DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 13. Dezember 2002

Wir dürsten nach Wissen und ersaufen in Information

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht bedeutende Leute über den Rohstoff Geist, den Produktivfaktor Information und die nachhaltige Ressource Wissen reden. Kurz: Die Wissensgesellschaft ist in aller Munde. Die Schulen können von diesem Boom - siehe PISA! - bislang freilich eher nur träumen. Die Klagen über das schwindende Wissen der jungen Leute sind nach wie vor Legion. Wissen ist Macht, aber nichts zu wissen macht auch nichts; das scheint bei manchen Schülern immer noch die Standardhaltung zu sein. Eine Wende scheint indes zumindest bei den „Alten“ in Sicht. Print- und Fernsehmagazine legen nahezu monatlich neue Lektürekanones auf. Selbst der Mann von der Straße will sein Wissen testen: Die Langlebigkeit der Quizsendungen im Fernsehen und die Zahlen des Buchhandels beim Umsatz von Quizbüchern sind bezeichnender Beleg.

Ist das schon die Wissensgesellschaft? Nein, denn Wissensgesellschaft ist mehr. Eine Wissensgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der erstens möglichst viele Bürger Funktionswissen für Alltag und Beruf besitzen; in der zweitens Wissen so weit demokratisiert ist, dass der Einzelne Erkenntnisse der Wissenschaften und Entscheidungen der Politik mündig bewerten kann; und in der es drittens ein Angebot an Identitätswissen gibt - an Wissen, das Selbstfindung und Enkulturation, also persönliche und kulturelle Orientierung erleichtert.

Wie auch immer: Eine Renaissance des Wissens tut not. Wir müssen uns lösen von der Vision, es reiche, dass jeder Mensch ein funktionstüchtiger Infokrat sei. Wir gehen in eine Wissensgesellschaft, nicht in eine Informationsgesellschaft. Bloße Information – das wäre das Sterile, Beliebige, Inflationäre. Wissen aber – das ist das Bewertete, das Gewichtete, das Bedeutsame.


Funktionswissen

Menschen brauchen zunächst Wissen und Können, um den Alltag und den Beruf zu bewältigen. Das ist schon eine Menge. Der stets wiederkehrende Hinweis auf die immer kürzeren Halbwertszeiten eines - vermeintlich obsoleten - Wissens ist falsch. Dieser Hinweis ist berechtigt, wenn es sich um bestimmte Fachbereiche handelt, wie etwa die Computertechnik. Hier ist das Wissen des Jahres 2002 tatsächlich im Jahr 2005 zur Hälfte überholt. Aber: Es gibt unendlich viel Wissen, das sich nicht überholt: religiöses, philosophisches, ethisches, historisches, literarisches, ästhetisches, sprachliches, mathematisches, auch naturwissenschaftliches.

Was heißt das für Schule und Lernen? Es heißt, dass Bildung nicht überspezialisiert oder atomisiert werden darf. Schule kann im Wettlauf der Wissenschaften und Technologien, der Trends und Moden nicht mithalten. Sie muss es auch nicht. Schule sollte sich vielmehr darauf besinnen, was Bestand hat und was nach dem Prinzip "multum non multa" (Viel, aber nicht Vielerlei!) jenes Funktionswissen ist, mit dessen Hilfe jede noch so expansive Wissensentwicklung auch später bewältigt werden kann. Solches Wissen von Bestand gilt es als Vorratswissen zu vermitteln. Solches Wissen und Können sind zudem die unerlässliche Voraussetzung für die Fähigkeit zur Zusammenschau und für kreative Leistungen. Wer innovativ sein möchte, der muss erst einmal viel wissen. Hier gilt, was der Erfinder Edison meinte: Zehn Prozent von Kreativität sind Inspiration, neunzig Prozent sind Transpiration. Anders: Wer kreativ sein möchte, der solle sich erst einmal eine Menge Wissen ersitzen und erschwitzen. Mit Download- bzw. Just-in-time-Information, ohne fachliche Folie, ohne konkretes und präsentes, ohne eingeübtes Wissen und Können ist das nicht möglich.


