DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus "Märkische Oderzeitung" vom 3. August 2009

"Die neuen Länder müssen attraktiv für Pädagogen sein"

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerververbandes, zur Schulsituation und dem Ringen um Nachwuchskräfte


Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat die Kultusminister aufgefordert, angesichts massiven Lehrermangels endlich verlässliche Personalplanungen zu erstellen. Mit Kraus sprach HANS KRUMP.

Märkische Oderzeitung: Herr Kraus, der Philologenverband schreckte mit Aussagen auf, im Herbst könnten schon 40.000 Stellen nicht durch ausgebildete Lehrer besetzt werden. Stimmen diese Zahlen? Hat die Politik geschlafen?

Josef Kraus: Man kann sich über die genauen Zahlen streiten, aber in diese Richtung dürfte es gehen. Im Herbst werden zwischen 700.000 und einer Million Unterrichtsstunden pro Woche nicht durch ausgebildete Lehrer erteilt. Die Politik trägt daran den Großteil der Schuld. Sie wollte keine verlässliche Personalplanungen machen, obwohl sie es hätte tun können. Die Politik dachte nur in Legislaturperioden während Lehrerbedarfsplanungen viel längerfristiger gemacht werden müssen.

Stattdessen wird heute offenbar jeder eingestellt, den man kriegen kann. Es gibt sehr viele pädagogisch nicht ausgebildete Quereinsteiger an den Schulen. Kann das gut gehen?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben keinen Mangel bei sprachlichen oder sozialwissenschaftlichen Fächern, Geschichte und ähnlichem. Defizite gibt es im berufsbildenden Bereich wie Elektro- oder Metalltechnik und an Gymnasien wie Realschulen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern und in Latein. Es ist nicht die beste Lösung, hier pädagogisch nicht ausgebildete Lehrer zu haben. Die noch schlechtere Lösung aber wäre, die Lerngruppen zu erhöhen oder etwa Physikstunden zu kürzen.

Das geht aber zulasten der Unterrichts-Qualität...
Nicht in jedem Fall. Unter den Ingenieuren, die an meiner Schule befristet angestellt sind, gibt es Naturtalente für den Unterricht. Ein Drittel solcher Lehrer macht aus dem Stand guten Unterricht, ein weiteres Drittel bedarf der guten Anleitung durch erfahrene Lehrer. Und es gibt das Drittel derer, die fachlich oder vom Umgang mit Schülern her nicht am richtigen Platz sind.

Als Hauptproblem gilt das schlechte Image des heutigen Lehrer-Berufs in Deutschland. Stress, lernunwillige Schüler, viele Migranten, nervige Eltern und Bürokratie, schlechte Bezahlung als Stichworte. Kann dagegen etwas getan werden?
Dass der Lehrerberuf unattraktiv geworden ist, hat sicher teils materielle Gründe. Dass sich Referendare heute zwei Jahre mit 900 Euro Monatsverdienst womöglich in einer teuren Großstadt herumschlagen müssen, ist eine Zumutung. Auch dass es oft keine Aufstiegs- und Beförderungsmöglichkeiten im Lehrerberuf gibt, spielt eine Rolle.
Wichtiger dürfte das ideelle Problem in Deutschland sein. In anderen Ländern wird nicht so dumm über Lehrer dahergeredet, wie es hiesige Politiker oft tun, siehe Gerhard Schröders Ausspruch von den "faulen Säcken". Wenn ich Abiturienten frage, wollt Ihr Lehrer werden, zeigen sie mir oft den Vogel und sagen: Warum soll ich mich später mit dem ganzen Volk und den Eltern herumschlagen?

Sie meinen, dass Schulen heutzutage sozialer Reparaturbetrieb in der Gesellschaft sind ...
Leider ist das richtig. Das haben wir kürzlich bei den oberschlauen Vorschlägen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung wieder erlebt, die ein Antialkoholtraining an Schulen haben will. Wir kommen uns in den Schulen manchmal als Problem-Entsorgungseinrichtung vor, wenn Schüler zu dick oder gewalttätig werden, wenn sie zu viel Handykosten verursachen oder politisch extremistisch sind. Sofort ist ein profilneurotischer Politiker da und fordert ein neues Schulfach, statt den Eltern deutlich zu machen, dass es im Grundgesetz-Artikel 6 heißt, Pflege und Erziehung sind Sache der Eltern. Wir als Schule sind restlos überfordert, wenn man meint, alle gesellschaftlichen Probleme bei uns abladen zu können.

Zurück zu den Fächern: Im Wettbewerb um Mathematik und Naturwissenschaften treten die Schulen in Konkurrenz mit der Wirtschaft. Haben wir bald gar keine Mathe- oder Physiklehrer mehr?
In diesem Bereich bleibt die Lage angespannt. Die Probleme könnten sich noch zuspitzen, weil auf die Schulen eine große Pensionierungswelle zurollt. Von den 800.000 Lehrern in Deutschland gehen in den nächsten zwölf Jahren 350.000 in den Ruhestand. Die Kultusminister müssen endlich eine differenzierte Bedarfsanalyse erstellen. Damit gelingt es auch leichter, Abiturienten für bestimmte Fächer wie die  Naturwissenschaften zu werben. Das aber wird ein vieljähriger Prozess sein.

Ein besonderes Problem ist die Lage im Osten. Man fürchtet, im Wettrennen um Lehrer gegen die reichen West-Länder zu verlieren. Baden-Württemberg etwa betreibt eine aggressive Abwerbekampagne ...
Die neuen Länder sind wegen des erheblichen Geburtenrückgangs in einer besonderen Lage und haben weniger Bedarf. Was die künftigen Lehrer betrifft, kann ich dem Osten nur dringend raten, so attraktive Bedingungen zu schaffen, dass die Leute bleiben. Sonst würde man abgehängt, wenn die Spitzenlehrer in den Westen abwandern. Niemand kann Mauern errichten gegen Wegzug. Man kann aber sicher auf gewisse Abwerbekampagnen verzichten.

Einige Länder  wie Berlin sollen weiter Junglehrer nicht mehr mehr verbeamten. Können sie diese Linie durchhalten?
Das macht für junge Leute den Lehrerberuf noch unattraktiver. Wenn dann noch Fristverträge hinzukommen oder Berlins Schulpolitik mit Zerschlagung von Schulstrukturen und Gymnasien mit 30 Prozent Losquote und hohem Gewaltmaß, verstehe ich, dass Pädagogen sagen: Ich gehe woanders hin.

Im Osten scheint es insgesamt gar nicht so schlecht zu sein: Sachsen hat den jüngsten Pisa-Vergleich der deutschen Bildungssysteme gewonnen ...
Ich freue mich über das Ergebnis der Sachsen. Allerdings haben die neuen Länder teils völlig andere Rahmenbedingungen als die im Westen: Es gibt dort - wegen Geburtenarmut und Abwanderung - kleinere Klassen, und es gibt dort einen erheblich niedrigeren Migrantenanteil. Zudem sind die meisten Migranten im Osten wie die Vietnamesen hoch motiviert und können bestens Deutsch , anders als viele Türken in Berlin-Kreuzberg.

In Brandenburg gibt es Streit wegen der Teilzeitregelungen von 1998 bis Ende 2005 für Beamte. Viele Beamte klagen gegen diese Regelungen ...
Aus der Perspektive der Politik war dies verständlich, weil man so Vorruhestand oder Entlassungen vermeiden konnte. Aus Sicht der Kollegen ist natürlich auch verständlich, dass man geht, wenn man eine Vollzeitstelle in Niedersachsen, Bayern oder anderswo bekommt.


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