DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL
Januar 2006

Deutscher Lehrerverband (DL)
Deutscher Philologenverband (DPhV)
Verband Deutscher Realschullehrer (VDR)
Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS)
Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLW)




MEMORANDUM
Sicherung der Bildungsqualität durch Gewinnung eines qualifizierten Lehrernachwuchses


Vorbemerkung

Die Versorgung der 42.000 deutschen Schulen mit ausreichend vielen und mit gut qualifizierten Lehrern ist in den Jahren bis 2015 die zentrale Frage bei der Sicherung und Verbesserung des Bildungsstandortes Deutschland. Alle Diskussionen um die Ziele, Inhalte und Strukturen schulischer Bildung sowie deren internationale Testergebnisse verblassen hinter dieser Frage.


Das Problem

Die 800.000 Lehrer in Deutschland (davon 120.000 Lehrer an beruflichen Schulen) haben ein Durchschnittsalter von 47 Jahren; in den weiterführenden Schulen beträgt das Durchschnittsalter sogar 49 Jahre, in verschiedenen Ausbildungs-richtungen der berufsbildenden Schulen oft 53 Jahre. In den Jahren von 2006 bis 2016 treten rund 350.000 Lehrer in den Ruhestand. Auf Stellen umgerechnet und unter der Annahme, dass sich in dieser Zeit die Zahl der Schüler geringfügig verringert, sind dies rund 300.000 Lehrerstellen, die bis 2016 wieder besetzt werden müssen.

Die dafür notwendigen Bewerber fehlen, weil die Zahl der Lehramtsstudenten insgesamt, aber vor allem schulformspezifisch nicht Schritt hält mit der Zahl der Pensionierungen. Ende der 90er Jahre nahmen pro Jahr rund 22.000 junge Menschen ein Lehramtsstudium auf; danach stieg die Zahl auf vorübergehend 34.000 im Jahr 2003, um dann im Jahr 2004 um rund sechs Prozent auf ca. 32.000 erneut zu sinken. Seit 1998 sinkt die Zahl der Lehramtsabsolventen; in den Jahren 2003 und 2004 erreichte sie mit 22.200 und 22.500 einen Tiefpunkt. Extrapoliert bedeuten diese Zahlen: Von den für die Jahre 2006 bis 2016 rund 300.000 erneut zu besetzenden Lehrerstellen wird gut ein Drittel in Ermangelung von Bewerbern nicht besetzt werden können.

In manchen Lehrämtern kann der Ersatzbedarf aktuell zwar noch zu hundert Prozent (z.B. an Grundschulen) abgedeckt werden, in anderen Bereichen (z.B. an beruflichen Schulen) nur zu einen Drittel. 

Die Folgen der Mangelversorgung werden sein:

- Kürzungen des Wochenunterrichts
- Erhöhung der Lerngruppengröße und
- damit drastische Einbußen der Bildungsqualität.
Angesichts der Qualitätsziele im bildungsbereich ist dies nicht hinnehmbar.


Die Versäumnisse der Politik

Anders als in der Wirtschaft ist der Personalbedarf der Schulen recht gut prognostizierbar. Die entscheidenden Variablen sind zum Teil auf mehrere Jahrzehnte hinaus bekannt, nämlich
- die Altersstruktur der aktiven Lehrerschaft,
- zumindest aber auf ein Jahrzehnt hinaus die Zahl der Schüler,
- die Zahl der Lehramtsstudenten,
- die politisch vorgegebene Größe der Klassen,
- die politisch vorgegebene Zahl an Wochenstunden je Klasse.


Hier muss sich die Politik Versäumnisse vorrechnen lassen: Sie operiert zumeist kurzatmig nur im Zeitraum einer Legislaturperiode. Und sie rettet sich mit „Tricks“ über einen Mangel an Lehrern hinweg: Die Kürzung der Wochenstundentafel um eine Stunde verschleiert beispielsweise drei Prozent des Unterrichts- und Lehrerbedarfs, ebenso die durchschnittliche Vergrößerung der Klassen um einen einzigen Schüler; die wiederholt praktizierte Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsmaße der Lehrer um eine Stunde - mit dem die Grenze dessen, was unter Qualitätsgesichtspunkten vertretbar ist, überschritten ist - retuschiert sogar rund vier Prozent des Unterrichtsbedarfs.

