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Interview aus "Christ und Bildung" - Heft 3/4 2002
Renaissance des Wissens - und Bildung der Persönlichkeit
"Wir brauchen eine Kanondebatte"
Der KEG-Vorsitzende Dr. Bernd Uwe Althaus interviewt Josef Kraus,
den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
ALTHAUS: Herr
Kraus, Sie machen sich stark für eine neue Kanondiskussion. Im Rahmen
einer Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung wirken Sie mit an der Entwicklung
von Kerncurricula. Warum? Passt eine Kanondebatte, passen verbindliche Inhalte
überhaupt noch in die schulpolitische Landschaft des beginnenden 21.
Jahrhunderts?
KRAUS: Und ob!
Eine neue Kanondiskussion ist längst überfällig. Denn seit
Ende der 60er Jahre wurde von vielen Schulpolitikern und Schulpädagogen
unter quasi-modernen Begründungen ja geradezu eine Aversion gegen konkretes
Wissen, gegen jeden Fächerkanon und gegen konkretes Können gepflegt.
Man hatte den fachwissenschaftlich orientierten Schulunterricht in diskreditierender
Absicht gezielt gar in die Nähe von "Paukunterricht", "Stoffhuberei"
und "Schubladendenken" gerückt. Die Ergebnisse liegen uns jetzt auf
dem Tisch – und im Magen. Das konkrete Wissen und Können unserer Schüler
– so bestätigen es uns Untersuchungen – ist alles andere als berauschend.
Überhaupt: Wenn wir in unseren Schulen und für unsere Kinder Qualitätssicherung
bzw. Qualitätssteigerung wollen, dann schaffen wir das nicht über
immer neue Diskussionen um angeblich immer neue Lernformen, sondern nur über
die Kerncurricula und über das Festzurren von inhaltlichen Standards.
Ohne konkretes, eingeübtes Wissen und Können ist Grundbildung schließlich
nicht möglich. Bildung ohne konkrete Inhalte bleibt leer. Wir brauchen
also eine Renaissance des Wissens. Unzeitgemäß ist eine solche
Debatte überhaupt nicht. Eine Kanon-Diskussion ist immer Reaktion auf
Sinnkrisen und Traditionsverlust, sie ist damit innovativ, und sie ist inhaltlicher
Beliebigkeit allemal vorzuziehen.
ALTHAUS: Wie halten Sie es dann mit den Schlüsselqualifikationen
sowie mit den Methoden- und Sozial-Kompetenzen? Und wo hat die Förderung
des ganzheitlichen Denkens, des Denkens in Zusammenhängen seinen Platz?
KRAUS: Wir müssen endlich erkennen, dass Schlüsselqualifikationen
und Kompetenzen nicht im fachfreien und faktenfreien Raum gedeihen können.
Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen sind nicht direkt vermittelbar.
Der Weg zu ihnen führt nur über den mühsamen Aufbau einer
breiten Wissensbasis in konkreten Fächern und Inhalten. Erst solides
Faktenwissen also schafft ein strukturbildendes und übrigens auch gedächtnistrainierendes
Gerüst. Der Erwerb von so genannten extrafunktionalen Qualifikationen
ist nur auf der Folie konkreter Inhalte denkbar. Wissen kann erst auf der
Basis soliden fachlichen Wissens fachübergreifend verwendet werden.
Deshalb bin ich der Überzeugung, dass das Projektlernen und dass Fächerverbünde
überschätzt werden oder gar einen Irrweg darstellen. Ein ganzheitliches
Lernen für sich gibt es nicht; Ganzheitlichkeit stellt sich erst ein,
wenn man fachliches Wissen und fachspezifische Erkenntnismethode in einer
Synthese zusammenfügt.
ALTHAUS: Wo bleibt da die Kreativität? Man sagt doch,
Kreativität bestehe unter anderem im Verknüpfen von bislang unverbundenen
Fakten und Betrachtungsweisen.
KRAUS: Breites Wissen und umfassendes Können sind die unerlässliche
Voraussetzung für die Fähigkeit zur Zusammenschau und für
kreative Leistungen. Wer also erfinderisch und innovativ sein möchte,
der muss erst einmal viel, sehr viel wissen und können. Ich denke da
an den alten Edison. Er sagte einmal: Zehn Prozent von Kreativität sind
Inspiration, neunzig Prozent sind Transpiration. Wer also erfinderisch und
innovativ sein möchte, der möge erst einmal viel, viel wissen.
Edison wörtlich übersetzt, heißt: Man muss sich Wissen durch
Lernen quasi ersitzen und erschwitzen.
ALTHAUS: Heutzutage wird gerne von einer Informationsgesellschaft
gesprochen und davon, dass es heute mehr um das Management von Information
als um herkömmliches Wissen gehe.
KRAUS: Um es ganz plakativ zu formulieren: Wir dürsten nach Wissen,
aber wir ersaufen in Information. Und wir sind längst bei einem Punkt
angelangt, wo – so paradox das klingt – Information Kommunikation tötet.
