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DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 4. April 2003
Schule und Irak-Krieg:
Tatsächlich haben sich die allermeisten der 40.000 Schulen in Deutschland in den vergangenen Tagen sehr verantwortungsbewußt mit dem Krieg im Irak auseinandergesetzt. Einige Schulen aber erwecken den Eindruck, als wollten sie zurück in die Zeit vor dreißig Jahren, als die 68er die Schule zur politischen Bühne erklärten. Die Zeitungen und die Fernsehnachrichten sind jedenfalls voll davon: Schüler demonstrieren gegen den Krieg - vorzugsweise während der Schulstunden. Und alle Gutmenschen sind ausgesöhnt: Da sage mal einer, wir hätten keine engagierte Jugend. PISA mag ja ein Flop für uns Deutsche gewesen sein, aber in Sachen Friedfertigkeit sind wir Weltmeister!
Ernsthaft: Daß Schüler demonstrieren, ist ihr gutes Recht, denn auch für sie gilt Artikel 8 des Grundgesetzes. Im Grundgesetz steht aber nicht, daß dieses Grundrecht von Schülern nur während der Unterrichtszeit in Anspruch genommen werden kann. So aber tun ein paar tausend Schüler - zum Teil gegen den Willen ihrer Lehrer und Schulleiter, zum Teil mit deren hilfloser oder auch ausdrücklicher Billigung.
Handlungsorientierter Politikunterricht sei das, so beeilen sich nicht nur grüne Politiker, sondern sogar Leute in höchsten Staatsämtern zu erklären. Und naiv schieben sie hinterher, die Schüler würden bei einer Demonstration während der Unterrichtszeit mehr lernen als in zig Unterrichtsstunden. Eine Sonntagszeitung läßt in einem Gastkommentar gar einen 23jährigen Politikstudenten zu Wort kommen und fordern: 'Wenn ich Kanzler wäre, dürften Schüler für Demos schwänzen.' Offenbar muß man ein paar Semester Politik studiert haben, um auf so glorreiche Ideen fern jeder rechtlichen Kanzlerkompetenz zu verfallen.
Was aber kommt dabei heraus, wenn Schüler während des Unterrichts und vorzugsweise in Großstädten gegen den Krieg und gegen die USA demonstrieren? Nun, hochemotionalisiert laufen dann viele mit, in martialischer Friedensbemalung, ohne etwas zu verstehen; und was sie dabei lernen, ist vor allem das Vergröbern und der Rechtsbruch. Sehr glaubwürdig sind solche Demos während der Unterrichtszeit jedenfalls nicht. Sie wären in ihren Anliegen glaubwürdiger, wenn sie am Nachmittag oder am Wochenende stattfänden. Oder hat man Sorge, außerhalb der Unterrichtszeit könnten nicht genügend Schüler mitmarschieren?
Ein Verzicht auf eine Anti-Kriegs-Demonstration während der Schulzeit bedeutet nicht, daß die Schule politisch kastriert sei. Schule muß die Friedenssehnsucht der jungen Menschen ernst nehmen. Viele Schulen haben das zuletzt in überzeugender Weise getan, indem sie den Unterricht entsprechend umstellten, die Schüler zu Friedensgebeten versammelten und Spendenaktionen zugunsten der Flüchtlinge im Irak starteten.
Ansonsten hat Schule eindeutige Gebote. Eines der Rechtsgebote lautet, daß Schule am Vormittag in Vertretung der Eltern das Erziehungsrecht ausübt; für alles, was dabei geschieht, auch bei einer möglicherweise gewalttätig endenden Demonstration geschieht, trägt Schule die Haftung. Ein anderes Rechtsgebot lautet: Schule muß verhindern, dass Schüler politisch mißbraucht oder einseitig indoktriniert werden.
Schule hat wohlfeile Erklärungsmuster zu durchdringen und Komplexität klarzumachen. Das macht Urteilsvermögen aus. 'Kein Blut für Öl' oder 'Stoppt Bush' - und das ganze auch noch während der Schulzeit - ist etwas zu wenig an intellektueller Durchdringung. Letztere zu fördern ist Pflicht der Schule. Die jungen Leute sollen sehen, daß sich das Irak-Problem nicht in einem von Schlagersternchen hingehauchten Pop-Pazifismus erschöpft. Und sie sollen auch sehen, daß selbst heftigste Plakate im Endeffekt nur Ratlosigkeit hinterlassen.
Es geht nicht darum, ob demonstrierende und zugleich schulschwänzende Schüler Sanktionen erfahren oder nicht. Die Schulen vor Ort werden das angemessen und souverän zu würdigen wissen. Wichtiger ist, daß Schule qua Unterricht vielschichtig an das Thema Irak herangeht. Vor allem die Fächer Geschichte, Sozialkunde/Politik, Religion/Ethik und Englisch können dazu beitragen. Dabei ist auch ein besonderer deutscher Aspekt zu berücksichtigen, geht es hier doch auch um die Frage, ob die Weltgeschichte hätte anders verlaufen und ob Hitler hätte gestoppt werden können, wenn die Westmächte 1938 wacher gewesen wären.
Zu reden ist mit den Schülern aber auch über die UNO und die Nato als Werteallianzen sowie über die Frage nach der Einschätzung der Rolle der USA. Das Letztere betreffend, ist manchmal eine Schieflage entstanden. Es scheint vergessen, daß es sich bei den USA um die älteste Demokratie der Neuzeit, um einen Rechtsstaat und nicht um eine Bananenrepublik handelt; es scheint vergessen, was die USA allein 1949 und 1989/90 für Deutschland bedeuteten; und es scheint vergessen, daß ohne die USA keine Befriedung im ehemaligen Jugoslawien möglich gewesen und 1999 ohne die Rolle der USA das Morden im Kosovo weitergegangen wäre - auch ohne Ölvorkommen dort! Diese Wahrheiten gehören mit dazu. Ansonsten wäre es schon hilfreich, wenn sich die Schulklassen die UN-Resolution 1441 im Wortlaut anschauten; alle reden darüber, aber die meisten haben sie sich nicht angesehen.
Pate für den Umgang der Pädagogik mit dem Thema Irak sollte Max Weber sein. Dieser unterschied vor Studenten der Universität München im Jahr 1919 in seiner Rede 'Politik als Beruf' zwei Maximen politischen Handelns: die gesinnungsethische und die verantwortungsethische. Diese Unterscheidung wäre eine passende auch für die Pädagogik. Eine Gesinnungspädagogik fühlte sich allenfalls für das Hochhalten der 'Flamme der reinen Gesinnung' zuständig, würde Weber heute sagen. Verantwortungspädagogik ist etwas anderes. Unsere jungen Leute müssen erfahren, daß wir nicht nur dafür verantwortlich sind, was wir tun, sondern auch dafür, was wir unterlassen. Dies gilt auch für den Umgang mit einem Diktator, dessen Regime bereits eine Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind