DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Aus DIE ZEIT vom 27. März 2008
Schulsponsoring
Lernziel Konsum
Aktionstage, Arbeitsmaterial und Sporttrikots:
Immer ungenierter richten Unternehmen ihre PR-Strategien auf Schüler aus
Von Tina Rohowski
Auf dem Tisch liegen ein Apfel, ein Butterbrot und eine Tüte Kartoffelchips.
Die Schüler der fünften Klasse sollen entscheiden, welches Nahrungsmittel sie am
liebsten mögen. Wer zur Chipstüte greift, wird dafür nicht gerüffelt. »Du kannst
alles genießen, was du möchtest«, sei die Botschaft dieser Aktion, sagt Harald
Stoffels. Er ist kein Pädagoge, sondern PR-Manager der Firma Intersnack, die
Knabberkram wie funny-frisch, Pom-Bär und Chio Chips herstellt und seit 2004
auch bundesweit Schulkurse anbietet – eine Mischung aus Ernährungsberatung und
Fußball-AG, in diesem Fall an einer Schule in Nordrhein-Westfalen. Den Kindern,
sagt Stoffels, wolle man vermitteln, dass Übergewicht nicht vorrangig mit
falscher Ernährung, sondern mit mangelnder Bewegung zusammenhänge.
Gesponserte Kurse und Projekttage, Lehrerfortbildungen, Kopiervorlagen,
Arbeitsmappen – derlei Angebote landen in den vergangenen Jahren immer häufiger
auch bei Josef Kraus, Schulleiter in Bayern und Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes. Früher sei vielleicht einmal im Jahr eine Broschüre von einem
Arbeitgeberverband gekommen, sagt Kraus, der seit den siebziger Jahren als
Pädagoge arbeitet. Heute würden Lehrer von Unternehmen, Branchenverbänden und
PR-Agenturen »mit Briefen überschüttet«.
Lehrer sollen Unterrichtsmaterial auf dem Sponsoringmarkt
besorgen
Arbeitsblätter der Mineralwasser-Hersteller erklären, warum Trinken im
Unterricht erlaubt sein sollte – und fordern die Schüler auf, einen
»Getränkedienst« zu organisieren, der Kauf und Transport der Wasserflaschen
übernimmt. Ein Kaugummiproduzent berichtet in Kau dich schlau!, einer
»fachübergreifenden Unterrichtsmappe für die Sekundarstufe 1«, von den Vorteilen
des Produktes, die ein firmeneigenes »Science Institute« ermittelt habe.
Kaugummi stimuliere die Hirnaktivität, erhöhe die Gedächtnisleistung und
vermindere Versagensängste, heißt es darin. Tourismusverbände und
Bahnunternehmen laden zu Klassenreisen. Andere Angebote versprechen großzügig
Laptops, Sporttrikots oder Gebäudesanierungen.
Das Material sei in den meisten Fällen »inhaltlich einseitig« und »die
Werbeabsicht eindeutig«, sagt Schulleiter Kraus. Die Hersteller versuchten, »die
Autorität der Institution Schule für ihre eigenen Botschaften zu nutzen«. In den
Broschüren häuften sich Professoren- und Doktortitel sowie Quellenverweise auf
in- und ausländische Großstudien, mit deren Hilfe die Pädagogen von der
Neutralität und Hochwertigkeit des Materials überzeugt werden sollten, sagt
Kraus. Ihn ärgere zudem, dass Politiker auf den Zug aufsprängen und
Kultusministerien für solche Aktionen trommelten. Um öffentliche Gelder zu
sparen, werde den Schulen empfohlen, »sich Geld oder Sachmittel auf dem
Sponsoringmarkt zu besorgen«. Regionen, in denen die Schulträger mit knappen
Ressourcen kalkulierten, so Kraus, seien »besonders anfällig, dann das Türchen
aufzumachen«.
Die Sportkurse von Intersnack haben bislang an etwa 1.500 Schulen
stattgefunden, wobei der Chipsproduzent Lehrer fortbildete, Materialien
sponserte und Reisekosten übernahm. Mit dem Programm namens »Fit am Ball«, sagt
Unternehmenssprecher Stoffels, wolle man aber »nicht werben, sondern aufklären«.
Die Kurse seien vor fünf Jahren entwickelt worden. Eine Studie der
Weltgesundheitsorganisation habe damals vor Übergewicht als der »größten
nichtansteckenden Epidemie der Welt« gewarnt. »Das Thema kochte in den Medien
hoch, die Politik stieg ein. Süßwarenindustrie, Fast-Food-Ketten und
Chipshersteller standen am Pranger«, erzählt Stoffels. Seitdem solle »Fit am
Ball« verhindern, dass »Kinder ihr Ernährungsverhalten zu verkopft angehen«.
Die Snackhersteller, so lautet dagegen die Einschätzung der Organisation
Lobbycontrol, wollten, dass Schüler mehr Sport treiben, dafür weiterhin in die
Chipstüte greifen dürfen und der Lebensmittelbranche so harte politische
Entscheidungen erspart bleiben. Für Ulrich Müller, Vorstand von Lobbycontrol,
verfolgen Unternehmen und Verbände durch das Engagement an Schulen vor allem
drei Ziele: Erstens werde eine frühe Kundenbindung angestrebt. Zweitens gehe es
bei den Aktionen um Imagepflege bei Kindern, Lehrern, Eltern und einer an
Bildung interessierten Öffentlichkeit. Mit Schulaktionen erreiche man, so
Müller, »große Multiplikationseffekte«. Und drittens zielten vor allem die
Themenmappen darauf ab, »gesellschaftliche Diskussionen oder sogar politische
Entscheidungen zu beeinflussen«. Neben Unternehmen drängten auch
Interessenverbände, Thinktanks oder andere Lobbyakteure mit ihren Themen in die
Schulen. Ihre Arbeitsblätter zum Thema Mindestlohn oder schlanker Staat
vermittelten jedoch »nur scheinbar ausgewogene Inhalte«, sagt Müller.
