DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der FAZ vom 6. März 2008

Statt Kommando-Pädagogik ist Gesprächskunst gefragt

Der Alltag eines Schulleiters an einem Gymnasium fordert vielfältiges Geschick und bedingungsloses Engagement

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


 
In Deutschlands 42.000 Schulen geht es längst nicht mehr um Kommando-Pädagogik. Die Zeiten sind vorbei,  da ein Direktor Akten wälzte und durch Aushänge am Schüler- und am Lehrerbrett „regierte“. Schulleitung ist auch kein steriles Management, sondern besteht vor allem aus Kommunikation. Es folgt ein ganz normaler Tag eines Gymnasialdirektors, der in „seinem“ Haus 930 Schüler,  die „Nebenberufler“ eingerechnet 77 Lehrkräfte, 16 Angestellte in der Schul-, Haus- und Bibliotheksverwaltung mit Reinigungspersonal hat und nebenbei die an die Schule angegliederte Kreis- und Stadtbibliothek mit 43.000 Medieneinheiten verantwortet.
 
Der beliebig ausgewählte Tag beginnt zusammen mit zunächst einer Verwaltungskraft und dem dritten, für Vertretungspläne zuständigen Mann um 7 Uhr. Wenn es gutgeht, muss sich kein Lehrer zu den ohnehin schon auf Klassenfahrt oder Dienstreise befindlichen krankmelden. Heute ist es nur einer, der kurzfristig zu vertreten ist. Ansonsten herrscht für eine halbe Stunde noch relative Stille. Die ersten Schüler trudeln ein; sie beleben die Bibliothek, feilen noch an ihrer Vorbereitung oder spielen in der Aula Tischtennis. Der Schulleiter vergnügt sich an zahlreicher, meist überflüssiger elektronischer Post.

Um 7.30 Uhr kommen die anderen Verwaltungsdamen, und  die Kollegen treffen ein. Einer will sofort mit dem Chef über eine Klausur sprechen, in der mehr als 35 Prozent der Klasse danebenlagen; eine andere Kollegin kommt hinzu, sie hat eine Klausur mit einem Schnitt besser als 2,5. Beide wollen den „Segen“ der Schulleitung, wenngleich sie die hausintern festgelegten Grenzen überschritten haben, die aus Gründen der Vergleichbarkeit für eine Rücksprache mit der Leitung festgelegt sind. Kaum sind diese Fragen geklärt, steht ein Musiklehrer in der Tür. Er will wissen, ob die Schule sich leisten kann, in diesem Jahr sowohl eine Fahrt der Bigband zum Partnergymnasium in Sachsen wie auch eine Reise des Orchesters zur Partnerschule in Italien zu unternehmen. Draußen wartet schon eine Elftklässerin, die nach einem sechsmonatigen Schulbesuch in Australien geklärt haben möchte, von welchem Zeitpunkt an sie die regulären Leistungserhebungen wieder mitmachen und welche der versäumten sie nachholen muss. Auf dem Weg in seinen Unterricht moniert einer der Oberstufenbetreuer zwischen Tür und Angel, dass es Zeit werde, einem angehenden Abiturienten, der trotz Attestauflage permanent schwänze, direktoral die Leviten zu lesen.
 
Nach 8 Uhr kommen die gewichtigen Anrufe. Eine Fachärztin für Psychiatrie ruft mit Zustimmung der Eltern an, um die Lage eines Dreizehnjährigen zu schildern, der sofort für voraussichtlich drei Monate in eine Fachklinik muss. Eine Mutter meldet sich und will wissen, ob man ihren Sohn für ein paar Wochen von größeren Leistungserhebungen befreien könne, nachdem die von der Universitätsklinik bislang praktizierte Migränetherapie bei ihrem Sohn keinen Erfolg mehr hatte. Eine andere Mutter ruft an, weil sie mit einem Beschwerdebescheid des Ministeriums überhaupt nicht einverstanden ist. In ihrer Beschwerde hatte sie Einspruch gegen die ministeriellen Korrekturvorgaben zu einem landesweiten Jahrgangsstufentest erhoben. Der erste telefonische Ansturm kommt vorübergehend zum Erliegen.

Nun aber baut sich eine Verwaltungsangestellte dynamisch vor dem Chef auf, weil dieser am Vortag nicht mehr dazu gekommen war, an die zwanzig Rechnungen zur Weiterleitung an den Kreiskämmerer zu unterschreiben. Die nächsten Gespräche stehen an. Vor wenigen Tagen hatte sich eine erfahrene Bibliothekskraft für 28 Stunden bei einem Sturz eine schwere Gehirnblutung zugezogen. Sie liegt in einer Uni-Klinik und wird wohl für Monate ausfallen. Es gilt, mit den anderen Damen der Bibliotheksverwaltung die Aufgaben neu zuzuschneiden, sich beim Ehemann der Erkrankten das neueste Klinik-Bulletin erläutern zu lassen, beim Landkreis erneut nach einer Aushilfskraft nachzufragen und erste Bewerber abzuwimmeln, die die Stelle der Verunglückten - in einer Kleinstadt hat sich das schnell herumgesprochen - besetzen möchten. Um 9.30 Uhr treffen sich Direktor, Stellvertreter und Mitarbeiter zu ihrem wöchentlichen Jour fixe. Es geht um die aktuellen Ergebnisse der Leistungskurswahlen der 11. Klassen, die Kursleiterbesetzungen, anstehende Lehrprobentermine und dafür notwende Stundenplanumstellungen, die Terminierung und Ausgestaltung eines Informationsabends zur G-8-Oberstufe und um die Bildung eines internen Multikatorenteams für die Oberstufen-Seminarfächer.
 
