DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der FAZ-Sonntagszeitung vom 12. Oktober 2008

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Bildung muss allen gleiche Startchancen geben. Das Ergebnis darf sie nicht vorbestimmen -
denn Ungleichheit kann gerecht sein.


Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Im heraufdämmernden Bundestagswahlkampf erleben wir eine Inflation der Bindestrich-Gerechtigkeiten: Generationen-, Geschlechter-, Umwelt-, Einkommens-, Verteilungs-Gerechtigkeit. Die sogenannte Bildungs-Gerechtigkeit nimmt in diesem Katalog eine prominente Stellung ein.

Wiewohl der Zusammenhang von Schulleistung und sozialer Herkunft weltweit keine neue Erkenntnis ist, erheben „progressive“ Bildungspolitiker gebetsmühlenhaft die Forderung nach einem - angeblich gerechten - gleichmacherischen Bildungswesen. Dabei droht aus der Gerechtigkeitsrhetorik eine Rhetorik des Klassenkampfes zu werden: Das gegliederte deutsche Schulwesen diene dem Zweck, eine ständische Gesellschaft zu erhalten. Oder: Die „obere Dienstklasse“ habe Angst vor einer nivellierenden Masse und lege deshalb Wert auf Exklusivität. Auch die Kampfvokabel „Selektion“ fehlt nicht. Mit ihrer Hilfe sollen offenbar dunkle Kapitel deutscher Geschichte wachgerufen und das Leid der NS-Opfer bildungspolitisch instrumentalisiert werden.

Gewiss ist „Bildung die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“. Zugleich gilt: Sozial ist, was Arbeitsplätze erhält oder neue schafft. Bildung ist dabei ein wichtiges Vehikel zur Verbesserung von Chancen. Eine höhere Bildung kann individuelle Chancen verbessern; sie verschärft aber auch den Konkurrenzkampf. In der Debatte um Bildungsgerechtigkeit werden immer wieder Gleichheit und Gerechtigkeit vermischt. Zugleich dominiert das Prinzip der Gleichheit über das Prinzip der Freiheit. Das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit ist aber auch mit noch so viel Quote, zum Beispiel Abiturquote, nicht zu lösen. Die „conditio humana“ kennt keine Gleichheit. Wer völlige Chancengleichheit will, müsste die Menschen entmündigen. Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen muss deshalb Freiheit auch in der Bildung Vorrang vor Gleichheit haben. Egalitäre Schulpolitik würde vermeintliche Gleichheit dadurch erzielen, dass die Ansprüche gesenkt werden. Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade junge Menschen aus schwierigen Milieus in ihren „restringierten Codes“ fest.

Beim Start in die Bildungslaufbahn sollten alle die gleichen Chancen haben, gleiche Zielchancen kann es aber nicht geben. Natürlich ist Bildung Staatsaufgabe. Dadurch ist Bildung zugunsten gerade sozial Schwächerer vor den Prinzipien des reinen Marktes geschützt. Zugleich aber hat öffentliche Schule die Aufgabe, freie Entfaltung zu ermöglichen und Unterschiedlichkeit zu schützen. Das wiederum birgt das Risiko des Scheiterns, denn Chancen sind Chancen, aber keine Vollkaskogarantien.

Deshalb gibt es keine gerechte Alternative zu einem human ausgestalteten Leistungsprinzip. Wer in der Schule das Leistungsprinzip untergräbt, setzt zugleich eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. Freie Gesellschaften haben an die Stelle von Geldbeutel, Geburtsadel und Gesinnung das Kriterium der Leistung vor den Erfolg und vor den Aufstieg gesetzt. Das ist ein großer sozialer Fortschritt und zudem die Chance zur Emanzipation für jeden Einzelnen. Verschiedenheit ist insofern keine Ungerechtigkeit. Vielmehr ist nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Zudem bremst Gleichmacherei in Erziehung und Bildung den Leistungswillen und die Eigeninitiative. Gleichmacherei würde auch nur zu einer gefühlten Gerechtigkeit nach dem Motto führen: Was nicht alle können, darf keiner können.

In Deutschland gab es in den vergangenen drei Jahrzehnten durch die Verlängerung der Pflichtschulzeit sowie durch zahlreiche Schul- und Hochschulgründungen vielerlei positive Effekte, die gerade bildungsfernen Schichten zugute kamen. Man nehme allein den Hochschulzugang: Es gibt heute in Deutschland rund 60 verschiedene Wege zu einer Hochschulreife. Die Zahl der Hochschulen hatte sich in der alten Bundesrepublik in 30 Jahren - von 1960 bis 1990 - fast verdoppelt. Die Zahl der Studenten verfünffachte sich: 1960 gab es 0,29 Millionen, 1990 waren es 1,58 Millionen Studenten. Heute studieren im geeinten Deutschland rund zwei Millionen Studenten.

