DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Kolumne aus dem "Handelsblatt" vom 28. November 2008

Der PISA-Kult

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Seit PISA 2000 hat die schulpolitische Debatte in Deutschland – und zwar nur hier – etwas Sakrales und Kultisches an sich. Kultisch ist die Debatte, weil es nur wenige vermeintlich Eingeweihte gibt, die glauben, die Liturgie der PISA-Debatte oktroyieren zu können. Wie auch immer irgendwelche PISA-Ergebnisse international oder national ausfallen mögen, die Reaktion bei den Hohepriestern der PISA-Exegese ist immer die gleiche: Das deutsche Schulwesen sei schlecht, weil es versäume, Unterschiede einzuebnen. Eine fromme PISA-Gemeinde hat das gefälligst nachzubeten. Die Eingeweihten selbst – in der Regel sitzen sie in einem OECD-Büro in Paris oder in bestimmten Redaktions- und Parteibüros - sind umgeben von einer Aura des rauschhaft Mystischen; nur sie können die PISA-Geheimnisse entschlüsseln, nur sie verfügen quasi über das Evangelium, ja die frohe Botschaft – als da sind: Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule, Privatschule.

Sigmund Freuds Diktum von Religion als universeller Zwangsneurose liegt hier nicht falsch. Zwanghaft an der real existierenden Schuldebatte ist jedenfalls der Eifer, mit der sie ritualisiert ist. PISA ist nicht mehr Erkenntnis, sondern pseudoreligiöses Erlebnis. Der Glaube an PISA und an das, was dort hineinprojiziert wird, ist schulpolitischer und schulpädagogischer Religionsersatz geworden. Aber das schulische Paradies winkt: Beschleunigen glaubt man den Zugang dorthin zu können, indem man den Untergang herbeiredet - und indem man Mythen und Legenden darbietet. Finnland ist darob zum Pilgerland geworden. Sachsen könnte es jetzt werden. Zwar will man wie Robespierres Jakobiner die „heilige Gleichheit“. Aber wenn denn einmal einer gleicher ist als die Gleichen und wenn sich dies nicht mit Kriterien der politischen Korrektheit beißt, dann taugt er schnell zur Projektionsfläche zivilreligiöser Vorstellungen nach dem Motto: So müssten aber jetzt aber rasch alle werden. Ungleichheit sei schließlich ungerecht, und gerecht sei nur Gleichheit.


© 2008 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang