DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 11. April 2003

Schulpolitische Ladenhüter

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, über  die IGLU-Studie und das Dilemma deutscher Bildungspolitik


Nun ist also auch die IGLU-Katze aus dem Sack. Deutsche Grundschüler, so diese internationale Schulstudie, liegen im Gegensatz zum unterdurchschnittlichen PISA-Abschneiden ihrer fünfzehnjährigen Landsleute (Platz 20 bis 22) auf einem vorderen Mittelplatz, nämlich auf Platz 11. Tatsächlich aber ist es nur ein Kätzchen, das da aus dem Hut gezaubert wurde. Und nicht einmal dieses wurde ganz gezeigt. Damit wiederholt sich ein Häppchen-Schauspiel wie schon bei PISA 2000: Damals waren über 48.000 Schüler aus 1.479 deutschen Schulen getestet worden; Ende 2001 gab es die internationalen Vergleichsdaten, im Juni 2002 - schulformunabhängig und dann nur bezogen auf die Gymnasien - die innerdeutschen Vergleiche, im März 2003 schließlich Details, etwa zu den Migrantenkindern. Ansonsten harren auch drei Jahre nach der Untersuchung immer noch die Daten der insgesamt mehr als 1.000 Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen ihrer Veröffentlichung. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt!

Nun also IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) bzw. PERLS (Progress in International Reading Literacy Study): Beteiligt sind 35 Staaten. Die ersten drei Plätze beim Lesen nehmen die Schweden (561 IGLU-Punkte), die Holländer (554) und die Engländer (553) ein. Danach folgt im Abstand ein breites europäisches Mittelfeld, darunter Deutschland mit 539 Punkten auf Rang 11.

Dass es diese Studie gibt, ist gut. Denn nach dem Ausleuchten der weiterführenden Schulen mittels PISA (Programme for International Student Assessment) und ab 1995 mittels TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) war der Blick in die Grundschulen überfällig geworden. Dass Deutschlands Grundschulen nun mit IGLU nicht so sehr in die Kritik geraten wie zuvor die weiterführenden Schulen, ist ihnen zu gönnen. Allerdings taugt IGLU auch nicht dazu, um die Grundschulen gegen die weiterführenden auszuspielen. Deshalb vollführt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) nichts anderes als seltsame Verrenkungen, wenn sie meint, IGLU sei der Beweis dafür, dass die Idee der einheitlichen Beschulung überlegen und die Idee des gegliederten Schulwesens gescheitert sei. IGLU taugt nun einmal nicht für die Neuauflage von Ladenhütern wie der acht- oder gar zehnjährigen Einheitsschule. Wissenschaftsminister Hans Zehetmair hatte deshalb schon Recht, als er kürzlich mit Blick auf Bulmahn meinte, Verlierer in Sachen PISA sollten den deutschen PISA-Siegern nicht vorschreiben, wie sie Schule zu gestalten hätten.

Ansonsten sind IGLU- und PISA-Ränge nicht miteinander vergleichbar. Es hat keinen Sinn, das deutsche IGLU-Ergebnis schönzureden. Insgesamt waren nur 15 Nationen zugleich an PISA und an IGLU beteiligt; das ist jeweils weniger als die Hälfte der einzeln an einer der Studien beteiligten Länder. Allein dies ergibt Verzerrungen beim Vergleich von Rangplätzen. Zudem stehen mehrere PISA-Länder auf der IGLU-Skala um bis zu elf Rangplätze schlechter bzw. um bis zu 23 Rangplätze besser da. Bei PISA wurden ferner Fünfzehnjährige unabhängig von der besuchten Klasse getestet, bei IGLU Viertklässer unabhängig vom Lebensalter. Da deutsche Schüler im internationalen Vergleich deutlich später eingeschult werden, hängen die bei PISA getesteten deutschen Schüler schulisch hinterher, während die bei IGLU Getesteten älter sind als ihre Klassenkollegen in anderen Ländern. Wäre bei PISA ebenfalls nach Klassen getestet worden, hätten die Deutschen besser, und wäre bei IGLU nach Alter getestet worden, hätten die Deutschen schlechter abgeschnitten. Aus den unterschiedlichen deutschen PISA- bzw. IGLU-Rängen Schlussfolgerungen zu ziehen, ist unwissenschaftlich und naiv.  

Abwegig ist zudem die Forderung nach einer Verlängerung der Grundschulzeit, weil dagegen Fakten sprechen, die erheblich härter sind als die IGLU-Daten: Alle deutschen Modelle einer verlängerten Grundschule, einer integrierten Orientierungsstufe und einer Gesamtschule sind bislang gescheitert; die nationale empirische Schulforschung bestätigt dies seit Jahrzehnten einhellig. Und: In PISA haben mit Bayern und Baden-Württemberg diejenigen Bundesländer innerdeutsch am besten abgeschnitten, die nach eben nur vier Grundschuljahren die eindeutigste Differenzierung nach Schulformen praktizieren.

Enttäuschend ist schließlich, dass - wie bei PISA - erneut nicht alle Ergebnisse auf den Tisch kamen. Dass es auch bei IGLU ein innerdeutsches Leistungsgefälle gibt, ist zu erwarten. Der Grundsatz wissenschaftlicher Transparenz hätte es geboten, dass jetzt schon veröffentlicht wird, welche Bundesländer bei IGLU vorne und welche hinten liegen. Da dies nicht geschah und auch bei der Veröffentlichung von IGLU-E („E“ = Ergänzungsstudie) zur Jahreswende 2003/2004 nicht zu erwarten ist, kann man vermuten, dass sich in IGLU die Ergebnisse der letzten größeren innerdeutschen Grundschulstudien von 1971 und 1991 bestätigten, nämlich dass es bei IGLU innerdeutsch - wie bei PISA - ein eindeutiges Süd-Nord-Gefälle gibt. Damals hatte Karlheinz Ingenkamp in der Studie „Schulleistungsvergleiche zwischen Bundesländern“ festgestellt: „In den Deutschleistungen befand sich Bayern zu beiden Zeitpunkten auf dem ersten Rangplatz.“ Man darf gespannt sein, wann solches aus IGLU doch noch heraussickert und welche Verrenkungen die Bundesbildungsministerin dann vollführt.

© 2003 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 DL-HomeSeitenanfang