DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus MedienDialog Nr. 8/2000 - September 2000

"Wohl durchdacht und viel versprechend, aber nicht wohldurchdacht und vielversprechend"

Von Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


 
BEHAUPTUNG 1:
Die Schulen und die Schüler kämen mit den Regeln der neuen Rechtschreibung gut zurecht, weil sie einfacher seien.
BEHAUPTUNG 2:
Die Schüler würden mit der neuen Schreibung weniger Fehler machen.
BEHAUPTUNG 3:
Ein Zurück zur alten Schreibung stürze die Schüler ins Chaos.
BEHAUPTUNG 4:
Ein Zurück zur alten Schreibung koste die Schulen Milliarden Mark.
BEHAUPTUNG 5:
Die Lehrer und ihre Organisationen seien mit überwältigender Mehrheit für die Rechtschreibreform.
BEHAUPTUNG 6:
Es sei Zeit genug gewesen, auch seitens der Lehrer und Schulen die Bedenken gegen die Rechtschreibreform zu artikulieren. Das sei versäumt worden.
GEFORDERT:
Pragmatismus, Aktzeptanz und Einheitlichkeit
GEFORDERT:
Lesbarkeit
WIE GEHT ES WEITER?

 
 

 


Wenn in Deutschland etwas im Gewande „moderner“ Pädagogik daherkommt, dann ist es nahezu sakrosankt. Alle möglichen pädagogischen Visionen wurden damit in den vergangenen Jahrzehnten für immun gegen Kritik erklärt. Die integrierte Gesamtschule, die autonome Spaßschule, der sog. Projektunterricht, der Anti-Noten-Affekt, die Abitur-Vollkasko-Politik - all dies und vieles mehr sind Beispiele einer Pädagogik, der es manchmal um das Kind, zumeist aber gequält um „Modernität“, um das eigene Pädagogen-Ego oder im Namen der Weltverbesserung um bloße Abräumlaune geht.

Der schlichte und einfache Menschenverstand hat hier keine Chance. Vor allem hat er keine Chance mehr, wenn Pädagogik im Gewande der Erleichterungspädagogik oder des Machbarkeitswahns einherschreitet. Früher lief das unter dem Etikett der Chancengleichheit. Da aber Chancen bei aller Bedeutung sozialstaatlicher Gebote nun einmal unterschiedlich verteilt sind, weil die Begabungen unterschiedlich sind, ist man seitens der Pädagogik offiziell von der Politik der Gleichmacherei abgerückt.

Herstellung von Gleichheit findet nunmehr nach dem Grundsatz statt: Was nicht alle können, darf keiner können. Womöglich schwingt in offizieller deutscher Pädagogik sogar der alte Rousseau mit seinem Diktum mit: Der Mensch müsse von der Kultur befreit werden, dann werde er sich gut entwickeln.

Nun hat es solchermaßen die deutsche Rechtschreibung erwischt. Seit es die Achtundsechziger gab, galt sie als Herrschafts- und Selektionsinstrument, dem der Gauraus zu machen sei. Außerdem mutet die Orthographie manchen als starres Regelsystem an und damit als unkreativ. Was Wunder, daß sich Reformer aufmachten, diese Bastion zu schleifen. Dabei hätte es doch eine andere Möglichkeit gegeben: die Rechtschreibung in den Schulen wieder ernst zu nehmen und konsequenter zu üben (ohne sie deshalb überzubewerten), anstatt sie zu diskreditieren und das Schreiben auf das Ausfüllen von Lückentexten zu reduzieren. Kniefälle also vor einer fortschreitenden Legasthenisierung der Gesellschaft? Jedenfalls sei die These gewagt, daß auch ohne Rechtschreibreform und mit einem ernsteren Orthographieunterricht bessere Ergebnisse in den Orthographieleistungen erzielbar wären. Bei solider Unterrichtung und bei soliden Grammatikkenntnissen wäre es möglich, sogar viele als unsystematisch erscheinende Schreibweisen verständlich zu machen: selbst pleite gehen (pleite als Adverb) versus Pleite machen (Pleite als Akkusativ-Objekt).

