DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der Zeitung "politik und kultur" - Jan. - Feb. 2008

Bildung ist weit mehr als PISA

Verantwortungsgesellschaft und Kulturelle Bildung

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


 
Die schulpolitische Debatte in Deutschland ist unter dem Diktat von PISA-Tabellen und OECD-Statistiken völlig außer Tritt geraten. Sie mag noch so auf Aktionismus machen, eines kann sie nicht verhehlen: Diese Debatte ist inhaltsleer geworden. Schule ausschließlich oder auch nur in erster Linie an PISA-Statistiken und OECD-Quoten zu orientieren, das ist kulturelle Verarmung, das ist Reduktionismus. Denn die OECD erfasst mit PISA nur das wirtschaftlich – vermeintlich? – Verwertbare. Dabei misst der von der OECD koordinierte Test nur einen minimalen Ausschnitt des Lern- und Bildungsgeschehens in unseren Schulen.
 
Wir brauchen gegen dieses flache Denken in Kategorien des Nützlichen aber eine Re-Kultivierung unserer Gesellschaft und zumal unseres Bildungsgeschehens. Dazu wäre endlich eine verstärkte Bildungsdebatte in Fächern zu wünschen, in denen es nicht nach reinen Messbarkeits- und Effizienzkriterien gehen kann: in den Sprachen sowie in Geschichte, in Sozialkunde/Politik, Religion/Ethik, Kunst, Musik, Sport.
 
Es gibt gerade in diesen Fächern viele nicht messbare, aber wertvolle Mitnahmeeffekte für die Gesamtpersönlichkeit und für den persönlichen kulturellen Horizont. Bedenken wir: Die heute als modern ausgegebene Ideologie des „anything goes“, die Beliebigkeit und nicht zuletzt die öffentliche Entwertung traditioneller Sinnbezüge als „unmodern“ hinterlassen bei vielen Menschen Orientierungslosigkeit. Man spürt: Orientierung lässt sich nicht von irgendeiner Homepage „downloaden“.
 
Identität kommt auch kaum aus PISA-gemäßen „skills“, sondern vor allem aus der „Er-Innerung“ des Kulturellen und aus der Partizipation am Kulturellen. Das ist übrigens der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen Gegenwart und zu einer gleichgeschalteten Kulturpolitik neigen. Kulturelles Er-Innern und kulturelle Partizipation sind damit Chance des Widerstands und der befreienden Kraft gegen Indoktrination. Eine Erziehung und Bildung ohne das Kulturelle wären schließlich eine Verweigerung von Identität und damit alles andere als Persönlichkeitsbildung.
 
Zeichen von Ungebildetsein dagegen ist es, dies zu vergessen und sich einem Absolutismus der Gegenwart zu überlassen. Deshalb stellt Josef Pieper zu Recht fest: „Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden. Er kommt nicht allein dadurch zu Schaden, dass er das Hinzu-Lernen versäumt, sondern auch dadurch, dass er etwas Unentbehrliches vergisst und verliert.“ Mit Manfred Fuhrmann könnte man auch sagen: Wer die Antike, der 60 Prozent der Stoffe der Dramen und Opern entstammen, nicht kennt, der steht vor Literatur und Musik vielfach wie einer, der sich jeden Witz erklären lassen muss. (Das Gleiche gilt für den, der die Bibel nicht kennt.)
 
Der unbehauste Mensch jedenfalls wird die Beliebigkeit und Oberflächlichkeit des „global village“ nur dann aushalten, wenn er Geborgenheit in Kultur, Geschichte, Tradition, Sprache und Nation findet. Und er wird nur dann seine Trendanfälligkeit sowie seine Froschperspektive überwinden, wenn er beherzigt, was der Frühscholastiker Bernhard von Chartres (um 1120) meinte, als er riet: „Mit unserem begrenzten Erkenntnisvermögen sind wir alle Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können auch Zwerge weit schauen.“ Das heißt: Die Geschichte der Menschheit und ihr Wissen, unsere Vorfahren und deren Kulturen – das sind die Schultern von Riesen, auf denen wir Zwerge weit sehen können. Oder in den Worten Schleiermachers: Unser Gedächtnis ist ein Teil unserer Selbsterkenntnis.
 
