| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
AUS DEM EICHHOLZ-BRIEF 1/99
In der Familie Demokratie erlebbar machen
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
In der Familie sind alltäglich wesentliche Merkmale des demokratischen Prinzips erlebbar: die Achtung der Individualität des einzelnen, die Förderung der Eigenverantwortung, das Recht auf eigene Meinung, die Bereitschaft zum Zuhören, die Toleranz gegenüber anderen Einstellungen und Erfahrungen, die Bereitschaft zum Gewaltverzicht, die Verpflichtung zum Kompromiß, aber auch die Achtung einer legitimen Autorität. Was hier innerhalb der Familie versäumt wird oder an bedenklichen Prägungen stattfindet, vermag institutionalisierte Demokratieerziehung gar nicht oder nur unter sehr großem Aufwand zu kompensieren.
Erziehung zur Demokratie beinhaltet ein Dreifaches: Sie bedeutet erstens Erziehung zum Verständnis des Prinzips Demokratie, zweitens zum Eintreten für Demokratie und drittens zur Mitwirkung in einem demokratischen Gemeinwesen. Erziehung zur Demokratie ist damit die herausragende Aufgabe einer jeden Erziehung und einer jeden politischen Bildung in einem freien Rechts- und Sozialstaat.
Verfolgt man freilich die Diskussionen um politische Bildung, so drängt sich die Vermutung auf, diese Diskussion werde hauptsächlich und einseitig von zwei Gruppen bestimmt. Da ist eine Gruppe, die politische Bildung vor allem als institutionalisierte, als quasi-offizielle politische Bildung und somit als Veranstaltung von Schule, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Medien usw. sieht. Und da ist eine zweite Gruppe, die meint, Erziehung zur Demokratie bestehe darin, Heranwachsende nach dem Prinzip "laissez faire" alles machen zu lassen oder sich ihnen als Erzieher anzubiedern. Erziehung zur Demokratie wird von dieser Gruppe verstanden als Erziehung mit dem Ziel, alles zu dürfen und nichts zu sollen. Aber weder die Gruppe der "Verstaatlicher" von Erziehung noch die Gruppe der kumpelhaft Antiautoritären kommen der Aufgabe der Erziehung zur Demokratie auch nur halbwegs nach.
Denn die Defizite politischer Bildung haben sehr viel damit zu tun, daß zu wenig über den Beitrag der Familie zu politischer Erziehung und Bildung nachgedacht wird. Wie jede Erziehung aber beginnt auch Erziehung zur Demokratie, zu demokratischen Haltungen und zu demokratischem Handeln in der Familie, oder aber es fehlt ihr der Unterbau. Familie ist somit erstes, wichtigstes und nachhaltig prägendes Vorbild beim Erwerb demokratischer Einstellungen und bei der Entwicklung demokratischen Handelns. Denn gerade in der Familie sind alltäglich die - nicht selten miteinander in Kollision geratenden - Merkmale des demokratischen Prinzips praktisch erlebbar: die Achtung der Individualität des einzelnen, die Förderung der Eigenverantwortung, das Recht auf eigene Meinung, die Bereitschaft zum Zuhören, die Toleranz gegenüber anderen Einstellungen und Erfahrungen, die Bereitschaft zum Gewaltverzicht, die Verpflichtung zum Kompromiß, aber auch die Achtung einer legitimen Norm und einer personalen Autorität. Was hier innerhalb der Familie - zum Beispiel durch ein bloßes, bequemes Geschehenlassen - versäumt wird oder was hier an bedenklichen Prägungen stattfindet, vermag institutionalisierte Demokratieerziehung gar nicht oder nur unter sehr großem Aufwand zu kompensieren.
Zugleich kann und darf der freiheitliche Rechtsstaat selbst kein umfassender Erziehungsstaat sein, auch dann nicht, wenn es um politische Bildung und um Erziehung zur Demokratie geht. In einem erzieherisch allgegenwärtigen und in Sachen politischer Bildung allmächtigen Staat verblaßte nämlich das Leitbild vom freiheitlichen Staat. Deshalb muß bei einer Erziehung zur Demokratie das Prinzip der Subsidiarität gelten. Was Eltern und Gemeinschaft allein nicht leisten können, im besonderen eine anspruchsvolle Bildung, das hat der Staat zu leisten. Richtig. Aber: In puncto Erziehung und Sozialisation muß wieder mehr auf die eigenen Kräfte der Menschen, hier der Eltern, gebaut werden. Das steht vollkommen im Einklang mit der Verfassung: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht" (Grundgesetz Artikel 6). Darin liegt auch die staatsbürgerliche Verpflichtung der Eltern. Mit anderen Worten: Schule darf kein Ersatz-Elternhaus sein. Im Erzieherischen hat Schule subsidiäre Aufgaben, sonst aber - so sagen es nahezu alle Schulgesetze - primär die Aufgabe des Unterrichtens. Ein Überhandnehmen "öffentlich" veranstalteter Erziehung würde zu einem Funktionsverlust der Familie und des elterlichen Erziehungssouveräns führen, denn dadurch würden Eltern dazu verführt, nur noch "außer Haus" erziehen zu lassen.