Wissen und Information darf man nicht - wie es heute häufig geschieht
- verwechseln. Bloße Information ist das Sterile, das Flüchtige,
das Ungeordnete. Wissen ist das Lebendige, das Beständige, das Gewichtete,
das Reflektierte, das sachlich und moralisch Bewertete. Nur solches Wissen
ist nachhaltig. Nur solches Wissen macht urteilsfähig, wie umgekehrt
begründetes Urteil wiederum zum Wissen wird. Wissen ist daher mehr als
die Summe der zu Grunde liegenden Informationen. Wissen bedeutet immer auch
Synergie-Gewinn: Je mehr ich weiß, desto mehr ergibt das eine Struktur,
in die Neues mit immer weniger Lernaufwand eingefügt werden kann.
ALTHAUS: Was heißt das für die Schule?
KRAUS: Schule und Unterricht brauchen klare Fächer- und Inhaltsstrukturen,
denn solche Strukturen erleichtern die Orientierung in einer Flut an Informationen.
Die Wissenschaften und die Unterrichtsfächer untergliedern sich in Einzelbereiche,
die nicht umsonst "Disziplinen" heißen, weil sie eben auch das "disziplinierte"
Herangehen an Sachverhalte fordern und fördern. Eine fächerunabhängige
Schwärmerei wie die Zusammenlegung der Fächer Geschichte, Erdkunde
und Sozialkunde zum Lernbereich Gesellschaftslehre, der Fächer Physik,
Chemie und Biologie zum Lernbereich Naturwissenschaften ist ein Irrweg. Da
fehlte ja nur noch, dass Englisch, Französisch und Latein zu einem Lernbereich
Hessperanto zusammengefasst werden! Nein, Polemik beiseite: Ich bin für
vernetztes, für fachübergreifendes Denken. Dieses setzt aber solide
fachliche Grundlagen voraus, sonst wird daraus eine Vernetzung von Nullmengen.
Der kürzlich leider verstorbene Direktor des Max-Planck-Instituts für
psychologische Forschung, Prof. Dr. Franz Weinert, kleidete es in die Forderung:
Solide Grundlagen in spezifischen Wissensdomänen sind die unbedingte
Voraussetzung, übrigens auch für spätere Vernetzungen. Das
"Projekteln" und das "Füzen" - wie die Österreicher boshaft sagen
- (Füzen für fachübergreifendes Zusammenarbeiten), können
die solide Unterweisung in Deutsch, in Mathematik, in Fremdsprachen, in Naturwissenschaften,
in Geschichte nicht ersetzen. Das Einzelfachliche ist quasi das Haus mit
dem Keller und mit den Stockwerken; das Überfachliche ist das Dach darauf.
Was beim Bau eines Hauses gilt, gilt auch für schulische Bildung: Man
kann den Bau nicht mit dem Dach beginnen.
ALTHAUS: Nun wird aber gesagt, dass sich das Wissen ständig
überhole. Ist da eine inhaltliche Festlegungen nicht rückwärtsgewandt.
Stichwort: immer kürzere Halbwertszeiten des Wissens.
KRAUS: Dieser in der Bildungsdebatte geradezu inflationär verwendete
Topos von den immer kürzeren Halbwertszeiten des Wissens ist zumindest
für die allgemein bildenden Schulen von sehr begrenzter Bedeutung. Dieser
Hinweis ist nur berechtigt, wenn es sich um einige wenige hochspezialisierte
Fachbereiche, wie beispielsweise die Computertechnik, handelt. Hier liegt
eine Halbwertszeit von drei Jahren vor, das heißt, dass das Wissen
des Jahres 2001 im Jahr 2004 zur Hälfte überholt ist. Aber: Es
gibt sehr viel, ja unendlich viel Wissen, das sich nicht überholt: religiöses,
philosophisches, ethisches, historisches, literarisches, ästhetisches,
sprachliches, mathematisches, auch naturwissenschaftliches. Schulpolitik
muss gerade angesichts der Dynamik der Wissensentwicklung vermeiden, dass
Bildung überspezialisiert, ja atomisiert wird. Die Schule kann im Wettlauf
der Wissenschaften und Technologien, der Trends und Moden nicht mithalten
- und sie muss es auch nicht. Die Schule sollte sich vielmehr darauf besinnen,
was Bestand hat und was nach dem Prinzip "multum non multa" (Viel, aber nicht
vielerlei!) jene Grundausstattung ist, mit deren Hilfe jede noch so expansive
Wissensentwicklung in der späteren Berufsbildung, im späteren Studium
oder in der späteren Berufstätigkeit bewältigt werden kann.
Der Grundsatz muss also heißen: Vermittelt breite Allgemeinbildung
und breites Wissen! Mit anderen Worten: Auch zukünftig gibt es unendlich
viel wichtiges Wissen, das sich nicht überholt. Denken Sie an das Einmaleins,
an naturwissenschaftliche Grundgesetze, an anthropologische und biologische
Konstanten, an historische Fakten, an große literarische und künstlerische
Werke. All das hat eine unendliche Halbwertszeit. Und auch der Wortschatz
und die Sprachstrukturen im Deutschen oder im Englischen haben eine sehr
lange Halbwertszeit. Im Lateinischen ohnehin.
