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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 20. Oktober 2005
WARTEN AUF PISA
Anfang
November sollen erstmals die Ergebnisse aller Schulformen
veröffentlicht werden. Das könnte das Aus für die
Gesamtschulen bedeuten, die nach Recherchen des RM kaum besser als die
Hauptschulen punkten
Hohe Zeit für Konsequenzen
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die
Diskussion um PISA hat schon manch seltsame Blüte sprießen
lassen. Schon im
August 1999, also knapp ein Jahr vor dem ersten PISA-Test, hatten
sozialldemokratische und gewerkschaftliche Kräfte gemeint,
Deutschland dürfe sich gar
nicht an der Studie beteiligen, denn der innerdeutschen
Vergleich werde die Unterlegenheit der Gesamtschule und die
Überlegenheit des
gegliederten Schulwesens dokumentieren. PISA kam trotzdem, und die
Ergebnisse
waren wie befürchtet: Mit Bayern, Baden-Württemberg und
Sachsen lagen drei Länder
vorn, die gegliederte Schulsysteme haben. Die zweite PISA-Runde, 2003,
brachte das gleiche Ergebnis; hier war Bayern mit
seiner ausgeprägten differenzierten Schulstruktur das einzige
deutsche Land,
das nah an den so genannten PISA-Sieger Finnland herankam.
Bei PISA
2000
wurden mehrere innerdeutsche Schulvergleiche erst gar nicht
vorgenommen, obwohl eine hinreichende Datenbasis vorgelegen hätte.
Unter anderem wurde darauf verzichtet, die Ergebnisse der
Bundesländer nach
Realschule, Gesamtschule und Hauptschule auszudifferenzieren.
Dargestellt wurden nur die landesspezifischen Daten der zirka 400
beteiligten Gymnasien. Das bedeutet, dass die Leistungenvon rund 1000
der insgesamt 1400 getesteten Schulen nicht nach Schulformen und
Bundesländern
differenziert wurden. Ein Politikum! Die Angst der SPD und etlicher
Schulpädagogen vor der Wahrheit diktierte, was bekannt werden
durfte. Mit den Ergebnissen seiner Gymnasien konnte sich jedes Land
halbwegs sehen lassen, mit denen seiner anderen Schulformen wollte
nicht jeder konfrontiert werden. Die landesspezifischen Daten der
Real-,
Gesamt- und Hauptschulen blieben bei PISA 2000 also unter Verschluss –
angeblich, weil sie nicht über die sechzehn Länder hinweg
vergleichbar seien.
Starke Gymnasien
Mit den
Daten der Erweiterungsstudie zu PISA 2003 schien es zunächst
genauso zu kommen: Die Ergebnisse der Gymnasien
sollten landesspezifisch aufgelistet werden, die der anderen
Schulformen nicht. Verantwortlich für diese Verschleierung
waren bis in den September 2005 hinein vor allem die SPD-geführten
Kultusministerien in Brandenburg und Schleswig-Holstein. Wieder
argumentierten sie damit, dass die nichtgymnasialen innerdeutsch kaum
vergleichbar seien. Welch
seltsame Logik! Immerhin vergeben diese Schulformen deutschlandweit die
gleichen Zertifikate und Berechtigungen: die mittlere Reife bzw. den
Hauptschulabschluss. PISA könnte hier zumindest belegen, ob die
Berechtigungen
gerecht vergeben werden oder ob nicht hinter den gleichen Verpackungen
von Land
zu Land sehr unterschiedliche Inhalte stecken.
Gottlob hat sich die Kultusministerkonferenz (KMK) anders besonnen;
Brandenburg und
Schleswig-Holstein haben eingelenkt. Das PISA-Konsortium erarbeitet nun
neben den ohnedies zur Veröffentlichung
vorgesehenen Daten auch „eine verantwortungsvolle Darstellung von
Vergleichen
unter den Schularten der Länder“. Das ist gut so. Bei bundesweit
insgesamt 44.580 getesteten Schülern (im Jahr 2000 waren es
50.000) aus 1.487
deutschen Schulen (2000: 1.460) ist die statistische Basis für
solche
Vergleiche hinreichend groß. Die Wissenschaftler des
federführenden Leibniz-Instituts für die Pädagogik der
Naturwissenschaften
(IPN) der Universität Kiel scheinen für den breiten Vergleich
offener zu sein als ihre Kollegen am Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung Berlin, das vor drei Jahren verantwortlich zeichnete.