Für eine Erziehungspartnerschaft zwischen Elternhaus und Schule
Gleichwohl gibt es weder allgemein noch hinsichtlich der Erziehung zur Demokratie einen generellen Erziehungsnotstand. Millionen von Eltern erziehen verantwortungsbewußt und engagiert. Hunderttausende von Lehrern wissen um ihre vermehrten erzieherischen Aufgaben, und sie kommen diesen Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen nach. In zunehmendem Maße wird Erziehung aber mit Entwicklungen und Einflüssen konfrontiert, die Erziehung erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Dazu gehören so manch skandalumwittertes Politiker-"Vorbild", so manches nicht eingelöste Wahlkampfversprechen und so manche mediale Polit-Inszenierung. Ein bequemes Ablenkungsmanöver wäre es also zu glauben, Schule könnte bei der Erziehung junger Menschen zu mündigen Demokraten maßgebliche oder gar allein wirksame gesellschaftliche Besserungsanstalt und Reparaturwerkstatt sein. Vielmehr müssen sich Elternhaus und Schule als Partner verstehen und sich klarmachen, wer gerade auch in der Frage der Erziehung zum Staatsbürger in einer Demokratie was zu machen hat und wer was besser kann.
Hier ist ein erzieherischer Konsens der beiden maßgeblichen Erziehungsinstitutionen vonnöten. Dazu gehört es, zur Kenntnis zu nehmen, daß auch demokratische Erziehung nicht in einer Gefälligkeitspädagogik bestehen kann. Ein wichtiges Ziel demokratischer Erziehung heißt zwar Erziehung zur Toleranz. Solche Erziehung zur Toleranz bedeutet jedoch, daß Erzieher nicht alles tolerieren können. Deshalb muß Erziehung gegebenenfalls Grenzen setzen. Werden Grenzüberschreitungen nicht sanktioniert, so bleibt ein undemokratisches, zum Beispiel ein gewalttätiges Verhalten als erfolgreiches Verhalten stehen, das Nachahmer findet.
Ansonsten muß an das Grundgesetz, speziell Artikel 6 Absatz 2, erinnert werden: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht". Das heißt in einem freiheitlichen Rechtsstaat: Leitziele einer elterlichen Erziehung sollen eben auch die Grundrechte und Grundpflichten des einzelnen in einem demokratischen Gemeinwesen sein. Das wäre ein großer Beitrag einer in der Familie beginnenden staatsbürgerlichen Erziehung. Es darf zudem daran erinnert werden, daß ein wichtiges Erziehungsziel "Zufriedenheit" heißt. Im Wort "Zufriedenheit" steckt das Wort "Frieden". Zufriedenheit bedeutet Friedfertigkeit, und letztere ist Voraussetzung sozialen Friedens - von Kindern erstmals erlebt oder bewußt nicht erlebt in der Familie. Und es soll schließlich daran erinnert werden, daß Erziehung zur Demokratie Erziehung durch "In-Anspruch-Nehmen" (Spranger) junger Menschen hinsichtlich Leistungsbereitschaft und hinsichtlich sozialer Pflichten bedeuten darf. Das ist wichtig, denn nur wenn junge Menschen frühzeitig die Bedeutung persönlichen Engagements kennenlernen, vermögen sie den verführerischen Vorstellungen eines bequemen Versorgungsstaates oder irgendwelcher Blender zu widerstehen.
In diesem Sinne beginnt Erziehung im kleinen und im Alltag. Sie kann sich in der Familie - auch als Erziehung zur Demokratie - tagtäglich realisieren als Achtung der Meinung anderer Familienmitglieder, als Zuhörenkönnen, als Schließen von Kompromissen und als Achten normativer und personaler Autorität. Und sie kann sich stündlich realisieren in der Verwirklichung eines der wichtigsten Erziehungsziele, in der Erziehung zur Achtung der Würde des Menschen, das heißt in alltäglichen Umgangsformen. Würdeloses scheint sich hier einzuschleichen. Deshalb dürfen Erzieher nicht wegschauen.
