| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus DIE WELT vom 14. August 2000
Kniend vor dem Götzen Computer
Ein Laptop pro Schüler kann niemals die lebendige Kommunikation mit dem Lehrer ersetzen
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Nun bekommen wir sie also – die schöne neue Lernwelt, die Lernwelt des elektronischen Nürnberger Trichters. Während der Nürnberger Barock-Dichter Georg Philipp Harsdörffer (1607 bis 1658) glaubte, er könne Menschen mit seinem „Poetischen Trichter“ das Dichten beibringen, glaubt man jetzt, junge Menschen mit dem Laptop zu allem befähigen zu können. Jeder Schüler solle also bis zum Jahr 2006 seinen eigenen Laptop haben, wenn es nach der Bundesbildungsministerin geht und wenn man die Kleinigkeit von 80 Milliarden aufbringen kann. In einer hochtechnisierten berufsbildenden Schule mag es sinnvoll sein, dass jeder Schüler seinen Computer hat. An allgemeinbildenden Schulen ist es aber kein Problem, wenn auf je zwanzig Schüler einer kommt. Auch in einem solchen Fall hieße das rechnerisch, dass jeder Schüler pro Woche mindestens zwei bis drei Stunden an einem Schulcomputer arbeiten kann. Das reicht. Das wirkliche Problem ist, ob nicht der Laptop mit seinem download- und just-in-time-knowledge zu einer Häppchen-Mentalität verführt und damit Bildung ersetzt. Verpackung und Präsentation also an Stelle von Inhalten?
Schule muss nicht zur Pflanzschule von Multimedia-Freaks werden. Sie wird sich zwar mit der mikroelektronisch möglichen Erweiterung menschlicher Kulturtechniken auseinandersetzen und zum Beispiel mit Blick auf den PC schlicht Maschineschreiben lehren müssen. Aber ansonsten? Es mag ja sein, dass heute bereits Zehnjährige aufgrund neuer Informationstechniken über mehr Informationen über die Welt verfügen können als Leibniz und Goethe zusammen. Aber sind wir deshalb klüger als unsere Urgroßväter? Und es mag sein, dass Hardware und Software unschlagbar sind im Suchen, Speichern, Rechnen. Doch es sind die Menschen, auch die jungen, die unschlagbar sind im Auswählen, im Bewerten und in der Interpretation. Darum geht es, und das geht ohne Computer.
Bewegen muss uns die Frage, ob der junge, vernetzte Multimedia-Mensch ab einem gewissen Stadium des Informationskonsums überhaupt noch die Fähigkeit besitzt, zwischen faktischer Realität und virtueller, medialer Realität zu unterscheiden oder ob er nicht - weil Computer ja keine Welt außerhalb der eigenen kennen - bereits einer höchstselektiven "Windowisierung" von Wirklichkeit ausgesetzt ist. Immerhin könnte das Ergebnis multimedialer Vernetzung gerade bei jungen Menschen ein Kaspar-Hauser-Syndrom sein. Hier wäre man bei einem Punkt angekommen, wo Information Kommunikation tötet, weil sich jeder nur noch das an Information sucht, was er braucht, und nur noch darüber redet. Die Überwältigung der Wahrnehmung und des Denkens durch Informationsfluten sowie die medial bedingte Isolation könnte zudem dazu führen, dass Kinder nichts mehr begreifen - "be-greifen". Die Welt in den Augen der Kinder also gar als bloße Bildschirm-Simulation? Schließlich ist alles auf dem Bildschirm immateriell.
Bezogen auf die Schule hieße das: Ein elektronisches Klassenzimmer wäre ein verarmtes, steriles Klassenzimmer ohne Er-Leben und ohne Reflexion. In ihm gingen - wie in den privaten Sendehäusern - Information und Unterhaltung eine unheilige Allianz ein. Und elektronisches Klassenzimmer liefe auf eine Schule der fortschreitenden Anonymisierung und Ent-Personalisierung von Lernprozessen hinaus. Trivial ausgedrückt: Es hat schon Sinn, wenn ein Schüler selbst bei rein stofflichen Fragen - grimmig oder ungläubig - in das Gesicht eines Lehrers und nicht in einen Bildschirm schaut. Der Lehrer weiß darauf zu reagieren, der Computer nicht. Das ist unendlich wichtig für beide, auch was Lernfortschritte betrifft.
Der klassische Unterricht im Lehrer-Schüler-Gespräch wird im Zentrum schulischer Lernprozesse bleiben. Die Einführung von Schülern in die Nutzung des Internets, die Einspielung der aktuellen Aufnahmen eines Wettersatelliten in den Erdkundeunterricht oder die Computer-Simulation eines Experiments im Chemieunterricht - all dies und vieles andere Elektronische mehr ist für Schule selbstverständlich und in nichts revolutionär. Es ist aber schwer nachvollziehbar, worin der Vorzug einer "vernetzten" Schule liegen soll, wenn man das meiste, was das Internet an Sinnvollem bietet, auch in einem Buch oder einfach nur im Brockhaus nachschlagen kann. Deshalb wird der PC samt Internet das Buch nicht ersetzen, weder in der Schule noch sonstwo, sondern nur ergänzen. Das Buch wird schon deshalb das zentrale Medium bleiben, weil es Wissen ohne Verfallsdatum und ohne permanente Aufkündbarkeit per Mausklick anbietet. Und: Wer sich in einem Buch oder in einer Bibliothek nicht zurecht findet, der findet sich auch im Internet und auf den Daten-Highways nicht zurecht.
Diese Skepsis ist kein Anlass zur Maschinenstürmerei. Aber eines scheint vonnöten: Schule sollte im Kern bei einer Kommunikation bleiben, die unmittelbar, personal, sozial und damit human ist. Schließlich geht es in Fragen der Information und Kommunikation um das Bild vom Menschen. Dabei ist auf junge Menschen zu setzen, die nicht zu Infokraten werden, die nicht mit Informationen herrschen oder von Informationen beherrscht werden, die Kommunikation als etwas Menschliches und nicht als etwas Technisches erfahren und praktizieren.
Jedenfalls muss Schule aufpassen,
dass sie nicht mit einer Sintflut an elektronisch aufbereiteten Daten einem
Tyrannen die Tür öffnet, der sie "vernetzt", fesselt und ihrer
Freiheiten beraubt. Das Buch wäre das geeignete Rettungsboot in dieser
Sintflut. Das Buch kann deshalb gelassen in die Zukunft schauen. Noch nie
ist in der Mediengeschichte ein altes Medium durch ein neues vollständig
ersetzt worden. Immer haben neue Erfindungen das Ensemble der Medien erweitert.
Die-se Gesetzmäßigkeit der Mediengeschichte wird durch Laptops
nicht außer Kraft gesetzt.
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