DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "news.de" vom 24. Februar 2009

Lehrermangel

Josef Kraus: "So wird das Problem nicht gelöst"


Von news.de-Redakteur Jan Berger

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) stößt mit dem Vorschlag zum Einsatz von Fachleuten in Schulen auf Ablehnung. Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes bezweifelt im Gespräch mit news.de die Praxistauglichkeit des Vorschlags.

"So wird das Problem des Lehrermangels nicht gelöst", antwortet Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, auf den Vorschlag von Bildungsministerin Annette Schavan. Sie will Unternehmen motivieren, ihre besten Mitarbeiter als Lehrer an Schulen zu schicken. "Als Direktor eines Gymnasiums setzte ich selber Ingenieure stundenweise ein", berichtet Kraus. "Die übernehmen aber insgesamt nur zwei Prozent des Wochenunterrichts."

Kraus bestätigt, dass es gerade in Mathematik und Naturwissenschaften einen eklatanten Lehrermangel gibt. Dass man dieses Problem nun mit Praktikern lösen kann, bezweifelt er. "In Großstädten würden die Schulen um die Fachkräfte konkurrieren müssen. In anderen Regionen gibt es einfach nicht genug Industrieunternehmen, die passende Ingenieure schicken können", sagt Kraus. Zumal die Praktiker auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen würden. "Die Ingenieure bei mir erwerben auch keine Reichtümer" und werden je nach Hochschulabschluss und fachlichem Vorwissen nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt.

Dass er trotzdem sechs Praktiker hat, die für zwei bis vier Stunden in der Woche unterrichten, erklärt der Präsident des Lehrerverbandes mit der guten Lage seiner Schule im bayerischen Vilsbiburg. Im Umkreis von 20 Kilometern gebe es kein anderes Gymnasium, aber viele Unternehmen. Kraus hatte sogar das Glück, einige Bewerber ablehnen zu können. Die Interessenten seien mit der Schule oft persönlich verbunden: "Sie sind mit Lehrern verheiratet, haben Kinder, die bei mir aufs Gymnasium gehen oder sind selbst hier zur Schule gegangen", sagt Kraus. Einige würde es auch reizen "einfach mal was anderes zu machen".

Auch wenn die Unterstützung bei den Schülern meist gut ankommt und oft frischen Wind in einige Unterrichtsstunden bringt, erwartet Kraus Schwierigkeiten in den Schulen, wenn verstärkt Praktiker eingestellt werden. Ihre Unterrichtsstunden müssen den Arbeitszeiten in den Firmen angepasst werden, teilweise müssten erfahrene Lehrer die neuen Kollegen als Mentoren unterstützen. Bevor sie schriftliche Arbeiten schreiben lassen, schauen diese Mentoren in Kraus' Gymnasium über die Prüfungsaufgaben, damit sie mit dem Lehrplan übereinstimmen. "Außerdem kostet zum Beispiel jede Schulstunde Physik die neuen Kollegen mindestens 60 Minuten Vorbereitungszeit", schätzt Kraus.

Für ihn ist das Problem, das die Bildungsministerin mit dem Vorschlag lösen will, selbst verschuldet. "Es wurde, auch von Frau Schavan selbst, in den vergangenen 20 Jahren vernachlässigt, eine konkrete Lehrer-Bedarfsplanung zu machen." Dabei hätte man gerade den Lehrerbedarf genau berechnen können. "Die Politik hat das Problem einfach verdrängt", kritisiert Kraus



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