Wundersam jedenfalls ist die Inflation an „pädagogischen“, schulpolitischen und ähnlichen Argumenten, mit denen die Rechtschreibreform verteidigt wird. Die Auseinandersetzung damit lohnt, denn sie zeigt im Ergebnis, daß bei der Verteidigung der Rechtschreibreform nicht einmal die erleichterungspädagogische Attitüde Bestand hat.

Behauptung 1: Die Schulen und die Schüler kämen mit den Regeln der neuen Rechtschreibung gut zurecht, weil sie einfacher seien.

Eine unbewiesene Behauptung! Zwar wird vielfach - vor allem von seiten der Reformkommission und der Schulverwaltung - argumentiert, die Reform der Rechtschreibung sei in den Schulen "ohne Probleme" und "klaglos" eingeführt worden. Diese Feststellung ist aber im Lichte dessen zu betrachten, daß es für Schulen selbstverständliches "Geschäft" ist, permanent Neues einzuführen (z.B. neue Curricula, neue Lehrbücher, neue Software, neue Geräte usw.). Außerdem verhält sich die Lehrerschaft bei angewiesenen Neuerungen weitestgehend loyal gegenüber dem Dienstherrn und weiß darum, daß es diesbezüglich keinerlei Widerstandsrecht gibt. Ansonsten aber wird aus den Lehrerkollegien sehr Unterschiedliches berichtet: Die Einstellung zur Reform reicht von unbedingter Zustimmung bis zu kategorischer Ablehnung. Wie sollte es bei deutschlandweit 700.000 Lehrern anders ein!

Geflissentlich übersehen wird von den Reformern die auch schulisch relevante Tatsache, daß viele reformierte Regeln oder deren Interpretationen nicht eindeutig sind. Sonst wäre es nicht zu den erheblichen Abweichungen zwischen verschiedenen Wörterbüchern gekommen, sonst fühlte sich der Dudenverlag nicht bemüßigt, jetzt die 22. Auflage herauszugeben. Die Reformkommission nimmt zwar für sich in Anspruch, daß durch die Reform mehr Übersichtlichkeit erfolge, indem aus bislang 212 Rechtschreibregeln nunmehr 112 Regeln, in Sonderheit aus 52 Regeln zur Kommasetzung 9 Regeln wurden. Aus rechtschreibdidaktischer Sicht handelt es sich bei diesem Numerierungstrick aber nicht um einen Gewinn an Übersichtlichkeit. Nur ein Beispiel: Der § 77 der Neuregelung (zum Komma bei Appositionen) enthält sieben Unterregeln, in denen elf bisherige Duden-Regeln eingearbeitet sind. Der Umfang des Regelwerkes hat sich also keineswegs reduziert. Wie bei all dem ein Vertreter des Grund- und Hauptschulbereichs behaupten mag, mit der Rechtschreibreform hätten die Lehrer mehr Zeit, sich ihren Schülern zu widmen, bleibt freilich sein ganz persönliches Geheimnis.

Behauptung 2: Die Schüler würden mit der neuen Schreibung weniger Fehler machen.

Falsch! Eine den Kriterien empirischer Forschung genügende Untersuchung des Umfangs der Fehlerreduzierung nach Einführung der Rechtschreibreform hat kaum stattgefunden. Sie wäre sinnvoll gewesen, und sie wäre machbar gewesen (und zwar mit Hilfe von parallelisierten Schülergruppen, die nach einem Pre-Test unterschiedlich in herkömmlicher oder reformierter Schreibung unterrichtet worden wären und sich nach dieser Schulungsphase einem Re-Test unterzogen hätten). Dergleichen Untersuchungen können jetzt nicht mehr stattfinden, weil die Vergleichsstichproben aus der Zeit vor Einführung der Reform fehlen.