Von 10.15 bis 10.35 Uhr findet die große Pause statt, die Gelegenheit gibt, im Lehrerzimmer einzelne Kollegen an bestimmte Dinge zu erinnern. Umgekehrt gelangen kleinere Informationen oder auch wichtige Wünsche ans Ohr des Schulleiters. Zum Beispiel möchten sich die drei Schülersprecher und die zwei Verbindungslehrer wieder einmal zum Mensaessen mit dem Chef zusammensetzen. Heute in der Pause sollen außerdem – mit Foto für die Lokalzeitung – fünf Schüler geehrt werden, die bei einem Mathematikwettbewerb erfolgreich abgeschnitten haben. Gegen 11 Uhr geht es um eine kleine Panne, die zu beheben ist. Bei einer Kollegin, die im zweiten Halbjahr während der Elternzeit als Teilzeitkraft acht Stunden unterrichtet, war in der Planung übersehen worden, dass sie in diesem Halbjahr eine sogenannte Kontostunde zu halten hat, also eine nicht vergütete Stunde, die dann in einigen Jahren „abgefeiert“ werden kann. Kaum ist die Kollegin zum Unterzeichnen eines neuen Teilzeitantrags in die Schule bestellt, schimpft namens der Putzfrauen der Hausmeister, dass am Vortag in einer bestimmten Klasse zwei Tische so verschmiert worden seien, dass man sie nicht einmal mit Spiritus sauber bekommen habe. Dann meldet sich ein Anrufer, dessen Anliegen nicht sofort realisiert werden kann: Der Betreiber des Mensa-Service der Schule will oder „muss“ nach eigener Aussage die Preise erhöhen und zwar um rund zehn Prozent. Damit sind – je nach Gericht – die Schmerzgrenzen von drei oder vier Euro für ein Essen fast erreicht. Natürlich sind die Lebensmittel- und Energiekosten erheblich angestiegen, aber jetzt stellt sich die Frage, ob die Kinder und deren Eltern dann noch bereit sind, das Mensaessen zu buchen. Immerhin wissen bereits die Elfjährigen, dass es in der Nähe sowohl einen Döner-Stand als auch einen Supermarkt gibt. Um 13 Uhr wandert der Schulleiter  zusammen mit rund 200 Schülern und mehreren Lehrern in die Mensa. Wahlweise gibt es - falls vorher „online“ bestellt - Geschnetzeltes mit Curry oder Rohrnudeln mit Zwetschgenkompott. Mit Ruhe ist nicht zu rechnen, denn ein Kollege nutzt die Gelegenheit, um ein paar für die 15 Mathematiklehrer relevante Fragen zu diskutieren. Am Nachmittag steht im Beisein des Direktors für knapp drei Stunden eine gemeinsame Sitzung der katholischen und evangelischen Religionslehrer an. Dort geht es um die neuen Lehrpläne für das sog. G8 (achtjährige Gymnasium), die Einbringung des Faches Religion in die zukünftigen Seminarfächer der gymnasialen Oberstufe, die letzten Abiturergebnisse im Fach Religion, die Gestaltung der Gottesdienste zur Abiturfeier und zum Schuljahresende und vieles andere mehr. Um 17 Uhr sichtet der Schulleiter die eingegangene „gelbe“ Post. Vieles wandert in den Papierkorb; außerdem sind einzelne elektronische Briefe zu beantworten, auch Anfragen von Eltern, die in Kürze zuziehen und über den Internetauftritt der Schule hinaus ein paar Informationen haben möchten.
 
Dies ist ein Tag ohne Abendtermine, die im Jahr etwa fünfzig Abende verschlingen, wenn Informationsveranstaltungen oder Sitzungen mit Elternbeirat, Schulforum oder Förderverein zu bestreiten sind; wenn die fünf schulischen Musikgruppen, die Kleinkunstbühne oder das große Schultheater zu ihren Aufführungen einladen. Es ist auch kein Tag, an dem Beurteilungsgespräche oder Unterrichtsbesuche anstehen. Es ist dies auch kein Tag, an dem eigene Unterrichtsstunden zu halten, über 900 Zeugnisse zu unterschreiben, Lehrerkonferenzen vorzubereiten, Sitzungen des Abiturausschusses zu leiten, Tableaus für die im kommenden Schuljahr anstehenden 1.300 Wochenstunden zu entwickeln, nebenberufliche Lehrkräfte zu suchen oder Haushaltsverhandlungen mit dem Sachaufwandsträger zu führen sind.
 
Der Schulleiter hat zwar kompetente Mitarbeiter, aber vieles bleibt Chefsache, zumal ein Schulleiter hoffentlich wissen will, was in seiner Schule los ist. Für die überbordende Fülle der Aufgaben motivieren ihn nicht etwa rund 300 Euro netto, die ein Gymnasialdirektor monatlich mehr auf seinem Konto hat als seine Kollegen. Es ist vielmehr die Herausforderung, kommunikativ einen Ausweg aus dem uralten Führungsdilemma zu finden. Dieses Dilemma besteht für jeden Führenden darin, einerseits Vorgaben und Erwartungen erfüllen zu müssen, sich gleichzeitig wie kein anderer hundertprozentig mit der eigenen Institution zu identifizieren, andererseits aber im eigenen Führungshandeln den größten Freiraum zu genießen, auch in der souveränen Auslegung von Vorgaben, Erwartungen und Zielen. Gäbe es mehr politische Unterstützung für solche Schulleiter, gäbe es künftig nicht mehr die Nachwuchsprobleme, die sich überall bei der Besetzung von Schulleiterstellen zeigen.  
 

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