DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus THÜRINGER ALLGEMEINE vom 25. April 2008

"Das Ende des Leistungsprinzips"

Josef Kraus (58), Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, betrachtet die Pläne zum Süd-Abitur mit Skepsis und sieht im achtjährigen Gymnasium erhebliche Konstruktionsfehler.

Tritt Finanzminister Steinbrück mit seinem kategorischen Nein zu den Geld-Forderungen des Bildungsressorts Ministerin Schavan vors Schienbein?

Ja und nein. Frau Schavan ist schließlich nur für Teile des Bildungsbereiches zuständig. Den größten Teil der Bildungsfinanzierung übernehmen die Länder, vor allem nach der Föderalismusreform von 2006. Frau Schavan sollte sich auf das konzentrieren, wofür sie verfassungsrechtlich zuständig ist. Das sind Teile der Hochschulpolitik und Teile der Hochschulfinanzierung. Ich sehe aber ein, dass sie mehr Geld braucht um den Bafög-Bedarf abzudecken.

Stimmt die Kritik der Wirtschaftsverbände, jeder fünfte Schulabgänger sei nicht ausbildungsreif?

Arbeitgeber und Wirtschaft sollten vor ihrer Tür kehren. Das Gerede, 20 Prozent der jungen Menschen seien nicht ausbildungsfähig, ist überzogen. Mich ärgert maßlos, dass von allen ausbildungsfähigen Betrieben in Deutschland lediglich ein Drittel ausbildet. Das ist ein Skandal.

Was brächte ein Zentralabitur in Deutsch und Mathematik in fünf Ländern?

Das Süd-Abitur betrachte ich mit einem Schuss Skepsis. Es geht zwar um Länder wie Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, die mit das anspruchsvollste Abitur haben. Aber ein gemeinsames Abitur erfordert auch einheitliche Lehrpläne und Schulbücher. Für einen Konstruktionsfehler halte ich zudem das achtjährige Gymnasium. Die Lebenserwartung steigt permanent. Aus diesem Grunde wehre ich mich gegen einen Beschleunigungswahn, vor allem wenn er mit einem dramatischen Abspecken von Wissensinhalten verbunden wird.

Würden Sie sich über das Abschaffen von Schulnoten freuen, wie das Berlin nunmehr plant?

Ich frage mich, wie sollen Kinder ohne Leistungsmessung auf eine moderne Leistungsgesellschaft vorbereitet werden. Die Berliner, die mit Hamburg und Bremen die miserabelsten Pisa-Ergebnisse haben, planen mit dem Abschaffen der Noten das Ende des Leistungsprinzips.

Hat der Pisa-Schock in Deutschland schon Besserung bewirkt?

Die Pisa-Kritik war überzeichnet. Positiv ist, dass seitdem intensiv über Bildung debattiert wird. Negativ wäre, Schulen nur auf Pisa zu fixieren. Wer nur das lernen will, was sich in einer Tabelle abbildet, der verarmt den Bildungsbegriff. Außerdem stinkt mir das negative Gerede über unsere jungen Leute. Wir haben zu einem hohen Teil eine sehr vernünftige Jugend.


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