| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Positionspapier zur Grundschule
0.
Eine
kritische Kurzbilanz als Vorbemerkung
1.
Einschulung
2.
Bildungsziele und Inhalte in der Grundschule
3.
Dauer
der Grundschule
4.
Übergänge
an weiterführende Schulen
5.
Anstrengungsbereitschaft,
Leistungsprinzip und Leistungserhebung
| 0. Eine kritische Kurzbilanz als Vorbemerkung |
Ohne breite öffentliche Resonanz hat in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren in der Grundschule der unter allen Schulformen wohl weitestreichende Wandel stattgefunden:
Die unter dem Diktum vermeintlicher Kindgerechtheit initiierten "Reformen" haben gravierende Auswirkungen auf die nachfolgenden Bildungseinrichtungen. Insbesondere Realschulen und Gymnasien mussten ihr Anspruchsniveau anpassen, und sie müssen bei der Vermittlung von Arbeitsmethoden und von Kulturtechniken heute etwas leisten, was noch vor kurzem selbstverständliche Aufgabe der Grundschule war. Zugleich ist schwer erkennbar, worin der Gewinn der "neuen" Grundschule bestehen soll.
Damit die Grundschule wieder
den ihr gemäßen Auftrag als "Grund" legende Schule erfüllen
kann, bedarf es der Veränderungen in maßgeblichen Bereichen.
| 1. Einschulung |
Das Einschulungsalter hat sich in Deutschland de facto immer weiter nach hinten verlagert; derzeit findet die Einschulung in die Grundschule im Durchschnitt mit 6 3/4 Jahren statt.
Diese Entwicklung ist - abseits internationaler Vergleiche - aus pädagogischen Gründen als bedenklich zu betrachten, denn diese Entwicklung sowie die schulpraktischen Alltagserfahrungen weisen darauf hin, dass viele Kinder - gemessen an ihrem Entwicklungsstand und an ihrem Vermögen - zu spät eingeschult werden.
Folgen davon sind:
Dieser Trend zu einer zu späten Einschulung muss gestoppt werden. Einer Verlagerung der Einschulung in das 6. Lebensjahr ist allerdings zu widersprechen. Vielmehr ist dafür Sorge zu tragen, dass die Einschulung zumindest nicht gehäuft erst am Ende oder nach Vollendung des 7. Lebensjahres erfolgt.
Dazu werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen:
| 2. Bildungsziele und Inhalte der Grundschule |
Die Grundschule vermittelt eine grundlegende Bildung, auf deren Basis die Schüler nach vier Schuljahren in eine weiterführende Schulform übergehen können.
Die Grundschule fördert im Besonderen
Ab der 3. Jahrgangsstufe
kann die erste Begegnung mit einer Fremdsprache stattfinden. Diese Unterrichtung
darf in keinem Fall zu Lasten des Stundenkontingentes im Fach Deutsch gehen.
Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die allzu spielerische
Begegnung mit einer Fremdsprache in der Grundschule für das spätere
systematische Erlernen einer Fremdsprache in einer weiterführenden
Schule kontraproduktiv wirken kann: Die Schüler könnten sich
der Täuschung hingeben, das Erlernen einer Fremdsprache geschehe immer
so "locker" wie in der Grundschule. Ein Fremdsprachenlernen in der Grundschule
ist ansonsten nur sinnvoll, wenn es in leistungsdifferenzierten Gruppen
stattfindet.
| 3. Dauer der Grundschule |
Vier Grundschuljahre sind ausreichend. Am Ende der 4. Klasse ist bei 90 Prozent der Grundschüler eine solide Empfehlung möglich, welcher der nachfolgenden Bildungswege der geeignete für einen Grundschüler ist. Die sog. prognostische Validität einer Eignungsempfehlung ist am Ende der 4. Klasse höher als am Ende der 6. Klasse inmitten der Vorpubertät bzw. Pubertät. Für sog. Spätstarter gibt es aufgrund der vertikalen und horizontalen Durchlässigkeit des Schulwesens andere Möglichkeiten des Eintritts in eine weiterführende Schule.
Eine Verlängerung der Grundschule (als sechsjährige Grundschule oder in Verbindung mit einer integrierten, schulformunabhängigen Orientierungs-, Beobachtungs-, Förder- oder Aufbaustufe) kann aus entwicklungspsychologischen und pädagogischen Gründen nicht vertreten werden. Dergleichen provoziert Unterforderung und Überforderung in der 5. und 6. Jahrgangsstufe. Eine solche Verlängerung lässt außerdem das vor Beginn der Vorpubertät sehr ausgeprägte Lernvermögen Elf- und Zwölfjähriger und deren ausgeprägte Lernbereitschaft brachliegen.
Außerdem wird bei einer
verlängerten Grundschule die Bildungsdauer der Hauptschule und der
Realschule zu kurz; diese Schulformen können dann nicht mehr prägend
und kontinuierlich arbeiten.
| 4. Übergänge an weiterführende Schulen |
Am Ende der 4. Klasse ist
bei differenzierter Betrachtung des Leistungsvermögens der Kinder
vor allem in den Fächern Deutsch und Rechnen/Mathematik eine solide
Bildungsempfehlung bzw. Eignungsaussage möglich.
Um zu vermeiden, dass Grundschüler
in eine für sie ungeeignete Bildungslaufbahn gelenkt werden, muss
dem sog. Elternwillen bei der Wahl des weiterführenden Bildungsweges
als Korrektiv gleichrangig der Eignungsgrundsatz zur Seite gestellt werden.
Die Grundschulempfehlung ist insofern aufzuwerten, zumal es sich hier um
ein professionelles Urteil von Lehrern handelt, die ein Kind in der Regel
mehr als ein Jahr lang kennen.
Eine hohe prognostische Validität haben die Grundschulnoten in Aufsatzschreiben, in Grammatik/Rechtschreiben und in Rechnen/Mathematik. Schüler, die am Ende der 4. Klasse hier einen Notendurchschnitt von 2,0 erreichen, kommen mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Abitur; Grundschüler, die durchweg mit Note 3 in den genannten Bereichen ans Gymnasium übertreten, finden sich unter Abiturienten kaum wieder.
Um die Vergleichbarkeit der
Notenerhebung in der 4. Klasse der Grundschule zu gewährleisten, sollte
unter den Grundschulen einer Region zumindest ein Austausch von Prüfungsarbeiten
stattfinden.
| 5. Anstrengungsbereitschaft, Leistungsprinzip und Leistungserhebung |
Das Spielerische hat in der Grundschule bisweilen überhand genommen. Die Kinder unterliegen damit der Täuschung, die Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen könne stets ohne Anstrengung, Ausdauer und Enttäuschungen geschehen. Der Verzicht auf Hausaufgaben und Leistungserhebungen potenziert diese Entwicklung.
Wichtig und richtig aber
wäre es, auch Grundschüler sukzessive an die Prinzipien Anstrengung
und Leistung zu gewöhnen. Leistungsmessung gehört dazu. Die sog.
Berichtszeugnisse haben sich zumindest in der dritten und vierten Klasse
nicht bewährt. Ab Ende der zweiten Klasse sollte deshalb in den Zeugnissen
neben einer Verbalbewertung eine Benotung mittels Ziffernnoten erfolgen.
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