DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

BILDUNGSMESSE 2003, Nürnberg 
Statement zum "forum bildung" vom 31. März 2003

"Hochbezahlt, unkündbar, unmotiviert - was hat das Lehrerimage mit der Wirklichkeit zu tun?"

  Von Josef   K r a u s  
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Was in Deutschland über den Lehrerberuf öffentlich und veröffentlicht im Umlauf ist,  entspricht in den wenigsten Fällen der Realität. Zumeist sind es Zerrbilder, die verbreitet werden. Dennoch meint jeder, der sich über Lehrer äußert, er sei ein Experte; schließlich sei er doch selbst einmal in der Schule gewesen, habe Kinder in der Schule oder kenne zumindest einen, der Schule besucht habe.

In keinem anderen Land der Welt - das hat die PISA-Begleitstudie gezeigt – wird so dümmlich und so übellaunig über Lehrer gedacht und dahergeredet. Ein Ministerpräsident, der danach noch höhere politische Weihen erhält, bezeichnet Lehrer in einem Interview für eine Schülerzeitung als „faule Säcke“. Ein anderer Ministerpräsident meint, er habe jeden Dienstag bereits so viel geleistet, wie Lehrer in einer ganzen Woche leisteten. Ein Bundestagsabgeordneter wird in einem Untersuchungsausschuss nach seinem Verhältnis zu seinem örtlichen Parteischatzmeister gefragt; er antwortet: Mit dem habe man nicht reden können, denn das sei kein Mensch, sondern ein Lehrer.

Für das Volk der Dichter und Denker, das man ja eigentlich auch als ein Volk der großen Pädagogen kennen sollte, sind solche, den Stammtisch bedienenden Sprüche ein Armutszeugnis. Und PISA ist die Quittung dafür. Karl Jaspers dachte wohl schon vor fast vier Jahrzehnten an dergleichen, als er in seinem 1966 erschienen Buch  „Wohin treibt die Bundesrepublik?" schrieb:  „Es ist das Schicksal eines Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet". Diese Mahnung ist aktueller denn je. Denn sowohl die Frage, welche - und wie viele - Lehrer Deutschland hervorbringt, als auch die Frage, wie es seine Lehrer achtet, harren immer noch einer Antwort.
Dass es in Deutschland durch anspruchsvolle Ausbildung eine qualifizierte Lehrerschaft gibt, ist unbestritten, das weiß sogar das Magazin „Newsweek“, das den Deutschen als einen bildungspolitischen Standortvorteil neben anderen deren System der Lehrerbildung attestierte.

Was die „hervorgebrachten“ Lehrerpersönlichkeiten betrifft, so lässt sich die Frage schwerer beantworten, denn die Motive, Lehrer zu werden, sind sehr differenziert. Die einen werden Lehrer, weil sie ihre späteren Unterrichtsfächer als wissenschaftlich attraktiv empfinden. Daraus können gute Lehrer werden, wenn sie es schaffen, dass sich ihre Liebe zum Fach auf die Schüler überträgt. Die anderen wählen diesen Beruf, weil sie gerne mit jungen Leuten zu tun haben. Auch daraus können gute Lehrer werden. Wieder andere werden/wurden Lehrer, weil sie via Schule Gesellschaft verändern wollten. Das sind die politischen, oft guten und später nicht selten frustrierten Lehrer. Manche ergreifen den Lehrberuf, weil sie von ihm Statussicherheit erwarten. Auch das ist legitim, denn es gibt wohl keinen Beruf, bei dem Materielles keine Bedeutung hätte.

Zwei andere Motive dürften keine Rolle spielen. Die Erwartung, eine ruhige Kugel schieben zu können, und das gesellschaftliche Ansehen des Lehrerberufes werden keinen Abiturienten in den Lehrerberuf locken. Und dass hier auch keine Reichtümer verdient werden können, hat sich herumgesprochen, wiewohl niemand sagt, man könnte mit einem Lehrergehalt nicht auskommen (so es denn ein volles und kein durch Zwangsteilzeit reduziertes ist ). Dennoch macht die Rekrutierung von jungen Lehrern in Deutschland fortschreitende Probleme. Den berufsbildenden Schulen fehlt es an Zehntausenden von Lehrern im kaufmännischen, gewerblich-technischen und informationstechnischen Bereich. Den Gymnasien gehen die Lehrer - nach Bundesländern unterschiedlich - in den Fächern Mathematik und Physik sowie in Musik, Kunst und Sport  aus. Ähnliches gilt für die Realschulen, und ganz besonders fehlt selbst den Hauptschulen der Nachwuchs.

