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Interview aus dem "Handelsblatt" vom 23. Februar 2009
Fünf Fragen an Josef Kraus
"Lehrermangel schadet dem Wirtschaftsstandort"
Von Dietmar Neuerer
Mit
einer Lehrer-Abwerbekampagne hat Baden-'Württemberg andere
Bundesländer gegen sich aufgebracht: Bayern schäumt und sieht
die Schamgrenze überschritten, Hessen will das Thema auf die
Tagesordnung der nächsten Kultusministerkonferenz setzen. Der
Präsident des Lehrerverbands, Josef Kraus, hält das Vorgehen
der Schwaben dagegen für legitim. Im Interview mit
Handelsblatt.com erläutert er, wie dramatisch die Lage ist.
Herr
Kraus, was halten Sie von der Kampagne Baden-Württembergs: Ist es
legitim, Lehrer aus anderen Bundesländern abzuwerben?
Josef Kraus: Aus
Sicht Baden-Württembergs ist es legitim. Kollegial unter den 16
Kultusministern ist es nicht unbedingt. Aber warum soll es hier nicht
ein wenig Markt geben? Wenn bestimmte Länder für Lehrer
attraktiver und andere Länder weniger attraktiv sind, dann
müssen sich letztere etwas einfallen lassen. Seit der
Föderalismusreform von 2006 sind hier landesspezifische
Besoldungsregelungen möglich.
Kann das Abwerben von Lehrern überhaupt unterbunden werden?
Nein.
Auch für Lehrer gilt das Grundrecht auf Freizügigkeit. Wenn
ein Land A einen Lehrer aus einem Land B einstellt, kann dies das Land
B nicht verhindern. Das Risiko trägt der betreffende Lehrer, der
möglicherweise nicht mehr in das Land B zurückkehren kann und
womöglich einen Teil seiner Pensionsansprüche verliert, falls
das Land A sie nicht voll übernimmt - was es aber in der Regel tut.
Warum gibt es so wenig Lehrer?
Nicht
in allen Lehrämtern und Fächern gibt es einen Mangel. Der
Mangel ist am größten in den Realschulen und Gymnasien in
den Fächern Mathematik, Physik, Latein sowie in den beruflichen
Schulen in Elektrotechnik, Metalltechnik und Wirtschaftspädagogik.
Das liegt an einer miserablen, leider nur kurzatmigen Personalplanung
Personalwerbung der 16 Kultusminister, aber auch am schlechten bzw.
schlechtgeredeten Image der Lehrerschaft in der Öffentlichkeit.
Hinzu kommt die fortschreitende Überfrachtung der Schulen mit
sozialpädagogischen Reparaturaufgaben und die schlechte
Vergütung für Junglehrer - der sogenannten Referendar. Sie
müssen als 25- bis 27-Jährige zwei Jahre lang mit monatlich
900 bis 1000 Euro auskommen.
Wie viele Lehrer fehlen in Deutschland, und wie lässt sich die Lücke schließen?
Für
den aktuellen Stand ist dies schwer einzuschätzen, denn viele
Schulen decken ihren Bedarf mit Pensionisten und Nebenberuflern ab.
Aber an die 20 000 dürften es schon sein. Viel gravierender ist
die Tatsache, dass von den derzeit 800 000 aktiven Lehrern in
Deutschland in den kommenden zehn Jahren über 300 000 in den
Ruhestand gehen. Hier werden sich in bestimmten Fachbereichen
große Löcher ergeben. Kurzfristig lassen sich die
Lücken nur durch Quereinsteiger und Pensionisten schließen,
langfristig nur durch eine differenzierte Werbung der Kultusminister.
Welche Folgen hat Lehrermangel für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Zunächst
wird der Bildungsstandort leiden - vor allem in Form von
Unterrichtsausfall und größeren Klassen. Im nächsten
Schritt wird der Wirtschaftsstandort leiden, denn die jungen Leute
werden dann schwächer qualifiziert auf den Arbeitsmarkt kommen.
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