DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
 10. Dezember 2002


Informationen und Anmerkungen zu den PISA-Ergebnissen
der Laborschule Bielefeld und der Helene-Lange-Schule Wiesbaden

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Vorbemerkung und Bewertung

Die seit Mitte/Ende November 2002 in der Öffentlichkeit herumgereichten PISA-Ergebnisse der Laborschule Bielefeld und der Helene-Lange-Schule Wiesbaden haben für viel Verwirrung und noch mehr Verärgerung geführt. Weitergehende Recherchen nähren den Verdacht,
  • dass die verbreiteten PISA-Daten mit äußerster Zurückhaltung zu sehen bzw. schlicht und einfach falsch dargestellt und interpretiert sind,
  • dass eine Nachrichtenagentur und einige Zeitungen sich zumindest für eine Art „Hofberichterstattung“ zugunsten der beiden Schulen haben instrumentalisieren lassen (siehe Etiketten wie „Musterschulen“ und „Traumnoten“ usw.).
Letztere Vermutung wird zusätzlich genährt durch die Tatsache, dass dieselben Agenturen und Zeitungen es unterlassen haben, eine Presseerklärung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) vom 26. November 2002 zu verbreiten, in der sich das Institut von den Inhalten und der Art der öffentlichen Darstellung der beiden Schulergebnisse distanziert.

In keinem Fall aber taugen die PISA-Ergebnisse der beiden Schulen in Bielefeld und in Wiesbaden als Beleg für die angebliche Überlegenheit von Gesamtschulen. Wer solches behauptet, betreibt in skandalöser Weise Propaganda oder zumindest Wahlkampf  (siehe die Landtagswahlen vom 2. Februar 2003 in Niedersachsen und Hessen).


Zur Helene-Lange-Schule Wiesbaden

Die Helene-Lange-Schule (HLS) als integrierte Gesamtschule der Jahrgangsstufen 5 bis 10 (ehemals war sie ein Gymnasium) war im Rahmen von PISA regulär im Jahr 2000 getestet worden. In Teilen der Presse wurde Mitte/Ende November 2002 berichtet, dass die HLS eben als integrierte Gesamtschule im PISA-Subtest Lesen einen Wert von 579 erreicht habe, quasi Spitze national und international sei und Finnland wie auch Bayern übertreffe.

Hierzu ist festzuhalten:
  • Die HLS war an der PISA-Untersuchung - wie andere getestete Schulen auch - mit nur rund 23 Schülern beteiligt. Das ist keine repräsentative Stichprobe, um eine Schule mit einem ganzen Land vergleichen zu können. Es ist zudem nicht offengelegt worden, wie sich die getesteten HLS-Schüler nach Bildungsempfehlung (Gymnasium, Realschule, Hauptschule) zusammensetzen.
  • Der berichtete Wert liegt - gemessen an einer Gymnasiastenpopulation - keineswegs an der Spitze. Im Vergleich mit süddeutschen Gymnasialergebnissen rangiert der HLS-Wert im hinteren Drittel. Zahlreiche deutsche Gymnasien haben einen Wert von mehr als 600 erreicht, ohne dass sie es für nötig gehalten hätten, sich öffentlich zu inszenieren.
  • Die HLS hat sich nicht an die mit dem MPIB getroffene Vereinbarung gehalten, die eigenen Ergebnisse nur für den internen Gebrauch zu nutzen. Das MPIB spricht deshalb in einer Presseerklärung vom 26. November 2002 auch von einer „unzulässigen“ und „irreführenden“ Darstellung der beiden Schulen in Wiesbaden und Bielefeld.
  • Die HLS-Schülerschaft insgesamt setzt sich zu 55 Prozent aus Gymnasial-empfohlenen, zu 30 Prozent aus Realschulempfohlenen und zu 15 Prozent aus Hauptschulempfohlenen zusammen. Ob die HLS-Stichprobe an diesen Anteilen ausgerichtet wurde, wurde nicht offengelegt. (Zum Vergleich: Die deutsche PISA-Gesamtstichprobe hat einen Gymnasiastenanteil von 27,5 Prozent.)
  • Die HLS hat nach wie vor das in die Vorgängerregierung zurückreichende Vorrecht, die Schulanfänger vier Wochen vor den Nachbarschulen aufzunehmen. Aus der Elternschaft wird berichtet, dass dies vor allem zu einer Selektion der Hauptschulempfohlenen führt. Zudem ist die HLS nach wie vor nicht an die Klassenbildungsrichtlinien gebunden; das heißt, sie unterschreitet sie in erheblichem Maße.
  • Die HLS hat auch in puncto Lehrerversorgung Vorrechte: Sie hat - gemessen an Schulen mit vergleichbaren Schülerzahlen - sieben Lehrer mehr als andere Schulen.
  • Vor Ort wird seit längerem die überhebliche Selbstdarstellung der HLS-Schulleiterin Enja Riegel kritisiert. Diese war schon einmal als Staatssekretärin bei Kultusminister Holzapfel (SPD) im Gespräch.

