DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem "Handelsblatt" vom 5. Januar 2009

Streitgespräch zwischen DL-Präsident Josef Kraus und Prof. Michael Hüther
(Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft IW)

"Wir müssen die soziale Marktwirtschaft erklären"

Schulchef Josef Kraus und Wirtschaftsexperte Michael Hüther warnen davor, die Diskussion über Bildung auf die PISA-Rankings zu beschränken


Die Finanzkrise hat Deutschland voll im Griff. Ist das in der Schule ein Thema?

Kraus:
In den höheren Jahrgangsstufen ist das natürlich ein Thema. Wenn der Lehrer die Finanzkrise nicht anspricht, fragen die Schüler nach. Die Krise muss in der Oberstufe auf jeden Fall in Geschichte, Politik oder Wirtschaft besprochen werden. Außerdem sollten Lehrer die Jugendlichen motivieren, sich selbst in Ökonomie schlau zu machen, durch Zeitungen oder Fernsehen. Aber alles in Maßen. Es geht mir darum, die Schüler nicht verrückt zu machen, so dass sie nach Hause kommen und sagen, 2009 wird eine Katastrophe.

Herr Hüther, reicht das ?

Hüther:
Die Finanzkrise ist eine besondere Herausforderung, wir haben sie ja selbst noch nicht vollständig verstanden. Es ist ein aktuelles Thema, das in die Schule gehört, aber kein einfaches. Zu solchen komplexen Ereignissen kann man nicht von heute auf morgen Unterrichtsmaterial erstellen. In der Schule sollte es nicht um Prognosen über die wirtschaftliche Lage gehen, sondern um die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft. Wer die Wirtschaftsordnung nicht versteht, neigt dazu, sie in der Krise anzuzweifeln. Deswegen sollte der Unterricht nicht nur aktuelle Ereignisse wie die Finanzkrise begleiten, sondern vielmehr die Frage klären: Was heißt soziale Marktwirtschaft?


Nicht in allen Bundesländern gibt es das Fach Wirtschaft, um diese Themen zu besprechen. Brauchen wir also nicht ein Schulfach Wirtschaft bundesweit, so wie Mathe und Deutsch?

Hüther: Es kommt mehr auf die Inhalte an und die können auch in anderen Fächern unterrichtet werden. Das Thema Wirtschaftsordnung zum Beispiel kann in Geschichte oder Politik stattfinden. Aber: Die Tatsache, dass wir kein Schulfach Wirtschaft haben, führt dazu, dass wir das Thema den Schülern nicht konsequent genug vermitteln.

Kraus: Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Wirtschaft sollte quer durch drei, vier oder fünf Fächer eine Rolle spielen. Jeder Schüler, der die zehnte Klasse verlässt, sollte rund 200 Stunden ökonomische Grundbildung hinter sich haben, egal in welchen Fächern.


Die Unternehmen klagen seit Jahren über die schlechte Ausbildungsreife der Schulabgänger. Wo liegen die Probleme?

Hüther:
Wir haben wenig Probleme bei den Gymnasien und den Realschulen. Das große Problem sind die Hauptschulen. Wir haben sie zu lange vernachlässigt und zur Restschule verkommen lassen und ihr so die Chance auf eine eigene Identität genommen. Das - so zeigt Pisa - erschwert den schulischen Erfolg der Kinder.

Kraus: Zu Ihrer Diagnose, Herr Hüther: Wir haben im Jahr über eine Million Schulabgänger, und den durchschnittlichen Abgänger gibt es nicht. Ich sage, und das bestätigen auch empirische Untersuchungen: Bei 85 Prozent gibt es keine Probleme. Aber von nichts kommt nichts. Zum Beispiel müssen wir uns seit Jahren mit drei Wochenstunden Deutsch in manchen Jahrgangsstufen begnügen. Dann braucht man sich nicht wundern, wenn Neuntklässler keine Bewerbung schreiben können. Das zählt zu den Sünden der Schulpolitik.


Sollten wir die Hauptschule abschaffen?

Hüther:
Die derzeitige Diskussion ist berechtigt. Ich bin da pragmatisch: In einer bevölkerungsdichten Region ist das dreigliedrige Schulsystem effizient, in einer bevölkerungsschwachen Region ist es einfach zu teuer.

Kraus: Die Vorstellung, die durch die Lande geistert, die Hauptschulen abzuschaffen, ist Augenwischerei. So werden die Probleme nicht gelöst. Die Hauptschulen brauchen eine Offensive: Kleinste Lerngruppen, bevorzugter Ausbau der Ganztagsschule, Sozialpädagogen und eine enge Zusammenarbeit mit Betrieben.


