DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Jetzt auch in Hamburg:

Der Gesamtschule geht die Luft aus

Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die Serie an wenig schmeichelhaften Attesten für Gesamtschule setzt sich fort. Bereits in der TIMSS („Third International Mathematics and Science Study“) hat die Gesamtschule weitaus schwächer als Realschule und Gymnasium abgeschnitten; Gesamtschüler lagen leistungsmäßig nur knapp vor Hauptschülern, wiewohl Gesamtschule um bis zu 30 Prozent personell und sächlich besser ausgestattet ist. Die BIJU-Studie ("Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung  im Jugendalter") kam zu ähnlichen Ergebnissen, und sie wies nach, dass Gesamtschüler mit ein und derselben Leistung wie Gymnasiasten um rund zwei Noten besser bewertet werden und dass Gesamtschüler selbst hinsichtlich sozialer Einstellungen deutlich hinter den Werten der Schüler der differenzierten Schulformen rangieren.

Nun hat es in mehrfacher Hinsicht die Gesamtschule in Hamburg erwischt: Binnen einen Jahres ist der Anteil der Gesamtschule an den Neueinschreibungen im weiterführenden Schulwesen um rund drei Prozent zurückgegangen. Waren es im Jahr 1993 immerhin 35,9 Prozent, im Jahr 1999 dann noch 29,7 Prozent der Eltern, die ihr Kind für die 5. Klasse einer Gesamtschule anmeldeten, so sind es im Jahr 2000 für das Schuljahr 2000/2001 nur noch 26,8 Prozent. Dabei ist nicht einmal berücksichtigt, dass darin über 300 Schüler enthalten sind (ca. 2,9 Prozent), die an einer kooperativen Gesamtschule gemeldet wurden. Parallel dazu stieg der Anteil der für das Gymnasium Gemeldeten (in Hamburg "zählt" nur der Elternwille, nicht aber die Grundschulnote) innerhalb von zwölf Monaten etwas, nämlich von 43,9 auf 45,1 Prozent; der Anteil der Schüler an der kombinierten Haupt- und Realschule blieb mit 26,3 zu 25,2 Prozent relativ konstant.

Die Gründe für diese – gemessen an einem einzigen Schuljahr – gravierenden Verwerfungen dürften klar sein, und sie scheinen sich unter Hamburgs Elternschaft herumgesprochen zu haben: Es sind dies die Ergebnisse der Studie "Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern an Hamburger Schulen – Klassenstufe 7"  - kurz "LAU 7". Dazu gab es jetzt Ende März eine Experten-Anhörung in der Hamburger Bürgerschaft.

Diskutiert wurde vor allem die LAU 7, die von einem Team um Professor Dr. Dr. Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität zu Berlin mit Hilfe des Kombinierten Schulleistungstests Hamburg für die Klasse 5 und 6 (KS-HAM 5/6) erarbeitet worden war. Die brisantesten Ergebnisse daraus:

Die Konsequenz aus solchen Ergebnissen muss eine zweifache sein: Erstens sollten Kinder der ihr gemäßen Schulform zugeführt werden. Um dies zu erreichen, sollte man das diagnostisch aussagekräftige und prognostisch valide (Noten-)Urteil der Grundschullehrer über die Leistungen eines Schülers in Deutsch und Mathematik zu Grunde legen. Der Abgeordnete der Grün-Alternativen Liste (GAL) Hans-Peter de Lorent ist denn interessanterweise auch Anfang Februar 2000 für eine Einschränkung des Elternwahlrechts und für eine Einführung einer Notenschwelle beim Zugang zum Gymnasium eingetreten. Dass ihm seine GAL dabei nicht folgte, verwundert indes nicht. Und zweitens ist eine intensivere Förderung vor allem durch eine nachhaltige Herausforderung der Kinder durch ein entsprechendes Anspruchsniveau vonnöten. Schullaufbahnen aber unter dem Diktat der Gleichmacherei oder der so genannten Durchlässigkeit des Systems nur noch „offen“ zu halten – all dies sind Maßnahmen, die die Potenzen der Kinder nicht nutzen, sondern brach liegen lassen. Außerdem haben wir in Deutschlands Schulsystemen eine sehr ausgeprägte vertikale Durchlässigkeit. Es gibt also keine schulischen Sackgassen.

