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Interview aus BILD.de vom 24. Februar 2009
Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus fordert:
Lehrer mit 60 in den Ruhestand!
Von Karolina Pajdak
Keine Lust, keine Kraft,
keine Bildung? Der Ruf der deutschen Lehrer ist schlecht. Schlechter
als die Lehrer selbst? BILD.de sprach mit dem Präsidenten des
Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus.
BILD.de:
Herr Kraus, das Ifo Institut für Wirtchaftsforschung schockierte
mit der Nachricht, dass vor allem Abiturienten mit schlechteren Noten
Pädagogen werden. Sind unsere Lehrer zu dumm?
Josef Kraus: Diese
Studie ist eine Frechheit, sie geht davon aus, dass 2,5 bereits ein
schlechter Notendurchschnitt ist. Und das ist Quatsch, denn 2,5
entspricht dem deutschen Durchschnittsabitur. Bei Gymnasiallehrern ist
das Ergebnis sogar deutlich besser, sie weisen einen Abiturschnitt von
2,1 auf.
Sind unsere Lehrer zu unmotiviert?
Wir müssen bessere Anreize schaffen, damit junge
Leute den Lehrerberuf ergreifen. Ideell und materiell hat dieses
Berufsbild in den letzten Jahrzehnten unglaublich verloren. Auf
Stammtischniveau wird sich über die Lehrer ausgelassen, die
Politiker tun ihr übriges. Das Image ist stark beschädigt.
Lehrer sind ausgebrannt, klagen über Depressionen. So wird der Beruf nicht attraktiver.
Ich beneide keinen Lehrer, der in Berlin-Neukölln
unterrichten muss. Dass diese Leute ausgebrannt sind, ist mehr als
verständlich. Wer soll das bis 65 durchhalten? Polizisten gehen
auch mit 60 in den Ruhestand, das sollte auch für Lehrer gelten.
Schrecken Schüler davor zurück, selbst Lehrer zu werden?
Ja, viele potenzielle Kandidaten sehen, dass die Schule
immer mehr mit sozialpolitischen Reparaturaufgaben überlastet ist.
Wer will sich das denn noch antun? Wer will gleichzeitig Vater, Mutter,
Psychologe, Polizist UND Lehrer sein?
Der finanzielle Anreiz?
Ist nicht vorhanden. Referendare müssen sich zwei
Jahre lang mit 900 Euro im Monat herumschlagen. Ohne Hilfe der Eltern
oder einen Kredit kann sich das kaum einer leisten. Und dann sind die
angehenden Lehrer immerhin schon Ende 20.
Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern entscheiden sich
viele Lehramtsstudenten nach dem ersten Staatsexamen doch für eine
Karriere in der Wirtschaft. Dort haben sie bessere Chancen, verdienen
vor allem sofort Geld. Auch in den Berufsschulen mangelt es an Lehrern
- Elektrotechniker, Metalltechniker werden dringend gesucht!
Der
Verdienst schwankt zwischen den einzelnen Bundesländern stark. Oft
lassen sich Lehrer deshalb anwerben. Wohin soll das noch führen?
Man Kann das nicht verhindern. Jeder hat das Grundrecht
auf Freizügigkeit. Auch kein Klaus Wowereit kann seine Lehrer
anbinden. Man sollte sich dringend überlegen, wie man den
Pädagogen vor allem mit Gehalts- und Arbeitszeitregelungen
entgegenkommen kann.
Bundesbildungsministerin
Annette Schavan sieht die Unternehmen in der Pflicht. Was halten Sie
von ihrem Vorschlag, Top-Leute für einige Stunden pro Woche in die
Klassenzimmer zu schicken?
Eine Schaufensteräußerung! Das Problem ist
damit überhaupt nicht beseitigt. Momentan fehlen in Deutschland
bereits 20 000 Lehrer, damit auch 500 000 Unterrichtsstunden pro Woche.
Es wird wohl Frau Schavans Geheimnis bleiben, wie sie das mit
Ingenieuren abdecken will. Vielleicht schaffen wir so zwei Prozent des
Unterrichtsausfalls zu beheben, mehr mit Sicherheit nicht.
Sie sind selbst Schulleiter an einem Gymnasium in Bayern.
Ja, und dort sind bereits ein promovierter Chemiker,
Informatiker, vier Ingenieure und ein Arzt für zwei, drei Stunden
pro Woche angestellt. Das ist großartig, macht aber auch für
die anderen Kollegen viel Arbeit, das darf man nicht vergessen.
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