DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
März 2000
MEMORANDUM

Positionspapier zur Grundschule

0. Eine kritische Kurzbilanz als Vorbemerkung
1. Einschulung
2. Bildungsziele und Inhalte in der Grundschule
3. Dauer der Grundschule
4. Übergänge an weiterführende Schulen
5. Anstrengungsbereitschaft, Leistungsprinzip und Leistungserhebung
 
 
0. Eine kritische Kurzbilanz als Vorbemerkung
1. EinschulungSeitenanfang

Ohne breite öffentliche Resonanz hat in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren in der Grundschule der unter allen Schulformen wohl weitestreichende Wandel stattgefunden:

Diese Entwicklungen haben je nach Bundesland eine sehr unterschiedliche Dynamik erfahren. Dies jedoch hat in Verbindung mit den innerdeutsch weit auseinander driftenden Wochenstundentafeln der Grundschulen dazu geführt, dass bereits am Ende der 4. Jahrgangsstufe ein bundesweit erhebliches Leistungsgefälle festzustellen ist. Ohne es im einzelnen empirisch nachweisen zu können, dürfte dieses Leistungsgefälle ein halbes bis ein ganzes Jahr ausmachen. Belege für diese Annahme sind: Erstens genießen Schüler in Süddeutschland in vier Schuljahren - umgerechnet - rund ein halbes Schuljahr mehr Unterricht als Schüler in verschiedenen west- bzw. norddeutschen Bundesländern; zweitens stellte Karlheinz Ingenkamp in seiner Studie "Schulleistungsvergleiche zwischen Bundesländern" von 1992 mit Hilfe des "Allgemeinen Schulleistungstests für 4. Klassen - AST 4" fest: "In den Rechen- bzw. Mathematiktests war das Saarland zu beiden Zeitpunkten (1971 und 1990/91) unter den Ländern mit den besseren Mittelwerten. Hessen dagegen lag zu beiden Zeitpunkten am unteren Ende der Skala. In den Deutschleistungen befand sich Bayern zu beiden Zeitpunkten auf dem ersten Rangplatz. Auch in den Gesamttestwertungen des AST 4 von 1991 nahm Bayern den ersten und Hessen den letzten Rangplatz ein."

Die unter dem Diktum vermeintlicher Kindgerechtheit initiierten "Reformen" haben gravierende Auswirkungen auf die nachfolgenden Bildungseinrichtungen. Insbesondere Realschulen und Gymnasien mussten ihr Anspruchsniveau anpassen, und sie müssen bei der Vermittlung von Arbeitsmethoden und von Kulturtechniken heute etwas leisten, was noch vor kurzem selbstverständliche Aufgabe der Grundschule war. Zugleich ist schwer erkennbar, worin der Gewinn der "neuen" Grundschule bestehen soll.

Damit die Grundschule wieder den ihr gemäßen Auftrag als "Grund" legende Schule erfüllen kann, bedarf es der Veränderungen in maßgeblichen Bereichen.
 
1. Einschulung
2. Bildungsziele und Inhalte der GrundschuleSeitenanfang

Das Einschulungsalter hat sich in Deutschland de facto immer weiter nach hinten verlagert; derzeit findet die Einschulung in die Grundschule im Durchschnitt mit 6 3/4 Jahren statt.

Diese Entwicklung ist - abseits internationaler Vergleiche - aus pädagogischen Gründen als bedenklich zu betrachten, denn diese Entwicklung sowie die schulpraktischen Alltagserfahrungen weisen darauf hin, dass viele Kinder - gemessen an ihrem Entwicklungsstand und an ihrem Vermögen - zu spät eingeschult werden.

Folgen davon sind:

Darüber hinaus wird durch eine zu späte Einschulung vor allem den Kindern aus sog. bildungsfernen Schichten eine weitere Benachteiligung zugemutet: In ihren Elternhäusern fehlt es an einem fördernden Klima, zugleich kann eine kompensatorische schulische Erziehung nicht stattfinden, weil die Kinder oft das ganze siebte Lebensjahr hindurch der Schule noch fernbleiben.

Dieser Trend zu einer zu späten Einschulung muss gestoppt werden. Einer Verlagerung der Einschulung in das 6. Lebensjahr ist allerdings zu widersprechen. Vielmehr ist dafür Sorge zu tragen, dass die Einschulung zumindest nicht gehäuft erst am Ende oder nach Vollendung des 7. Lebensjahres erfolgt.

Dazu werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen:

2. Bildungsziele und Inhalte der Grundschule
3. Dauer der GrundschuleSeitenanfang

Die Grundschule vermittelt eine grundlegende Bildung, auf deren Basis die Schüler nach vier Schuljahren in eine weiterführende Schulform übergehen können.

Die Grundschule fördert im Besonderen

Eine herausragende Bedeutung mit einem Anteil von nahezu der Hälfte der Stundentafel müssen in der Grundschule die Fächer Deutsch und Rechnen/Mathematik haben. Diese beiden Fächer vermitteln in besonderer Weise das Beherrschen der wichtigsten Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Sprechen, Wortschatz, Orthographie, Grammatik, Syntax, Sprachbetrachtung; Umgang mit Zahlen und Größen, Grundrechenarten, Sachrechnen, geometrische Grunderfahrungen, Fächervermengungen sind unangebracht: Die deutsche Sprache lernt man am besten im Fach Deutsch und Rechnen im Fach Rechnen!