Erziehung zur Rechtstreue und zur Eigenverantwortung beginnt im Elternhaus
Darüber hinaus muß elterliche Erziehung konkrete "politische" Ziele haben. Zur politischen Erziehung gehört bereits zu Hause die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Rechtstreue. Hier müssen wir wieder zur Kenntnis bringen, daß es Werte gibt, die dieses Gemeinwesen zusammenhalten und das Abendland geprägt haben. Dazu gehört es, gerade junge Menschen bereits in der Familie immer wieder über das sensible Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung, von Rechten und Pflichten, von Freiheit und Gleichheit aufzuklären. Es sind dies ja jeweils zwei Seiten einer Medaille: Die Medaille "Freiheit" heißt auf der Rückseite "Verantwortung". Die Medaille "persönliche Freiheit" heißt auf der Rückseite "Freiheit der anderen". Die Medaille "Rechte" heißt auf der Rückseite "Pflichten". Diese jeweiligen Ergänzungsgegensätze sind im Alltag der Familie viel anschaulicher erfahrbar als in zwangsläufig therorielastigen Sozialkundestunden.
Zur politischen Erziehung im Elternhaus gehört ferner die Erziehung zur Eigenverantwortung. Dies muß mit Nachdruck betont werden, denn schließlich hat sich mental bei alt und jung die Trennung von Staat und Gesellschaft verwischt. Gesellschaft und Gemeinschaft neigen immer mehr dazu, Aufgaben an den Staat zu delegieren (bis hin zu ureigenen erzieherischen Aufgaben). Der Staat wird vielfach nur noch verstanden als allmächtige Sozialagentur, als omnipotenter Lieferant und Dienstleister, als hypertropher, totaler Versorgungsstaat, als Garant für die Erfüllung von Vollkasko-Ansprüchen. Unter Vernachlässigung des Prinzips "Eigenverantwortung" wird Gerechtigkeit mit sozialem Ausgleich verwechselt. Der Staat ist damit nahe am planwirtschaftlichen Perfektionismus. Für viele gilt als Motto: "Die Kasse zahlt's schon!" Auch an den Mittags- und Abendtischen der Familien wird darüber viel geredet und noch mehr an vermeintlichen Versäumnissen der "Politik" herumgenörgelt.
Die Folgen für eine solche Wahrnehmung des Staates durch die Bürger, gerade auch die heranwachsenden Staatsbürger, sind bekannt: der Glaube an die Machbarkeit aller Ansprüche und Forderungen; eine Mentalität des "Vollkasko ohne Eigenbeteiligung"; eine Staats- und Politikverdrossenheit, wenn der Staat nicht fähig ist, alle Ansprüche zu erfüllen. Für den einzelnen sind die Folgen dieser an den Staat gerichteten Allmachts- oder Status-quo-Erwartungen eine fürsorgliche Entmündigung; ein Verführen zur Bequemlichkeit; ein Unterminieren von Eigenverantwortung oder eine zunehmende Distanz zum Rechtsstaat. Alles Defizite, die - so sie bereits bei jungen Menschen gestiftet wurden - ein Leben lang kaum noch auszugleichen sind.
Hier sind frühe Aufklärung und Erziehung gefragt. Gerade Familie kann die Einsicht fördern, daß Staat und Gesellschaft nicht dasselbe sind und daß beide je unterschiedliche Aufgaben haben. Es ist die Einsicht zu fördern, daß der Unendlichkeit der Bedürfnisse die Endlichkeit der Mittel - des Staates ebenso wie der Familie - gegenübersteht. Es ist die Einsicht zu fördern, daß der Staat - wie die Familie - nicht Glückslieferant sein kann, sondern subsidiär nur "Ermöglicher" von Glück, daß Glück nicht ein Rechtsanspruch, sondern nur Angebot sein kann, "des eigenen Glückes Schmied zu sein". Alles andere wäre totalitär oder zumindest entmündigend.
Vorrang der Freiheit vor der Gleichheit
Ein für Demokratie konstitutiver Gegensatz ist der Gegensatz von Freiheit und Gleichheit. Zugleich deuten exekutierte Politik und verbreitete Stimmungslage darauf hin, daß das Prinzip Gleichheit mehr und mehr das Prinzip Freiheit dominiert. Absolut gesetzte Gleichheit ist aber menschenverachtend, denn totale Gleichheit schließt persönliche Freiheit aus.