Sehen wir Bildung zu sehr durch die Brille der Pisa-Ergebnisse?

Kraus:
Ja. Deswegen ein ganz dringender Appell meinerseits an die Wirtschaft: Man darf sich nicht von Pisa-Rangplätzen beeindrucken lassen. Bildung ist weitaus mehr.

Hüther: Da stimme ich Ihnen zu. Ich beobachte mit Sorge, dass wir den Bildungsbegriff in der ausschließlich Nutzwert orientierten Diskussion um Bildungsreformen sehr stark verengen. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Vermittlung von Kompetenzen, etwa die Lesekompetenz. Ich halte es für wichtig, dass Bildung auch die Sozialisation und die Demokratiefähigkeit - letztlich die Befähigung zur Freiheit - von Jugendlichen beinhaltet.


Sind die Anforderungen der Wirtschaft an die Absolventen zu hoch?

Kraus:
Das Klagen so mancher Ausbildungsbetriebe über das nachlassende Niveau der Bewerber und der Azubis ist konjunkturell bedingt. Wenn sie nicht genug Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen wollen, dann klagen sie gerne über das Niveau. Die Wirtschaft verhält sich schon sehr marktspezifisch und zieht Abiturienten den Realschülern und Realschüler den Hauptschülern vor. So ist es auch zum schlechten Image der Hauptschüler gekommen. Von allen ausbildungsberechtigten Betrieben bilden nur etwa ein Drittel tatsächlich aus. Grundsätzlich sind die Erwartungen aber nicht überzogen. Dass jemand, der früher KFZ-Mechaniker und heute Mechatroniker werden will, höheren Ansprüchen gerecht werden muss, ist klar.

Hüther: Zunächst zur Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Herr Kraus: Man muss sehen, dass durch den Strukturwandel die Ausbildungskapazität abnimmt, gerade in der Dienstleistungsbranche. Das betrifft insbesondere kleinere Unternehmen. Tatsächlich beobachten wir aber, dass es über den Ausbildungspakt gelungen ist, ein anderes Bewusstsein zu schaffen, und die Anzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist gestiegen. Was die Anforderungen angeht, ist es unterschiedlich in den Betrieben. Ich glaube nicht, dass sie überzogen sind. Die Unternehmen leiten das nicht in irgendeiner Willkür ab, sondern sehen, was ihre Wertschöpfungsprozesse notwendig machen. Der Strukturwandel und der technische Fortschritt haben eine permanente Steigerung der Anforderungen zur Folge.


Immer mehr Unternehmen und Schulen kooperieren. Wie sieht die ideale Zusammenarbeit aus?

Hüther:
Gegenseitige Offenheit ist wichtig. Denn Schule und Wirtschaft sind nicht zwei getrennte Welten. Betriebe können in der Bildung einen positiven Beitrag leisten. Erfahrungen aus verschiedenen Bundesländern zeigen, dass mehr Schüler in die Ausbildung kommen, wenn Schulen und Unternehmen zusammenarbeiten. Es wirkt aber auch umgekehrt: Unternehmer bekommen mehr Einsicht in Bildung und verstehen, wie die Schulen unter den Reformanforderungen reagieren müssen. Denn oft ist es Unkenntnis, wenn Schulen kritisiert werden.

Kraus: Wir waren einige Jahre auf einem guten Weg und beide Seiten haben sich als Partner verstanden. In der letzten Zeit ist eine gewisse Opposition entstanden. Das hat mit einem Verwertungsdenken zu tun, das uns von Pisa aufs Auge gedrückt wurde - 68er-Generation hin oder her. Partnerschaften zwischen Schulen und Betrieben müssen sich auf Augenhöhe abspielen. Schule darf nicht den Eindruck bekommen, die Wirtschaft diktiert, was zu tun ist.


Was muss sich verändern?

Hüther:
Wir sollten ein Gütesiegel für effiziente Kooperationen entwickeln. Das könnten Unternehmen auch zu ihrem Label machen und zeigen, wie gut sie mit Schulen zusammenarbeiten. Es könnte auch motivieren, Partnerschaften auszubauen. Denn der Fachkräftemangel erreicht alle Branchen und es ist für die Betriebe wichtig, etwas dagegen zu tun.

Kraus: Das sehe ich genauso. Wir haben ja eine Inflation an Schulpreisen. Ein Gütesiegel für gute Kooperationen wäre da etwas Gutes und Neues.

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Das Gespräch moderierte Monica von Wysocki


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