zur Sachverständigen-Anhörung des Landtags von NRW in Sachen PISA
Vorbemerkung
In Deutschland wurden schulische Leistungsstudien lange Zeit nicht zur Kenntnis
genommen; zudem gab es keine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit internationalen
Leistungsvergleichen. Vielmehr haben ideologische Diskussionen um Schulstrukturen
in vielen Bundesländern die schulpolitische Auseinandersetzung geprägt
bzw. lahm gelegt. Bis 1997, bis zum Erscheinen der TIMS-Studie, wurde etwa
in Nordrhein-Westfalen kaum über schulische Leistung und Qualität
geredet. Die Debatten der 70er, 80er und 90er Jahre erschöpften sich
in Gesamtschuldiskussionen, Diskussionen um Stufenlehrerausbildung und ihre
Folgen, Autonomie-Debatten und „Denkschrift“-Auseinandersetzungen. Falsche
schulpolitische Signale, so z. B. die Diskussion um eine notenfreie Grundschule,
um die Freigabe des Elternwillens, die "Tabuzone Gesamtschule", um Schulleitung
auf Zeit, um unzureichende Lehrerausbildungskonzepte ... all das hat viel
Demotivation hervorgerufen und den Glauben in verlässliche Signale von
Seiten der Politik erschüttert.
Frage 1: Welche Förderinstrumente werden insgesamt für die bei PISA identifizierten
Gruppen angeraten und wie werden die teilweise signifikanten Abweichungen
zwischen den Bildungssystemen der einzelnen Bundesländer und der Erfolgsländer
bei PISA international erklärt?
Die Gründe für das internationale und für das innerdeutsche Leistungsgefälle sind sehr vielschichtig. Den Vorsprung Finnlands
gegenüber Deutschland machen wohl folgende Faktoren aus: sehr geringer
Migrantenanteil in der Schülerschaft, ausgeprägte Sprach- und Lesekultur,
zentrale Abschlussprüfungen in verbindlichen Kernfächern, ausgeprägtes
Fördersystem für rund ein Sechstel aller Schüler, damit einhergehend
ein deutlich höherer Anteil der Bildungsfinanzierung am Bruttoinlandsprodukt.
Den Vorsprung Englands gegenüber
Deutschland machen vermutlich die schulpolitischen Reformen seit 1988 aus,
die auch über den Regierungswechsel von 1997 fortgesetzt wurden: ein
verbindliches, in diesem Fall nationales Curriculum und ein regelmäßiges
standardisiertes Testen der schulischen Leistungen.
Im innerdeutschen Vergleich sind es vor
allem folgende Faktoren, die den Vorsprung der Süddeutschen ausmachen:
Süddeutsche Kinder erhalten in den ersten neun Schuljahren um bis zu
zehn und mehr Prozent mehr Unterricht als nord-, west- oder mitteldeutsche
(Bayern: 9.240 Stunden; NRW 8.640 Niedersachsen 8.431, Bremen 8.388, Brandenburg
8.327). Die Lehrpläne sind in den Kernfächern und in den Kernbereichen
von einem relativ hohen Verbindlichkeitsgrad (im Gegensatz zu Rahmenplänen).
Ihr Beherrschen wird in allen Schulformen in zentralen Abschlussprüfungen
examiniert. Das Leistungsprinzip hat - in begabungsgerechter Schulformdifferenzierung
- einen nach wie vor hohen Stellenwert; dies gilt auch für eine konsequente
Notengebung.
In NRW gibt es zudem keine verbindlichen Voraussetzungen für den Besuch
weiterführender Schulen. Das hat zur Folge, dass die Differenzierung
nach Schulformen nicht zwingend auch eine Differenzierung nach Begabung ist.
Nach außen sieht es so aus, als seien homogene Lerngruppen gebildet
worden; das entspricht aber nicht der Wirklichkeit.
Als Förderinstrumente werden für die jeweils in PISA gesondert ausgewiesenen Schülergruppen empfohlen:
eine verstärkte
Sprachförderung für Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten
Familien und für Schüler mit Migrationshintergrund;
eine verbesserte Förderung besonders Leistungsfähiger durch additive Bildungsangebote.