Bereits Alexis de Toqueville (1805 - 1859) erkannte die Gefährdungen der Freiheit. Freiheit versickere in Gleichheit, schreibt er im Kapitel "Weshalb die demokratischen Völker die Gleichheit leidenschaftlicher und beharrlicher lieben als die Freiheit" seines Buches "Die Demokratie in Amerika" (1835). Und weiter: Freiheit erliege der Gleichheit, weil Gleichheit eine verständlichere und greifbarere Tatsache sei, weil Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von selbst darbiete. Die Segnungen der Gleichheit seien bequem zu nutzen, so Toqueville, weil Leistung, Initiative und Risiko ausgeschaltet würden, Freiheit dagegen Anstrengung verlange. Der Mensch verliere deshalb unter dem Diktat der Gleichheit die Fähigkeit zum selbständigen Denken, Fühlen und Handeln.
Damit ist die Frage nach "Freiheit versus Gleichheit" eine pädagogische Frage. Denn Gleichheit kann schon in der Familie nie Gleichheit der Fähigkeiten und der Kräfte bedeuten. Gerade Familie kann tagtäglich in der Begegnung der Eltern mit den Kinder sowie der Eltern und der Kinder untereinander den Widerspruch "Freiheit versus Gleichheit" artikulieren, und sie kann konstruktiv vorleben, wie man mit dem Unvollendbaren umgeht.
Die "conditio humana" kennt außerdem keine Gleichheit. Egalisierende Erziehung aber ebnete Individualität und Freiheit ein. Sie tauschte unverwechselbare Einmaligkeit gegen Gleichheit. Egalisierende Erziehung mit ihren radikaldemokratischen Vorstellungen von Gleichheit und mit ihrer Gleichsetzung von Gleichheit und Gerechtigkeit negierte zugleich anthropologische Grundtatsachen.
Auf Vorbilder kommt es an
Platon
entwickelte 375 Jahre vor Christus in seiner Politeia das Szenario
der Folgen einer Preisgabe von Erziehung, indem er schreibt:
"Wenn
sich Väter daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren
und laufen zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren erwachsenen Kindern
geradezu fürchten; oder wenn
Söhne schon sein wollen wie
die Väter, also ihre Eltern weder scheuen noch sich um ihre Worte
kümmern, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen
und selbständig zu erscheinen; wenn die Lehrer bei solchen
Verhältnissen vor ihren Schülern zittern und ihnen lieber schmeicheln,
statt sie sicher und mit starker Hand auf einem geraden Weg zu führen,
so daß die Schüler sich nichts mehr aus solchen Lehrern machen;
wenn
es
überhaupt schon so weit ist, daß sich die Jüngeren den
Älteren gleichstellen, ja gegen sie aufgetreten sind mit Wort und
Tat, die älteren sich aber unter die Jungen stellen und sich ihnen
gefällig zu machen versuchen, indem sie ihre Albernheiten und Ungehörigkeiten
übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie ja nicht den Anschein
erwecken als seien sie Spielverderber, oder auf Autorität vergessen;
wenn
auf diese Weise die Seele und die Widerstandskraft der Jungen allmählich
mürbe werden; wenn sie aufsässig werden und es schließlich
nicht mehr ertragen können, wenn man nur ein klein wenig Unterordnung
von ihnen verlangt; wenn sie am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil
sie niemand und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen,
so
ist das der schöne und jugendfrohe Anfang der Tyrannis."
Deshalb
sollte man Platon wieder "hervorholen", gerade wenn es um Erziehung zur
Demokratie geht. Und die Erzieher sollten sich auf den bereits bei den
Römern verwendeten Grundsatz besinnen: exempla trahunt. Frei übersetzt:
Die Vorbilder sind es, die erziehen - im Positiven wie auch im Negativen.
Das heißt: Eltern, die sich in Abstinenz bei Wahlen, bei der Übernahme
von Ehrenämtern oder bereits bei der Lektüre der Politikteile
der Zeitung ergehen, werden kaum wache Demokraten als Kinder haben. Die
Erziehung zur Nutzung des ursprünglichen demokratischen Rechts, des
Wahlrechts, die Erziehung zur Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement
und die Erziehung zur wachen Anteilnahme am politischen Geschehen beginnt
also im Elternhaus.
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