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Interview mit Josef Kraus aus "Freie Welt" vom 24. Juni 2009
Kindern Kreativität ermöglichen
Josef Kraus ist
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Oberstudiendirektor an einem Gymnasium
in Bayern und Diplom-Psychologe. Der Bundesverdienstkreuzträger schreibt
regelmäßig für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen und hält für den SWR und
RBB Vorträge. Auf dem Symposium „Bindung, Bildung, Innovation!“ am 29. Juni 2009
wird er zum Thema „Kreativität braucht Zeit“ referieren.
FreieWelt.net
sprach mit Josef Kraus über Zeit, Kreativität und seine Forderungen an die
Politik.
FreieWelt.net: Herr Kraus, räumen wir unseren Kindern zu wenig Zeit
ein, sich kreativ zu entfalten?
Josef Kraus: Teilweise leider
schon! Ob ein Kind Gelegenheit bekommt, sich kreativ zu entfalten, das hängt im
ersten Lebensjahrzehnt sehr von den Eltern ab. Eltern, die ihren Kindern nichts
anderes als mediale Reize bieten, aber auch Eltern, die ihre Kinder schon im
Kindergarten- und Grundschulalter managementmäßig verplanen und von einem
Förderprogramm ins nächste jagen, verhindern eine kreative Entfaltung. Damit
sind unwiederbringlich Chancen vertan, denn später, in den weiterführenden
Schulen, werden die jungen Leute ohnehin mehr und mehr einem
Beschleunigungsdenken, einer Nützlichkeitsideologie und einer ganztägigen
Verplanung unterworfen. Da bleibt viel von dem für Kreativität notwendigen Frei-
und Spielraum auf der Strecke.
FreieWelt.net: Gerade erst hat man sich auf die deutschlandweite
Einführung des Abiturs nach 12 Jahren geeinigt. Bleibt da noch Zeit für
Kreativität?
Josef Kraus: Das Gymnasium verstand sich gottlob
immer auch als eine Stätte umfassender kultureller Bildung. Die obendrein
kopflos eingeführte Verkürzung des Gymnasiums auf das so genannte G8 (in manchen
Bundesländern ist es wegen einer dort etablierten sechsjährigen Grundschule nur
ein G6) hat gerade im Bereich der kulturellen Bildung manches kaputt gemacht.
Viele Gymnasiasten sind zeitlich jetzt so sehr in Anspruch genommen, dass sie
für Schultheater, Kleinkunst, Chor, Orchester, Bigband, Instrumentalunterricht,
Sport-AG, Wettbewerbs- und Experimentiergruppen keinen Nachmittag mehr
freihaben. Wiewohl die Lebenserwartung ständig steigt, unterwerfen wir die
Menschen, gerade auch unsere jungen Leute, immer mehr einem
Beschleunigungswahn.
FreieWelt.net: Wie entscheidend ist die Herausbildung von Kreativität
für die Entwicklung und die Zukunft unserer Kinder?
Josef
Kraus: Kreative Potentiale zu entfalten, das ist für jeden Einzelnen
wie auch für ein Gemeinwesen unerlässlich. Menschen, die ihre Kreativität nicht
ausleben und entwickeln können, werden eindimensional, sie werden zu Automaten,
sie verkrusten. Dass jedes Gemeinwesen nicht nur einige wenige herausragende
kreative Köpfe, sondern die Kreativität von Millionen braucht, dürfte auch
jenseits von Sonntagsreden Gemeingut sein. Für die meisten Länder in Europa
gilt: Ohne die Innovationsfähigkeit und ohne die Innovationsbereitschaft von
Millionen fallen wir zurück. Der Sozialstaat wäre übrigens der erste, der einen
solchen Rückstand schmerzlich zu spüren bekäme. Das heißt auch: Wir müssen den
von vielen immer noch gepflegten Affekt gegen kreative
Eliten
ablegen.
FreieWelt.net: Wie
können Eltern bzw. Lehrer die Kreativität ihrer Kinder wecken, fördern und
weiterentwickeln?
Josef Kraus: Hier gibt es keine
Patenrezepte, aber ein paar Grundsätze. Erstens sollen die Erwachsenen
hinsichtlich Neugier, Wissensdurst und Experimentierfreude Vorbild sein.
Zweitens sollten Eltern ihren Kindern vielfältige Angebote machen, mit ihnen
reisen, Museen und Bibliotheken besuchen, lesen, vorlesen, erzählen,
diskutieren, sporteln, basteln - aber nichts aufdrängen. Drittens sollten sie
ihren Kindern unstrukturierte, unverplante Zeit gönnen.
FreieWelt.net:
Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang
von der Politik?
Josef
Kraus: Zweierlei: Zum einen muss vor allem die Bildungspolitik ihren
Wahn der permanenten Beschleunigung von Bildungsabläufen inkl. einer immer
früheren Einschulung und ihren Wahn totaler Ganztagsverplanung unserer Kinder
ablegen. Zum anderen muss die Bildungspolitik aufhören mit ihrer Illusion, der
mühsame Erwerb konkreten Wissens und Könnens sei ersetzbar durch die Vermittlung
von allgemeinen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen. Vielmehr gilt auch
hier der alte Edison: Zehn Prozent von Kreativität sind Inspiration. Neunzig
Prozent sind Transpiration. Will sagen: Man muss sich viel an Wissen und Können
aneignen. Aus der Gesamtschau heraus entsteht dann eben auch
Kreativität.
Das Interview führte
Christoph
Kramer
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