Ferner: Die Stundentafeln
in den Kernfächern sollten so ausgestaltet werden, dass zusätzlich
ein bis zwei Förderstunden verbindlich eingeführt und an den entsprechenden
Fachlehrer gekoppelt werden.
Frage 2: Was muss geschehen, um den engen
Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb aufzulösen
(insbesondere Förderung der Risikogruppen im unteren Kompetenzbereich)?
In den PISA-Risikogruppen sind Schüler mit Migrationshintergrund
weit überrepräsentiert. Das heißt, dass in diesem Punkt sowohl
die Einwanderungspolitik als auch die Schulpolitik versagt haben - die Einwanderungspolitik,
weil es ihr nicht gelang, Migranten die für eine gesellschaftliche bzw.
berufliche Integration unerlässliche sprachliche Qualifikation abzuverlangen
bzw. zu vermitteln; die Schulpolitik, weil es ihr nicht gelang, die betreffenden
Schüler in der deutschen Sprache entsprechend zu qualifizieren (teilweise
wurde Gegenteiliges mit den Konzepten eines „muttersprachlichen Unterrichts“
impliziter intendiert).
Frage 3: Wie kann die vorschulische Bildungsarbeit
intensiviert werden? (Erweiterung des Bildungsauftrages des Kindergartens,
Kooperation Kiga und Grundschule, frühzeitige Überprüfung
der Sprachkompetenz)
Die frühe sprachliche Bildung bzw. Prägung ist das
Entscheidende. Das Sprachverhalten und der Medienkonsum Heranwachsender werden
im ersten Lebensjahrzehnt geprägt. Insofern ist besonders das Elternhaus
gefordert. Für das Lesen heißt das: Es beginnt mit dem Erzählen
und mit dem Vorlesen zu Hause. Und es setzt sich mit dem elterlichen Vorbild
fort. Interessant ist, was eine OECD-Studie des Jahres 1992 dazu eruierte.
Leider sind deren Ergebnisse damals in Deutschland kaum registriert worden,
nämlich dass die Lesefreude und Leseintensität der Kinder abhängen
vom Vorhandensein von Büchern im Elternhaus und dass die gesamte schulische
Leistung der Kinder eng mit deren außerschulischer Lektüre zusammenhängt.
Zu überdenken sind die heute vielfach als modern ausgegebenen Kindergartenkonzepte, bei denen es bis ins letzte Vorschuljahr hinauf eher um den Betreuungsauftrag,
aber viel zu wenig um den Bildungs- und Erziehungsauftrag des Kindergartens
geht. Wenn derzeit jedes vierte Kind mit einer verzögerten Sprachentwicklung
in der ersten Klasse der Grundschule ankommt, dann müssen davon neben
den Eltern auch die Kindergartenerzieherinnen aufgerüttelt werden. Es
wäre an der Zeit, gerade mit den Fünfjährigen gezielt sprachliche
Erziehung zu betreiben und damit eine gezielte Förderung auf die Einschulung
zu veranstalten. Die entsprechenden Möglichkeiten des Kindergartens
sind äußerst vielfältig, man muss nur die Scheu vor dem vorgelesenen
Text, vor dem erzählten Wort, dem auswendig gelernten Gedicht oder Lied
und dem konzentrierten, gelenkten Gespräch ablegen.
Eine besondere Aufgabe haben Schulen und Kindergärten bei der sprachlichen Schulung derKinder mit „Migrationshintergrund“
, die im Deutschen noch zu wenig sattelfest sind oder aufgrund einer selbstgewählten
Selbstghettoisierung gar keinen Wert darauf legen. Reine Förderklassen
mit hochintensivem Unterricht in Deutsch als Fremdsprache oder „Sprachlernklassen“
wie ab Herbst 2003 in Bayern sind vielversprechende Ansätze.
Auch ohne PISA hätte man sehen können, dass die Deutschen ihrer Muttersprache als Schulfach
zwischen der ersten und zehnten Klasse nur ganze 16 Prozent der Wochenstunden
gönnen, dagegen die Polen 22, die Schweden 24, die Franzosen 26 und
die Chinesen 26 Prozent. Zudem müssen sich die Schulen in der muttersprachlichen
Bildung von einigen Fehlern der letzten dreißig Jahre verabschieden
(Lückentexte, mikrochirurgische Textanalyse, Reduzierung des Grundwortschatzes,
Egalisierung von Gebrauchs- und literarischen Texten usw.). DemDeutschunterricht
kommt überhaupt eine exponierte Stellung zu. Das gilt für so ganz
bzw. leider nicht mehr so ganz selbstverständliche Dinge wie eine intensive
Unterrichtung in Orthographie und Grammatik - auch im Zeitalter von Rechtschreibprogrammen.