Zahlen von Prozentanteilen vermiedener Fehler, die noch 1997 referiert wurden, werden zwischenzeitlich wohlweislich nicht mehr referiert, weil sich herausstellte, daß diese "Untersuchungen" methodische Artefakte waren, indem dabei Diktattexte verwendet wurden, die hochverdichtet mit Rechtschreibproblemen durchsetzt waren, aber den üblichen Alltagstexten kaum entsprachen. Als utopisch erscheinen vor allem frühere Berechnungen oder Schätzungen, denen zufolge nach der Reform zwischen 40 und 70 Prozent der Fehler weniger gemacht würden. Solche Prozentsätze erscheinen schon deshalb als nicht möglich, weil ja nur 0,5 bis 0,8 Prozent der Wörter von der Reform betroffen sind. Eine Fehlerreduzierung von 40 bis 70 Prozent hieße, daß im Wort-Corpus außerhalb des reformierten Corpus nahezu keine Fehler mehr gemacht würden.

Falls es überhaupt zu einer Verringerung der Fehler kam, dann hat das vor allem mit den Prinzipien „Beliebigkeit“ und „Zufallstreffer“ zu tun. 

Beliebigkeit heißt: Wenn ich ein Komma setzen kann, aber nicht muß, dann passieren hier eben erheblich weniger Fehler. Das ist in etwa so, wie wenn der Mathematiklehrer bei der Aufgabe „4 mal 4“ auch die Ergebnisse 15 und 17 gelten ließe. Und Zufallstreffer heißt: Wenn bis zum Jahr 2005 „naß“ und „nass“ richtig sind, dann schreiben viele Kinder im Moment eben per Zufall richtig; vor 1996 hätten die Unsicheren mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit falsch geschrieben, und nach 2005 tun sie das mit eben selber Wahrscheinlichkeit wieder.

Behauptung 3: Ein Zurück zur alten Schreibung stürze die Schüler ins Chaos.

Falsch! Es gab in den Schulen – nach Aussage der Reformer – kein Chaos bei der Umstellung von der alten auf die neue Schreibung, wiewohl die neue Schreibung größtenteils parallel zu „alten“ Büchern unterrichtet wurde. Also wird der umgekehrte Weg auch kein Chaos bringen. Am Beispiel der Grundschulen kann deutlich gemacht werden, wie gering die schulische Reichweite der Reform ist. In Niedersachsen sind von 1.400 exakt 32 Wörter von der neuen Schreibung betroffen, davon 29 im Zusammenhang mit der s/ss/ß-Schreibung. In Sachsen sind zwei Wortstämme (müssen und essen) in der 1. Klasse betroffen; bei Berücksichtigung der flektierten Formen dieser beiden Wörter ergibt das einige wenige Neuschreibungen mehr: muss/musste/müsste bzw. isst/esst. Bayerns "Grundwortschatz für die Jahrgangsstufe 1 bis 4" umfaßt knapp 1.000 Wörter; davon sind 9 Wörter von der Reform betroffen, und zwar in der 1. Klasse kein Wort, in der 2. Klasse nass; in der 3. Klasse bisschen, Fluss, Schloss; in der 4. Klasse Fass, Kuss, Nuss, rau, Riss. Von den 9 Änderungen entfallen also 8 auf die s/ss/ß-Schreibung. Es kommen allerdings auch hier Neuschreibungen bei Verben hinzu, bei denen das Doppel-s des Infinitivs bei bestimmten Flexionen als Doppel-s bleibt und nicht - wie bislang - zu ß wird; zum Beispiel essen/isst, müssen/müsst; hinzu kommen Verben, bei denen das ß des Infinitivs bei bestimmten Flexionen zu Doppel-s wird und nicht - wie bislang - als ß bleibt (zum Beispiel gießen/goss, reißen/riss, schießen/schoss).

Im übrigen ist die Unterschiedlichkeit der Rechtschreibung (das sog. Chaos) jetzt schon schulischer Alltag in ein und denselben Deutschbüchern. Denn mehrere bedeutende Literaturverlage haben es Schulbuchverlagen untersagt, Texte ihrer Autoren in Schulbüchern - der Reform entsprechend - verändert nachzudrucken.

Behauptung 4: Ein Zurück zur alten Schreibung koste die Schulen Milliarden Mark.

Aus der Luft gegriffen! Es mag zwar ehrenhaft sein, sich mit Blick auf öffentliche Haushalte den Kopf des Steuerzahlers zu zerbrechen. Aber ansonsten verwundert es, wenn Sprecher von Pädagogenorganisationen erklären, es seien „milliardenschwere Schadensersatzforderungen von seiten der Schulbuchverlage“ zu befürchten. Sollte man etwa trotz eigener Stellungnahme dorthin das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) zur Rechtschreibreform vom 14. Juli 1998 nicht gelesen haben? Das BVG ist hier eindeutig: „Durch die Neuregelung wird weder die Berufsfreiheit ... noch die ... wirtschaftliche Betätigungsfreiheit berührt.“ Die Verlage könnten sich ja für oder gegen die neue Rechtschreibung entscheiden. Auch für die Schulbuchverlage gelte: Sie haben „keinen Anspruch ..., für das Ergebnis wirtschaftlicher Betätigung einen Abnehmer zu finden“, so das BVG. Das gilt selbstverständlich auch für eine Revision der Reform oder deren Rücknahme; beides wäre ja wiederum eine Neuregelung.

Behauptung 5: Die Lehrer und ihre Organisationen seien mit überwältigender Mehrheit für die Rechtschreibreform.

Falsch! 700.000 Lehrer in Deutschland sind kein monolithischer Block, und sie sind auch in Sachen Rechtschreibreform ein Abbild dieser Gesellschaft. Wenn ein Lehrer – wie der Verfasser dieses Artikels in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 6. August 2000 – für eine partielle Rücknahme der Reform plädiert, dann vertritt er nicht nur seine Privatmeinung, und dann ist er schon gar nicht isoliert. Wie unabhängig manche Lehrerorganisation im übrigen bei ihrer öffentlichen Stellungnahme zu Werke ging, war allein schon an Äußerlichkeiten im Vorfeld der BVG-Entscheidung erkennbar: Eine Organisation ließ sich bei der Anhörung der Reformkommission von einem Ehepaar vertreten, das Eigentümer eines pädagogischen Verlages ist, und zwar eines Verlages, der bereits lange vor dieser Anhörung ein breites Sortiment an Trainingsbüchern zur neuen Rechtschreibung aufgelegt hatte. Und wie fachlich fundiert und glaubwürdig solche und andere Pro-Reform-Stellungnahmen sind, zeigen ansonsten Editorials so mancher Reformexponenten in ihren Verbandsorganen, die noch im Frühjahr 2000 pro Seite bis zu zehn Fehler nach neuer Rechtschreibung enthalten. Ein Stück dieser Kategorie hat die FAZ am 17.8.2000 ans Tageslicht gebracht. Die Vorsitzende des Bundeselternrates fabrizierte in einem Pro-Reform-Brief an den KMK-Präsidenten neben zwei Flüchtigkeits- und zwei Kommafehlern auf einer Seite immerhin fünf gravierende Fehler: das/dass-Verwechslung,  peripher, zu zumuten usw. Dabei hilft die Reform doch angeblich, Fehler zu vermeiden! Wie auch immer: Es gibt Hunderttausende Eltern und Lehrer, die ein ernsthafteres Verhältnis zur Sprache haben.

Behauptung 6: Es sei Zeit genug gewesen, auch seitens der Lehrer und Schulen die Bedenken gegen die Rechtschreibreform zu artikulieren. Das sei versäumt worden.

Falsch! Als es im Frühjahr 1993 zu einer Anhörung der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums des Innern (BMI) kam, standen folgende Optionen im Zentrum der Diskussion: die Option einer weitgehenden Kleinschreibung von Substantiven (sog. Variante D3); die Option eines Wegfalls der Unterscheidung von das/daß zugunsten des einheitlichen das sowie die Option einer weitreichenden Eindeutschung von Fremdwörtern (z.B. Pitza). Diese Optionen wurden nicht zuletzt aufgrund der Widerstände bei der Anhörung ad acta gelegt. Das Schlimmste war damit zunächst verhindert.