ALTHAUS: Apropos Vorratswissen: Moderne Schulpolitiker oder solche, die sich
dafür ausgeben, setzen dem Vorratswissen ein Just-in-time- und Download-Wissen
entgegen.
KRAUS: Das ist Unfug. Es reicht überhaupt nicht aus zu wissen, wo man
etwas nachschlagen oder - im Internet surfend - "herunterladen" kann. Natürlich
ist es wichtig zu wissen, wo man etwas findet. Deshalb ist es wichtiger Bestandteil
schulischer Bildung, den jungen Leuten zu demonstrieren, wo man was nachlesen
kann. Aber ansonsten: Stellen Sie sich ein politische, eine naturwissenschaftliche
oder eine ökonomische Live-Debatte vor, in der auch nur drei Debattenpartner
zwar wissen, wo man was findet, in der diese drei aber ständig zum Bücherregal
rennen oder sich ins Internet einklinken, um sich Fakten und Argumente zu
suchen. Eine solche Download-Gesellschaft mit ihrem Häppchen- und Just-in-time-Wissen
wäre eine Gesellschaft ohne Vorrat, eine Gesellschaft der Mini-Kommunikation.
ALTHAUS: Manche sagen, es komme in Erziehung und Bildung nicht so sehr auf
das konkrete Ergebnis an, sondern der Weg sei das Ziel. Was ist davon zu
halten?
KRAUS: Wir brauchen wieder mehr Ergebnis- und weniger Erlebnisorientierung
in schulischer Bildung. Ich habe auch nichts gegen Kindgemäßheit.
Aber ich füge hinzu: Wer in der Pädagogik außer Erlebnisorientierung
und Kindgemäßheit nichts anderes mehr kennt, der raubt den Kindern
die Zukunft, weil er sie in einer ewigen Gegenwart einkerkert.
ALTHAUS: Bei einer Fachtagung der KEG in Augsburg haben Sie betont, dass
konkretes Wissen eine staatsbürgerliche Funktion habe.
KRAUS: Richtig. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne Marie von Ebner-Eschenbach:
Wer nichts weiß, muss alles glauben! Wissen aber schafft geistige Unabhängigkeit.
Erst durch Wissen wird der Mensch zum Menschen, erst durch Wissen wird er
zum Individuum, das seine Freiheit nutzen kann. Ein Mensch ohne Wissensfundus
wäre das Lieblingsobjekt eines jeden Diktators oder Demagogen. Er wäre
verführbar für jede Lüge und Halbwahrheit; er wäre anfällig
für jedes Angstmachen und für jedes Propagieren von Vorurteilen.
Deshalb ist der unwissende oder gar Lügen manipulierte, der indoktrinierte
Mensch das Ziel totalitärer Systeme, die alles Mögliche weismachen
wollen und die alles vorgeben wollen: eben auch Vorurteile, nach der Devise:
"Ich weiß, dass du ein Linker/Rechter, ein Mann/eine Frau, ein Weißer/Schwarzer,
ein Preuße/Bayer bist. Das reicht mir, dann weiß ich den Rest
auch." Nicht umsonst nennt George Orwell in seiner düsteren, totalitären
Vision "1984" als einen der drei Wahlsprüche des Wahrheitsministeriums
(des "Miniwahr"): Unwissenheit ist Stärke!
ALTHAUS: Was bedeutet Wissen für das Individuum, für die Persönlichkeitsbildung?
KRAUS: In der Bildung geht es doch hoffentlich auch um Fragen der persönliche
Identität. Identität bezeichnet ja das Ausmaß der Übereinstimmung
des Einzelnen mit sich selbst und das Ausmaß der Verinnerlichung von
Werthaltungen. Ohne Wissen kann es keine Identität geben. Nur eine Schule
des Wissens vermittelt Identität und Orientierung. Die heute herrschende,
als modern bzw. postmodern ausgegebene Ideologie des "anything goes" hinterlässt
bei vielen Menschen zunehmende Orientierungslosigkeit. Identität aber
ist Partizipation am kulturellen Gedächtnis. Identität, eine individuelle
ebenso wie eine kulturelle oder kollektive, definiert sich nicht aus modisch
definierten "skills", sondern nur aus der "Er-Innerung" eines historisch-kulturellen
Erbes. Das ist der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation
ewiger Gegenwart neigen. Er-Innern ist damit Chance des Widerstands und der
befreienden Kraft gegen Indoktrination und "Zeitgeist".
ALTHAUS: Welche Rolle spielen dabei Traditionen, Sitten und Gebräuche?
