| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Koedukation oder Desintegration - Schule auf dem Weg zur Quote?
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Lag es am Karneval, war der Politische Aschermittwoch schuld, oder entsprang es höherer Einsicht, daß Nordrhein-Westfalens Kultusministerin Gabriele Behler sich zwischen den von Funkenmariechen dominierten Tagen und Aschenkreuz mit einer großen bildungsprogrammatischen Ankündigung in die Presse begab? Ihr Bundesland jedenfalls will nunmehr Mädchen gezielt in Naturwissenschaften, Mathematik, Technik und Informatik sowie Jungen in sozialer Kompetenz fördern - und zwar durch zeitweilige Auflösung der Koedukation in den genannten Fächern. In neuen Richtlinien für die gymnasiale Oberstufe sowie für die Sekundarstufe I der Gesamtschule wird in NRW ab 1999 eine "flexible Koedukation" vorgeschrieben. Bis zum Jahr 2000 müssen gar alle Schulen ein Programm vorlegen, in dem eine gezielte Mädchen- und Jungenförderung verankert ist. Das offizielle Motiv für dieses Ansinnen ist bekannt: Unter den Studierenden beispielsweise der Ingenieurswissenschaften ist der Anteil der Frauen gerade eben 16,2 Prozent und damit gegenüber 1985 (11,6 Prozent) nur wenig gestiegen.
Bei so viel Reformreform, die zwischenzeitlich sogar ein Landeskabinett, nämlich das sächsische, zu spalten droht, gilt es innezuhalten. Wie war das doch gleich wieder? Mitte der 60er Jahre war die Koedukation in Deutschland (West) eingeführt worden, in Deutschland (Ost) schon in den 50er Jahren: als große Reform, als wichtige Errungenschaft und als gewaltiger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung. Aber keine Reform, die nicht bald von ihren eigenen Reformprotagonisten in Frage gestellt würde! Schließlich hatte sich im Jahr 1987 in einer Studie an drei westdeutschen Universitäten herausgestellt, daß Absolventinnen aus reinen Mädchenschulen erheblich häufiger ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium ergreifen als Absolventinnen aus gemischten Schulen. Die Koedukation war erstmals mit einem Fragezeichen versehen worden. Sogar "EMMA" sprang auf den Zug, als sie 1989 die Devise ausgab: "Koedukation macht Mädchen dumm." Der Koedukation wurde der verbale K.O. versetzt mit dem Begriff "K.O.Edukation". Und nur wenig Zeit mehr sollte vergehen, bis Koedukation wie Diskrimination und wie Benachteiligung buchstabiert wurde. Ab 1990 wurde an fünf Modellschulen in NRW ein teilweise geschlechtergetrennter Unterricht eingerichtet. Es folgten Modellversuche in Schleswig-Holstein, in Rheinland-Pfalz und in Hamburg. Schleswig-Holstein schrieb sich im Jahr 1990 sogar ins Schulgesetz (§ 5): "Aus pädagogischen Gründen kann in einzelnen Fächern zeitweise getrennter Unterricht stattfinden."
Diskriminierung und Demotivation durch Koedukation? Die Fakten widerlegen diese Annahme eindeutig, schließlich sind die Mädchen und jungen Frauen in 30 Jahren Koedukation mit Vollgas auf die Überholspur gegangen: Erstens machen Mädchen unter Gymnasiasten 54 Prozent (1970 ca. 33 Prozent), unter Hauptschülern 44 Prozent und unter Sonderschülern 36 Prozent aus. Zweitens haben Mädchen in West- und Ostdeutschland die höheren Bildungsabschlüsse; die geschlechterspezifische Abiturientenquote (Allgemeine Hochschulreife) beträgt in den alten Ländern unter Männern 22,3 Prozent, unter Frauen 25,6 Prozent; in den neuen Ländern unter Männern 17,9 Prozent, unter Frauen 28,6 Prozent. Drittens bleiben ohne Schulabschluß 6,5 Prozent der Mädchen, aber 10,4 Prozent der Jungen. Viertens beträgt die sog. Durchfallerquote über alle Schulformen und Klassenstufen bei Jungen 3,2 Prozent, bei Mädchen 2,3 Prozent. Fünftens haben Mädchen signifikant bessere Abiturzeugnisse als Jungen: Beim Abitur 1997 in Bayern zum Beispiel erreichten die jungen Herren einen Notendurchschnitt von 2,48 und die jungen Damen von 2,35. Beim gleichen Abitur fielen 274 junge Männer, aber nur 172 junge Frauen durch. Die TIMSS 1997 (Third International Mathematics and Science Study) stellt für Deutschland fest, "daß sich in Deutschland für das Fach Mathematik Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen nicht mehr nachweisen lassen, wohl aber in einem beachtlichen Maß für die Naturwissenschaften" (TIMSS 1997, S. 150) und "daß die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in den neuen Ländern konsistent kleiner sind als in den alten Ländern" (TIMSS 1997, S. 157 f.).
