"Lehrstellenmisere bleibt ein gesellschaftlicher Sprengsatz"
Deutscher Lehrerverband und Berufsschullehrerverbände
legen Forderungskatalog vor
"Dass nur 23 Prozent der Betriebe ausbilden, ist ein Skandal.
Aktueller Ausbildungspakt nur ein Tropfen auf den heißen Stein!"
Zu weiteren „nationalen Kraftanstrengung“ in Sachen Lehrstellen haben
der Deutsche Lehrerverband (DL) und die beiden ihm angehörenden Bundesverbände
der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen sowie der Lehrerinnen
und Lehrer an Wirtschaftsschulen (BLBS und VLW) aufgerufen. Die Verbände
legten dazu eine Denkschrift vor. Darin fordern sie unter anderem eine
nachhaltige Stärkung der Berufsfachschulen, eine Stärkung der
vollzeitschulischen Berufsausbildungen mit anschließender Kammer-Prüfung,
eine steuerliche Entlastung der Ausbildungsbetriebe und gezielte Maßnahmen
zur Förderung der Ausbildungsreife der schwierigen Schülerklientel.
Als kontraproduktiv bewerten die Lehrerverbände eine Ausbildungsplatzabgabe
und die Abschaffung des Meisterprinzips. Vom aktuellen Ausbildungspakt
erwarten sich die Verbände allerdings nicht viel; der Pakt sei zwar
grundsätzlich zu begrüßen, die im Pakt versprochenen 30.000
zusätzlichen Lehrstellen seien angesichts von weit über 500.000
Bewerbern und angesichts von über zwei Millionen Betrieben nicht gerade
ein großer Wurf, sondern allenfalls ein Tropfen auf einen heißen
Stein.
Als nach wie vor skandalös bezeichnete es DL-Präsident Josef
Kraus zugleich, dass aktuell nur noch 23 Prozent der rund 2,1 Millionen
Betriebe ausbilden, obwohl rund 65 Prozent dazu berechtigt wären.
Wörtlich: „Mit der gesellschaftspolitischen Verantwortung mancher
Unternehmer scheint es nicht weit her zu sein. Gewiss wirkt die rezessive
wirtschaftliche Entwicklung in den Lehrstellenmarkt hinein, und manche Bewerber
sind auch nicht flexibel genug. Der ständige Hinweis der Wirtschaft
auf die ökonomische Großwetterlage und ihr Klagen über
das angeblich schlechte Bildungsniveau vieler Bewerber wirken aber oft
genug als Ablenkungsmanöver.“
Kraus befürchtet, dass die prekäre Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt
mittelfristig gravierende Auswirkungen auf Schule und Wirtschaft hat: Die
Schulen würden es mehr und mehr mit frustrierten Schülern zu
tun haben, und der Wirtschaft fehle es über kurz oder lang an Nachwuchs.
Außerdem gerate das gesamte deutsche Berufsbildungssystem in eine
Schieflage: Während im Jahr 1991 noch 75 Prozent aller jungen Leute
ihre berufliche Bildung im dualen System starteten, waren es im Jahr 2002
gerade noch 62 Prozent.
Kraus abschließend: „Gesamtgesellschaftlich tickt hier ein Sprengsatz.
Wenn diese Gesellschaft jungen Leuten zu Zehntausenden zeigt, dass man
sie nicht haben wolle, braut sich ein enormes Potential an Politikverdrossenheit
und schließlich Gewaltbereitschaft zusammen.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)