DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem Rheinischen Merkur vom 17. November 2000

RM-Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse:
"Lesen bildet - aber muss man sich Bildung erlesen?"

"Bücher sind wichtiger als Sauerkraut"

Teilnehmer des Tischgesprächs:

RHEINISCHER MERKUR: „Lesen bildet“, sagt der Volksmund. Zugespitzt hieße das: „Wer nicht liest, bleibt doof.“ Aber muss man sich Bildung tatsächlich erlesen? Was ist mit Fernsehen und den neuen Medien? Was mit Theater und Film? Herr Kraus, für Sie als Schulleiter ist Bildung das Alltagsgeschäft.
JOSEF KRAUS:Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich Bildung anzueignen. Aber der prominenteste Weg ist sicherlich der des Lesens. Als Pädagoge kann ich auch im Zeitalter neuer Informationstechniken nur für eine Renaissance des Lesens plädieren. Wir müssen in Erziehung und Bildung wieder mehr Wert legen auf die Aneignung von Wissen durch Lesen, und zwar auch von Wissen, das komplexer ist als dieses Häppchenwissen, das wir uns am Bildschirm downloaden. Ich glaube, dass wir uns nur durch Lesen ideelle Orientierung und letztendlich persönliche und kulturelle Identität aneignen können.

Herr Schwellenbach, Sie sind im dritten Semester. Können Sie Ihr Studienziel auch ohne Lesen erreichen?
PAUL C. SCHWELLENBACH: Man wird schon deshalb nicht ums Lesen herumkommen, weil das der kürzeste Weg ist, sich Wissen und Bildung anzueignen. Es wäre dumm von mir, die Erfahrungen und Gedanken anderer nicht nutzen zu wollen.

Was sagt der Kommunikator dazu, Herr Kümmel?
BERND KÜMMEL:Zunächst sagt der Mediziner etwas dazu. Es ist mir zu eindimensional, Bildung und Lesen synonym zu setzen. Man kann auch den letzten Mist lesen und sich damit völlig verbilden. Bildung als Selbstzweck muss immer zu dem passen, der sich bildet, sonst ist er eine Sprechpuppe, die irgendetwas aufsagt. Lesen ist nur ein Baustein von vielen, um sich Bildung anzueignen. Fakt ist allerdings, dass der Mensch mehr als neunzig Prozent der Informationen über das Auge aufnimmt. Das heißt, dass der Visus der entscheidende Informationsträger ist. Lesen spielt also eine große Rolle als Transmitter für Bildung.

Das Hauptmedium eines Verlages ist das Buch. Gefährden die neuen Medien die Lust am Lesen, Frau Hummel?
NICOLE HUMMEL:Wir sehen das Internet als Ergänzung zum Buch und keinesfalls als Konkurrenz. Nach unseren Erfahrungen machen Kinder beides, lesen und downloaden, und zwar parallel. Sie lesen in einem Buch und holen sich dann weitere Informationen aus dem Internet oder umgekehrt. Buchwissen und Internetwissen befruchten sich gegenseitig.

Herr Fährmann, Sie sind einer der erfahrensten und erfolgreichsten Autoren von Kinder- und Jugendliteratur. Sie waren Lehrer und Schulrat. Macht Lesen gebildet?
WILLI  FÄHRMANN: Wir sollten in die Sprache hineinhorchen. Wenn Bildung etwas mit Bild zu tun hat, dann hat sie auch etwas mit Menschenbild und Weltbild zu tun. Lesen an sich bildet nicht. Aber wenn ein Lesegut verinnerlicht wird, wenn es zum Menschenbild und zum Weltbild passt, wenn es also etwas ist, was mich selber betrifft, dann bewirkt es auch eine wichtige Art der Bildung. Vergessen wir nicht: Bevor die Lesekultur erfunden wurde – leises Lesen war noch in der Antike unbekannt - , gab es eine Gesprächskultur, eine Debatten- und Diskussionskultur. Heute ist in den Familien und Schulen das Erzählen fast gestorben, das Gespräch ebenfalls. Es wäre eine gute Symbiose, wenn wir wieder eine Erzählgesellschaft würden und daneben auch eine Lesegesellschaft.