Zugleich bleibt das Fach Deutsch maßgebliche Grundlage für einen
erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Überlegen muss sich der Deutschunterricht
auch, ob er nicht Lesen in einem noch umfassenderen Sinne als herkömmlich
verstehen will: Das „Lesen“ von Tabellen und Graphiken ist schließlich
auch ein Lesen. Die daraus entnommenen Daten wollen erst einmal gewichtet,
bewertet und verbalisiert werden. Warum also nicht ein Lernziel im Deutschunterricht,
das „Verbalisieren von Schaubildern“ heißt? Das Beschreiben von Vorgängen,
Gegenständen und Bildern gehört ja auch zum Deutschunterricht.
Gäbe es ein Lernziel „Verbalisieren von Schaubildern“ bereits, die deutschen
Schüler hätten in PISA erheblich abgeschnitten.
Frage 4: Wie kann man mit offenen Ganztagsgrundschulen schrittweise
ein flächendeckendes Angebot bei Bündelung vorhandener Mittel entwickeln?
(Einbeziehung von Betreuungsangeboten, Einbeziehung verschiedener Professionalitäten,
Kooperation Schule und Jugendhilfe)
Zumindest in PISA-E findet sich kein Beleg dafür, dass
Ganztagsschule oder schulischer Ganztagsbetrieb zu besseren Schulleistungen
führte. Die Frage nach der Einrichtung von Ganztagsschule oder schulischer
Ganztagsbetrieb ist eine Frage, die zunächst außerhalb der PISA-Debatte
zu führen ist - und zwar vor allem aufgrund der familien- und jugendpolitischen
Implikationen.
Unbestreitbar bleibt gleichwohl, dass ein Schulsystem mit
einer höheren Dichte an Regel- und Förderunterricht vor allem problematische
Schüler zu besseren Schulleistungen führen kann.
Frage 5: Wie kann den zurzeit in der Schule befindlichen Kindern und Jugendlichen schon jetzt konkret geholfen werden?
Neuerungen im Schulbereich zeitigen nicht sofort Erfolge.
Bis entsprechende strukturelle, inhaltliche, methodische oder personelle
Maßnahmen greifen und sich in besseren Testergebnissen niederschlagen,
dürfte mindestens eine halbe Schülergeneration ins Land gehen.
Insofern ist die Frage berechtigt, wie den derzeit aktuell die Schule besuchenden
Schülern jetzt schon bzw. noch geholfen werden kann.
Das Entscheidende dürfte hier eine Unterrichtsgarantie
sein, das heißt eine Garantie, dass Unterricht in vollem Umfang stattfindet
und zurückliegende Stundenkürzungen aufgehoben werden. Ein volles
Unterrichtskontingent ist zudem die wichtigste Fördermaßnahme
für schwächere Schüler, sie bedürfen nämlich ganz
besonders der zusätzlichen (Übungs-) Stunden; leistungsfähige
Schüler dagegen kommen auch mit geringerem Unterrichtskontingent aus.
Eine Unterrichtsgarantie ist diejenige Maßnahme, die sich - qualifiziertes
Personal auf dem Lehrerarbeitsmarkt vorausgesetzt - am raschesten realisieren
lässt; mit ihr dürfte das Leistungsniveau am raschesten wenigstens
in gewissem Umfang steigerbar sein, denn dann sind im Unterricht auch mehr
Wiederholungs- und Übungsphasen möglich.
PISA „passiert“ insgesamt vor allem im Unterricht. Damit stellt
sich nach den Befunden der PISA-Studien für die Lehrerinnen und Lehrer
die Frage, welche wesentlichen Ziele sie unmittelbar angehen sollen. Sie
haben sofort in ihrem Unterricht die Möglichkeit, mehr Wert auf Lesekompetenz
zu legen. Sie vermögen durch Wiederholungsphasen Wissensbestände
mehr als bisher abzusichern und in der Verständigung der Fachkonferenzen
Entscheidungen zu treffen, welche Inhalte dem Fakultativen und welchem dem
Obligatorischen zuzuordnen sind. Jetzt kommt es darauf an, sich auf das Wesentliche
zu konzentrieren. Nicht alle in der Schule parallel ablaufenden Projekte
und Vorhaben müssen gleichermaßen in Angriff genommen werden.
