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Aus dem Magazin der Volks- und Raiffeisenbanken "bonus" - August 2001
Nachhilfe ist kein Allheilmittel
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Alle Jahre wieder geistert eine brisante Zahl durch den bundesdeutschen Blätterwald: In Deutschland würden pro Woche 30 Millionen Mark für Nachhilfeunterricht ausgegeben, so heißt es. Unter Berücksichtigung der Gesamtzahl der Schüler in Deutschland (derzeit 12 Millionen) verliert diese Zahl aber einen Großteil ihrer Schrecken. Dann entfallen auf den einzelnen Schüler gerade mal 2 Mark 50. Das ist im Durchschnitt viel und nicht viel zugleich. Zumindest entbindet diese Zahl den Betrachter nicht von der Verpflichtung, sich über Ausmaß, Formen, Sinn und Zweck sowie über Grenzen der Nachhilfe Gedanken zu machen.
Was das Ausmaß betrifft, so dokumentieren Erhebungen, dass bei Realschülern und Gymnasiasten etwa zehn bis zwölf Prozent Nachhilfe in Anspruch nehmen, bei Grund- und Hauptschülern deutlich weniger. In anderen Ländern ist die Rate der Nachhilfeschüler oft erheblich höher. In Japan haben zwei Drittel aller Schüler zusätzlich einen Privatlehrer, oder sie besuchen eine der über 40.000 privaten Nachhilfeschulen („juku“).
Die Realität der Nachhilfe in Deutschland lässt sich ansonsten aufgrund ihrer Vielfalt nur schwer erfassen. Die professionellen Einrichtungen, die nachmittägliche Hausaufgabenhilfe mit zumeist längerfristiger vertraglicher Bindung, sind nur ein Teil der „Szene“. Dort „landen“ überproportional häufig Kinder, deren Eltern ihre Sprößlinge an sicherem Ort aufgehoben wissen möchten. Ansonsten überwiegt die Einzelnachhilfe. Zumeist handelt es sich dabei um eine vorübergehende Nachhilfe. In vielen Fällen wird zu Stundensätzen zwischen 30 und 60 Mark ein Lehramtsstudent oder ein Referendar in Anspruch genommen, sehr häufig ein pensionierter oder gelegentlich ein aktiver Lehrer. Nicht selten geben sogar ältere Schüler Nachhilfe. Diese Form der Nachhilfe ist preisgünstiger (ca. 20 Mark pro Zeitstunde) und in aller Regel nicht viel weniger effektiv als die professionelle.
Ein Allheilmittel ist Nachhilfe jedenfalls nicht. Versagt ein Kind in der Schule, so kann das viele Ursachen haben. Diese Ursachen müssen identifiziert werden, erst dann bietet sich die richtige „Therapie“ an. Gar nicht so selten ist die Ursache für schulisches Scheitern eine Überforderung der Kinder durch die Wahl der falschen Schulform. Jedenfalls wird man ein Kind nicht mittels Nachhilfe zum Abitur boxen können. Auch eigens wegen des Kindes an der Volkshochschule belegte Latein- oder Mathe-Kurse besorgter Mütter enden in den seltensten Fällen mit dem Abitur des Sohnes oder der Tochter.
Die Wirkung von Nachhilfe entfaltet sich nur, wenn die Lerndefizite von überschaubarer Breite sind, wenn sie etwa durch eine längerfristige Erkrankung entstanden sind, wenn sie nicht auf mangelndem Fleiß beruhen und wenn die Nachhilfe nicht zur Dauereinrichtung wird. Geschieht nämlich letzteres, dann droht sie jedes eigenverantwortliche Lernen zu erschlagen. Ohne Rücksicht zu nehmen auf diese Grundsätze und dennoch vierstellige Beträge in Nachhilfe zu investieren, das bleibt zumeist eine reichlich teuere Beruhigungspille.
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