Evaluationswissen

Wissen ist Bollwerk gegen Manipulierbarkeit und Verführbarkeit. Mit eigenem Wissen kann man Vorgesetztes evaluieren, man muss sich dann auch von Expertokraten nicht so leicht ein X für ein U vormachen lassen. Wissen hat somit eine demokratische, staatsbürgerliche Funktion. Denn: Wer nichts weiß, muss alles glauben! Selbst in der Demokratie kann der Mensch ausgeliefert sein - nicht einem bösen Diktatoren, immerhin aber Verführern oder Beschwichtigern. Mit Hilfe von Wissen kann man sich vergewissern, ob etwas Faktum oder Meinung ist, ob etwas stimmt oder nicht, zumindest ob etwas stimmen kann oder nicht stimmen kann. Wissen schafft also geistige Unabhängigkeit. Und nur verfügbares Wissen macht urteils- und evaluierungsfähig. Solides Wissen kann zudem Abwehrkraft gegen Angst sein - zum Beispiel gegen die Angst des Hypochonders, der hinter jedem Symptom oder hinter jeder Schadstoff- oder Klimameldung den drohenden Ausbruch einer Katastrophe wittert. Zumindest aber schützt Wissen vor eigener und fremder Geschwätzigkeit.

Ein Mensch ohne Wissensfundus aber wäre das Lieblingsobjekt eines jeden Diktators oder Demagogen. Er wäre verführbar für jede Lüge und Halbwahrheit; er wäre anfällig für jedes Angstmachen und für jedes Propagieren von Vorurteilen. Deshalb ist der unwissende oder indoktrinierte Mensch das Ziel totalitärer Systeme, die alles Mögliche weismachen und alles vorgeben wollen: eben auch Vorurteile. Nicht umsonst nennt George Orwell in seiner totalitären Vision "1984" als einen der drei Wahlsprüche des Wahrheitsministeriums (des "Miniwahr"): Unwissenheit ist Stärke! Solche Attitüden zu verhindern ist Aufgabe einer Erziehung zum mündigen Bürger.


Identitätswissen

Darüber hinaus ist ein Dasein ohne die Dimension kulturellen Wissens, ohne historisch-narrative Elemente, ohne Herkunftswissen unmöglich. Menschsein weist über Alltag, Beruf und Politik hinaus; ohne Besinnung auf das Übernützliche geht die so genannte moderne, offene Gesellschaft an ihrer Gleich-Gültigkeit (sic!), an der Wandelbarkeit ihrer Bezüge kaputt. Die Menschen spüren das, weil sie spüren, dass sie nach Wissen dürsten, aber in Information ersaufen. Ein "Nihilismus des Geltenlassens von schlechthin allem" (Arnold Gehlen) liefe deshalb auf eine Verweigerung von Orientierung, ja eine Verweigerung von Identität hinaus.

Eine zukunftsfähige Bildung leistet gerade in Zeiten der Globalisierung Identitätsstiftung und Orientierung, sonst wird aus der Wissensgesellschaft eine Gesellschaft ohne Wissen, zumindest mit nur sehr einseitigem und flüchtigem Wissen. Zukunft ist Herkunft, hat Martin Heidegger gesagt. „Herkunft“ aber bedeutet Wissen. Der unbehauste Mensch wird die Beliebigkeit und Oberflächlichkeit des „global village“ außerdem nur dann aushalten, wenn er über kulturelles Wissen Geborgenheit in Kultur, Geschichte, Tradition und Sprache findet. Und er wird nur dann seine Trendanfälligkeit sowie seine Froschperspektive überwinden, wenn er beherzigt, was der Frühscholastiker Bernhard von Chartres (um 1120) meinte, als er riet: „Im Bewusstsein unseres begrenzten Erkenntnisvermögens sind wir alle Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können die Zwerge weit schauen.“ Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit und ihr Wissen, ihre Literatur und die Weisheit ihrer Sprachen - das sind die Schultern von Riesen, auf denen wir Zwerge sehr weit sehen könnten.

