DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 9. Dezember 2004

PROBLEMGRUPPEN / Migrantenkinder und Schulschwänzer zeigen besonders wenig Leistung

Mehr Deutschstunden sind am wichtigsten

Dieses Pisa-Ergebnis muss alle alarmieren: 21 Prozent der Schüler haben schon jetzt eine extrem schlechte berufliche Prognose.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Zu den zentralen Botschaften der Pisa-Studie 2003 gehört, dass 21,6 Prozent der deutschen Schülerschaft nur die unterste von sechs Pisa-Qualifikationsstufen erreichen oder sogar diese unterschreiten (12,4 beziehungsweise 9,2 Prozent). Ein gutes Fünftel der deutschen Schülerschaft ist demnach als Risikogruppe einzustufen, für die mit Blick auf deren schulische und berufliche Laufbahn eine schlechte Prognose besteht und die – wenn überhaupt - nicht über das Lösen einfacher Rechnungen hinauskommt.

Zu Recht folgert deshalb das deutsche Pisa-Konsortium dies: „Mit einer Anhebung des Kompetenzniveaus im unteren Viertel der Leistungsverteilung könnte in Deutschland die Leistungsstreuung kräftig reduziert und zugleich ein deutlich höherer Gesamtmittelwert erzielt werden.“

Will man in Deutschland also über Pisa 2003 hinaus weitere schulische Fortschritte beim Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften machen, gilt es, insbesondere bei dieser Problemklientel anzusetzen. Wer aber ist diese Problemklientel? Darüber gibt die Pisa-Studie 2003 teilweise, aber nicht erschöpfend Auskunft.

Zum einen gehören dazu manche deutsche Schüler aus sozial schwierigen Elternhäusern, Kinder, deren Eltern selbst keine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung haben, aber auch Kinder, die mit oder ohne Wissen der Eltern Schule schwänzen oder zumindest sehr unregelmäßig Hausaufgaben machen und lernen.

Es handelt sich hier um eine Schicht, der durch die Schule und ohne Hilfe von Sozialpädagogen kaum beizukommen ist. Schulleiter, Klassenleiter und Schulpsychologen wissen ein Lied davon zu singen, wie schwer es ist, mit den Eltern dieser Schüler ins Gespräch zu kommen, denn oft bleiben zehn und mehr Einladungen oder schriftliche Ermahnungen ohne Antwort.

In der Risikogruppe überrepräsentiert sind sodann Migrantenkinder. Pisa 2003 gibt dazu recht differenziert Auskunft. Im getesteten Schwerpunktbereich Mathematik erreicht Deutschland mit 503 Punkten einen international mittleren Wert. Deutsche Schüler ohne Migrationshintergrund erzielen hier 527 Punkte, deutsche Schüler mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil 508, Kinder zugewanderter Familien 454 und Kinder der ersten Migrantengeneration 432.

Das bedeutet: Zwischen diesen vier Gruppen liegt eine Lern- und Leistungsdifferenz von fast drei Schuljahren. Ansonsten erreichen Migrantenkinder in Deutschland ungefähr ein  Pisa-Ergebnis, wie es eines der größten Herkunftsländer deutscher Immigranten ausweist, nämlich die Türkei: Diese kam, erstmals bei einem Pisa-Test dabei, in Mathematik auf 423 Punkte, in den Naturwissenschaften auf 434, im Lesen auf 441 und im Problemlösen auf 408.

Umgekehrt haben die 544 Mathematik-Punkte des Pisa-Zweiten Finnland auch damit zu tun, dass dieses Land einen Migrantenanteil von gerade mal zwei Prozent hat, bei denen es sich meist um Schweden handelt, eine Volksgruppe also, die die zweite Amtssprache Finnlands spricht.

Wie auch immer: Die schulische Integration von Migrantenkindern in Deutschland gelingt oft nicht. In Australien, Kanada und die USA sieht das anders aus. Dort erzielen Migrantenkinder etwa dieselben Pisa-Werte wie die Kinder ohne Migrationsgeschichte. Allerdings ist das in diesen drei Einwanderungsländern wohl weniger eine Leistung der Schulen, sondern Ergebnis einer anderen Migrationspolitik und einer anderen Haltung der Migranten zu Fragen der Integration und zur Landessprache des Einwanderungslandes.

Was kann Schule in Deutschland tun? Eines ist klar: Sie allein kann dieses Problem nicht lösen. Es reicht nicht aus, dass Schulen den Migranten zusätzliche Förderangebote machen. Vielmehr müssen diese Angebote auch angenommen werden.

Aus vielen Beispielen  ist bekannt, dass sich manche Migranteneltern weigeren, ihre Kinder an Grund- und Hauptschulen in zusätzliche Deutschkurse oder so genannte  Sprachlernklassen zu schicken. Parallelgesellschaften in Deutschland: Das schlägt sich dann auch in Schulleistung und einem Pisa-Wert nieder, der bis zu 70 Punkte unter dem Durchschnitt liegt.

Gefordert ist also eine Migrations- und damit Gesellschaftspolitik, die Migrantenfamilien zum intensiven Erlernen der deutschen Sprache motiviert – nicht wegen der zukünftigen Pisa-Ergebnisse Deutschlands, sondern um der schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration der Migranten willen.

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