Es war das gegliederte Schulwesen, das die Abiturientenquote in Deutschland binnen 30 Jahren verfünffacht hat. Die Behauptung, durch die Integrierte Gesamtschule könne ein sozialer Ausgleich stattfinden, ist falsch. Eine Langzeitstudie der Universitäten Zürich und Konstanz hat 2008 nachgewiesen: Der Besuch einer Gesamtschule schafft keineswegs bessere soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Die Pisa-Studie von 2000 war zum dem Ergebnis gelangt, dass es keinem Teilnehmerland gelinge, „Schülerleistungen von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler zu entkoppeln“. In Pisa 2006 heißt es ebenfalls, dass tendenziell Schüler aus bessergestellten Familien höhere Pisa-Kompetenzwerte erreichten. Dieser Zusammenhang sei besonders eng in Tschechien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien, besonders gering in Kanada, Mexiko, Island, Finnland, Korea und Japan. Deutschland liegt hier im OECD-Mittelfeld.

In Deutschland ist es jedenfalls in den vergangenen Jahren gelungen, die Schulform von dem am Ende erreichten Bildungsabschluss zu lösen. Der Anteil der Studienberechtigten, die zuvor kein Gymnasium besuchten, ist immer größer geworden und hat in manchen Bundesländern die 50 Prozent überschritten. Nutznießer dieser Entwicklung sind vor allem Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Hier bietet gerade das berufsbildende Schulwesen nicht nur qualifizierte Ausbildung, sondern mit seinen Zweiten Wegen in erheblichem Maße Aufstiegsbildung. Als Maßstab für die soziale Durchlässigkeit eines Bildungswesens ist Pisa ungeeignet. Pisa untersucht Fünfzehnjährige inmitten ihrer Bildungsbiographie, stellt für dieses Alter den Gymnasiastenanteil fest und berücksichtigt dabei nicht, welchen Bildungsabschluss die betreffende Population tatsächlich macht.

Nach wie vor gibt es herausragende Laufbahnen ohne höheren ersten Schulabschluss und ohne höheren Sozialstatus der Eltern. Ein Beispiel von vielen ist Udo di Fabio, der feststellte: „Wer der Meinung ist, alles, was er wolle, lasse sich erreichen, der wird auch fast alles erreichen können.“ Di Fabios Großvater war 1920 in das Ruhrgebiet zugezogen und dort als Stahlarbeiter tätig; Udo di Fabio hat den Weg zum Juraprofessor und zum Richter am Bundesverfassungsgericht über den zweiten Bildungsweg genommen.

Nicht selten wird so getan, als habe das Bildungsniveau nur mit der sozialen Herkunft, nichts aber mit Begabung zu tun. Diese Auffassung mag politisch korrekt sein, wissenschaftlich haltbar ist sie nicht. Denn die Forschung hat seit mehreren Jahrzehnten nachgewiesen, dass mehr als zwei Drittel der Begabung durch Erbfaktoren bestimmt sind. Abgepuffert werden Unterschiede durch das Prinzip Solidarität.

Das Bildungsangebot für sozial schwächere Kinder zu verbessern, ist gleichwohl möglich und ein Gebot der Fairness. Dabei muss es mehr als bisher gelingen, „bildungsferne“ Schichten zum Besuch weiterführender Bildungseinrichtungen zu motivieren. Zudem muss dem Kindergarten und der Vorschule mehr Bedeutung beigemessen werden. Es ist notwendig, dass der - möglichst kostenfreie - Besuch des Kindergartens stärker auf Bildung als auf Betreuung ausgerichtet wird. Notwendig ist ferner, dass gerade Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern rechtzeitig eingeschult werden. Würden diese Kinder zu lange von der Schule zurückgestellt, blieben ihnen in prägenden Phasen wichtige Anregungen vorenthalten. Darüber hinaus sollten Schulen in besonderen Problemlagen als Ganztagsschulen betrieben werden. Für Risikoschüler, die im ersten „Anlauf“ zu keinem Schulabschluss gekommen sind, sollte es außerdem eine zweite Chance geben, um einen Schulabschluss nachzuholen.

Bildungsarmut betrifft vor allem Jungen und vor allem Schüler mit Migrationshintergrund. Diese müssen zusätzlich schulisch, vor allem sprachlich gefördert werden. Es bedarf aber auch einer Ordnungspolitik, die einen sanften Druck etwa auf Migranteneltern ausübt, damit ihre Kinder das vorhandene Bildungsangebot tatsächlich nutzen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) lag in dieser Hinsicht nicht falsch, als er vorschlug, Schulschwänzern mit Migrationshintergrund das Kindergeld zu streichen: „Wenn ein Vater merkt, dass ihm 300 Euro fehlen, wenn Ayse und Murat nicht zur Schule gehen, haben die das letzte Mal geschwänzt.“

Bevor der Staat eingreift, müssen die Bürger, auch die jungen, die ihnen gebotenen Chancen eigenverantwortlich nutzen. Darüber hinaus sind Ungleichheiten so zu gestalten, dass sie jedermanns Vorteil dienen. Ungleichheit kann gerecht sein - nämlich dann, wenn das Handeln von Eliten zu einem Mehrwert führt. Auch aus diesem Grund dürfen die Stärkeren nicht gebremst werden, denn man macht die Schwächeren nicht stärker, indem man die Stärkeren schwächt. Den Mitgliedern einer Gesellschaft, auch den gutsituierten, aber ist eine Kultur des Respekts gegenüber jedermann abzuverlangen - auch gegenüber den Klienten des Sozialstaates. Der Mensch beginnt schließlich nicht erst beim Abitur.


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