KRAUS: Tatsächlich kommt heute das Narrative zu kurz. Dabei ist es gerade in den ersten zwei Lebensjahrzehnten grundlegend für die geistige Orientierung und für das Finden der eigenen Identität. Wir haben im Bildungssystem Fehler begangen, was die Inhalte des Lesens betrifft. Wir haben in der Schule ein Beliebigkeitsprinzip installiert, demzufolge es völlig egal ist, an welchen Inhalten Kinder geschult werden. Wir müssen uns endlich darauf besinnen, was die wirklich großen Gegenstände sind, an denen Bildung am besten vollzogen werden kann.

KÜMMEL: Vor kurzem hat ein amerikanischer Computerwissenschaftler Straßenkindern in Kalkutta, alles Analphabeten, PCs mit Internetzugang hingestellt. Sie waren nach acht Tagen in der Lage, den PC zu bedienen, nach vierzehn Tagen konnten sie im Internet surfen. Das beweist die Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich durch den Spieltrieb Bildung anzueignen, ohne dass man lesen muss. Umgekehrt ist die Verweigerungshaltung des Gehirns, etwas mühsam oder ungern Gelesenes zu behalten, sehr groß.

Ist Internetsurfen ein wichtiges Bildungsgut, Herr Kraus?
KRAUS: Nein, es ist im Grunde genommen nur eine feinmotorische Fertigkeit. Damit ist noch nicht irgendeine Aneignung von Inhalt verbunden.

HUMMEL: Die Existenz so vieler Jugendbuchverlage und die vielen „lehrreichen“ Computerprogramme beweisen, dass man Kindern Wissen interessant vermitteln kann. Die verschiedenen Medien sprechen unterschiedliche Sinne an. In einem historischen Roman etwa über das Alte Rom können zum Beispiel Gefühle viel besser transportiert werden als in einem Sachbuch, das mit mehr Informationen aufwartet.  Und das Internet bietet über die kurzen Informationen hinaus auch noch akustische und visuelle Elemente.

FÄHRMANN: Wenn ein siebenjähriges Kind alle Namen und Daten der Pokémons weiß – wie kürzlich im Fernsehen zu beobachten -, dann weiß es eine Menge. Aber ist das Bildung? Einer meiner Enkel konnte mit sieben Jahren 23 hochkomplizierte Namen von Dinosauriern aufsagen und auch noch erklären, wie die Biester aussahen. Aber Pfauenauge und Admiral kannte er nicht. Ich  will damit sagen: Es kann auch sein, dass uns die Medien – da ist das Buch nicht ganz ausgenommen – von den Primärerfahrungen immer weiter wegbringen. Meiner Ansicht nach gehört zur Bildung auch eine Fülle von Primärerfahrungen.

KÜMMEL: Gewiss. Aber eine Primärerfahrung ist jeder Reiz, der bei Ihnen so stark ist, dass Ihr Gedächtnis ihn abspeichert. Und nur das, was Sie behalten haben, trägt zu Ihrem Bildungskanon bei. Welche Primärerfahrungen Kinder und Jugendliche machen können, wird weitgehend von den Erwachsenen bestimmt. All die Dino-Filme und -Figuren haben sich die jungen Leute ja nicht selber ausgedacht. Und dass Schüler heute die Relativitätstheorie aufsagen können, aber nicht das kleine Einmaleins, geht auch aufs Konto der Erwachsenen.

Um so wichtiger ist es, dieses Konto aufzufüllen und zu fragen, welches Wissen die Kinder von heute, wenn sie erwachsen sind, an die nachfolgende Generation weitergeben sollen.
HUMMEL: Es gibt neues oder spezielles Wissen, das Bestand hat, und etliches, was sich überholt. Aber die klassischen Themen bleiben. Eine Sachbuchreihe wie „Was ist was“ funktioniert nur – und zwar seit vielen Jahren erfolgreich -, weil Kinder und Jugendliche an traditionellen Themen wie „Altes China“ oder „Tiere im Zoo“ wirklich Interesse haben. Was sich die Erwachsenen Neues ausgedacht haben, hat darauf wenig Einfluss.