Das Vorrangige muss die Unterrichtsqualität sein.
Frage 6: Wie kann die in den erfolgreichen PISA-Ländern praktizierte
und zu mehr Leistung führende Praxis des Umgangs mit Heterogenität
in unserem Bildungssystem Platz greifen, das so stark gegliedert ist, so
sehr auf Homogenität setzt und mit Selektionsmethoden arbeitet?
Bei der Gestaltung eines Schulwesens stellt sich immer wieder
die uralte Frage: Freiheit oder Gleichheit? In Reinform ist die Schule der
Freiheit für jeden Einzelnen finanziell nicht machbar. In Reinform ist
auch die Schule der Gleichheit für alle nicht realisierbar, auch nicht
in Form der integrierten Gesamtschule; letztere mag in bestimmten Varianten
in einigen Ländern Europas und der Welt „funktionieren“, in den vergangenen
30 Jahren deutscher Schulgeschichte hat sie sich (vgl. BIJU usw.) nicht bewährt.
Es sind nach PISA also keine neuen Debatten wie 1990 zur Wiedervereinigung
um sog. dritte Wege angezeigt. Im Schulwesen beschreiten wir mit dem gegliederten
Schulwesen längst einen dritten Weg, nämlich den Weg zwischen der
Schule der totalen Freiheit und der Schule der totalen Gleichheit. Ein gegliedertes,
differenziertes Schulwesen ist der dritte Weg, weil es in gelungener Weise
die Vorzüge der beiden Extremvarianten vereint (Individualisierung hier,
Gleichbehandlung dort) und deren Nachteile (Vereinzelung hier, Kollektivierung
dort) vermeidet. Es ist ein Kompromiss aus den Prinzipien der Chancengerechtigkeit
und der Begabungsgerechtigkeit. Vor allem aber realisiert ein gegliedertes
Schulsystem Durchlässigkeit - und zwar in vertikaler und in horizontaler
Hinsicht. Auch die Abschlüsse der immer wieder zu Unrecht gescholtenen
Hauptschule stellen keine Sackgassen dar, sondern sie sind Anschlüsse
an anspruchsvolle berufliche Bildung oder an weiterführende Schulbesuche
bis hin zum Erwerb einer Hochschulreife. Schließlich - das wird oft
übersehen - besteht das mehrfach gegliederte Schulwesen ja aus mindestens
vier allgemein bildenden Schulformen (Sonderschule, Hauptschule, Realschule,
Gymnasium), aus mindestens sieben berufsbildenden (Berufsschule, Fachschule,
Berufsfachschule, Wirtschaftsschule, Fachakademie, Fachoberschule, Berufsoberschule)
und aus einer Reihe von Schulen des Zweiten Bildungsweges (Abendrealschule,
Abendgymnasium, Kolleg).
Wenn verschiedene Meinungsführer im Zuge der Veröffentlichung
der internationalen und der nationalen PISA-Studien für Gesamtschule
plädieren, weil sie soziale „Selektion“ vermeide, dann vergessen sie,
dass soziale Selektion nach dem Geldbeutel der Eltern nicht in Deutschland
mit seinem breit ausdifferenzierten öffentlichen Schulwesen, sondern
in Ländern mit Gesamtschulen stattfindet: In England, Frankreich und
in den USA laufen die Eltern der öffentlichen Gesamtschule davon, wenn
sie es sich leisten können, ihr Kind für Jahresgebühren von
bis zu 15.000 Dollar in eine Privatschule zu schicken. Und in Japan, das
ebenfalls eine Gesamtschule nach US-Vorbild hat, besuchen für teures
Geld 65 Prozent der Schüler regelmäßig eine der 40.000 privaten
Nachhilfeschulen („juku“).
Spätestens seit PISA-E müsste auch klar sein, dass
ein gegliedertes Schulwesen zumindest in Deutschland die vernünftigere
und die kindgerechtere Variante ist. Sonst hätten Bayern und Baden-Württemberg
nicht so eindeutig die beiden nationalen Spitzenplätze eingenommen.
