DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 27. Februar 2003

STOPP KOOP! / Vor 25 Jahren verhinderten Bürger in NRW die "Kooperative Gesamtschule".

Mal wieder nichts dazugelernt?

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Als am 1. März 1978 an Rehin und Ruhr die Einschreibungslokale für ein Volksbegehren schlossen, war klar: 3,6 Millionen Bürger Nordrhein-Westfalens, genau 29,9 Prozent der Wahlberechtigten, hatten der „Kooperativen Gesamtschule“ eine heftige Absage erteilt. Da das verfassungsrechtlich vorgeschriebene 20-Prozent-Quorum mehr als erreicht war, hatte die NRW-Landesregierung nunmehr die Pflicht, bei Weiterverfolgung der „Koop“-Ziele eine Volksabstimmung herbeizuführen. Wir wissen: Sie steckte zurück.

Die „Koop“ war freilich das Prestigeobjekt der damaligen SPD/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsidenten Heinz Kühn (SPD). Mit dieser Schulform sollten Hauptschule, Realschule und Gymnasium unter gemeinsamer Leitung organisatorisch zusammengefasst und in den Klassen 5 und 6 eine schulformübergreifende Orientierungsstufe mit dem dezidierten Ziel etabliert werden, über kurz oder lang aus allen Jahrgängen der Sekundarstufe I (fünfte bis zehnte Klasse) eine integrierte Gesamtschule zu machen.

Maßgeblicher Akteur seitens der SPD war indes nicht Heinz Kühn, der ein halbes Jahr nach diesem Desaster sein Amt an Johannes Rau abgab; besonders hervor taten sich Schulminister Jürgen Girgensohn, Landesvorsitzender und Wissenschaftsminister Rau sowie FDP-Innenminister Burkhart Hirsch. Rau versuchte sogar, das „Stopp-Koop“-Begehren als Aktion „reicher Leute“ abzutun. Ihm und seiner Gefolgschaft trat ein bürgerliches Bündnis entgegen, das vor allem aus rund 15 Organisationen der Eltern- und Lehrerschaft bestand. Aktive Unterstützung erfuhr es durch die katholische Kirche - nicht zuletzt in Hirtenworten von der Kanzel -, in Einkaufszonen, in Kinderarztpraxen und an vielen anderen Orten mehr. Und natürlich stärkte die CDU der Bürgeraktion aus grundsätzlichen, aber wohl auch aus eigennützigen Erwägungen den Rücken.


Das Ergebnis vom 1. März 1978 schlug ein wie eine Bombe, denn niemand – weder Befürworter noch Gegner der „Koop“ - hatte mit dieser Mobilisierung gerechnet. Die SPD und ihre Gefolgsleute hatten schließlich vielerorts nichts unterlassen, um den Bürgern die Unterschrift zu erschweren und kritischen Lehrern einen Maulkorb umzuhängen. In Essen beispielsweise mit seinen mehr als 500.000 Wahlberechtigten gab es ganze 14 Eintragungsstellen. Gleichwohl war das Ergebnis vernichtend für „Koop“. Die SPD/FDP-Koalition verzichtete denn auch darauf, ihr "Koop"-Gesetz zur Volksabstimmung zu stellen; das Ergebnis wäre wohl noch schmerzlicher ausgefallen.

Für die SPD war es aber ganz offenbar nur der Verlust eines Tagesetappe. Die Rücknahme ihres Gesetzentwurfes erfolgte am Ende nicht aus Einsicht, sondern aus Kalkül. Wenige Wochen nach der „Koop“-Niederlage beschloss die SPD auf einem außerordentlicher Parteitag, für die Landtagswahlen 1980 den Ausbau der integrierten Gesamtschule (IGS) zu einem Kernpunkt zu machen. 1981 wurde die IGS zur vierten Regelschule. Aus 30 integrierten Gesamtschulen der siebziger Jahre wurden nach und nach mehr als 200. Selbst unterhalb des Legislativen wird seitdem kräftig in Richtung IGS-Idee gearbeitet: durch „Öffnung“ und „Autonomie“ von Schule. Gleichwohl blieb NRW ein Land mit gegliederter Schulstruktur: derzeit mit mehr als 800 Hauptschulen, gut 500 Realschulen und 600 Gymnasien.

Und die CDU? Sie war in der Legislaturperiode von 1975 bis 1980 mit 47,1 Prozent stärkste Landtagsfraktion, ehe sie im Jahr 1980 – schwer getroffen vom plötzlichen Tod ihres Spitzenkandidaten Heinrich Köppler - auf 43,2 Prozent rutschte und die SPD mit 48,4 Prozent in eine Alleinregierung (die FDP war an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert) vorbeiziehen sah. Die Union erlebte damals als Sympathisant einer großen Bürgerbewegung zum vorläufig letzten Mal in NRW glanzvolle Zeiten; mittlerweile hängt sie um die 35 Prozent, und ihr heutiger Spitzenmann Jürgen Rüttgers ist offenbar bemüht, mit der Gesamtschule Frieden zu schließen.

Dazugelernt hat also wohl niemand. Und so werden denn demokratische Willenskundgebungen wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus drei Jahrzehnten unvermindert vom Tisch gewischt. Selbst nach dem permanent miserablen Abschneiden deutscher Gesamtschulländer wird stets aufs Neue das Hohe Lied auf die Gesamtschule angestimmt.

Dabei findet gerade auch in Gesamtschulländern eine hochgradige soziale Selektion über die Schulbildung statt. Schulbildung hängt beispielsweise in Frankreich, Großbritannien und Japan vom Geldbeutel der Eltern ab. Zu den Ländern mit den schlechtesten PISA-Ergebnissen gehören Gesamtschulländer wie Mexiko und Brasilien.

Deutschlands Gesamtschulen liegen sowohl in der TIMS-Studie 1997 wie auch in der BIJU-Studie 1998 (Herausgeber: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) - trotz um  30 Prozent besserer Finanzausstattung – weit, nämlich bei Zehntklässern zwei Jahre, hinter den Realschulergebnissen zurück, wiewohl beide Populationen soziologisch voll vergleichbar sind. Laut PISA-Studie sind sogar die Schulleistungen der Migrantenkinder in Bundesländern mit gegliederter Schulstruktur besser als die Schulleistungen von deutschen Schülern in Bundesländern mit Gesamtschulstrukturen. Die jüngst verbreiteten angeblichen Spitzenergebnisse zweier Gesamtschulen in Wiesbaden und Bielefeld sind absolute – und vermutlich absichtliche – Falschmeldungen!


25 Jahre „Stopp Koop“ sollten also Anlass genug sein, endlich mit Legenden und mit Propaganda aufzuräumen.

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