Zur Laborschule Bielefeld


Auch die Darstellung der Laborschule Bielefeld als Schule mit angeblich überragenden Werten ist falsch. Hierzu reicht als entscheidender Satz die folgende Passage aus der Presseerklärung des MPIB vom 26. November 2002:
„Wie auch in der am 14.11.2002 ...... veröffentlichten Dokumentation nachzulesen, erzielten die Schülerinnen und Schüler der Laborschule Bielefeld im Lesen und in Naturwissenschaften ähnliche Leistungen wie vergleichbare Schülerinnen und Schüler anderer Schulen. Diese Ergebnisse verweisen also weder auf besondere Stärken noch auf besondere Schwächen der Laborschule. In Mathematik liegen die Leistungen etwas unterhalb des Wertes, den man aufgrund der Zusammensetzung der Schülerschaft in der Laborschule erwarten würde.“

Der Vollständigkeit halber und ohne Kommentar sei hinzugefügt:
  • Die Laborschule Bielefeld wurde auf eigenen Wunsch ein Jahr nach dem PISA-Hauptdurchlauf nachgetestet. Zu diesem Zeitpunkt war ein Teil der PISA-Aufgaben bereits bekannt.
  • Der Leiter der wissenschaftlichen Begleitkommission der Laborschule, Prof. Dr. Tillmann, ist zugleich Mitglied des nationalen PISA-Konsortiums.

Presseerklärung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung vom 26. November 2002

Stellungnahme zur Meldung der dpa über die PISA-Ergebnisse der Laborschule Bielefeld und der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden
vom 13. November 2002


Am 13. November 2002 veröffentlichte die dpa eine Meldung mit dem Titel „PISA-Traumnoten für zwei deutsche Versuchsschulen“. Darin werden die im PISA-Test erzielten Ergebnisse der Laborschule Bielefeld und der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden mit den Mittelwerten Deutschlands, Finnlands und Koreas verglichen. Aus diesem Vergleich wird die Schlussfolgerung gezogen, dass in den beiden Einzelschulen exzellente Leistungsergebnisse erzielt werden. Diese Meldung wurde von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen. So titelte etwa der Tagesspiegel am 14. November 2002: „Triumph der Struwwelpeter: Die Reformschulen haben bei PISA Traumergebnisse erzielt – weit über den internationalen Spitzenwerten“ und auch in der Süddeutschen Zeitung vom 19. November 2002 war zu lesen: „die Laborschule in Bielefeld und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden warten beim Schulleistungstest PISA überraschend mit Traumnoten auf“. Diese Meldungen sind irreführend und entsprechen nicht der Darstellung der Ergebnisse für die Laborschule Bielefeld, die das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung am 13. November 2002 der Presse präsentiert hat (siehe Presseinformation).