Gegliedertes Schulsystem ist ansonsten kein Wert an sich, seinen Wert entfaltet
es erst im Kontext mit relativ verbindlichen Lehrplänen im inhaltlichen
Kernbereich, mit einem transparenten Leistungsprinzip, mit einer frühen
Differenzierung nach einer vierjährigen Grundschule sowie mit anspruchsvollen
zentralen Abschlussprüfungen.
Die Alternative zu einem gegliederten Schulsystem kann also
nicht die integrierte Gesamtschule, sondern nur ein weiter verbessertes gegliedertes
Schulsystem sein. Verbesserungen sind auch hier möglich, wenn man etwa
bereit ist, die unterrichtliche Differenzierung weiter auszubauen - vor allem
zu Gunsten schwächerer Schüler und zu Gunsten von Schülern
mit Migrationshintergrund.
Ergänzende Anmerkungen
1. Eine Bildungsoffensive ist ohne Erziehungsoffensive nicht möglich.
Es ist vermehrt das Umfeld, in dem Bildung und Erziehung stattfinden
(müssen), ins Zentrum der Debatte zu rücken, und es wäre überhaupt
zu wünschen, die Gesellschaft würde mit dem gleichen Engagement
wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte
und -pflichten (vgl. GG Artikel 6) sowie eine Erziehung im Interesse des
Kindeswohls (vgl. BGB 1627) einfordern. Gerade für die Ansprüche
des Artikels 6 des Grundgesetzes, demzufolge Pflege und Erziehung der Kinder
"das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende
Pflicht" sind, ist oft kein Platz in der Familie mehr (vgl. dazu PISA-Zusatzstudie!).
Eine Offensive elterlicher Erziehung ist überfällig.
Die Schule kann aus sich allein heraus keine Steigerung des Bildungsanspruchs
erzielen, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer erzieherischen Verantwortung
verabschieden. Nach wie vor nimmt zwar der größere Teil der Elternschaft
die erzieherische Verantwortung des Elternhauses ernst. Es ist aber wohlbekannt,
dass häusliche Erziehung heute vielfach unter erschwerten Bedingungen
stattfinden muss. Zugleich kommen vermehrt die Ergebnisse familiärer
Erziehungsdefizite in der Schule an.
Wenn der Anteil der Eltern, die trotz immer größerer
eigener Freizeit bei immer weniger Kindern ureigene Aufgaben an die Schule
delegieren oder die aus Gründen der Bequemlichkeit auf erzieherische
Einflussnahme verzichten, immer größer wird, dann hat die Schule
keine Chance, die Bildungsqualität zu verbessern. Einfach ausgedrückt:
Wenn die häusliche Vorbereitung der Schüler nicht „klappt“, dann
„klappt“ es in der Schule nicht. Eltern sollten deshalb in erster Linie dafür
sorgen, dass ein Kind für die Hausarbeiten und für das Lernen Gewohnheiten
entwickelt. Und grundsätzlich muss die Schule Priorität vor Freizeit-
oder Jobinteressen haben. So einfach ist das.
2. Die Debatte um PISA darf nicht
vergessen lassen, dass Deutschland im Bereich der beruflichen Bildung international
führend ist. Sie darf auch nicht vergessen lassen, dass die beruflichen
Schulen zumindest vorübergehend mit beteiligt werden müssen an
der Kompensation von Defiziten des allgemeinbildenden Schulbereichs.
Mehr als zwei Drittel eines jeden Geburtsjahrgangs besuchen
früher oder später berufliche Schulen. Das Berufsbildungssystem
in Deutschland hat sich in dieser Art bewährt. Die große Zahl
der seit Jahrzehnten nach diesem System qualifiziert ausgebildeten Kaufleute
und Facharbeiter trägt wesentlich zum Leistungsstand der deutschen Wirtschaft
bei. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich in Deutschland
nicht zuletzt wegen dieses Berufsbildungssystems gering, denn dieses System
erleichtert den Übergang vom Bildungssystem ins Beschäftigungssystem
erheblich.