Schon bei
PISA 2000 fiel auf, dass das Süd-Nord-Gefälle bei den
Gymnasien relativ flach ist. Das kann damit zu tun haben, dass es in
Deutschland keine
Schulform gibt, deren Identität so ausgeprägt ist wie an den
Gymnasien; sie haben deutschlandweit offenbar noch am ehesten
ein gemeinsames Bildungsziel. Man darf zudem vermuten, dass sie sich
auch in den so genannten Reformländern am erfolgreichsten gegen
Nivellierungen zur Wehr
gesetzt haben. Umgekehrt haben die „schwachen“ Länder mit ihren
„Reformen“
der letzten drei Jahrzehnte eher die nichtgymnasialen Schulformen
kaputtreformiert.
Auch wenn
bei PISA 2000 nicht errechnet wurde, wie die nichtgymnasialen
Schulformen in den einzelnen Bundesländern abgeschnitten haben,
kann man eine solche Berechnung sehr wohl vornehmen, schließlich
liegen die Gesamtergebnisse der Länder, die Gymnasialergebnisse
und die
jeweiligen Schüleranteile an den Gymnasien vor. Setzt man die
Daten entsprechend ein, zeigt sich im nichtgymnasialen Schulbereich ein
markantes Süd-Nord-Gefälle (siehe Tabelle 1)!
Tab. 1: PISA-E-Werte 2000 der nichtgymnasialen Schulformen im Testbereich Lesen
Land
|
PISA-Wert
|
PISA-Wert
|
PISA-Wert
|
Differenz zwischen
den Gymnasien und
den nichtgymnasialen
Schulformen
|
Baden-Wü.
|
500
|
582
|
467
|
115
|
Bayern
|
510
|
593
|
480
|
113
|
Brandenburg
|
459
|
552
|
421
|
131
|
Bremen
|
448
|
547
|
406
|
141
|
Hessen
|
476
|
568
|
434
|
134
|
Mecklenburg-V.
|
467
|
566
|
433
|
133
|
Niedersachsen
|
474
|
584
|
438
|
146
|
Nordrhein-W.
|
482
|
581
|
440
|
141
|
Rheinland-Pf.
|
485
|
582
|
451
|
131
|
Saarland
|
484
|
570
|
450
|
120
|
Sachsen
|
491
|
582
|
456
|
126
|
Sachsen-Anh.
|
455
|
553
|
416
|
137
|
Schleswig-H.
|
478
|
584
|
440
|
144
|
Thüringen
|
482
|
571
|
450
|
121
|
Das
Gefälle zwischen dem jeweils besten und schwächsten
Bundesland war bei den Gymnasien in allen Testbereichen geringer als
bei den nichtgymansialen Schulformen; in Lesekompetenz etwa betrug es
bei den Gymnasiasten 46 Punkte, bei den anderen Schülern 74. Im
Durchschnitt aller Schulformen waren es 62 Punkte; diese Differenz hat
sich in der PISA-Studie 2003 auf 51 Punkte verringert. Wichtig zu
wissen: 40 PISA-Punkte entsprechen zirka einem Jahr Unterrichtszeit (Siehe
Tabelle 2)!
Tab. 2: Leistungsdifferenz zwischen dem besten und schwächsten der deutschen Länder
|
|
Lesen
|
Mathematik
|
Naturwissensch.
|
über alle Schulformen
hinweg
|
PISA 2000
|
62
|
64
|
47
|
PISA 2003
|
51
|
62
|
53
|
Gymnasien
|
PISA 2000
|
46
|
52
|
44
|
PISA 2003
|
*
|
*
|
*
|
* Diese Daten liegen erst am 3. November vor.