Die Gründe für diesen Mangel sind vielschichtig. Eine besondere Rolle spielt ein zweifacher demografischer Faktor. Zumindest in den alten Bundesländern steigen die Schülerzahlen in den weiterführenden Schulen teilweise noch bis zum Jahr 2008. Und überall in Deutschland steigt die Zahl der beim Ruhestand angelangten Lehrer dramatisch an. Von insgesamt 700.000 Lehrern werden in den kommenden zehn Jahren gut 300.000 pensioniert. So viele nämlich sind derzeit jenseits der Fünfzig.

Zudem fehlt der Nachwuchs, weil der Lehrerberuf oft nicht in die Wertehierarchie junger Leute passt. Berufsschullehrer fehlen, weil für viele von ihnen die Arbeit in der Wirtschaft attraktiver ist. Entsprechendes gilt für angehende Mathematik- und Physiklehrer. Dass den Hauptschulen der Nachwuchs ausgeht, ist ohnehin nicht verwunderlich, hat eine Politik bestimmter Provenienz die Hauptschule doch bewusst zur Restschule zu degradieren versucht.

Weitere Gründe kommen hinzu, warum sich Abiturienten kein Dasein als „Pauker" vorstellen können. „Sich mit fremder Leute frechen Kindern herumschlagen?“ „Da hätte ich es ja mit Leuten zu tun, wie wir es waren!“ Das sind nur zwei der häufigsten Antworten, die man erhält, wenn man Studienaspiranten fragt, ob sie sich ein Lehramtsstudium vorstellen könnten. Hier schwingt mit, was Lehrer heutzutage erleben: dass das Erziehen Heranwachsender schwieriger wurde. Dies gilt ebenso für elterliche Erziehung, aber die Flüchtigkeit, die Ablenkbarkeit, die Hyperaktivität, die gesunkenen Hemmschwellen kommen in der Schule gehäuft und verdichtet an. Wer weiß, wie geschafft Eltern nach einer Stunde Einkauf mit den Jüngsten sind, ahnt etwas von dem, was dreißig solcher „Exemplare“ in vollen sechs Unterrichtsstunden bedeuten können.

Natürlich gibt es auch unter Pädagogen die Larmoyanten. Aber selbst Lehrer mit stabilem Nervenkostüm gestehen ein, wie schwierig es ist, in einer Klasse tagtäglich erst einmal ein Klima zu schaffen, das halbwegs zielführenden Unterricht ermöglicht. Dieses Problem ist für die meisten Schulleute erträglich, weil es mit Heranwachsenden zu tun hat. Schwerer tun sich die Lehrer damit, dass ein wachsender Teil der Elternschaft nicht nur berechtigte Ansprüche an die Benotung ihrer Kinder stellt, sondern Noten oder erzieherische Maßnahmen der Schule in manchmal blindem Glauben an Begabung, Fleiß und Rechtschaffenheit ihrer Kinder anficht oder gar mit dem Anwalt droht.

Von dort ist es nicht weit zur Wut, wenn Politik und Gesellschaft wieder einmal die Lehrerschaft als den Hauptschuldigen ausmachen für alle möglichen Missstände: Wenn Glatzköpfe Ausländer angreifen, dann habe die Schule zu wenig über Nationalsozialismus aufgeklärt. Wenn die Heranwachsenden gewalttätiger werden, dann sei schulische Werteerziehung defizitär. Wenn Computerspezialisten fehlen, dann hätten die Schulen geschlafen und die Lehrer sich nicht genügend mit Informationstechniken vertraut gemacht. Wenn sich Kinder zu viele Hackfleisch-Videos reinziehen, dann habe die schulische Medienpädagogik versagt. Wenn Kinder an Haltungsschäden oder Übergewicht leiden, sich mit Fast Food oder Süßigkeiten ernähren, dann habe die Schule zu wenig Gesundheitserziehung betrieben. Wenn internationale Leistungstests den deutschen Schülern mittleres Niveau bestätigen, dann unterrichteten die deutschen Lehrer falsch. Und wenn Kinder auf Grund veränderter Familienstrukturen zu Straßenwaisen werden, dann sei Schule schuld, weil sie sich nachmittags nicht um die Kinder kümmere.

