DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

31. Juli 2008


Josef Kraus zum Ruhestand von Birgitta Mogge-Stubbe, Rheinischer Merkur

Vorbildlicher Verantwortungsjournalismus


Max Weber hat im Jahr 1919 in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ zwischen einer Gesinnungs- und einer Verantwortungsethik unterschieden. Die Verantwortungsethik, so Weber, ziele auf die Verantwortbarkeit der Folgen des eigenen Handelns ab. Im Gegensatz zur Gesinnungsethik stelle sie die tatsächlichen Ergebnisse einer Handlung über das Motiv der Handlung. Der Gesinnungsethiker dagegen fühle sich nur "verantwortlich" dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlösche.

Man kann diese Webersche Unterscheidung mit Fug und Recht auf den Journalismus übertragen. Dem entsprechend könnte man Gesinnungsjournalisten von Verantwortungsjournalisten unterscheiden. Beides gibt es – im Bildungsjournalismus wohl mit zunehmender Tendenz zum Gesinnungsjournalismus. Die öffentliche bzw. veröffentlichte Debatte um den Zustand des Bildungswesens in Deutschland ist markanter Beleg dafür. Die Spezies Gesinnungsjournalist hat sich die jeweils neuesten, in der Regel jeweils vierhundert Seiten umfassenden PISA- und OECD-Studien noch nie so richtig zu Gemüte geführt, trotzdem funktionieren die Pawlowschen Schlagzeilen-Reflexe: Deutschland werde in der Bildung immer mehr abgehängt, Deutschland habe das ungerechteste Schulwesen der Welt, die schulische Integration von Migranten in Deutschland gelinge nicht, die Abiturientenquote sei viel zu niedrig, überhaupt sei das differenzierte deutsche Schulwesen mit seiner „Selektion“ Ausdruck eines längst überholten Ständedenkens. Keiner dieser Vorwürfe hält einer auch nur halbwegs seriösen Betrachtung Stand. Gleichwohl wiederholt sich diese Litanei spätestens alle sechs Monate, wenn das planwirtschaftliche Büro für Bildungsideologie namens OECD mal wieder zu husten geruht. Eine große deutsche Presseagentur ist sich dann nicht zu schade, für diesen Hustenreiz – möglichst an einem nachrichtenarmen Sonntag – den Lautsprecher zu geben, so dass zumindest alle Regionalzeitungen sowie die allermeisten Funk- und Fernsehredaktionen am nachfolgenden Montag mithusten. Dass Teile des größten deutschen Pressekonzerns sowie ewig-morgige und bemüht-besorgte Wochen- und Tageszeitungen aus Hamburg, Frankfurt und München hinterherhusten, überrascht da kaum noch.

Das ist zu erheblichen Teilen der Zustand des deutschen Bildungsjournalismus. Man könnte fast meinen: Große Teile des Bildungsjournalismus möchten dem von ihr herbeigesehnten und herbeigeschriebenen Niedergang des deutschen Bildungswesens - selbst abstürzend - noch vorauseilen. Die Flamme der reinen Gesinnung und deren Triumph über die Urteilskraft scheinen gefragt. Mit sozial reinem Gewissen steht man ja immer gut da. Und der leidenschaftliche Appell für mehr Gerechtigkeit in Erziehung und Bildung macht sich immer gut, auch wenn damit selten etwas anderes gemeint ist als die Forderung nach Gleichheit im Bildungsabschluss.

Es gibt gottlob rühmliche Ausnahmen! Die Zeitung, hinter der gerade auch bildungspolitisch ein kluger Kopf steckt, gehört dazu. Und eben der Rheinische Merkur. Wenn eine „bmg“ freilich jetzt in den Ruhestand geht, dann wird der deutsche Bildungsjournalismus noch ärmer. Denn Birgitta Mogge-Stubbe war über zwei Jahrzehnte hinweg eine, die einen Bildungsjournalismus der Verantwortungsethik praktizierte. Sie hat immer hinter die vermeintlichen Jubel- und ebenso hinter die angeblichen Horrormeldungen geblickt. Sie ließ sich nie blenden, weil sie sich stets verantwortlich dafür fühlte, wie sie die öffentliche Debatte mit beeinflusste. „bmg“ ging es in Fragen von Erziehung und Bildung nie um sterile Chronik oder eiskalte Analyse. Ihre humanistische Grundhaltung und ihr soziales Gewissen schimmern immer wieder durch – gepaart freilich stets mit einem scharfen Blick nicht nur für das Notwendige, sondern auch für das Reale und für das Mögliche. Egal ob es um Jugendgewalt, um den Drogenkonsum Heranwachsender, um die Hauptschule, um Privatschulen, um Fremdsprachen, um neue Unterrichtsmethoden, um ästhetische oder ethische Bildung, um die Nöte von Lehrern, um PISA-Ergebnisse, OECD-Tabellen oder was auch immer ging: In der Ressortleiterin Birgitta Mogge-Stubbe vereinten sich eindrucksvoll größte Erfahrung, umfassendes Wissen, analytische Schärfe, unbestechliches Urteil, gewinnende Unaufgeregtheit und gelebte gesellschaftliche Verantwortung.

Ein paar persönliche Worte seien nach ebenfalls fast zwanzig Jahren des intensiven gegenseitigen Erfahrungs- und Meinungsaustausches hinzugefügt. Ich hatte sehr früh und bald regelmäßig das Vergnügen, Birgitta Mogge-Stubbe bei ihren Recherchen unterstützen sowie über meine schulpraktischen Erfahrungen und meine schulpolitischen Einschätzungen informieren zu dürfen. Daraus ist eine vertrauensvolle, ja freundschaftliche Zusammenarbeit geworden, die sich in der gemeinsamen Teilnahme an bzw. Mitgestaltung von Tagungen, Foren und Schulveranstaltungen festigte. Auch der gemeinsame Einsatz für den Fortbestand eines christlich geprägten Gymnasiums in Sachsen hat uns verbunden. Natürlich gab es Themen, bei denen wir nicht so ganz synchron oder gar einheitlich „tickten“ – das sogenannte G8, also das verkürzte, achtjährige Gymnasium, und die Rechtschreibreform. Ich wollte beides dezidiert nicht und argumentierte entsprechend dagegen, sie konnte sich eher mit beidem anfreunden. Auch hier aber stellte sie zumindest als Journalistin ihre persönliche Einschätzung zurück, weil es ihr immer um fachliche Seriosität und journalistische Ausgewogenheit ging.

Ich wünsche Birgitta Mogge-Stubbe jedenfalls einen gesunden Ruhestand in familiärem Glück; mir wünsche ich den aktiven Erhalt einer Freundschaft; für den Rheinischen Merkur hoffe ich nicht zuletzt im Interesse der Qualität anstehender Bildungsdebatten auch zukünftig auf ein starkes Ressort Bildung.


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