DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus der NRZ vom 23. November 2008

Bildung ist viel mehr als PISA

Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands, fürchtet, dass bedeutsame Schulfächer

unter die Räder der Verwertbarkeit geraten



Von Rolf-Michael Simon

In dieser Woche stand mal wieder der PISA-Ländervergleich zur Diskussion und in wenigen Tagen wird sich zum siebten Mal jähren, was seit dem Dezember 2001 als sogenannter „PISA-Schock” in die deutsche Bildungspolitik und - debatte eingegangen ist. Seitdem sind zwei weitere PISA-Studien über die mutmaßliche Bildungsrepublik hereingebrochen sowie weitere OECD-Vergleiche
und ähnliche „Untersuchungen”. Fragen an Josef Kraus, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands.

NRZ: Ist Pisa für Sie mehr als eine Stadt in der Toskana?
Kraus: Pisa ist in erster Linie
eine großartige Stadt in der Toskana mit einer langen, ruhmreichen Geschichte. Wenn sich unsere Nachfahren in 100 Jahren fragen, was Pisa ist, werden sie genau diese Antwort geben. Es sei denn, die PISA-Testingenieure haben es bis dahin geschafft, historisches und kulturelles Wissen gänzlich aus den Schulen zu verbannen. Der PISA-Test selbst ist eine kleine Fußnote der Bildungsgeschichte.

NRZ: Hat PISA überhaupt etwas mit Bildung zu tun?
Kraus: Wenig! PISA misst einen kleinen Teil des schulischen Lerngeschehens. Der PISA-Test ist einem Intelligenztest viel näher als einem Bildungstest. Nicht erfasst werden von PISA zum Beispiel: literarisches Wissen, sprachliches Ausdrucksvermögen, fremdsprachliche Fertigkeiten, Grundwissen in Fächern wie Religionslehre/Ethik, Geschichte, Sozialkunde/Politik oder Geographie
sowie der ganze Bereich der ästhetischen Grundbildung in Musik und Kunst. Wer so tut, als sei PISA ein Bildungstest, hat ein ärmliches, ein verarmtes Verständnis von Bildung.

NRZ: Was hat dann die OECD mit Bildung zu tun?
Kraus: Formell ist die OECD Koordinator der weltweiten PISA-Testungen. Von Bildung hat die OECD aber reichlich wenig Ahnung. Wie sollte sie auch, ist sie doch eine Wirtschaftsorganisation. Nein, was die OECD tut, ist Reduktion eines hochkomplexen
schulischen Lern- und Bildungsgeschehens auf Tabellen, Prozentsätze, Ranking-Tabellen. Und nicht einmal das gelingt ihr seriös. Immerhin vergleicht sie ständig Äpfel mit Birnen. Stichwort „Akademiker- und Abiturientenquoten”. Aber offenbar will es die OECD intellektuell einfach haben und der Politik einfach machen.

NRZ: Durfte nach dem Dezember 2001 überhaupt von "PISA-Schock” gesprochen werden? War das nicht eher Panik?
Kraus: Das Empfinden eines Schocks war ja geradezu paradox. Bis zum Jahr 2001 hatte die Schulpolitik in Deutschland eine
Heidenangst vor der Wahrheit – Angst vor schulischen Leistungsvergleichen. Seit 2001 kann auch die SPD – in der Hoffnung auf Argumente für die von ihr gehätschelte Gesamt- und Gemeinschaftsschule – gar nicht genug an vermeintlichen Katastrophendiagnosen bekommen. Panik ist ansonsten der richtige Ausdruck, man könnte auch von Hysterie sprechen. Typisch deutsch: Wenn man einmal nicht Spitze ist, will man wenigstens als Negativ-Weltmeister in Sack und Asche gehen. Dabei hat Deutschland bei PISA 2006 bereits einen Rang im vorderen Drittel erreicht, deutlich vor dem vielgerühmten Schweden übrigens.

NRZ: War die PISA-Rezeption in anderen Ländern ähnlich?
Kraus: Alle anderen Länder, selbst der angebliche überragende PISA-Sieger Finnland, sind recht gelassen mit ihren mehr oder weniger guten, mehr oder weniger schlechten Ergebnissen umgegangen. Pisa blieb dort die Stadt in der Toskana. Wer, auch im Jahr 2008, mit Lehrern anderer europäischer Länder über PISA sprechen möchte, erntet zum Teil immer noch fragende Gesichter. An
der Öffentlichkeit ist PISA dort vorbeigegangen. Man hat PISA in Fachkreisen als das genommen, was es ist: als kleine, nicht
uninteressante Studie, von der aber nicht Wohl und Wehe einer Nation abhängen.

NRZ: Ist ein PISA-Ranking überhaupt relevant?
Kraus: Kaum! Allein die untersuchten Populationen sind kaum vergleichbar. Die getesteten Fünfzehnjährigen haben im internationalen Vergleich zum Teil erheblich unterschiedliche Schulzeiten hinter sich. Vor allem aber unterscheiden sich die
beteiligten Länder hinsichtlich ihres Migrantenanteils und hinsichtlich der sozialen Schichtung ihrer Migranten. Wenn Finnland 1,2 % Migranten in der getesteten Stichprobe hat, Deutschland aber 15 %, dann kann man aus den Testergebnissen keine seriösen Schlüsse ziehen. Im übrigen: Beste PISA-Werte korrelieren noch lange nicht mit anderen positiven Spitzenwerten. Die Finnen zum
Beispiel haben auch eine der höchsten Quoten an jugendlichen Arbeitslosen, an jugendlichen Alkoholikern und an jugendlichen
Suizidanten.