Zugleich kommen in den beruflichen Schulen die mit PISA beschriebenen
Defizite an. Die PISA-Studie hat schließlich aufgezeigt, mit welchen
Voraussetzungen diese Jugendlichen in die Berufskollegs kommen. Besonders
problematisch sind die Voraussetzungen der Jugendlichen im unteren Leistungsbereich,
die zu hundert Prozent Berufskollegschüler werden. Für sie muss
etwas getan werden, und zwar sofort. Berufliche Bildung in den Vollzeitschulen
und in der Berufsschule stellt eine letzte Chance systematischer, berufsbegleitend
wirksamer Kompensation grundlegender Defizite dar. Diese Chance muss als
Konsequenz aus PISA noch besser als bisher genutzt werden. Notwendig sind
daher
die intensive Nutzung
der Möglichkeit erweiterter Stützmaßnahmen in der Berufsschule
mit einer 13. und 14. Wochenstunde;
Differenzierungsspielräume zur bedarfsgerechten Bildung auch kleinerer Lerngruppen mit Stütz- und Förderbedarf;
verbesserte Möglichkeiten
anwendungsorientierter Kompensation durch für die Schüler neue
berufliche Fächer: z. B. durch Nutzung des Faches Textverarbeitung zur
Unterstützung von Deutsch bzw. des Faches Rechnungswesen zur Unterstützung
von Mathematik; dies setzt voraus, dass diese Fächer zumindest im Anfangsunterricht
nicht mit anderen integriert unterrichtet werden;
rationelle Nutzung
der Lernzeit in beruflichen Vollzeitschulen durch frühere Konzentration
auf Defizitkompensation in Verbindung mit beruflichem Lernen an Stelle unnötig
langen Festhaltens an unerreichbaren Zielen der Doppelqualifikation;
Fortbildung der Lehrkräfte in Didaktik für Deutsch als Zweitsprache sowie in neuen Methoden für Lernprozesse.
3. Es kommt nicht auf die Abiturientenquote an.
Es zielt an der Sache vorbei, wenn behauptet wird, eine niedrigere Abiturientenquote
sei ein negativer Standortfaktor. In Bundesländern mit niedrigerer Abiturientenquote
haben eben auch Hauptschüler und Realschüler gute Aussichten, sie
sind durchaus attraktiv auf dem Lehrstellenmarkt. Bezeichnenderweise haben
die beiden innerdeutschen PISA-Spitzenreiter „trotz“ vergleichsweise niedriger
Abiturientenquoten auch die niedrigste Rate an Jugendarbeitslosigkeit. Vermutlich
gilt auch für die Abiturientenquote der Grundsatz, dass sich Quantität
und Qualität reziprok verhalten. Der internationale Vergleich hilft
hier wenig weiter. Es mag durchaus sein, dass die USA und Finnland eine höhere
„Akademisierungsrate“ als die Deutschen haben; aber diese Vergleiche hinken,
schließlich gilt in Finnland und in den USA z.B. auch eine Ausbildung
zur Krankenschwester als ein Hochschulausbildung.
Zentrale Abschlussprüfungen sollten Standard werden in Deutschland.
International ist es das zumindest bei den PISA-Siegern Finnland und Japan
längst. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Erstens und vor allem
bringt eine Zentralprüfung Schwung in eine ganze Schullaufbahn; denn
diese Form des Examens verlangt nach breiter Bildung und nach verbindlichen
Kerncurricula. Inhaltliche Beliebigkeit würde sich bei einer Zentralprüfung
rächen. Zweitens ist ein solches Prüfungsverfahren schlicht und
einfach gerecht, weil es an alle Prüflinge eines Bundeslandes die gleichen
Anforderungen stellt. Drittens sind zentral geregelte Abschlüsse auch
für die „Abnehmer“ von Schulabsolventen transparent; man kann sich darauf
verlassen, dass die Schulabgänger die Lerninhalte in ihrer Breite beherrschen
und nicht nur eine eng geführte Prüfungsvorbereitung hinter sich
haben. Ein vierter Vorteil kommt hinzu: Zentrale Abschlussprüfungen
schweißen Schüler und Lehrer zusammen. Beide wissen ja nicht,
was „drankommt“; das mobilisiert gemeinsame Motivationen. Dass Lehrer bei
der Zentralprüfung selbst mit auf dem Prüfstand stehen und dass
eine solche Prüfung eine schwache unterrichtliche Vorbereitung aufdeckt,
halten Lehrer aus. Ganz abgesehen davon, dass eine Zentralprüfung Tausende
von Lehrern von der Pflicht entbindet, eigenhändig und höchst zeitaufwändig
Aufgaben erstellen zu müssen.
