DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus "Welt am Sonntag" vom 29. Juni 2008

Woran Lehrer leiden

Stellungnahme von DL-Präsident Josef   K r a u s


Das Repertoire an Beleidigungen ist schier unerschöpflich. Manchmal sind sie böse gemeint, manchmal auch nur gedankenlos dahergesagt. Aber immer öfter treffen sie die Adressaten schwer. Wenn Schüler ihre Lehrer beschimpfen, dann rauben sie ihnen sprichwörtlich den letzten Nerv. Das behauptet zumindest eine aktuelle Studie Freiburger Wissenschaftler. Verbale Attacken durch Schüler sind demnach der Hauptgrund dafür, dass es vielen Lehrern heute gesundheitlich so schlecht geht. Verglichen mit allen anderen Faktoren, sei dies der entscheidende, sagen die Forscher.

An der Untersuchung beteiligten sich 523 Hauptschul- und 426 Gymnasiallehrer dreier Schulbezirke im Raum Freiburg. Die Lehrer waren im Schnitt 49 Jahre alt, 64 Prozent waren Frauen. Die Studie ist Teil des "Lange Lehren"-Projekts der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sie wurde im Fachblatt "International Archives of Occupational and Environmental Health" veröffentlicht.

Hintergrund für die Analyse war, dass Lehrer aus gesundheitlichen Gründen überdurchschnittlich oft in den vorzeitigen Ruhestand wechseln. Zwar verlässt heute im Vergleich zu den 90er-Jahren, als noch jeder zweite Lehrer frühzeitig ausschied, nur noch jeder vierte vorzeitig den Dienst. Aber damit liegt die Rate immer noch deutlich über der der übrigen öffentlichen Angestellten (17 Prozent).

Wie die Freiburger Forscher herausfanden, machen neben den Verbalattacken der Schüler vor allem Beschwerden seitens der Elternschaft den Lehrern zu schaffen. Umgekehrt wirkt sich positives Schüler- und Elternfeedback auch positiv auf die Lehrerfitness aus.
Bemerkenswert finden die Forscher, dass die männlichen Lehrer insgesamt fitter sind als die weiblichen, obwohl die genannten Störfaktoren bei Männern stärker ins Gewicht fallen als bei Frauen.

Lehrerinnen über 54 Jahren sind allerdings widerstandsfähiger als ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen. Lehrer legen zudem mehr Wert auf den Rückhalt der Schulleitung, während Lehrerinnen die Unterstützung durchs Kollegium suchen. Einen Schutzfaktor vor emotionaler Erschöpfung stellt es offenbar dar, wenn Lehrer selbst Eltern sind. Allerdings wird der schützende Effekt erst in der Altersgruppe 45plus sichtbar. Eigene Kinder zu haben, spornt Lehrerinnen sogar zu mehr Leistung an, fanden die Wissenschaftler heraus - für Lehrer, die selbst Väter sind, gilt das der Studie zufolge aber nicht.

"Was wir aus diesen Daten lernen, ist, dass gestörte Beziehungen zu Schülern und Eltern ein bislang unterschätzter Stressfaktor im Lehrerberuf sind", betont Studienleiter Professor Joachim Bauer, Leiter der Abteilung Psychosomatische Medizin an der Universität Freiburg. "Der Lehrerberuf ist ein Beziehungsberuf. Gestörte menschliche Beziehungen mit Schülern und Eltern bewirken einen schlechteren Gesundheitszustand der Lehrer." Weil das problematische Schülerverhalten in allen westlichen Ländern aber nur die gesellschaftliche Lage widerspiegle und man diese kurzfristig nicht ändern könne, plädiert Bauer dafür, Lehrer mit besseren psychologischen Kompetenzen auszustatten.

Die Freiburger Psychologen bieten deshalb ein "Kompetenztraining" für Lehramtsstudenten an: "Beziehungspsychologie in der Schule". Darin geht es auch um "Körpersprache im Unterricht" und "Die Stimme des Lehrers als Arbeitsinstrument".

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bezweifelt, dass verbale Beleidigungen durch Schüler "Hauptstressfaktoren für Lehrer" sein sollen. "Das kann nur der Fall sein, wenn das Selbstwertgefühl eines Lehrers zuvor schon total im Keller ist und ihm bei solchen Beleidigungen auch noch die Solidarität der Kollegen und der Rückhalt des Schulleiters fehlen", sagt er. Die "Klagewut mancher Eltern, die mittelprächtig begabte Kinder für Genies halten", und "die völlige erzieherische Apathie eines anderen Teils der Elternschaft" zählt Kraus zu den "viel stärker pathogenen Faktoren".

Dass weibliche Lehrkräfte über 54 Jahren gesundheitlich besser da stehen, wie die Studie zeigt, nennt Kraus eine "medizinische Trivialität": "Frauen haben ja bekanntermaßen insgesamt eine um fünf Jahre höhere Lebenserwartung und gehen offener und direkter mit Erkrankungen um. Außerdem hätten viele Lehrerinnen zuvor mehrere Jahre vollkommen oder teilweise pausiert in Form von Beurlaubung oder Teilzeit, sodass die Schule von daher nicht ganz so heftig an ihnen genagt haben konnte.

Zwei andere, kürzlich veröffentliche Studien zeigten zudem, dass viele Lehrer schlicht den falschen Beruf gewählt haben und über 60 Prozent schon im Studium überfordert und wenig engagiert waren. Bereits nach den ersten vier Berufsjahren fühlt sich jeder zehnte Lehrer überfordert, stellte Professor Udo Rauin von der Frankfurter Goethe-Universität in einer Längsschnittstudie an 1000 Personen fest. Engagierte Studenten sind weitaus weniger betroffen.
 

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