Besonders aktiv seien neben der Nahrungsmittelbranche Energiekonzerne und
Finanzwirtschaft. Schülerhefte zum Thema Zukunftsvorsorge, die der Bundesverband
der Investmentbranche (BVI) jährlich in einer Auflage von 250.000 Exemplaren
druckt, appellieren an die Gymnasiasten: »Je früher Sie mit der privaten
Vorsorge beginnen, desto besser! Jedes Jahr zählt!« Als Hausaufgabe sollen die
Schüler »Vorsorgeprodukte recherchieren«, Renditechancen vergleichen und die
Eltern fragen, ob sie privat fürs Alter vorsorgen. »Wir wollen zur finanziellen
Allgemeinbildung beitragen«, sagt Gabriele Wetzel vom BVI. Ein Arbeitskreis des
Verbandes habe ermittelt, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen
Industrienationen weniger Menschen auf Privatrenten und Fondssparen setzten. Um
diese Zahl zu erhöhen, müsse man »mit der ökonomischen Aufklärung bei der Jugend
anfangen«. Viele Lehrer seien sehr dankbar für das Angebot, meint Wetzel. Denn
von ihnen werde die Vermittlung immer neuer gerade aktueller Themen verlangt,
für die es oft nicht genug Unterrichtsmaterial gebe.
Schüler fühlen sich von Firmen für die Imagepflege
missbraucht
Auch Ulrike Röttger, Professorin für Public Relations und Expertin für
Sozialkampagnen, verteidigt das Firmenengagement an Schulen. »Einerseits werden
Konzerne, die als Sponsoren oder mit eigenen Projekten auftreten, dafür
kritisiert«, sagt die Münsteraner Kommunikationswissenschaftlerin. »Aber wenn
sie sich gar nicht engagieren, ernten sie auch Vorwürfe.« Dabei käme die
Nachfrage nach Material oder Kooperationen oft von den Bildungsinstitutionen
selbst. Viele Unternehmen oder Verbände in Deutschland hielten sich mit
Aktivitäten im Bildungsbereich zurück, weil sie negative Reaktionen darauf
befürchteten. In den USA oder in Großbritannien sei ein solches Engagement
dagegen »weitverbreitet und allgemein akzeptiert«. Es gebe auch gute Beispiele
von Firmen, die »neutrale Botschaften« verwenden würden, sagt Röttger. »Statt
nur eigene Themen oder Produkte zu lancieren«, würden sie transparent machen,
von wem das Material komme, Platz für Diskussionen oder abweichende Meinungen
lassen und die Ziele der Schule unterstützen.
Die Schüler selbst sehen diese Kriterien bei den gelieferten Bildungsinhalten
nicht immer erfüllt. »Wird unsere Schule instrumentalisiert für diese
Imagekampagne?«, fragten beispielsweise Gymnasiasten in Hamburg, nachdem der
Energiekonzern Vattenfall dort im November erstmals mit seiner rollenden
»Klimaakademie« haltgemacht hatte. Der Vorwurf: Mit Infobus, Umweltquiz und
großer Pressekonferenz in der Schule versuche der Konzern, sich einen grünen
Anstrich zu geben. Die Gymnasiasten riefen ihre Mitschüler auf der Schulhomepage
dazu auf, sich über die Klimapolitik und den Einsatz fossiler Energieträger bei
Vattenfall zu informieren, »damit unsere Schule nicht zur Werbefläche verkommt«.
Die »Klimaakademie« tourt inzwischen in Berlin und Brandenburg. Trotz der in
Hamburg vorausgegangenen Proteste sähen das Kollegium und die Schüler »keinen
Grund zur Skepsis«, sagt Werner Schuster-Bentin, Leiter eines Berliner
Ausbildungszentrums, wo der Vattenfall-Bus in der vergangenen Woche Station
machte. Die Lehrer hatten das Energieunternehmen selbst um den Besuch gebeten.
Den Klima-Unterricht von Vattenfall habe man »in den regulären
Ausbildungsbetrieb integriert«, sodass alle Azubis, in Kleingruppen eingeteilt,
stundenweise in den Bus geschickt wurden. Für die Schüler biete der Aktionstag
»eine sehr aufwendig aufbereitete Unterrichtseinheit«, sagt Schuster-Bentin. Das
sei »eben mal etwas anderes«.
Bildung als Event – Josef Kraus bleibt skeptisch: Als Präsident des
Lehrerverbandes rate er den Schulen, die Angebote genau zu prüfen und zu
filtern. »Nicht jede Unterrichtsmappe ist schlecht, und nicht jede
Betriebsbesichtigung muss gestrichen werden«, sagt Kraus. Je jünger die Kinder
seien, desto eher sollte aber auf den Einsatz von externen Materialien
verzichtet werden: »Auch die Eltern erwarten ja, dass wir nicht alles auf die
Kinder einprasseln lassen.« Bei seinen älteren Schülern jedoch habe er noch eine
andere Einsatzmöglichkeit entdeckt, sagt Kraus: Um heutige Marketingstrategien
zu analysieren, sei das Material ganz brauchbar.
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