Zentralprüfungen sollte man aber auch - wie in Baden-Württemberg
und Bayern - den Realschulen bzw. Gesamtschulen in den zentralen Fächern
verbindlich abverlangen und den Hauptschulen fakultativ zugestehen. Gerade
für die Hauptschulen wäre dies die große Chance, ihr Ansehen
entgegen dem dümmlichen Gerede von ihr als „Restschule“ aufzuwerten
und ihre Schüler attraktiver für den Lehrstellenmarkt zu machen.
Der „qualifizierte“, zentrale Hauptschulabschluss, den in Süddeutschland
rund 60 Prozent der Hauptschüler zusätzlich erwerben, ist jedenfalls
eine Erfolgsgeschichte.
5. Der Bildungsföderalismus muss gestärkt werden.
Der Kulturföderalismus verhindert Extremlösungen. Deshalb ist es
gut, dass 1978 die Versuche scheiterten, unter dem Motto des „kooperativen
Föderalismus“ mehr Bundeskompetenz im Bildungssystem für sich zu
reklamieren. Nicht umsonst hatte das Bundesverfassungsgericht bereits 1957
die Schulhoheit der Bundesländer zum „Kernstück ihrer Eigenstaatlichkeit“
erklärt. Dieser Föderalismus fördert zugleich das Ringen um
die besten schulpolitischen Wege und das innovative Experiment im kleinen
Rahmen; er korrespondiert insofern mit den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft
- mit Wettbewerb und Subsidiarität. Im Übrigen steht der Kulturföderalismus
bei der Bevölkerung in hohem Ansehen, weil er Bürgernähe und
landsmannschaftliche Verbundenheit garantiert.
Wenn der Föderalismus ausgehöhlt wurde, dann vor
allem durch zwei Entwicklungen: erstens weil sich die Selbstorganisationsgremien
der Bundesländer immer mal nur auf dem untersten Kompromisslevel einigten,
und zweitens weil sich die Länder ureigene Aufgaben vom Bund finanzieren
ließen.
Der Schulföderalismus ist dann der gegenüber einem
Zentralismus Überlegene, wenn die schulpolitische Eigenbrötlerei
vor allem kleinerer Bundesländer endet und wenn der Föderalismus
nicht kultusministeriell kastriert wird. Vor allem wäre zu wünschen,
dass die Kultusminister in entscheidenden Fragen rascher „zu Potte“ kommen
und dass die einzelnen Länder Vereinbarungen zügig umsetzen. Hier
gibt es unrühmliche Beispiele. Als die Kultusministerkonferenz im Jahr
1996 eine neue Abiturvereinbarung verabschiedete, hatte Hamburg die Abiturvereinbarung
der KMK aus dem Jahr 1987 noch nicht einmal verwirklicht.
Es wird Zeit, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) endlich
wieder den föderalen Wettbewerb in Kraft setzt und sich bei Vereinbarungen
über Standards nicht immer nur - zum Beispiel auf Intervention eines
kleinen Bundeslandes - auf dem untersten Kompromissniveau positioniert.
Darüber hinaus wäre das Ersetzen des in der KMK
geltenden Einstimmigkeitsprinzips durch ein Zwei-Drittel- oder Drei-Viertel-Quorum
ein wichtiger Schritt. Dabei wäre eine gewichtete Stimmabgabe wie im
Bundesrat denkbar. Und vielleicht findet sich gelegentlich ein Schulminister,
der eine windelweiche KMK-Vereinbarung platzen lässt. Dann käme
Bewegung in den KMK-Laden. Das föderale Prinzip wäre der Gewinner.