NRZ: Andererseits ist in den sieben Jahren nach PISA-1 doch vieles in Gang gekommen. Auch das Richtige?
Kraus: Das ist das Posititive: Dass die meisten deutschen Länder sich jetzt mit Bildungsstandards und mit einem zentralen Abitur angefreundet haben. Hier darf man freilich nicht stehenbleiben. Vor allem muss sich die Politik abseits von PISA endlich Gedanken machen, wie sie den bereits einsetzenden Lehrermangel bewältigen will. Da kommt ein Problem auf uns zu, das die Bedeutung von PISA weit übertrifft.

NRZ: Wird durch PISA und OECD der Bildungsbegriff zu stark auf ökonomische Verwertbarkeit reduziert?
Kraus: Leider ja ! Hier fällt mir ein Satz des alten Friedrich Nietzsche ein, den dieser bereits 1872 aufgeschrieben hat: Dem Menschen werde offenbar nur so viel Kultur zugestanden, als im Interesse des Erwerbs sei. Dieser Satz könnte heute geschrieben werden. Tatsächlich bin ich sehr in Sorge um die zukünftige Bedeutung der weltanschaulich und kulturell bedeutsamen Schulfächer.
Die könnten unter die Räder einer sogenannten Bildungsökonomie geraten und einem blanken Diktat der Nützlichkeit, der Messbarkeit, der Verwertbarkeit und des Beschleunigungswahns ausgeliefert werden.

NRZ: Auch jenseits von PISA werden der Bundesrepublik zahlreiche Vorwürfe gemacht. Halten Sie zum Beispiel die Abiturienten- bzw. Studierendenquote ebenfalls für zu niedrig?

Kraus: Diese Vergleiche sind Quatsch. In vielen Ländern werden Hochschuldiplome für Abschlüsse hergegeben, die hier angesehene Abschlüsse unseres hochdifferenzierten und anspruchsvollen Berufsbildungswesens sind, etwa in den Bereichen Technik, Pflege oder Kindergarten. Mit diesen schiefen Vergleichen kommen auch sozialpolitisch totale Verzerrungen zustande: Wenn die Tochter eines finnischen Hafenarbeiters Krankenschwester wird, gilt sie – weil mit Hochschulstempel entlassen – als ruhmreiches Beispiel für die soziale Durchlässigkeit des dortigen Bildungssystems. Wenn bei uns die Tochter eines Fließbandarbeiters Krankenschwester wird, gilt sie – weil ohne Hochschulstempel – als erschreckendes Beispiel für die angeblich mangelnde soziale Durchlässigkeit unseres Bildungswesens.

NRZ: Wecken Bildungs-„Politiker", gleich welcher Couleur, nicht den Eindruck, der Mensch begänne erst beim Akademiker?
Kraus: Diesen Eindruck habe ich schon lange. Das ist Populismus des einfachsten Strickmusters, zugleich werden so Millionen
Menschen diskriminiert, die als Absolventen anspruchsvoller beruflicher Bildung die tragenden Säulen von Industrie und Dienstleistung in Deutschland sind. Eine Bildungspolitik, die das Abitur zum Maßstab für alle machen möchte, übersieht zudem, dass in Europa diejenigen Regionen und Länder die besten Wirtschaftsdaten haben, die bezeichnenderweise nicht die höchsten Akademikerquoten haben: Bayern, Baden-Württemberg, Österreich und die Schweiz.

NRZ: Worin sehen Sie die größte Schwäche des deutschen Bildungs-Systems?
Kraus: Für das Bildungswesen wünsche ich mehr Möglichkeiten der individuellen Förderung von Schwachen und von besonders Leistungsfähigen. Wir müssen mehr tun für unsere Risikoschüler und für unsere Spitzenschüler. Beide Gruppen haben einen Anspruch auf individuelle Betreuung. Der Bildungspolitik wünsche ich den Mumm, sich gen Einflüsterer eines auf Egalitarismus fixierten Zitierkartells zu behaupten.

NRZ: Fürchten Sie in den kommenden Jahren unangemessene Einsparungen mit der Begründung sinkender Schülerzahlen?

Kraus: Wenn ich mir die internationale Finanzkrise und manche Aussage von Finanzpolitikern anschaue, befürchte ich dies tatsächlich. Trotzdem hoffe ich, dass im Bildungsbereich nicht gespart wird. Dann sind endlich Verbesserungen der pädagogischen Rahmenbedingungen drin: mehr individuelle Förderung in kleineren Klassen, spezielle Förderangebote für Schwache und Begabte.

NRZ: Letzte Frage: Die „Gute Bildungs-Fee” will Josef Kraus einen Wunsch erfüllen. Welchen?
Kraus: Schlicht und einfach: weniger Schaufensterpolitik, weniger Sprunghaftigkeit, dafür mehr Seriosität, mehr Ehrlichkeit und mehr Intellektualität in der Bildungsdebatte.


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