Diese „Tricks“ sind längst ausgereizt, und sie gingen zuletzt bereits zu Lasten der Qualität schulischer Bildung. Eine Politik, die auch zukünftig mit diesen Methoden handeln wollte, gefährdete die Zukunftschancen der jungen Generation auf eklatante Weise und steht in völligem Widerspruch zu dem Anliegen, die Bildungschancen der nachwachsenden Generation zu verbessern.


Ursachen für das schwindende Interesse am Lehrerberuf

Es gibt drei maßgebliche Gründe, warum junge Leute sich immer seltener für den Lehrerberuf entscheiden.

Erstens: Der Lehrerberuf ist für viele leistungs- und karriereorientierte junge Erwachsene nicht lukrativ. Referendare und Lehramtsanwärter müssen sich im Lebensalter von knapp 30 Jahren – am Rande des Existenzminimums - mit monatlichen Anwärterbezügen von 900 bis 1.000 Euro begnügen; diese Sätze liegen unterhalb der Ausbildungsvergütung in vielen Ausbildungsberufen. Junglehrer und Lehramtsassessoren bekommen zum Teil nur befristete und im Beschäftigungsumfang erheblich reduzierte Verträge angeboten. Wenn die Wirtschaft diesen jungen Leuten bei passender Qualifikation dagegen Jahreseinkommen von 40.000 Euro bietet, ist der Lehrerberuf nicht mehr konkurrenzfähig. Dies gilt um so mehr, als die nicht monetären Vorteile wie die Sicherheit des Berufsbeamtentums öffentlich in Frage gestellt werden: Die Bezahlungsdefizite gegenüber der Wirtschaft werden ohne die nicht monetären Vorteile zu einem deutlichen Attraktivitätsverlust des Lehrerberufs führen.

Zweitens: Der Berufsstand der Lehrer wird seit Jahren öffentlich immer häufiger diskreditiert. Daran beteiligen sich führende Politiker, Wirtschaftsvertreter und Journalisten. Das öffentliche Image des Lehrerberufes hat darunter erheblich gelitten. Junge Leute lassen sich vom sinkenden Sozialprestige eines Berufes – wie in jedem anderen Berufsbereich auch -  beeinflussen.

Drittens: Die Tätigkeit eines Lehrers ist zunehmend belastender geworden. Dabei spielen die immer größeren sozialpädagogischen Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft insgesamt an Schule, aber auch die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder eine Rolle. Gerade junge Leute, die ihre Schulzeit unmittelbar hinter sich haben, stehen unter dem Eindruck solcher Erfahrungen, und sie lassen sich bei der Entscheidung über die Wahl des Studienganges davon beeindrucken. Die Politik darf nicht die Augen davor verschließen, dass die sehr starken Belastungsanhäufungen zu einem erheblichen Attraktivitätsverlust des Berufs geführt haben.


Gender-Problem im Lehrerberuf

Die mangelnde Attraktivität des Lehrerberufes spielt offensichtlich vor allem bei jungen Männern eine große Rolle: Der Anteil der Frauen in verschiedenen Lehrämtern geht gegen 100 Prozent (Grundschule) oder über 70 Prozent (sprachliche Fächer an weiterführenden Schulen).

Die fortschreitende „Feminisierung des Lehrerberufes“ bringt allerdings ein erhebliches pädagogisches und ein organisatorisches Problem mit sich:
-
Viele Kinder erleben im ersten Lebensjahrzehnt keinen Mann im eigenen Umfeld. Alleinerziehende Mutter, Erzieherin im Kindergarten, Grundschullehrerin – das sind die maßgeblichen Bezugspersonen vieler Kinder vor allem im städtischen Bereich. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung sowohl der Mädchen wie auch der Jungen.
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Viele junge Lehrerinnen nutzen die Möglichkeiten der Teilzeit und der Beurlaubung. Damit kommt es in den Schulen zu Lasten von Kontinuität zu einer erheblichen und permanenten Personalfluktuation. Schulentwicklungsprozesse lassen sich nicht in dem gewünschte Maße umsetzen.


Differenzierte Bedarfsrechnungen notwendig

Auch angesichts der großen Zahl der in den kommenden Jahren benötigten Lehrer ist es nicht angezeigt, pauschal für den Lehrerberuf zu werben.
 