Diese maßlose Überforderung eines Berufstandes tritt in Deutschland immer wieder auf – aktuell in den Medien und in der Pädagogikgeschichte. Seit Mitte der 90er Jahre scheinen Deutschlands Lehrer ihr Leitbild ja mit dem Studienrat "Dr. Specht" aus der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie zu haben. Specht entspricht schließlich so recht dem Idealbild des Polit-, Beziehungskisten- und Sozial-Ingenieurs. Der Lehrer also als pädagogischer Schimanski und Professor Brinkmann zugleich? Gottlob nein! Denn Spechtsche Schule verhält sich zu wirklicher Schule wie Märchen zu Realität, wie Schwarzwaldklinik zu echtem Krankenhaus.

Nicht unschuldig an maßlos überzogenen Omnipotenzerwartungen an den Lehrerberuf sind auch große Pädagogen der deutschen Kulturgeschichte selbst. Friedrich Adolph Diesterweg zum Beispiel: Er wünschte den Lehrern vor über 100 Jahren den Scharfsinn eines Lessing, das Gemüt eines Johann Peter Hebel, die Begeisterung eines Pestalozzi, die Kenntnisse eines Leibniz, die Weisheit eines Sokrates, die Liebe Jesu Christi und an erster Stelle die Gesundheit und die Kraft eines Germanen. Von der offiziellen Pädagogik wird das heute leider verwechselt mit dem Entertainer-Talent eines Show-Masters und dem Öko-Engagement eines Greenpeace-Aktivisten. Die Lehrer müssten sich geschmeichelt vorkommen ob solchen Zutrauens in ihre scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten.

Aber es ist anders, denn Lehrer bekommen es zu spüren, wenn sie zum Feigenblatt einer sich forsch gebenden, gleichwohl ratlosen Gesellschaftspolitik werden. Und sie bekommen obendrein laufend gesagt, wie gut – angeblich zu gut – es ihnen gehe. Wenn zudem die Wirtschaft jungen, „ausgelernten“ Lehrern vieler Fächer Stellen mit einem anfänglichen Jahresgehalt von 40.000 Euro aufwärts bietet, dann muss man sich ebenfalls nicht wundern, dass diese es ablehnen, für rund 12.000 Euro Jahreseinkommen zwei Jahre Referendariat zu absolvieren, um anschließend gerade eben eine befristete Zweidrittelstelle zu ergattern.


Die Politik lenkt vom eigenen Versagen ab, wenn sie jetzt jammert, dass qualifizierte Lehrer fehlten. Politik hätte dafür zu sorgen, dass der Lehrerberuf von einer Attraktivität ist, die motivierte und leistungsorientierte Abiturienten anlockt. Und die Politik müsste nach dem Hin und Her von Lehrermangel und Lehrerüberschuss, von Schülerberg und Schülertal endlich kapiert haben, dass Nachwuchswerbung antizyklisch geschehen sollte.

Ansonsten: Was brauchen Lehrer? Lehrer brauchen Leistungsanreize. Mit dreißig Jahren in eine Gehaltsgruppe einzusteigen, die man mit 60 immer noch hat, ist nicht gut. Also bedarf es eines Systems an Beförderungen. Und es sollte Prämien und Zulagen geben. Die 500 oder 1000 Euro, die ein Lehrer dafür vor Steuern erhält, machen ihn nicht reich, aber sie signalisieren, dass da ein Vorgesetzter das besondere Engagement oder die besondere Belastung eines Lehrers registriert hat. Aber das Materielle ist nicht das Wichtigste. Lehrer wollen vor allem Anerkennung. Dann und wann spricht ein Bundespräsident diese aus. Aber solches wird selten über die Medien transportiert, weil diese sich lieber zum fünfzigsten Mal mit dem „faulsten Lehrer“ Deutschlands beschäftigen. Lehrer brauchen sodann Chefs, die sich vor sie stellen, wenn Eltern oder Öffentlichkeit überziehen.

Karl Jaspers hat Recht: „Es ist das Schicksal eines Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.“ So, wie manche in Deutschland mit Lehrern umgehen, darf man zurückfragen: Ob Jaspers dergleichen auch über jeden Wirtschaftsfunktionär, jeden Politiker, jeden Elternfunktionär oder jeden Bildungsplaner sagen würde?

© 2003 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 DL-HomeSeitenanfang