Ab der 3. Jahrgangsstufe kann die erste Begegnung mit einer Fremdsprache stattfinden. Diese Unterrichtung darf in keinem Fall zu Lasten des Stundenkontingentes im Fach Deutsch gehen. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die allzu spielerische Begegnung mit einer Fremdsprache in der Grundschule für das spätere systematische Erlernen einer Fremdsprache in einer weiterführenden Schule kontraproduktiv wirken kann: Die Schüler könnten sich der Täuschung hingeben, das Erlernen einer Fremdsprache geschehe immer so "locker" wie in der Grundschule. Ein Fremdsprachenlernen in der Grundschule ist ansonsten nur sinnvoll, wenn es in leistungsdifferenzierten Gruppen stattfindet.
 
3. Dauer der Grundschule
4. Übergänge an weiterführenden SchulenSeitenanfang

Vier Grundschuljahre sind ausreichend. Am Ende der 4. Klasse ist bei 90 Prozent der Grundschüler eine solide Empfehlung möglich, welcher der nachfolgenden Bildungswege der geeignete für einen Grundschüler ist. Die sog. prognostische Validität einer Eignungsempfehlung ist am Ende der 4. Klasse höher als am Ende der 6. Klasse inmitten der Vorpubertät bzw. Pubertät. Für sog. Spätstarter gibt es aufgrund der vertikalen und horizontalen Durchlässigkeit des Schulwesens andere Möglichkeiten des Eintritts in eine weiterführende Schule.

Eine Verlängerung der Grundschule (als sechsjährige Grundschule oder in Verbindung mit einer integrierten, schulformunabhängigen Orientierungs-, Beobachtungs-, Förder- oder Aufbaustufe) kann aus entwicklungspsychologischen und pädagogischen Gründen nicht vertreten werden. Dergleichen provoziert Unterforderung und Überforderung in der 5. und 6. Jahrgangsstufe. Eine solche Verlängerung lässt außerdem das vor Beginn der Vorpubertät sehr ausgeprägte Lernvermögen Elf- und Zwölfjähriger und deren ausgeprägte Lernbereitschaft brachliegen.

Außerdem wird bei einer verlängerten Grundschule die Bildungsdauer der Hauptschule und der Realschule zu kurz; diese Schulformen können dann nicht mehr prägend und kontinuierlich arbeiten.
 
4. Übergänge an weiterführende Schulen
5. Anstrengungsbereitschaft, Leistungsprinzip und LeistungserhebungSeitenanfang

Am Ende der 4. Klasse ist bei differenzierter Betrachtung des Leistungsvermögens der Kinder vor allem in den Fächern Deutsch und Rechnen/Mathematik eine solide Bildungsempfehlung bzw. Eignungsaussage möglich.
Um zu vermeiden, dass Grundschüler in eine für sie ungeeignete Bildungslaufbahn gelenkt werden, muss dem sog. Elternwillen bei der Wahl des weiterführenden Bildungsweges als Korrektiv gleichrangig der Eignungsgrundsatz zur Seite gestellt werden. Die Grundschulempfehlung ist insofern aufzuwerten, zumal es sich hier um ein professionelles Urteil von Lehrern handelt, die ein Kind in der Regel mehr als ein Jahr lang kennen.

Eine hohe prognostische Validität haben die Grundschulnoten in Aufsatzschreiben, in Grammatik/Rechtschreiben und in Rechnen/Mathematik. Schüler, die am Ende der 4. Klasse hier einen Notendurchschnitt von 2,0 erreichen, kommen mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Abitur; Grundschüler, die durchweg mit Note 3 in den genannten Bereichen ans Gymnasium übertreten, finden sich unter Abiturienten kaum wieder.

Um die Vergleichbarkeit der Notenerhebung in der 4. Klasse der Grundschule zu gewährleisten, sollte unter den Grundschulen einer Region zumindest ein Austausch von Prüfungsarbeiten stattfinden.
 
5. Anstrengungsbereitschaft, Leistungsprinzip und LeistungserhebungSeitenanfang

Das Spielerische hat in der Grundschule bisweilen überhand genommen. Die Kinder unterliegen damit der Täuschung, die Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen könne stets ohne Anstrengung, Ausdauer und Enttäuschungen geschehen. Der Verzicht auf Hausaufgaben und Leistungserhebungen potenziert diese Entwicklung.

Wichtig und richtig aber wäre es, auch Grundschüler sukzessive an die Prinzipien Anstrengung und Leistung zu gewöhnen. Leistungsmessung gehört dazu. Die sog. Berichtszeugnisse haben sich zumindest in der dritten und vierten Klasse nicht bewährt. Ab Ende der zweiten Klasse sollte deshalb in den Zeugnissen neben einer Verbalbewertung eine Benotung mittels Ziffernnoten erfolgen.


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