Ansonsten lag zu dieser KMK/BMI-Anhörung noch kein Wörterverzeichnis vor; dieses erschien im Juni 1995 als "4. Zwischenergebnis" (allgemein zugänglich im Narr-Verlag erst 1996 als Band "Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis"). Das heißt, die Reformgegner hatten vor 1996 keine Möglichkeit, in Gänze zu dem im Dezember 1995 von der KMK bzw. im März 1996 von der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) verabschiedeten Reformkonzept Stellung zu nehmen. Erst mit dem Erscheinen der kultusministeriellen Bekanntmachungen ab Mai 1996 bzw. der ersten Wörterbücher (Juli 1996) erfuhren Fachöffentlichkeit und Öffentlichkeit alle Wort-Details aus dem neuen Wörter-Corpus. Eine öffentliche Diskussion um die Wörterliste entzündete sich nur punktuell im Herbst 1995 bzw. zum Jahreswechsel 1995/96, als der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair intervenierte und durchsetzte, daß noch ca. 30 Wörter (z.B. Katastrofe, Alfabet, Tron, Packet, Restorant, Frefel) im Wörterverzeichnis geändert wurden bzw. hier die herkömmliche Schreibung wiederhergestellt wurde. Aber die Wörterliste kam erst im Sommer 1996 zum Vorschein. Und dann regte sich ja auch sofort – vor allem durch die „Frankfurter Erklärung“ – Widerstand. Vorher war eine fachliche Auseinandersetzung nicht möglich.

Behauptung 7: Es gebe viel wichtigere politische und pädagogische Sachthemen als das Thema Rechtschreibung.

Natürlich! Alles ist relativ. Es gibt immer etwas Wichtigeres. Gesundheit ist wichtiger als beruflicher Erfolg. Rechtsstaatliche, freiheitliche Schule ist wichtiger als jede Schulstruktur. Die Schulstruktur ist wichtiger als die Dauer des Schulbesuches. Aber gibt es viel Wichtigeres als das genuin menschliche Kommunikationsmittel der Sprache? Um so betrüblicher ist es, daß die sprachlichen Defizite der Heranwachsenden – und der Erwachsenen - immer größer werden. Gesellschaft und Schule müßten deshalb der sprachlichen - und der literarischen - Bildung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Das gilt auch für die Rechtschreibung. Sprache – auch korrekte Sprache - ist neben dem Denken schließlich Vehikel zur Aneignung von Welt und zur Teilhabe an Welt. Über die Sprache vollzieht sich die Fixierung von Welt im Wahrnehmen und Erleben; außerdem gelingt über die Sprache die Distanzierung zur Welt, die wiederum Voraussetzung für das Verfügen über Welt ist. Sprache ist zudem Vehikel für die Entfaltung der Innerlichkeit des Erlebens. Schließlich hat die Schriftsprache mit der kulturellen Identität zu tun. Und Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu schaffen. Da sollte in Fragen der Schreibung nicht geschludert werden.

Gefordert: Pragmatismus, Akzeptanz und Einheitlichkeit

Der Streit um die Reform der Rechtschreibung muß pragmatisch gelöst werden. Als Kriterien sollten dabei gelten: die Einheitlichkeit der Schreibung, der Erhalt der Ausdrucksvielfalt sowie die Systematik und die Transparenz der Regeln. Nur unter Beachtung dieser Kriterien findet eine Reform bei der breiten Bevölkerung Akzeptanz. Diese Akzeptanz wurde freilich nie erreicht. Es wenden sich seit vier Jahren mehr als zwanzig Bürgerinitiativen gegen die Reform. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte zum 1. August 2000 auf die alte Schreibung um, ebenso der Deutsche Hochschulverband, die Vertretung von 17.000 deutschen Professoren. Zahllose namhafte Autoren haben sich gegen die Reform ausgesprochen. 77 Prozent der Professoren halten die Reform nicht für sinnvoll. Je nach Umfrage sprachen sich 71 bis 95 Prozent der Bevölkerung gegen die Reform aus. Spitzen des Staates (der damalige Bundespräsident Roman Herzog, Ministerpräsidenten usw.) halten die Reform für "überflüssig wie einen Kropf", oder sie kündigen an, sie würden auch zukünftig schreiben, wie sie es gelernt haben.