SCHWELLENBACH: Der wesentliche Vorteil des Buches ist doch, dass man auf eine Vielzahl von Primärerfahrungen anderer zurückgreifen kann. Das ersetzt natürlich nicht die eigenen Erfahrungen, aber man macht sie doch vor einem bekannten Hintergrund.

Mir scheint, dass wir Spezialwissen mit Allgemeinbildung, ja, Wissen mit Bildung vermischen.
KRAUS: Bildung ist das, was auch Orientierung liefert, kulturelle Identität vermittelt. Wir brauchen in der Gesellschaft wieder eine Debatte über die zentralen Inhalte. Es gibt  Wissens- und Bildungsbereiche, die sich nicht überholen: anthropologische Grundkonstanten, das große und das kleine Einmaleins, topografisches Wissen, historisches Wissen. Da hat unser Bildungssystem zu viele Abstriche gemacht.

HUMMEL: Das klingt sehr nach einem Plädoyer für die Printmedien.

KRAUS: Printmedien gegen elektronische Medien auszuspielen ist falsch. Es war schon falsch, sie gegen das Fernsehen ausspielen zu wollen. Ich vertrete die These, dass der gute Leser ein besserer Fernsehkonsument ist und dass umgekehrt das Fernsehen Anreize liefern kann, sich im Lesen zu vertiefen. Das Gleiche nehme ich für den Computer, für Multimedia und für das Internet in Anspruch. Das Internet wird das Printmedium nicht verdrängen, vielleicht aber Appetit machen, mehr zu lesen. Wer sich im Buch nicht auskennt, wer sich in einer Bibliothek nicht auskennt, der  wird sich auch im Internet nicht auskennen.

Einer neuen Untersuchung zufolge verbringen Kinder und Jugendliche durchschnittlich 185 Minuten pro Tag vor dem Fernsehschirm. Genau diese viel fernsehenden Kinder lassen in ihren schulischen Leistungen und ihrer Urteilskraft stark nach. Sie sind ganz gewiss nicht die besseren Leser.
KRAUS: Aber auch keine guten Fernseher. Jeder Vergleich zwischen dem Viertel der leistungsfähigeren Schüler und dem Viertel der schwächeren Schüler wird zeigen, dass sich die beiden Gruppen auch im täglichen Fernsehkonsum erheblich unterscheiden. Die Vielleser sind immer die leistungsfähigeren Schüler.

Warum ist Leistung so wichtig? Muss man sich bilden Herr Kümmel?
KÜMMEL: In einem demokratischen Staat hat jeder das Recht zu vergammeln, wie er will. Aber wir müssen die besten Optionen anbieten, dass jemand, der etwas lernen oder sich bilden will, das auch tun kann.

Herr Schwellenbach, haben Sie in der Schule Bildung erfahren, wozu Literatur gehört, die Ihnen heute nützt?
SCHWELLENBACH: Es ist ein bisschen schwierig zu differenzieren, welche Bildung man sich in der Schule angeeignet hat und welche sozusagen parallel, weil man ja auch aus eigenem Antrieb Bücher liest und sich für Themen außerhalb des Unterrichts interessiert. Ich halte eine Allgemeinbildung für sehr wichtig. Dazu gehört auch, Einblick in möglichst viele Bereiche zu bekommen, damit man nicht das Einzige, was man kennt, schon zum Ziel kürt.

KÜMMEL: Es gibt so etwas wie den genetischen Hunger nach Bildung. Ich kann Ihnen kein Gen nennen, auf dem er sitzt. Aber immer wollten und wollen Menschen mehr wissen, als ihre eigene gesellschaftliche Schicht hergibt. Natürlich liegt ein großer Vorteil bei denen, die durch ihre familiären Strukturen Bildung als ein Stück normalen Familienlebens erleben. Allerdings gibt es auch das Gegenbeispiel, etwa die fünfte Generation Ärzte in einer Familie, die ihre Magengeschwüre deswegen kriegen, weil sie Arzt geworden sind, obwohl sie lieber Pianisten oder Rechtsanwalt geworden wären.

KRAUS:  Ob es einen genetischen Faktor gibt, sei dahingestellt. Wahrscheinlich gibt es einen Orientierungsreflex, ein Neugierverhalten. Was Bildungswilligkeit und Lesebereitschaft betrifft, spielen natürlich die Eltern die maßgebliche Rolle. Wir in den Schulen schaffen es nicht, aus unseren Schülern Leser zu machen, wenn zu Hause das Gegenteil stattfindet. Da helfen auch die tollsten medienpädagogischen Projekte nicht.

FÄHRMANN:  Das ist ja eine ganz tolle Entschuldigungs- und Entlastungsstrategie für die Schulen: Wenn es zu Hause nicht klappt, na ja, dann kann es auch nicht in der Schule klappen. Dann ist das Kind für die Bildung eben verloren. Ich meine, dass Lehrer auch hier eine ganz große Kompetenz haben. Vielleicht kann die Schule nicht alles leisten, aber mir scheint manchmal, sie traut sich zu wenig zu.

KRAUS: Die Schule kann ein Defizit in der Bildungswilligkeit und Lesebereitschaft nur kompensieren, wenn das Elternhaus mitwirkt. Das gilt auch für andere Bereiche, etwa die Prägung von Konsumverhalten oder Gewalttätigkeit. Natürlich müssen die Schulen gegensteuern, und das tun sie auch.

Hülfe es, wenn in den Schulen wieder mehr erzählt würde?
KRAUS: Ich erlebe immer wieder, dass Kinder gleich welchen Alters gern fünfzehn Minuten Internetsurfen sein lassen, wenn ein Lehrer gut erzählt. Aber Erzählen ist in der Lehrerausbildung ja als Frontalunterricht verrufen und in  der Schule eigentlich tabu. Ich möchte aber auch, dass wieder mehr Geld in die Schulbibliotheken gesteckt wird. Die räumliche Nähe des Buches fördert die Leselust.

KÜMMEL: Eigentlich ist es egal, wie jemand ans Lesen kommt: ob über eine nahe Bibliothek, einen Film oder ein Computerspiel. Wichtig ist nur, er verspürt die Lust, die Erotik eines Buches für sich selber zu erschließen.

HUMMEL: Genau diese Chance vermitteln die neuen Medien. Es ist etwas Positives, dass Menschen über diese Medien wieder zum Buch kommen.

Herr Kraus, wie ist das: über die neuen Medien zum Buch kommen? Bemerken Sie das in der Schule?
KRAUS: Nur ansatzweise. Wir versuchen natürlich auch, die Bettlektüre durch eine Literaturverfilmung aufzulockern. Man sollte die Schule nicht unterschätzen, wir gehen mit neuen Medien ganz selbstverständlich um, aber wir erwarten uns von ihnen nicht das Heil für die Bildung der Zukunft. Wir sehen durchaus eine Chance, dass die neuen Medien einen Anreiz liefern können, damit mehr gelesen wird. Aber ich bleibe bei der Feststellung: Nur wer gut lesen kann, kann auch die neuen Medien entsprechend nutzen. All den Schrott, den ich im Internet vorfinde, kann ich gedanklich nur dann selektieren, wenn ich gelernt habe, differenziert zu lesen. Lernen kann nicht immer von Anbeginn an attraktiv und spaßhaft sein.

FÄHRMANN: Mein Vater hat mal überm Lesen vergessen, aufs Mittagessen aufzupassen. Als ich mit meiner Mutter nach Hause kam, war die Küche voller Qualm und das Sauerkraut verkohlt. Mein Vater hatte zwar blaue Wolken zwischen seinen Augen und dem Buch gesehen, aber, so seine Entschuldigung: „Das Buch war so spannend, ich konnte nicht aufhören.“ Dieses Erlebnis hatte für mich eine extrem prägende Wirkung. Ich wusste, dass Sauerkraut wichtig war, aber ich wusste auch, dass Lesen wichtiger ist.


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