Man darf insgesamt den Mut der Hamburger anerkennen, dass sie sich bzw. ihr Schulwesen solch differenzierten und kritischen Untersuchungen stellen. Nach LAU 5 aus dem Jahr 1997 und LAU 7 aus dem Jahr 1999 soll nun im Jahr 2001 LAU 9 folgen. Mutig ist das nicht zuletzt deshalb, weil große Teile der Lehrerschaft Hamburgs die Leistungstests nicht sonderlich schätzen. Aber das dürfte eine Frage der Gewöhnung sein. Für einige hunderttausend andere Lehrer in Deutschland ist es selbstverständlich, dass sie mittels zentraler Prüfung beim Abitur, beim Mittleren Bildungsabschluss oder beim Qualifizierten Hauptschulabschluss Rückmeldung über das von ihren Kursen bzw. Klassen Geleistete bekommen.

Zugleich haben die Hamburger aber auch etwas Angst vor der eigenen Courage bekommen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass ein Vergleich der Leistungen Hamburger Grundschüler mit den Leistungen von 1.770 Schülern aus fast dem ganzen Bundesgebiet im Jahr 1998 zwar durchgeführt und ausgewertet, aber nicht veröffentlicht wurde. Man mag über die bundesweite Stichprobe aus 13 anderen Bundesländern und deren Repräsentativität diskutieren, fest steht immerhin, dass Hamburgs Schüler hier anhand des Kombinierten Schulleistungstests Hamburg für 4./5. Klassen mit einem erreichten Mittelwert von 67,4 doch auffällig hinter dem Bundesdurchschnitt von 74,9 Punkten lagen. Das muss genauer ergründet werden, bestand die bundesweite Stichprobe doch nicht nur aus Süddeutschen mit ihren anerkanntermaßen strengeren Leistungsmaßstäben.

Ergründet werden muss sodann, ob den Kindern geholfen ist, wenn ihre Eltern den weiterführenden Bildungsweg ohne Rücksicht auf die in der Grundschule gezeigte Leistungen wählen dürfen. Um ein Korrektiv zu haben, wäre auch in der Hansestadt über eine Stärkung des Eignungsprinzips nachzudenken. Und es wäre eine Differenzierung der bislang integrierten Beobachtungsstufe der verbundenen Haupt- und Realschule in den Klassen 5 und 6 notwendig. Bayern, das bis zur jetzt endgültig in Gang gekommen Etablierung einer grundständigen sechsstufigen Realschule und einer grundständigen fünfstufigen Hauptschule mit M-Zweig (M = Mittlere Reife) ebenfalls eine Art integrierter Beobachtungsstufe in den Klassen 5 und 6 hatte, könnte durchaus als Vorbild dienen, ist doch die Verhinderung dieser sog. R-6-Reform mit ihrer Ausdifferenzierung in den Klasse 5 und 6 erst Ende Februar 2000 mittels Volksbegehren kläglich mit nur 5,7 Prozent Eintragungen gescheitert.

Nicht zuletzt aber dürften die Leistungsdefizite Hamburger Schüler damit zu tun haben, dass die dortigen Curricula rund zwanzig Jahre alt sind und sie deshalb fast niemand mehr für verbindlich hält. In ganzen Kollegium sollen sie, so heißt es, gar nicht mehr bekannt sein. Wenn zugleich für die Zukunft „Bildungspläne“ anstelle von konkreten Lehrplänen in Aussicht gestellt werden, dann wundert es nicht, wenn bereits in den Grundschulen und in den ersten Klassen der weiterführenden Schulen inhaltliche Beliebigkeit um sich greift. Die Zeche dafür zahlen die Schüler, wie die Leistungstests beweisen.


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