6. Es ist eine Offensive im und für den Lehrerberuf notwendig.
Die Lehrer müssen wieder fordernder werden. Sie dürfen ihren Schüler
durchaus einiges mehr zutrauen, aber auch einiges mehr zumuten. Bildung und
Erziehung heißt auch „in Anspruch nehmen“ (E. Spranger). Vielleicht
sind die Lehrer hier gelegentlich zurückgeschreckt – aus Bequemlichkeit,
oder aus Resignation, weil sie sich oft - ohne Unterstützung von „oben“
- klagewütigen Eltern gegenübersahen. Vor allem aber müssen
die Lehrer einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert bekommen. Wenn sich
führende Leute dieses Landes über Lehrer auslassen, dann muss sich
niemand wundern, wenn die Schule von Kindern nicht ernstgenommen wird. Deshalb
hat Karl Jaspers auch heute noch recht, wenn er 1966 schrieb: Es ist ein
Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer
achtet. Ansonsten wird in den kommenden Jahren etwas anderes diese Bildungsrepublik
viel mehr beschäftigen als es die PISA bislang konnte, nämlich
die Frage, ob man noch genügend Lehrernachwuchs bekommen wird. 300.000
der derzeit 750.000 aktiven Lehrer gehen in den kommenden zehn Jahren in
den Ruhestand. Es ist nicht erkennbar, dass die dadurch entstehenden Lücken
geschlossen werden können. Der Lehrerberuf ist nicht mehr attraktiv
für junge Leute. PISA wird das nicht ändern, sondern eher noch
mehr abschreckend wirken.
7. Bildung ist mehr als PISA.
Es gibt auch eine Schulleistung jenseits von PISA. Dies sei
festgehalten, weil die Gefahr droht, Schulleistung nach PISA nur noch operationalistisch
zu betrachten. Schulleistung ist nicht ausschließlich identisch mit
dem, was PISA misst. Bildung so zu definieren, wäre eine verarmte Vorstellung
von Bildung. Deshalb sind die Durchführung und die Analyse von PISA
selbst noch keine Bildungspolitik. Wir müssen uns in Sachen Bildung
deshalb verstärkt wieder auf den Eigenwert des Nicht-Messbaren besinnen,
denn wir sind in Deutschland mit dem Grundsatz, dass die Schulen Allgemeinbildung
leisten sollen, gut gefahren. Die deutsche Bildungsidee war schon einmal
der Protest gegen den Utilitarismus eines Vernunftzeitalters und gegen das
Leitbild eines allein als Spezialist nützlichen Gliedes der Gesellschaft.
Diese Idee von Bildung ist auch zu Beginn des 21. Jahrhundert nicht überholt,
denn der Mensch ist auch in Zukunft nicht nur der homo oeconomicus.
Bildung ist Lebensorientierung; sie soll dem Individuum helfen,
sich und seine Stellung in der Welt zu verstehen und sich zu verorten. Bildung
bezieht sich deshalb nicht nur auf den Intellekt, sondern auf die Ganzheit
der Persönlichkeit. Bildung ist zudem ein dialektischer Vorgang, nämlich
zugleich einerseits Bindung und Anpassung, andererseits Befreiung von Indoktrination,
von Zwängen und von Zeitgeist.
In im Rahmen eines solchen Verständnisses vermittelt
Bildung neben der Vorbereitung auf berufliche Aufgaben und gesellschaftliche
Verantwortung zugleich Lebensorientierung sowie individuelle und kollektive
Identität. Hier gilt es in der zukünftigen Bildungsdebatte ebenso
anzusetzen wie bei der Frage nach den Möglichkeiten der Verbesserung
zukünftiger PISA-Ergebnisse deutscher Schüler; hier hat auch eine
überfällige Kanon-Debatte quer durch alle allgemeinbildenden Fächer
der Schulen – auch der berufsbildenden – ihre Rechtfertigung. (Vgl. dazu auch die Schrift „Bildung der Persönlichkeit“
der Konrad-Adenauer-Stiftung, Zukunftsforum Politik Nr. 19, November 2000).
Schlussbemerkung
Nach PISA-E geht es darum, die doppelte innerdeutsche Gerechtigkeitslücke
zu schließen, die sich hinter dem innerdeutschen Leistungsgefälle
verbirgt. Es ist schwer vermittelbar, warum junge Süddeutsche offenbar
schulisch mehr leisten, aber dennoch in geringerem Umfang formal höhere
Bildungsabschlüsse erhalten. Umgekehrt ist es schwer vermittelbar, dass
Schüler in Teilen Nord- oder Westdeutschlands offenbar unzureichender
auf ihren nachfolgenden Weg in Berufsbildung oder Studium vorbereitet werden.