Bildung darf deshalb nicht bloß für andere Zwecke instrumentalisiert werden, sonst ist sie „nur“ Qualifizierung. Das humanistische Aufbegehren gegen eine solche Einengung kennen wir schon seit Platon. Sein Verdikt richtete sich damals gegen die Sophistik und deren Brotkunst. Bildung aber hat einen übernützlichen Wert, wenngleich dies einem Paradoxon gleichkommt. Dieses Paradoxon besteht darin, dass das Übernützliche im Moment zwar potentielle Produktivität kostet, sein Nutzen aber darin besteht, dass das Nachdenken, dass Muse (die Göttin) und Muße (der Müßiggang) im Endeffekt höchst produktiv für den Einzelnen und das Gemeinwesen sind.
 
Ebenfalls paradoxerweise sind es genau diese humanistischen Revolten gewesen, die auch im naturwissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Bereich die Grundlage für den Aufstieg Europas waren. Thomas Nipperdey (in: Deutsche Geschichte 1800 - 1866) war hier zu dem Ergebnis gekommen: Die großen deutschen Naturwissenschaftler seien Zöglinge (und Verteidiger) dieses Gymnasiums gewesen .... Man denke etwa an Werner Heisenberg (1932 erhielt er den Physik-Nobelpreis), der von sich und seinen Studenten sagte, die humanistische Bildung befähige in besonderem Maße zum logischen und zum schöpferischen Denken.
 
Dem bildungspolitischen Papier der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 16. November 2000 ist jedenfalls uneingeschränkt zuzustimmen; dieses Papier trägt den Titel „Tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung“. Darin wird eindeutig Kritik geübt an einem „Totalitarismus neuen Typs“, nämlich dem „subjektlosen Funktionalismus“, der auch die Bildung erobere.
 
Was wüsste der Altphilologe Nietzsche, der Verkünder des Dionysischen, zu dieser Debatte beizutragen? Zu einer Schule der permanenten Reform-Hektik würde er sagen: „Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch.“ Und er würde sagen: Schule kann keine Schule sein „am Pflock des Augenblicks.“
 
Wie Nietzsches Zeit scheint aber auch die unsere geprägt von einem Primat des Materialismus, Empirismus, Ökonomismus und Utilitarismus. Dementsprechend rechnet er es 1872 im ersten seiner Vorträge „Über die Zukunft der Bildungsanstalten“ zu den beliebtesten nationalökonomischen Dogmen, den möglichst großen Geldgewinn als Zweck der Bildung auszugeben. Wörtlich: „Dem Menschen wird nur soviel Kultur gestattet, als im Interesse des Erwerbs ist.“
 
Eine Reduktion von Bildung aber auf das Marktgängige bedeutete einen Verlust an kulturellen Optionen, an konkreten Denk-Spielräumen und an bereichernden Fremdheits-Erfahrungen (Aleida Assmann, 2003). Bildung kann ansonsten nicht eigentlich zweckgebunden sein. Denn – so Hans-Georg Gadamer – Bildung kennt, so wenig wie die Natur, außerhalb ihrer selbst gelegene Ziele (in: Wahrheit und Methode). Darin übersteigt – so Gadamer weiter – der Begriff der Bildung den der bloßen Kultivierung vorgegebener Anlagen.
 
Deshalb: Erhalten wir uns doch bitte das, was Schulbildung neben dem Funktionalen auch ausmacht und was PISA weit transzendiert: Literaturunterricht, freies Gestalten, Chor, Orchester, Bigband, Theatergruppe, Kleinkunst, Schulsportmannschaft, Weihnachtsbasar, Partnerschaften u.v.a.m. Es geht um kulturelle Bildung und um die Bildung der Persönlichkeit. Im Lande eines Bach und Beethoven, eines Kant und Hegel, eines Goethe und Schiller sollte man das nicht vergessen.
 
Auch mit dem Kanon-Gedanken sollten wir uns wieder anfreunden – mit dem Gedanken also, dass es in den kulturell besonders relevanten Fächern wie Deutsch, Fremdsprachen, Musik und Kunst einen Grundbestand an Werkkenntnis geben muss ... Übrigens auch deshalb geben sollte, weil kanonisches Wissen eine unverzichtbare Kommunikationsgrundlage ist und weil ein zu schmales Wissen (ein Wissen unter aller „Kanone“) anspruchsvolle Kommunikation erst gar nicht entstehen lässt.
 

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