Für die Schulpolitik heißt das: Deshalb brauchen wir nicht nur eine Debatte um die Frage, wie wir PISA-relevante Kenntnisse und Fertigkeiten besser fördern können, sondern eine Debatte um einen kulturellen Kernkanon. Die seit den 70er Jahren verbreitete Vorstellung von einer Gleichwertigkeit der Fächer und Inhalte ist eine Fiktion. Die zentralen Inhalte der Fächer Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte leisten das Entscheidende, wenn es um die Zugänge zur Welt und um die Gestaltung von Welt geht. Bildung ist mehr als PISA. PISA testet das Funktionswissen. Aber Bildung ist mehr als Funktionswissen. Deshalb ist vor einer Schulpolitik zu warnen, die im Eifer der Empirie und Statistik glauben macht, Bildung sei das, was PISA misst. Solch operationalistische Definitionen hatten wir schon einmal bei der Intelligenz. Gleichermaßen pfiffig und hilflos beendete man vor dreißig Jahren die Frage nach der Definition von „Intelligenz“ mit der Aussage: Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst. Fast ist man versucht anzufügen: Die Intelligenz hat sich bis zum heutigen Tag von dieser Definition nicht erholt.


Bildungspolitisches Resümee


Wir brauchen eine Einheit des Wissens - gleichberechtigt des Funktionswissens, des Evaluationswissens und des Identitätswissens. Das hat mit Bildungspolitik zu tun. Freilich fällt auf, dass der Begriff des Wissens über Jahrzehnte hinweg in kaum einem pädagogischen Nachschlagewerk vorkam. Vor lauter Sorge, sie könnten als nicht genügend innovativ und modern erscheinen, haben Schulpädagogik und Schulpolitik das Wissen als Schubladendenken und Stoffhuberei diskreditiert. Das geschah in den verschiedenen Bundesländern zugegebenermaßen in unterschiedlichem Ausmaße. Vor allem in den schulpolitisch sozialdemokratisierten Ländern tat man sich hervor: Parallel zum Bemühen um Chancengleichheit (vulgo: Gleichmacherei) fand dort eine andere Art von Egalisierung statt: die Egalisierung schulischer Inhalte, zum Beispiel von Literatur und Gebrauchstexten, von Hoch- und Umgangssprache, auch von Wertebezügen. Die Quittung ist die PISA-Studie; manche Bundesländer schnitten bekanntermaßen unter aller „Kanone“ ab – was übrigens nichts mit dem Schießgerät zu tun hat, sondern mit Kanon, also mit Richtschnur.

Mancherorts sind in Sachen Schulbildung also dreißig Jahre inhaltlichen Vakuums zu füllen. Wir brauchen deshalb eine engagierte Debatte um Inhalte, und zwar im Interesse eines umfassenden Verständnisses von Wissensgesellschaft, und wir brauchen Lehrpläne, die anhand konkreter Stoffe Antwort geben auf drei essentielle Fragen: Wie repräsentativ ist ein Stoff für das Verständnis und für die Gestaltung von Welt? Welche Inhalte sind wichtig für den mündigen Staatsbürger? Was kann ein Stoff leisten für die Förderung individueller und kultureller Identität? Die Kanon-Debatte ist damit hoffentlich so weit geöffnet, dass sie über die Literaturkanones der telegenen Literaturgewaltigen hinausgeht. Wenn unsere jungen Leute außerdem verinnerlichen, dass das Prinzip Wissen eine lebenslange Holschuld beinhaltet, dann sind sie für die Wissensgesellschaft gerüstet.


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