Der aktuelle und der anstehende Bedarf an Lehrern unterscheidet sich sehr nach Lehrämtern und Bundesländern. Generell groß ist der Bedarf an Lehrern des Lehramtes für Hauptschulen und für berufsbildende Schulen (hier insbesondere in den Berufsfeldern Metalltechnik, Elektrotechnik, Informationstechnik, Gesundheit/Pflege). Groß ist auch der Bedarf an Lehrern des Lehramtes an Realschulen und Gymnasien; hier ist die Bedarfslage freilich je nach Lehramtsfach und Bundesland sehr unterschiedlich. In fast allen „alten“ Ländern fehlen Lehrer der Fächer Mathematik und Physik, in allen „neuen“ Ländern Lehrer der modernen Fremdsprachen; in anderen Ländern wiederum mangelt es an Nachwuchs in den Fächern Religion, Chemie, Musik, Latein usw.


Maßnahmen-Bündel

Die Lehrerversorgung in Deutschland kann nicht mehr mit punktuellen Maßnahmen gesichert werden. Es ist ein klares Konzept mit einem Bündel an Maßnahmen notwendig, die sich nicht innerhalb einer einzelnen Legislaturperiode erschöpfen dürfen. Es sollte angestrebt werden, dass die Zahl der Bewerber um ein Lehramt über den Bedarfszahlen liegt: Zum einen nämlich treten nur rund zwei Drittel der ursprünglichen Lehramtsstudenten in den Schuldienst ein; zum zweiten sollte die Bewerberzahl so groß sein, dass die Bewerberqualifikation ein Auswahlkriterium sein kann.

1. Werbung für den Lehrerberuf
Die Kultusministerien und die Arbeitsämter sind aufgefordert, unter den Abiturientenjahrgängen für den Lehrerberuf zu werben. Dies muss in einer Weise geschehen, die den Bedarf schulformspezifisch, fächerspezifisch, länderspezifisch und berufsspezifisch differenziert. Dabei sind alle gebotenen Mittel der Public Relations und der Publizistik zu nutzen.
Zugleich ist es notwendig, dass Politik und Publizistik wieder ein positives Bild vom Lehrerberuf zeichnen. Dieses Bild hat in den 90er Jahren aufgrund vieler unbedachter Äußerungen von Politikern und Wirtschaftlern erheblich gelitten. Für viele potentielle Lehramtskandidaten ist die ideelle Anerkennung nämlich ebenso wichtig wie die materielle.

2. Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufes
Der Lehrerberuf muss materiell so ausgestattet sein, dass er mit anderen, konkurrierenden akademischen Berufen hinsichtlich Besoldung und Leistungsanreizen mithalten kann. Umgehend rückgängig gemacht werden muss die Kürzung der Anwärterbezüge; die Anwärterbezüge müssen so dotiert sein, dass sie konkurrenzfähig sind mit der Entlohnung von Berufsanfängern im außerschulischen Bereich. Angehenden Lehrern müssen frühzeitig und in nahtlosem Anschluss an das Referendariat volle Beamtenstellen angeboten werden. Darüber hinaus muss der Lehrerberuf mit attraktiven Arbeitszeitbedingungen aufwarten können. Das heißt unter anderem: Die Arbeitsbelastung der Lehrer darf nicht weiterhin gegenüber anderen Bereichen überproportional hoch sein. Die Gesamtbelastung für unterrichtliche und außerunterrichtliche Aufgaben muss zusammengesehen werden. In den neuen Ländern ist zudem die rasche Angleichung an das Gehaltsniveau West und die Verbeamtung notwendig. In Mangelfächern sollte Anwärtern zu Beginn des Referendariats bei mindestens befriedigender Abschlussqualifikation eine Einstellungsperspektive garantiert werden.

3. Rekrutierung arbeitsloser Lehrer
Über die Rekrutierung arbeitsloser Junglehrer ist nur in sehr begrenztem Maße eine Bedarfsdeckung möglich. In den Listen der Agenturen für Arbeit werden rund 25.000 Lehrer als arbeitslos geführt; mit dieser Zahl wäre rechnerisch nicht einmal für ein Jahr der bundesweite Ersatzbedarf abgedeckt. Es muss außerdem davon ausgegangen werden, dass viele der bei den Agenturen für Arbeit registrierten Lehrer bereits anderweitig erwerbstätig sind und für Lehrerberuf gar nicht mehr zur Verfügung stehen.