Die
Ergebnisse der Gymnasien sind also quer durch
Deutschland relativ ausgewogen. Das heißt zugleich: Die
nichtgymnasialen Werte mehrerer Bundesländer liegen im Umfeld der
PISA-Schlussgruppe um Mexiko mit 422 Punkten.
Am 3.
November sollen neue Daten der PISA-Erweiterungsstudie 2003 vorgestellt
werden. Spekulationen, was diese aussagen, haben hohen Tatsachenwert.
Erstens ist zu erwarten, dass das innerdeutsche Gefälle bei den Gymnasien wieder
flacher ist als bei den nichtgymnasialen Schulformen, das heißt, dass die
Gymnasien über alle 16 Länder hinweg ein homogeneres Leistungsbild zeigen als
die anderen Schulformen. Mit nah an 600 PISA-Punkten bleibt Deutschlands Gymnasiumdie erfolgreichste Schulform der Welt.
Zweitens kann
davon ausgegangen werden,
dass das innerdeutsche Leistungsgefälle unter den nichtgymnasialen
Schulformen noch steiler geworden ist. Immerhin haben sich die
deutschen Gymnasien von 2000 auf 2003 erheblich verbessert (um
bis zu 55 Punkte), während der Punktezuwachs bei den anderen
Schulformen
zwar vorhanden, aber knapp ist.
Drittens:
Die nichtgymnasialen Schulformen fallen vor allem in den
A-Ländern (SPD-regiert) hinter deren Gymnasien zurück.
In Bayern betrug diese Differenz bei der ersten Studie 113 Punkte,
in Ländern die SPD-regiert sind oder bis vor kurzem SPD-regiert
waren, betrug sie bis zu 146 Punkte. Die Behauptung, in Bayern gehe es
am selektivsten zu, trägt schon deshalb nicht, weil der Abstand
zwischen Gymnasiasten und Nicht-Gymnasiasten dort am
geringsten ist. Auch die im Bundesvergleich weitaus besseren
Berufschancen der
Absolventen der süddeutschen Haupt- und Realschulen sprechen
dafür, dass die Schulzeugnisse Qualität bescheinigen. Im
Übrigen liegt Bayern so weit vorn, dass es auch ohne seine
Gymnasiasten bundesweit zumindest in der Mitte stünde,
schließlich erreichten die anderen bayerischen Schulformen beim
2000er Test 480 Punkte und damit mehr als sieben andere deutsche
Länder inklusive deren Gymnasien; Nordrhein-Westfalens Schulen
kamen insgesamt auf 482 Punkte.
Drei vertane Jahre
Viertens kann man erwarten, dass Nordrhein-Westfalen mit allen Schulformen von
mittleren auf hintere Ränge abgerutscht und Sachsen-Anhalt von hinteren auf mittlere Ränge aufgestiegen ist.
Fünftens darf vermutet werden, dass
die Realschulen bzw. Realschulbildungsgänge der Länder Bayern,
Baden-Württemberg und Sachsen zwar nicht die Ergebnisse der Gymnasien in Bremen
und Brandenburg erreichen, wohl aber nah an sie herankommen
Sechstens
ist damit zu rechnen, dass die Hauptschulen Bayerns und
Baden-Württembergs besser abschneiden als die Gesamtschulen in den
Stadtstaaten (Berlin, Bremen, Hamburg) sowie in Brandenburg und
Nordrhein-Westfalen; die süddeutschen Hauptschüler werden die
Leistungen der dortigen Realschüler annähernd erreichen.
Treffen diese Prognosen zu - was sehr wahrscheinlich ist -, dann bedeutet das: Schulpolitik
und Schulpädagogik müssen endlich von ihrer monomanischen Ausrichtung auf das
Gymnasium wegkommen und sich um die Realschulen und noch mehr um die
Hauptschulen kümmern. Gesamtschulen sind, weil zu wenig leistungsfähig und zu teuer, ein Auslaufmodell.
Man hätte
all das spätestens seit der PISA-Studie 2000 wissen und
entsprechend handeln können. Dann wären für die
Hauptschulen,
Gesamtschulen und Realschulen nicht drei Jahre nutzlos und ohne
jede politische schulartspezifische Anstrengung vertan worden.
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