DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus der FAZ vom 17. Juni 2008

Jugend liest - Ein Projekt zur Leseförderung der FAZ und des IZOP-Instituts vom 1. Februar 2008 bis 31. Januar 2009
mit 56 Lehrern und 1.245 Schülern

"Wir müssen unsere jungen Leute zum Lesen bringen"

Herr Kraus, 2005 erschien Ihr Buch "Der Pisa-Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf“. Worin genau besteht der "Pisa-Schwindel“?
 
"Schwindel“ hat ja grundsätzlich eine doppelte Bedeutung. Einerseits ist damit gemeint, dass jemand benebelt und nicht ganz bei Sinnen ist. Andererseits bedeutet Schwindel auch Lug und Trug. Bei PISA sehe ich beides. Die ganze deutsche Nation scheint berauscht zu sein von ihrem angeblich schlechten PISA-Abschneiden, und nicht wenige tricksen mit den PISA-Ergebnissen, wie sie es gerade für ihre Zwecke zu brauchen meinen. Das haben unsere jungen Leute nicht verdient.
 
Durch PISA wurden schulische Defizite ans Tageslicht gebracht. Was sind Ihrer Meinung nach die schwerwiegendsten, und welche Lösungen schlagen Sie vor?
 
Lassen wir einmal beiseite, dass PISA nicht gerade umfassende Bildung, sondern nur einen Ausschnitt aus dem Lerngeschehen misst. Vor dem Hintergrund dieser Einschränkung scheinen mir die gravierendsten Ergebnisse zu sein, dass Schüler in Deutschland nur mittelmäßig gut sinnentnehmend lesen können, dass wir innerhalb Deutschlands ein gewaltiges schulisches Leistungsgefälle, nämlich ein Süd-Nord-Gefälle, haben und dass die über Jahrzehnte hinweg gehätschelten Gesamtschulen nicht einmal mittelprächtig abschneiden. Die Lösungen liegen auf der Hand: Wir müssen das Lesevermögen in allen Fächern stärken, wir müssen das Fach Deutsch ausbauen, manche deutsche Länder müssen sich endlich nach der Decke strecken, und mit den Privilegien für Gesamtschulen muss es ein Ende haben.
 
Beim Lesen und Textverständnis belegte Deutschland in der PISA-Studie 2006 den 14. Platz. Medienpädagogische Projekte wie "Jugend liest" wollen das Leseverständnis der Schülerinnen und Schüler verbessern. Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach Projekte dieser Art?
 
Einen unschätzbaren. Wir müssen unsere jungen Leute zum Lesen bringen und dazu eine Strategie der vielen Wege betreiben. Das Projekt "Jugend liest“ ist ein Weg. Sodann müssen wir endlich Investitionen in unsere Schulbibliotheken tätigen und von der Grundschule her kreative Leseförderung betreiben. In Südtirol etwa funktioniert das hervorragend, deshalb hat man dort bei PISA sogar noch bessere Ergebnisse als Finnland.
 
Sind Buch und Zeitung in Zeiten neuer Medien nicht allmählich überflüssig?
 
Keineswegs! Wer sich in einer Bibliothek, in einem Sachbuch, in einer Zeitung nicht auskennt, der kennt sich auch in Datenbanken und im Internet nicht aus. Alles, was man für die Recherche im Internet braucht, kann man beim Recherchieren in den Printmedien lernen.
 
Bei "Jugend liest" fertigen die Schüler Facharbeiten an. Ziel ist, Jugendliche an wissenschaftliches Arbeiten heranzuführen. Mittlerweile sind Facharbeiten in nahezu allen Bundesländern Pflicht. Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrer mit diesem Thema gemacht?
 
Facharbeiten in der Oberstufe sind ein sinnvolles Unternehmen. Denn hier müssen die jungen Leute einmal ausdauernd an einem komplexeren Thema dranbleiben. Das ist in Zeiten einer um sich greifenden Häppchenbildung gut so.
 
Herr Kraus, Sie gehören zusammen mit dem Journalistenausbilder Wolf Schneider und dem Vorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache, Professor Walter Krämer, zu den Gründern der Aktion "Lebendiges Deutsch“. Was hat Sie veranlasst, diese Aktion ins Leben zu rufen?
 
Ein Grund ist dieses unsägliche Protz-Denglisch, das Teile der Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Publizistik praktizieren. Das ist Sprachbarbarei, zumal die Nutzer solcher Begriffe diese oft selbst nicht verstehen. Der Hauptgrund aber ist, dass wir die Vielfalt unserer deutschen Sprache in Erinnerung bringen wollen. Es kann doch nicht sein, dass wir vor lauter Selbstvergessenheit diese dümmliche Verarmung unserer Sprache mitmachen.
 
Ihre Initiative richtet sich nicht gegen alle Importe aus dem Englischen, sondern "allein gegen die schiere Anglomanie, gegen das Übermaß". Welche Rolle bei diesem Auftrag können die Medien, insbesondere die Printmedien, spielen? Und welche Forderungen stellen Sie in dieser Hinsicht an die Schulen?
 
Wir sind keine Puristen, keine Reinheitsfanatiker. Sprache ist etwas Lebendiges, und jede Sprache kann von außen bereichert werden. Wir haben auch keine Probleme mit markanten Wörtern wie Bar, fit, Flop, Hit, Hobby, Lift, Party, Toast. Aber Ausdrücke wie Brainstorming, canceln, No-go-area, Antiaging, Service Point gehen uns auf den Keks, der übrigens eine Eindeutschung von„cakes ist. Unsere Monatsaktionen werden mittlerweile von mehr als fünfzig deutschen Zeitungen verbreitet. Demnächst rechnen wir, nachdem unsere Aktion jetzt 30 Monate alt ist, mit Publikumszuschrift Nummer 50.000. Das ist noch ausbaufähig. Deshalb ist meine Bitte an möglichst viele Deutschlehrer: Beteiligt Euch mit Euren Schülern! Das kann ein begeisternder Kreativwettbewerb in den Klassen werden. Die Anschrift lautet: www.aktionlebendigesdeutsch.de


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