4. Umsteigerprogramme
In begrenztem Umfang ist eine Rekrutierung von Lehrern durch Umsteigerprogramme denkbar. Das heißt, die Ministerien sollten Ausschau halten nach Studenten affiner Fächer, die bereit sind, in ein entsprechendes Lehramtsfach zu wechseln. Voraussetzung eines solchen Programms muss sein: Die Ausbildung muss universitär sein; die Zulassung zum Lehrberuf muss eine mindestens zweijährige schulpraktische Ausbildung (zum Beispiel in Form des Referendariats) voraussetzen. Andernfalls fehlt es den Aspiranten an maßgeblichen Qualifikationen. Die Professionalität des Lehrerberufs muss gesichert sein, es vermittelt sich sonst der Eindruck, als eigne sich jeder Fachmann zum Lehrer auch ohne die Fähigkeit zum Unterrichten.
 

5. Sicherung der Ausbildungskapazitäten
Die universitären und schulpraktischen Ausbildungskapazitäten wurden in den vergangenen Jahren zum Teil generell, zum Teil fachspezifisch reduziert. Sie müssen wiederhergestellt bzw. dem Ausbildungsbedarf angepasst werden.


6. Förderung der bundesweiten Mobilität der Lehrer
Die Bundesländer werden aufgefordert, die Praxis der gegenseitigen Anerkennung der Lehramtsexamina zu verbessern. Das heißt zugleich, dass Bundesländer, die in der Lehrerausbildung Sonderwege beschreiten, von dieser mobilitätshemmenden Praxis Abstand nehmen und wieder zu einer schulformbezogenen Lehrerbildung zurückkehren.


7. Förderung der Mobilität der Lehrer

Zwar brauchen auch die Schulen in den neuen Ländern kontinuierlich neue Lehrer. Aufgrund des dramatischen demographischen Wandels (Schülerrückgang dort um bis zu 60 Prozent) müsste es aber gelingen, ostdeutsche Lehrer für westdeutsche Schulen anzuwerben und über die Ländergrenzen hinweg einen fächerspezifischen Ausgleich anzustreben.

In begrenztem Umfang ist das Anwerben von Lehrern aus dem EU-Bereich denkbar. Die europarechtlichen und statusrechtlichen Voraussetzungen dafür bestehen. Voraussetzung für die Aufnahme eines EU-Bürgers in ein Lehramt in Deutschland muss freilich sein, dass dieser Bewerber eine äquivalente Ausbildung hat, die deutsche Sprache sicher beherrscht und die notwendige schulpraktische Anpassungsausbildung in Deutschland absolviert.

 
8. Einzelmaßnahmen

Die Gewinnung von jungen Leuten für den Lehrerberuf trägt frühestens nach ca. sieben Jahren (also nach Studium und Referendariat) Früchte. Kurz- und mittelfristig müssen zusätzliche Maßnahmen zur Konsolidierung der Unterrichtsversorgung ergriffen werden. Dazu gehören

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freiwillige Arbeitszeitkonten mit Rückzahlungsgarantie und „Verzinsung“;
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vorzeitige Rückgewinnung von beurlauben Lehrkräften durch attraktive und unbürokratische Angebote;
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attraktive Angebote für Teilzeitbeschäftigte, die Stundenzahl heraufzusetzen;
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attraktive Mehrarbeitsangebote;
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attraktive Seiteneinsteigerprogramme für Universitätsabsolventen mit Qualifizierungsprogrammen für die Professionalisierung.


Ungeeignet: Einheitslehrer und Bachelor-Lehrer

Ungeeignet für die Lösung der schulischen Personalprobleme ist die Etablierung eines Einheitslehrers sowie eines Bachelor-Lehrers:
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Ein Einheitslehrer widerspricht völlig den unterschiedlichen Anforderungen an die Lehrkräfte in der gegliederten Schulstruktur des deutschen Bildungswesens. Mit ihm sind keine klaren Profile der Schulformen machbar.
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Ein Bachelor-Lehrer wäre ein Lehrer mit fachlich und pädagogisch höchst reduzierten Qualifikation; seine Etablierung geht zu Lasten von schulischer Bildungsqualität.

Auch in Zeiten der Lehrerknappheit kann die Lehrerausbildung nur an folgenden Maßstäben gemessen werden: 
-   fachliches und pädagogisches Studium an der Universität;
-   Zweiphasigkeit der Ausbildung (Studium plus Referendariat);
-   zweifaches Staatsexamen;
-   grundständiger Schulformbezug der gesamten Ausbildung.
 


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