KRAUS: Eine Erziehung und Bildung ohne Tradition und ohne historisch-narrative
bzw. biographisch-narrative Elemente, eine Bildung der bloßen Daseinsgefräßigkeit
- das wäre eine Verweigerung von Identität. Tradition befreit zugleich
von akuten Zwängen, indem sie Luft schafft im hektischen Hic et Nunc
und zur Neugestaltung inspiriert. Wissen um Tradition ist außerdem
Voraussetzung für die Fähigkeit, Neues zu erleben. Ohne ein Wissen
um Tradition können kein Verstehen von Gegenwart und kein Bewusstsein
des Wandels zustandekommen. Eine zukunftsfähige Schule leistet gerade
in Zeiten der Globalisierung Identitätsstiftung und Orientierung. Vor
allem kann sie das mit Hilfe historischer Grundbildung. Zukunft ist Herkunft
(so Martin Heidegger). Das bedeutet: Wer die Zukunft gestalten will, der
muss wissen, woher er kommt. Der unbehauste Mensch jedenfalls wird die Beliebigkeit,
Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit der Moderne und des „global
village“ nur dann aushalten, wenn er Geborgenheit in Kultur, Geschichte,
Tradition und Sprache findet. Und er wird nur dann seine Trendanfälligkeit
sowie seine Froschperspektive überwinden, wenn er beherzigt, was Frühscholastiker
Bernhard von Chartres (um 1120) meinte, also er riet: „Sub specie aeternitatis
und im Bewusstsein unseres begrenzten Erkenntnisvermögens sind wir alle
Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können die Zwerge weit schauen.“
Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit und ihr Wissen, unsere
Vorfahren und deren Wissen, ihre Literatur und die Weisheit ihrer Sprache
- das sind die Schultern von Riesen, auf denen wir Zwerge sehr weit sehen
könnten.
ALTHAUS: Es heißt doch heute immer wieder, schulische Bildung müsse
handlungsorientiert sein. Was ist vom Prinzip der "Handlungsorientierung"
in der Schule zu halten?
KRAUS: Die Schule
kann nicht dem Zwang der kurzschlüssigen Wissensverwertung unterworfen
werden, denn Heranwachsende müssen müssen ebenso wie Erwachsene
stets erheblich mehr wissen, als sie im Moment brauchen. Wer den Wissenserwerb
nur am unmittelbaren Handeln und Anwenden orientierte, der wäre nicht
zukunftsfähig, weil er nicht mehr über Alternativen nachdächte.
Es ist der Vorteil von Schule, vom Handlungszwang entlastet zu sein und lehren
zu können, was man beiläufig, im Alltag oder im Beruf, nicht lernt.
Nur so wird sie ihrer Bildungsaufgabe gerecht. Das Motto kann also nicht heißen:
Dübeln statt grübeln!
ALTHAUS: Stichwort Handlungsorientierung: Ist es nicht so, dass zu einem
modernen Verständnis von Bildung eben auch die Fähigkeit zum Handeln
am Computer gehört?
KRAUS: Richtig, aber ich warne vor Euphorien. Ich halte wenig davon, wenn
manche jetzt meinen, wir müssten Schule dem Götzen Computer unterwerfen.
Hinter den entsprechenden Parolen verbirgt sich viel Schwulst, und es verbergen
sich dahinter handfeste kommerzielle Interessen. Es gibt keinen elektronischen
Nürnberger Trichter. Das ganze Vokabular, das da strotzt von Hyperlinks,
Edutainment, interaktiver Lernumgebung, knowledge-machines, Lernanimation,
Multimedia-Learning, Online-learning, Teachware, Telelearning, Teleteaching,
virtuelles Klassenzimmer usw., ist Blendwerk. Es mag ja sein, dass kleine
Jungs und Mädels heutzutage aufgrund von neuen Informationstechniken
über mehr Informationen über die Welt verfügen können
als Voltaire, Kant und Goethe zusammen. Aber dass wir heute klüger seien
als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter,
das ist doch sehr zu bezweifeln. Und es mag ja auch sein, dass Hardware und
Software unschlagbar sind im Suchen, Speichern, Rechnen. Doch es sind die
Menschen, auch die jungen, die unschlagbar sind im Auswählen, im Bewerten
und in der Interpretation. Das menschliche Gehirn ist jedenfalls immer noch
die beste Suchmaschine. Ansonsten bin ich der Überzeugung, dass alles
Können, wonach der Computer verlangt, auch ohne Computer erlernt wird:
nämlich Fingerfertigkeit sowie das Schreiben, Lesen, Denken und das
Unterscheiden von Wichtigem und Unwichtigem. Oder noch anders ausgedrückt:
Wer sich in einem Buch oder in einer Bibliothek nicht auskennt, der kennt
sich auch im Internet nicht aus.
ALTHAUS: An welchen Kriterien sollen curriculare Entscheidungen, das heißt
Entscheidungen über die Wertigkeit von Inhalten getroffen werden?
KRAUS: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Man braucht sich ja nur einmal
anzusehen, wer was für wichtig hält. Machen Sie dazu eine Podiumsdiskussion
mit einem Arbeitgeber, einem Fachwissenschaftler, einem Erziehungswissenschaftler,
einem Elternvertreter und einem Politiker, dann finden Sie mindest fünf
verschiedene Vorstellungen. Aber wenn wir uns anstrengen, dann finden wir
schon die prominenten Inhalte unumstrittener Autorität. Eine solche
Debatte sollte sich an folgenden sechs Fragen bzw. Kriterien orientieren:
Was müssen die Menschen an Sprachen oder Symbolsystemen beherrschen,
um sich verständigen zu können? Was brauchen die Menschen an Systemen,
um die eigene Vorstellungswelt räumlich und zeitlich ordnen zu können?