Entscheidend aus schulischer Sicht ist, daß es keine Spaltung der Sprachgemeinschaft durch eine Spaltung der Schriftsprache gibt. Eine Aufspaltung in eine Zweisprachengesellschaft - hier die amtliche und schulische Sprache, dort die öffentliche und private - muß auch im pädagogischen Interesse vermieden werden. Schule darf nicht zum Rechtschreib-Elfenbeinturm werden. Die Leidtragenden wären die Kinder.

Schule hat die "Aufgabe, das Wissen der Gesellschaft zu reproduzieren" (vgl. Gerd Roellecke, FAZ vom 30.9.1997). Das heißt, Schüler haben ein Recht, das zu lernen, was die Gesellschaft will/braucht/akzeptiert. Und die Schulen haben die Pflicht, das zu vermitteln, was auch außerhalb der Schule gilt bzw. akzeptiert wird. ("Non scholae sed vitae discimus.") Das in der Schule vermittelte Wissen und die in der Schule vermittelten Fertigkeiten müssen also über die Schule hinaus gelten können und Bestand haben. Insofern darf es keine getrennten bzw. unterschiedlich verbindlichen Schreibungen geben. Es muß für die Schreibweise das gleiche gelten wie für curriculare Entscheidungen: Sie müssen außerhalb der Schule anerkannt sein. Insgesamt gilt also: "Für die Schule zu lernen (gemeint ist: nur für die Schule zu lernen; d.V.) paßt ... nicht zum Reproduktionsauftrag der Schule" (Roellecke).

Das gilt auch hinsichtlich einer erforderlichen Kongruenz von deutscher und fremdsprachiger Schreibung, womöglich sogar mit Auswirkungen auf die Aussprache bei Schreibungen, die alternativ möglich sind: Spaghetti (alt)/Spagetti (neu). Im Falle mangelnder Kongruenz werden sich hier für Schüler Schwierigkeiten ergeben. Für Schreibende wie auch Lesende besteht dann die zusätzliche Herausforderung, daß sie aufgrund ihres Beherrschens einer Fremdsprache zwischen der Schreibung im Deutschen und in der Herkunftssprache unterscheiden lernen müssen. Insbesondere für Lesende kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu, wenn nämlich die Schreibung gegenüber der Herkunftssprache im Sinne einer ungewohnten Zusammenschreibung (Topten, Publicrelations) erfolgt.

Pädagogisch höchst bedenklich ist es darüber hinaus, wenn in der Schule etwas vermittelt wird, was außerhalb der Schule in weiten Bereichen bis hin zu den führenden Repräsentanten des Staates nicht akzeptiert wird. Die Glaubwürdigkeit von schulischer Bildung wird damit auf eine sehr harte Probe gestellt.

Gefordert: Lesbarkeit

Die Reformer haben hauptsächlich an den schreibenden Schüler gedacht (z.B. bei der Kommasetzung): Die Kommissionsmitglieder Augst und Schaeder sind gar der "Ansicht, dass alle RS-Regeln genau dann auf den Prüfstand gestellt werden können und müssen, wenn sie dem Leser zwar einen kleinen Vorteil bescheren mögen, dem Schreiber aber große Probleme bereiten. Es muss zu einem Interessenausgleich kommen!" (Augst und Schaeder, 1997). Soll man darüber schmunzeln oder sich ärgern? Denn Schreiben bleibt - abgesehen vom übenden Schreiben in der Schule und vom Tagebuchschreiben - kein Selbstzweck, sondern es ist auf einen Leser angelegt. Es wird tausendfach mehr gelesen als geschrieben. Dieser Aspekt muß bei einer Revision der Reform ins Zentrum der Überlegungen kommen. Das gilt im besonderen für die Setzung der Kommata und für eine Silbentrennung, die das Lesen über den Zeilenumbruch hinweg nicht erschweren darf (Beispiele: Ins-tinkt, Pul-lover, A-bend, E-sel, durchackern). Und das gilt zumal für Schüler: Sie lernen das Schreiben ja kaum als Selbstzweck, sondern um sich anderen verständlich zu machen.

Wie geht es weiter?

