Brasilien und Mexiko ein Gesamtschulsystem haben. Und wenig
zugkräftig ist er,
wenn er Japan, Finnland, Frankreich, England oder die USA zum
Maßstab nimmt.
Wer nämlich glaubt, die dortigen Gesamtschulsysteme seien
leistungsfähig, der
verdrängt, was der Preis und der Kollateralschaden dabei ist: In
Japan etwa
besuchen zwei Drittel der Schüler – von den Eltern umgerechnet
für tausende von
Dollar erkauft – eine private „juku“, also eine organisierte
Nachhilfeschule; das
ist kein gutes Zeugnis für das öffentliche
Einheitsschulsystem.
In Finnland
gibt es eine viel homogenere Schülerschaft – nahezu ohne
Migranten; außerdem
werden in Finnland rund zwanzig Prozent der Kinder aus der Regelklasse
herausgenommen und differenziert beschult. In Frankreich, England und
in den
USA laufen der öffentlichen Regelgesamtschule die Schüler und
die Eltern davon
– sofern sie für den Schulbesuch ihres Kindes an einer
Privatschule
Jahresgebühren von 10.000 bis 20.000 Euro aufbringen können.
Tatsache also ist:
Wo immer es sich die Eltern leisten können, findet eine Abstimmung
mit den
Füßen gegen Einheitsschule statt. Dass damit eine
hochgradige soziale Selektion
in Gang kommt, das sollten sich diejenigen, die Gesamtschule aus
Gründen des angeblichen
Chancenausgleichs haben möchten, vergegenwärtigen.
Die
aktuelle deutsche PISA-Diskussion scheint also nichts anderes als eine
alte
Bosheit zu bestätigen: Schulpolitische Debatte in Deutschland ist
ein Friedhof,
auf dem beständig Auferstehung gefeiert wird. Die Lösung
deutscher
Schulprobleme kann also nicht ein Ladenhüter-Rezept sein, mit dem
so manche
deutsche Landesregierung ihr eigenes Schulsystem an die Wand gefahren
hat. Die
Alternative zu einem gegliederten Schulsystem kann nicht die
integrierte
Gesamtschule, sondern nur ein verbessertes gegliedertes Schulsystem
sein.
Verbesserungen sind hier notwendig; sie sind möglich, wenn man
etwa bereit ist,
die unterrichtliche Differenzierung weiter auszubauen - vor allem zu
Gunsten
schwächerer Schüler und zu Gunsten von Schülern mit
Migrationshintergrund. Was
wir brauchen, das ist mehr individuelle Förderung in den Schulen
des
gegliederten Schulwesens. Hierfür brauchen wir einen
zusätzlichen Pool an
Unterrichtsstunden von fünf bis zehn Prozent pro Einzelschule; das
müssen uns
unsere Kinder wert sein.
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