Was brauchen die Menschen, um natürliche und technische Umwelt verstehen
zu können? An welchen Inhalten können Menschen ihre persönliche,
kulturelle und ideelle Identität entwickeln? Was sind überzeitliche
große Gegenstände? Was sind zentrale Gegenwartsprobleme?
ALTHAUS: Und wie steht es mit dem Kriterium der Nützlichkeit und der Verwertbarkeit?
KRAUS: Natürlich darf eine Schule keine Schule im Elfenbeinturm sein.
Deshalb ja auch die genannten Kriterien des Verstehens von Umwelt und von
Gegenwartsproblemen! Aber ich warne davor, curriculare Entscheidungen allein
unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit und der Verwertbarkeit zu betrachten.
Dann hätten wir nämlich eine Schule der De-Kultivierung. Es geht
in Sachen Bildung - was etwas anderes ist als Ausbildung - um den Eigenwert
des Nicht-Ökonomischen! So ganz falsch kann die These, der Mensch dürfe
nicht den bloßen Verfügbarkeitsinteressen der Wirtschaft, ja vielleicht
doch nicht sein. Es geht in Sachen Bildung (was etwas anderes ist als Ausbildung)
um den Eigenwert des Nicht-Ökonomischen! Hier ist dem gemeinsamen Papier
der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD) zur Bildungspolitik vom 16. November 2000 (Titel: „Tempi – Bildung
im Zeitalter der Beschleunigung“) ausdrücklich zuzustimmen: Dort wird
erfreulich eindeutig Kritik geübt am „Totalitarismus neuen Typs“ und
am „subjektlosen Funktionalismus“, der alle Lebensbereiche erobere. Es wird
gesagt, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft profitierten vom Sabbat. Und
es wird gesagt, der Mensch brauche Wurzeln und Beheimatung.
ALTHAUS: Von Schulpolitikern und Didaktikern wird gerade heute gerne das
Prinzip des Exemplarischen betont. Müssen wir aufgrund der Fülle
des verfügbaren Wissens in unseren Schulen nicht wirklich exemplarisch
arbeiten?
KRAUS: Es scheint ein unausrottbarer Irrtum zu sein, dass die Inhalte und
Fächer austauschbar seinen. Nein, die seit den 70er Jahren verbreitete
Vorstellung von einer Gleichwertigkeit der Fächer und Inhalte ist eine
Fiktion. Die zentralen Inhalte der Fächer Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik,
Naturwissenschaften und Geschichte leisten das Entscheidende, wenn es um
die Zugänge zur Welt und um die Gestaltung von Welt geht. Tatsächlich
hat in den letzten Jahrzehnten in den Schulen in weiten Teilen Deutschlands
das Gegenteil stattgefunden: Die Basis schulischer Bildung wurde unterminiert.
Ein Anti-Inhalte- und Anti-Fächer-Affekt hat zu einer Eliminierung konkreter
curricularer Inhalte, zumindest aber zu deren Egalisierung geführt.
Die aktuelle schulpolitische Diskussion wird von solch objektloser Aufsässigkeit
in erheblichem Maße beherrscht. Da sehe ich zwischen SPD und
Union auch kaum noch einen Unterschied. Selbst aus der CDU/CSU hört
man nun, es müsse Schluss sein mit lebensfernem Faktenwissen. Na, dann
gute Nacht! Höhere Literatur und Mathematik, die Geschichte der Antike
und des Mittelalters beispielsweise haben dann nichts mehr in der Schule
zu suchen; den all das ist ja lebensfremd. Hier scheint man den Grundsatz
zu vergessen, dass Bildung mehr ist als das, was man gerade brauchen kann.
ALTHAUS: Woher kommen diese Attitüden?
KRAUS: Die Konservativen wollen sich mit solchen Sprüchen wohl als modern
erweisen, und bei den Linken bricht damit eine neue Form von Egalitarismus
durch. (Schein-)begründet wird dieser furiöse Feldzug (schein-)demokratisch
mit Gleichheit und Gleichwertigkeit: Alle Inhalte und Fächer seien gleich
bedeutend, weil ja eben das exemplarische Vorgehen die Methode der Wahl sei.
Auch eine Form von Egalitarismus! Das Wissen um historische Namen und Daten
beispielsweise wurde mit einem Bannstrahl belegt, weil solches Wissen „Stoffhuberei“
sei. Statt Literatur gab es „Texte“, und nach literarischen Begriffen oder
Dichternamen sucht man in den Curricula mancher Bundesländer oft vergeblich,
wie ja überhaupt große Literatur unter dem Diktat der Lebensnähe
mit Trivialliteratur und Gebrauchstexten egalisiert wurde. Hätte Goethe
so geschrieben, wie es manch curricularer Ingenieur gerne gehabt hätte,
wir hätten 1999 Goethes 250. Geburtstag gewiss nicht gefeiert.