Es wird nach wie vor gemauert. Im März 1997 war angekündigt worden, daß die Bereinigung der Widersprüche bis zum Beginn des Schuljahres 1997/98 erfolge; dies geschah nicht. Eine Veröffentlichung einer korrigierten Wörterliste war laut Pressekonferenz der Reformkommission vom 12. September 1997 auch nicht vorgesehen; dies führe zu Verwirrungen, hieß es. Komplett aber wurde die Verwirrung, als die Kommission zum Jahreswechsel 1997/98 ihren Änderungsbericht vorlegte und für den 23. Januar 1998 zu einem Hearing einlud. Ergebnis: Die KMK wischte alle Revisionsvorschläge vom Tisch.

Notwendig ist jetzt eine rasche politische Entscheidung. Es muß der Anspruch gestellt werden, daß die in Aussicht gestellten Nachbesserungen die Auslegung der Regeln präzisieren bzw. eindeutig machen und daß neue unsystematische Schreibweisen dadurch bereinigt werden. Das kann nicht erst im Jahr 2005 geschehen. Die Schulen brauchen sofort fachliche und didaktische Klarheit.

Somit bleibt: Die Kommission und mit ihr leider auch die Sprachwissenschaften haben einen herben Verlust an Ansehen zu verzeichnen. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn am Ende nicht die Sprache selbst der Verlierer wäre. Sprache bzw. sprachliche Exaktheit werden schließlich um so weniger ernst genommen, je länger sich der Streit hinzieht. Schüler entwickeln dann das diffuse Gefühl, daß man etwas "so oder so oder auch anders" schreiben kann bzw. darf. Bis zum Jahr 2005 ohnehin. Rechtschreibung erhält damit das Image des Beliebigen. Wie lange Lehrer dann noch Diktate durchsetzen können, bleibt fraglich.

In der Kultusministerkonferenz beginnt es in Sachen Rechtschreibreform gottlob zu bröckeln. Minister aus Hessen, Thüringen, Berlin und Bayern haben zuletzt erklärt, es seien Nachbesserungen bei den Rechtschreibregeln notwendig.

Bis zum Jahr 2005 darf man aber nicht warten. Wenn man Wucherungen erkannt hat, ist alles zu tun, daß sie nicht noch weiter metastasieren. Im Zweifelsfall müssen sonst die Chefärzte, die Ministerpräsidenten, einschreiten. Vielleicht sollte man die Reformkommission auch entpflichten. Sie hat ihre Schuldigkeit getan und ist nicht mehr in der Lage, zu sich selbst auf kritische Distanz zu gehen. Aber: Ein gescheiter Journalist, ein versierter Lektor, ein erfahrener Deutschlehrer – diese drei eine Woche in ein Kloster in Klausur eingesperrt, das erbrächte auch jetzt noch praktikable Reformlösungen.

Vor allem sollte man Sprache endlich wieder vom Standpunkt der Sprachsystematik und der Sprachanalyse aus betrachten und dann erst vom Standpunkt der Grundschule. Wie viele andere Kultur- und Wissensbereiche ist Sprache zu komplex, als daß sie sich einer ausschließlichen schulpädagogischen Betrachtung beugte. Man kann weder die gesamte Physik noch die gesamte Mathematik, weder die gesamte Geschichte noch eine komplette Fremdsprache nur noch so hintrimmen, daß sie schülergerecht ist. Das gilt auch für die Sprache insgesamt. Pädagogisch ist es, diejenigen Elemente aus diesen Bereichen auszuwählen, die sich Kindern je nach Alter erschließen.

Mit einer Instrumentalisierung der Kinder für eine unausgegorene Sprachreform, mit einer Vergrundschulung des Deutschen aber verarmt die deutsche Sprache. 

Es gibt schließlich ein Leben auch außerhalb der Schule, und das ist weitaus komplexer. Und es gibt eine Sprache außerhalb der Schule, und die ist ebenfalls komplexer, als es Erleichterungspädagogen annehmen möchten. 

Wohldurchdacht und vielversprechend jedenfalls war die Reform auch nach zehnjähriger Kommissionsarbeit nie; sie könnte allenfalls von sich behaupten, wohl durchdacht und viel versprechend zu sein. Aber behaupten kann man viel.



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