Daß das weibliche Geschlecht das männliche in Sachen Bildung hinter sich läßt, bestätigt sich auch international: Auf einer internationalen Pädagogen-Konferenz in Manchester wurde Ende 1997 festgestellt, daß die Mädchen seit 1988 die Jungen in England eingeholt haben. Im Fach Englisch erreichten 60 Prozent der 15jährigen Mächen bei den Abschlußprüfungen am Ende der Schulpflicht eine der drei besten Noten, von den Jungen nur 41 Prozent. Stephen Byers, Staatssekretär im Bildungsministerium, kündigte Anfang 1998 eine "nationale Strategie zur Begegnung des Leistungsdefizits von Jungen" an. Bereits im Mai 1997 hatte der Verband der englischen Schuldirektoren gezielten "Nachhilfeunterricht" für Jungen gefordert, weil sie von ihren Mitschülerinnen abgehängt werden.
Warum also die ganze Aufgeregtheit mit all den Programmen und Vorgaben für Schülerinnen? Oder geht es um mehr als um die konkrete Förderung von Mädchen und Frauen?
Nehmen wir einfach mal an, es geht nicht um die feministisch-bewegte Bereinigung eines "falschen Bewußtseins" von Mädchen und Frauen. Nehmen wir außerdem mal an, es geht nicht um die Einebnung von Unterschieden und um Quote. Nehmen wir ferner an, es paßt zusammen, daß einerseits überall - in der Gesamtschule und bei der Eingliederung Behinderter ins Regelschulsystem - Integration, andererseits bei den Geschlechtern Desintegration angesagt ist. Nehmen wir an, daß parallel zur speziellen Förderung der Mädchen in Physik, Technik und Informatik die spezielle Förderung der hier benachteiligten Jungen in den Fremdsprachen kommt. Nehmen wir an, daß die Kultus- und Finanzminister Tausende von zusätzlichen Lehrerstellen zur Verfügung stellen, um die unterrichtliche Geschlechterdifferenzierung leisten zu können. Nehmen wir an, die Schulen schaffen neben der Synchronisierung der Teilklassen-Stundenpläne in Religion/Ethik, Fremdsprachen und Sport auch noch diejenige in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Nehmen wir schließlich an, die Schulen - nicht nur die Modellschulen - haben genügend Physik-, Chemie- und Biologieräume, um diese Differenzierung räumlich unterzubringen. Und nehmen wir zuletzt mit grenzenlosem Optimismus mal an, Jungs sind in reinen Jungenklassen sozial leichter erzieh- und besser prägbar!
All dies mal vorausgesetzt! Dann bleibt immer noch die Sorge, daß eine monoedukative Unterrichtung Klischees ("Mädchenphysik"....) fördert. Es bleibt die Befürchtung, daß monoedukative Schule ärmer wäre. Es bleibt die Tatsache, daß beide, Mädchen und Jungen, die Trennung nicht wollen; sie wissen, daß der Unterricht dann langweiliger wird. Es bleibt auch die Überzeugung, daß Mädchen nicht in Watte gepackt werden können, weil sie im Berufsalltag ohnehin mit der Konkurrenz der Männer konfrontiert sind, und daß es gut ist, wenn sie früh genug gelernt haben, sich mit dieser Konkurrenz auseinanderzusetzen und ihr standzuhalten.
Also: Koedukation war kein Fehlschlag, und sie ist kein Auslaufmodell. Wer sie aufs Spiel setzt, der löst - vielleicht - ein kleines Problem. Aber er schafft einen Haufen neuer Probleme.
Hier wird eben wieder mal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Dabei könnte man weitaus geräuschloser und ohne Inkaufnahme von gravierenden Nachteilen erreichen, daß sich Mädchen aktiver in der Physik und in der Technik engagieren: Die Familien müssen sich von den klassischen Stereotypen lösen (Motto: Mutter hält die Nägel in der Hand, Vater schlägt sie in die Wand), und sie müssen den Mädchen - zusammen mit den Lehrern und mit den Berufsberatern - Mut machen, "Männer"-Berufe zu ergreifen. Lehrer müssen Mädchen motivieren, Aktivposten in diesen Fächern zu sein.
Im übrigen: Ganz geräuschlos
wird sich etwas im Sinne einer Öffnung der Mädchen für Mathematik,
Naturwissenschaften und Technik ändern, denn junge Frauen nehmen mittlerweile
als Lehrerinnen für Mathematik, Informatik, Physik und Chemie immer
mehr Plätze - auch als Vorbilder für die Schülerinnen -
ein.
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