ALTHAUS: Die ersten Kerncurricula der Adenauer-Stiftung gelten den Fächern
Deutsch, Geschichte und Politik bzw. Sozialkunde. Warum begannen Sie mit
diesen Fächern?
KRAUS: Ganz einfach: Weil diese Fächer eine Lobby brauchen. Mathematik
und Naturwissenschaften haben Lobby genug. Um die so genannten MINT-Fächer
(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), um deren Ausstattung
und deren Zukunft ist mir weniger bange als um die geisteswissenschaftlichen
Fächer.
ALTHAUS: Wie ist es um Deutsch als Schulfach und als Schulsprache bestellt?
KRAUS: Nicht rosig! Ich kenne kein Land der Welt, das der eigenen Muttersprache
in der Schule so wenig Unterrichtsstunden zugesteht wie Deutschland. Ich
kenne auch keine Land der Welt, in dem es möglich ist, einen Schulabschluss
ohne eine Prüfung in der Muttersprache abzulegen. An Deutschlands Gymnasien
ist das möglich und üblich. Zudem hat sich bei uns inhaltlich eine
gewisse Beliebigkeit breit gemacht. Nicht wenige Bundesländer beförderten
Gebrauchstexte inkl. Bedienungsanleitungen in den Rang wichtiger Textsorten.
Immer mehr Bundesländer reduzieren bereits den Grundschulwortschatz;
angesagt sind jetzt nur noch 700 Wörter! An vielen Schulen begnügt
man sich - anstatt von den Schülern das Durchbeißen durch einen
Roman zu verlangen - mit der haarkleinen Analyse von Fluten kopierter Textauszüge.
Deshalb ist es dringend notwendig, dass sich die Schule in der muttersprachlichen
und literarischen Bildung von einigen grundlegenden Fehlentwicklungen der
letzten dreißig Jahre verabschiedet. Dazu gehören vor allem: die
vernachlässigte Spracherziehung (hinsichtlich Vielfalt und Genauigkeit
des Ausdrucks, grammatischer Korrektheit, Abwehr eines "Slangs" und einer
primitiven Sprache); das vernachlässigte Einüben sprachlicher Gestaltungsformen
(Nacherzählung, Beschreibung, Schilderung, Zusammenfassung); die Abschaffung
eines Lektürekanons und die damit verbundene Aufgabe kultureller und
geistiger Tradition.
ALTHAUS: Was fehlt uns denn, dass wir den Unterricht in der eigenen Muttersprache so vernachlässigen?
KRAUS: Es fehlt uns das Verständnis von Muttersprache als „via regia“
zur Kultur. Sprache und Literatur sind Speicher kultureller Erfahrungen.
Sprache und Literatur sind Vehikel zur Aneignung von Welt und zur Teilhabe
an Welt. Mit Sprache wiederum ist untrennbar das Denken verbunden: Was ich
nicht denke, kann ich nicht sprachlich ausdrücken, und was ich nicht
sprachlich ausdrücken kann, kann ich kaum denken. Mit Hilfe des Denkens
kann der Mensch sodann zeitliche Erlebnisse entzeitlichen, sich damit über
die Aktualität und Flüchtigkeit erheben und somit Welt ordnen.
Außerdem gelingt über die Sprache die Distanzierung zur Welt.
Sprache ist zudem Vehikel für die Entfaltung der Innerlichkeit des Erlebens.
Und Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu schaffen.
Die Schulen müssen deshalb der sprachlichen und literarischen Bildung
wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Dafür gibt es viele gute Gründe.
Sprachliche Bildung ist erstens Persönlichkeitsbildung: Denn Sprache
ist Medium für die Entfaltung von Innerlichkeit und damit Ausdruck der
Gesamtpersönlichkeit. Über die Sprache begreife ich meine Welt;
ein sprachunfähiges Erleben aber reduziert Welt auf die Flüchtigkeit
bloßer Eindrücke. Sprachliche Bildung fördert zweitens das
Erleben und das Verantworten von Freiheit. Erst mit Sprache ist die Teilhabe
an der politischen Öffentlichkeit möglich. Wer die Sprache beherrscht,
durchschaut beispielsweise leichter den Missbrauch von Sprache in der Reklame
und in der Propaganda. Sprache ist drittens das einzige humane Instrument
der Konfliktlösung. Sprachliche Bildung ist viertens Voraussetzung des
zwischenmenschlichen Verstehens und Handelns. Fünftens: Erst die Alphabetisierung
erlaubt eine Teilhabe an zivilisatorischen Errungenschaften (etwa an Wissenschaft
und Technik). Das Beherrschen der Sprache ist unter allen sog. Schlüsselqualifikationen
überhaupt die zentrale, denn nahezu alle Schlüsselqualifikationen
haben mit Sprachbeherrschung und Sprachanwendung zu tun. Deshalb bin ich
der festen Überzeugung, dass sprachgewandte und sprachgeschulte Schüler
auch in Mathematiktests besser abschneiden, weil sie etwa eine Textaufgabe
richtig verstehen.
ALTHAUS: Muttersprachliche Bildung also als Schlüsselfach?
