DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus "Die Tagespost" vom 1. März 2007

Der Menschenrechtskommissar

Das internationale Gesamtschul-Kartell hat erneut zugeschlagen

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Ostern, Pfingsten, Kirchweih, Allerheiligen und Weihnachten kommen nicht so oft vor wie die orchestrierten Horrormeldungen über das deutsche Schulwesen. Das eine Mal ist es die x-te „Ranking“-Skala irgendeiner zusätzlichen PISA-Auswertung, ein anderes Mal ist es eine von Hunderten von Tabellen der OECD, ein drittes Mal ist es irgendein Skandinavien-Urlauber, der im hohen Norden sein schulpolitisches Damaskuserlebnis hatte. Immer danach wird Deutschland in masochistisch-depressiven Taumel versetzt. Nun, ein wenig hat man sich daran gewöhnt. Allerdings driften Realitäten und Schreckensmeldungen immer mehr auseinander. Schuld daran ist ein schamlos impertinentes Zitierkartell mit seiner ritualisierten Empörungs- und Betroffenheitsrhetorik.

Die Litanei ist nämlich immer die gleiche: Deutschland habe zu wenig Akademiker, die sog. Unterschicht sei unter Abiturienten und Studenten unterrepräsentiert; und selbstverständlich sei die vollcomputerisierte Ganztags-Gesamtschule die Schule der Zukunft. Freilich ist an all diesen Visionen nichts neu, denn hier kommen eben nur alte Träume zu neuer Blüte. Dass egalisierende Schule in Deutschland eine einzige durchschlagende Erfolglosigkeit hinter sich hat, dass die Massenproduktion von Abiturzeugnissen zu einer erschreckenden Absenkung der Ansprüche geführt hat, davon will man allerdings nichts wissen.

Die regelmäßig lancierten „Bildungs"-Berichte der OECD, der UNESCO oder der UNICEF werden jedenfalls hoch-ideologisch instrumentalisiert – und dies skrupellos und kartellmäßig. Dieses Kartell, das Deutschlands Bildungswesen permanent schlechtreden und schlechtrechnen will, besteht aus einigen Politikern, sog. OECD-Koordinatoren, ferner aus so manchen Publizisten und Gewerkschaftlern. In der Absicht, die Einheitsschule für Deutschland herbeischreiben zu wollen, giert dieses Kartell geradezu nach schlechten Bildungs-Nachrichten für Deutschland.

Leider lassen sich dafür sog. UN-Botschafter instrumentalisieren. Vernor Munoz gehört zu letzteren. Dieser Juraprofessor aus Costa Rica ist Menschenrechtsbeauftragter der UNO mit Sitz in Genf. Er hat im Februar 2006 einen zehntägigen Trip durch Deutschlands Schulwesen gemacht, um anschließend einen Bericht über das deutsche Schulwesen zu schreiben. Das Ergebnis liegt nun vor. Und es überrascht keineswegs. Denn Munoz’ Bericht ist so ausgefallen, wie man dies bereits vor seinem Besuch in Deutschland erwarten musste: einseitig und in hohem Maße anmaßend. Anmaßend ist es nämlich zu glauben, man könne sich mit einer zehntägigen Reise durch Deutschland auch nur einen groben Einblick in das differenzierteste Bildungswesen der Welt mit seinen 42.000 Schulen und einem hochkomplexen Berufsbildungswesen verschaffen. Wenn dies möglich wäre, dann hätten Hunderte von erziehungswissenschaftlichen Lehrstühlen und zig Forschungsinstitute jahrzehntelang nur für den Papierkorb gearbeitet oder nur Däumchen gedreht.

Auch verraten die Bewertungen und Schlussfolgerungen von Munoz alles andere als Ausgewogenheit. So berücksichtigt er nicht, dass Deutschland eine völlig andere Migrantenklientel hat als andere Migrationsländer; er ignoriert, dass Deutschland den höchsten Anteil an Bildungsbeteiligung der 18/19-Jährigen hat und dass das berufliche Bildungswesen eine Qualität vermittelt, mit der in anderen Ländern Hochschulen zum Teil nicht mithalten können. Munoz verdrängt zudem, dass die besten PISA-Ergebnisse - auch unter Migrantenkindern - diejenigen deutschen Länder haben, deren Schulwesen dezidiert gegliedert ist. Höchst einseitig sind freilich bereits die Quellen, aus denen Munoz seine Informationen und Bewertungen bezog. Im wesentlichen stützt er sich auf Materialien von Organisationen, die seit Jahrzehnten als Protagonisten der Gesamtschulidee gelten. "Neues Deutschland", "junge Welt", "taz", die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, leider auch bestimmte Protagonisten einer großen deutschen Presseagentur sehen sich natürlich von Munoz bestätigt in ihrem Ziel, gegen das ab der fünften Klasse nach Schularten ausdifferenzierte Schulwesen anzugehen. Die Gewerkschaft hat den Kommissar selbstredend reichlich mit "kritischen Materialien" eingedeckt.

Allerdings gäbe es für die UNO weltweit Wichtigeres zu tun, als sich ideologisch instrumentalisieren zu lassen. Oder hat sie überschüssige personelle und finanzielle Ressourcen? Es wäre auch durchaus angezeigt, wenn die Bundesregierung einmal deutsche Gelder und deutsches Personal der OECD und der UNO auf den Prüfstand stellte. Es muss ja nicht sein, dass mit deutschen Steuergeldern „ghostwriter“ finanziert werden, deren einziges ideologisches Ansinnen es ist, bewährte deutsche Bildungsstrukturen zu schleifen. Recht hat er, der Bundesvorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer, Albert Obert. Er stellte ernsthaft die Frage, wie ein Jura-Professor aus dem Entwicklungsland Costa Rica dazu komme, die Bildungspolitik in einem hochtechnisierten Land wie der Bundesrepublik zu begutachten. Konsequenterweise fragt Obert auch weiter, warum der Menschenrechtsbeauftragte Munoz nicht in die Staaten reist, in welchen nicht einmal das Recht auf Leben und auf Unversehrtheit gewährleistet ist, um dort die grundlegendsten Menschenrechte einzufordern.


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