Wie auch in der am 14. November 2002 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Dokumentation nachzulesen, erzielten die Schülerinnen und Schüler der Laborschule Bielefeld im Lesen und in Naturwissenschaften ähnliche Leistungen wie vergleichbare Schülerinnen und Schüler anderer Schulen. Diese Ergebnisse verweisen also weder auf besondere Stärken noch auf besondere Schwächen der Laborschule. In Mathematik liegen die Leistungen etwas unterhalb des Werts, den man aufgrund der Zusammensetzung der Schülerschaft in der Laborschule erwarten würde. Die Differenz ist zwar nicht groß, aber doch Anlass genug, um über mögliche
Ansatzpunkte für Verbesserungen nachzudenken.

Es gehört zu den Grundregeln der Schuleffektivitätsforschung, dass bei der Bewertung von Ergebnissen einzelner Schulen die Zusammensetzung der Schülerschaft zu berücksichtigen ist. Diese Regel, die auch in den Darstellungen der Befunde für die Laborschule durch das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung noch einmal ausdrücklich erwähnt und anschaulich erläutert wird, sollte in Kreisen, die sich mit Schulleistungsvergleichen beschäftigen, inzwischen bekannt sein. Daher verwundert es, wenn Unterschiede zwischen dem Leistungsmittel wert einer Einzelschule und den durchschnittlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler eines ganzen Bundeslandes oder eines ganzen Staates als Hinweis auf die Effektivität der Schule dargestellt werden. Diese Interpretation ist unzulässig.

Die Laborschule Bielefeld ist im Rahmen von PISA aus wissenschaftlichen Gründen eingehender untersucht worden. Mit der Untersuchung sollte unter anderem der Frage nachgegangen werden, inwieweit es Schulen gelingen kann, einen Schwerpunkt im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung zur Politik mit der Förderung von fachlichen Kompetenzen zu vereinbaren. Hierzu wurde ein speziell zugeschnittenes Instrumentarium eingesetzt, das neben Items aus den PISA-Tests und Fragebögen auch Skalen aus anderen Studien enthielt. An der Laborschule wurden weiterhin alle 15-Jährigen sowie die gesamte 9. Jahrgangsstufe in die Erhebung einbezogen. Für die Laborschule liegt also eine relativ breite und verlässliche Datenbasis vor, die solide Anhaltspunkte über relative Stärken und Schwächen liefert.

Die Rückmeldungen schulbezogener Befunde für die anderen an PISA beteiligten Schulen, zu denen auch die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gehört, basieren dagegen auf vergleichsweise kleinen Stichproben von Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe. Im Durchschnitt haben pro Schule lediglich 23 Neuntklässler an der Erhebung teilgenommen, wovon wiederum jeweils nur etwas mehr als die Hälfte Mathematik- oder Naturwissenschaftsaufgaben bearbeitet hat. Weiterhin beziehen sich die Schulrückmeldungen ausschließlich auf die in PISA erfassten Bereiche. Schwerpunkte und pädagogische Ziele der einzelnen Schulen außerhalb dieser Berei- che finden keine Berücksichtigung. Aufgrund solcher Beschränkungen können die Schulrückmeldungen im Rah- men von PISA lediglich erste Hinweise auf mögliche Stärken und Schwächen von Einzelschulen liefern. Sie las- sen jedoch keine direkten Rückschlüsse auf die Qualität und Effizienz der schulischen Arbeit zu. Die engen Grenzen der Interpretierbarkeit der Rückmeldungen sind in einer Broschüre, die die Schulen mit ihren schulbezogenen Ergebnissen erhalten haben, ausführlich beschrieben (vgl. http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/SRM.htm). In einem Begleitschreiben wurden die Schulen weiterhin darauf aufmerksam gemacht, dass die Schulrückmeldungen ausschließlich für den internen Gebrauch bestimmt sind. Eine Veröffentlichung der schulbezogenen Befunde ist nicht vorgesehen.



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