KRAUS: Völlig richtig. Die Muttersprache ist der Zentralschlüssel
für alles Erfahren, Mitteilen, Denken und damit auch Lernen. Und die
Literatur ist der Zentralschlüssel für alle Kultur. So wie das
sprachliche Vermögen eines jeden einzelnen Menschen Ausdruck individueller
Reife ist, so ist die bewusste Pflege von Sprache und Literatur Ausdruck
des kulturellen Niveaus eines Gemeinwesens. Das sprachliche Vermögen
ist damit für die Bildung und für die Sozialisation jedes Einzelnen
wie auch für unser Selbstverständnis als Kulturnation die wesentliche
Grundlage. Das heißt: Ein Bildungswesen, das die junge Generation zukunftsfähig
in Leben, Ausbildung und Beruf entlassen und zugleich seinen kulturellen
und allgemein bildenden Auftrag erfüllen soll, muss also der sprachlichen
Schulung größte Bedeutung beimessen. Das gilt für so ganz
bzw. leider nicht mehr so ganz selbstverständliche Dinge wie eine intensive
Unterrichtung in Orthographie und Grammatik - auch im Zeitalter von Rechtschreib-
und Diktierprogrammen. Zugleich bleibt das Fach Deutsch maßgebliche
Grundlage für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Deutschunterricht
- das ist ferner die Chance, ein Gespür für künstlerische
Leistung zu entwickeln. Die Möglichkeiten reichen hier vom Rezitieren,
von Sprachspielen und Stegreifspielen über das kreative Schreiben bis
hin zum Theaterbesuch und zum großen Schulspiel.
ALTHAUS: Damit stellt sich die Frage nach einem Lektürekatalog. Welche Literatur ist jungen Menschen nahezubringen?
KRAUS: Der Deutschunterricht hat vor allem via Literatur die Chance, eine
Verständigung über gemeinsame kulturelle Erfahrungen zu schaffen.
In der Schule muss es deshalb um die Begegnung mit großen Werken der
Literatur gehen - um Werke, die fundamental für eine Epoche sind, deren
Wirkung zugleich über den deutschsprachigen Raum, über die jeweilige
Epoche und über die Literatur hinausgeht. Auf jeden Fall ist darauf
Wert zu legen, dass alle maßgeblichen literarischen Epochen mit dafür
charakteristischen Werken behandelt werden. Dazu kommen Sagen, Märchen,
Fabeln, Lügengeschichten, Anekdoten, Hörspiele, Dialekt- und Heimatdichtung
sowie Jugendbücher. Entscheidend bleibt, dass möglichst viel gelesen
wird. Das Lektürevolumen muss Vorrang haben vor einer mikrochirurgischen
Analyse von Textauszügen. Es sollte ansonsten keinen Hauptschulabgänger
geben, der nicht Auszüge kennt aus Nibelungenlied und Barocklyrik, Lessings
Ringparabel sowie Beispiele von Goethe- und Schiller-Balladen, romantische
Lyrik, Gottfried-Keller-Novellen oder Brecht-Kalendergeschichten. Der Realschüler
sollte darüber hinaus zu tun haben mit den “Räubern“ oder mit dem
„Götz“, mit „Maria Stuart“ oder „Wilhelm Tell“ sowie mit Beispielen
der großen europäischen Literatur von Dante über Shakespeare
bis hin zu Molière und Tolstoi. Beim angehenden Abiturienten schließlich
geht es hoffentlich nicht ohne den kompletten “Nathan“, nicht ohne den kompletten
„Faust I“, nicht ohne einen Kleist, Hölderlin, Büchner, Heine,
Keller, Storm, eine Droste, einen Stifter, Fontane, Hauptmann, Kafka, Trakl,
Rilke, Thomas Mann, Brecht, Döblin, Tucholsky, Jünger, eine Bachmann,
einen Böll, Frisch, Dürrenmatt, Rainer Kunze. Und einem Gymnasiasten
gemäß ist die unterrichtliche Akzentuierung großer literarischer
Leitfiguren unter dem Aspekt der Vielfalt in der Einheit der europäischen
Literatur (z.B. eines Faust bei Marlowe, Goethe, Thomas Mann, Gounod).
ALTHAUS: Kommen wir zum Kerncurriculum Geschichte! Welche Grundsatzüberlegungen
haben die Verfasser diesem Kerncurriculum zu Grunde gelegt?
KRAUS: Der Mensch ist ein historisches Wesen. Deshalb mag man Geschichte
vernachlässigen, vergessen, verdrängen; man kann sich aber nicht
von ihr befreien, ihr entrinnen. Schon im Kleinen begegnet uns Geschichte
auf Schritt und Tritt: in Umgebung und Alltag, in Ort und Region, in Politik
und Medien; sie ist elementarer Bestandteil von Kultur, Zivilisation, öffentlicher
Diskurse und ihrer Genese. Um daran urteilend und aktiv teilzuhaben, ist
die Kenntnis zentraler Personen, Fakten, Verläufe, Signalwörter
und die damit verbundene Fähigkeit notwendig, Literatur, Musik, Kunst,
Philosophie historisch zuzuordnen. An dieser kulturellen Aufgabe müssen
sich auch die Inhalte des Geschichtsunterrichts orientieren. Das Fach Geschichte
vermittelt sodann die Einsicht in die Endlichkeit der Person. Denn, sich
als historisches Wesen zu begreifen, heißt, sich als endlich zu begreifen;
es vermittelt das Gefühl für Zeit und Dauer von Veränderungsprozessen;
es vermittelt einerseits Skepsis, Misstrauen und Vorsicht gegenüber
Zukunftsprognosen, Großideologien, Utopien, „ewigem Fortschritt“, Machbarkeitswahn,
Geschichtsmythen, Manipulation und Missbrauch von Geschichte; insofern ist
sie kritisches Potential. Und Geschichte muss Wiedererkennung leisten: Wer
die Geschichte ignoriert, muss damit rechnen, sie zu wiederholen, und zwar
vor allem ihre Irrtümer und Fehler (George Santayana). Nur die Geschichte
bietet einen unübertrefflichen Einblick in die conditio humana und die
dünne Decke der Zivilisation. Wer lernen will, was der Mensch und wozu
er fähig ist, ist auf Geschichte angewiesen, im Positiven wie im Negativen.
ALTHAUS: Geschichte und Geschichten? Hat das miteinander zu tun?
KRAUS: Natürlich! Geschichte bliebe blutleer-abstrakt, wenn das Erzählende
entfiele. Das Narrative erst weckt gerade in den ersten Schuljahren des Geschichtsunterrichts
Faszination und Interesse. Geschichte darf gleichwohl nicht nur in „verkindlichter“
Perspektive (Motto: „Wir basteln eine Toga“) wahrgenommen werden. Es geht
vielmehr um die kulturellen Eigenheiten von Epochen und ihre Wechselwirkungen
mit den Bereichen Literatur, Philosophie, Kunst, Musik usw. Um die Verbindung
zur modernen Kommunikation herzustellen, sollten diesen Bereichen außerdem
charakteristische - bis heute gebräuchliche - historische Signal-, Sprichwörter,
Metaphern sowie Redensarten zugeordnet werden, von denen unsere Sprache lebt
und die sich zugleich mit "Geschichten" verbinden lassen.
ALTHAUS: In Zeiten eines vielfach berufenen Pluralismus, gibt
es da noch überhaupt noch historisch hergeleitete Inhalte und Werte
unumstrittener Autorität?
KRAUS: Inhalte und Werte unumstrittener Autorität sind doch hoffentlich
die geschichtlich gewachsenen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen
Architektur-Prinzipien unseres Gemeinwesens, nämlich die Prinzipien
der politischen Freiheit, der Eigenverantwortung, der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit
und der Sozialen Marktwirtschaft. Leider wird immer mehr vergessen, dass
diese Prinzipien ohne den abendländisch-christlich-jüdischen Wertekosmos
nicht denkbar sind. Wir genießen Rahmenbedingungen und gefährden
zugleich deren Existenz und Gültigkeit, indem wir sie uns nicht mehr
bewusst machen. Ich meine die Konstanten unseres geistigen Besitzes: das
heißt konkret das klassische Erbe mit seiner Philosophie, seiner Rationalität,
seinem Rechtsverständnis; die Würde des Menschen als Person als
Ausdruck der Gottesebenbildlichkeit des Menschen; das Prinzip Verantwortung
als Antwortgeben gegenüber einem höheren Wesen; einen mehrfachen
Dualismus, nämlich von Freiheit und Verantwortung, Rechten und Pflichten,
Recht und Gerechtigkeit; ja schließlich auch die Bürger-
und Menschenrechte als originär christlich-abendländische Wertsetzungen.
Indem wir die Wurzeln dieser Eckwerte vergessen, gefährden wir mittelfristig
den Wertekosmos unseres Grundgesetzes. Ein vor allem in den sog. A-Ländern
auch schulpolitisch gepflegter Kulturrelativismus und Indifferentismus gegenüber
anderen und gegenüber sich selbst enden vielmehr in geistiger Obdachlosigkeit,
in einer Toleranz aus Gleichgültigkeit statt aus Überzeugung, im
beziehungslosen Nebeneinander oder im "Nihilismus des Geltenlassens von schlechthin
allem" (Arnold Gehlen). Und vor allem endet einer solcher Relativismus in
Identitätskrisen - individuellen wie kollektiven. Somit wäre eine
Rückbesinnung auf die christlich-abendländischen Werte angezeigt,
die auch unser Grundgesetz konstituieren. Dieser Idee- und Wertekosmos, der
ein europäischer ist, wäre gerade mit Blick auf die europäische
Integration wichtiger als das ganze (Miss-) Management um BSE oder ähnliches.
Zu denken wäre hier an eine kluge Aussage des griechischen Staatspräsidenten
Konstantinos Karamanlis. Er sagte: Europäische Kultur ist die Synthese
des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese
hat der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit
beigetragen; der römische Geist die Idee des Staates und des Rechts
und das Christentum den Glauben und die Liebe.
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