DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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SWR 2 Tagesgespräch vom 18. Juli 2007
Internet-Mobbing gegen Lehrer: „Es ist kein Massenphänomen"
Rudolf Geissler im Gespräch mit Josef Kraus, Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Baden-Baden:
Der Deutsche
Lehrerverband warnt vor überzogenen Alarmmeldungen über Internet-Attacken auf
Lehrer. Verbandspräsident Josef Kraus sagte im Südwestrundfunk (SWR), diese
Form des Mobbing sei „kein Massenphänomen“,
sondern ein Problem, für das allenfalls fünf Prozent der 12 Millionen
Schülerinnen und Schüler in Deutschland gerade zu stehen hätten. Handy-Videos
oder Fotomontagen im Internet unterschieden sich von den „Deftigkeiten“ der
sechziger oder siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts im wesentlichen durch
die neue Technik und die Chance, das Ganze über Stadtgrenzen hinaus weltweit zu
verbreiten. Klar sei , dass nach den Gewaltexzessen vergangener Jahre viele
Lehre dünnhäutiger auf Internet-Attacken reagierten, sagte Kraus. Ein
Handy-Verbot an Schulen sei aber eher als „Schaufensterpolitik“ zu werten.
Gefordert seien eher der Einfluss der Eltern und positiver „Gruppendruck“ in
den Klassen, damit das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern nicht vergiftet
werde, das sich in den letzten Jahrzehnten „weitestgehend entspannt“ habe.
- Wortlaut des
Live-Gesprächs –
Rudolf
Geissler: „Lehrer sind Freiwild geworden“ - mit diesem Satz hat der Verband
Bildung und Erziehung vor Wochen Aufsehen erregt. Heute nun wird in Berlin
unter ähnlichem Titel die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zusammen mit
der Gewerkschaft der Polizei Alarm schlagen. Beiden geht es um das so genannte
„Cyber-Bullying“, um Psychoterror gegen Lehrer mit Hilfe des Internet. Für wie
bedrohlich halten Sie diese Form des Mobbing?
Josef Kraus: An solchen Alarmmeldungen ist schon was dran. Wir
haben in Teilen unserer Schülerschaft, unserer heranwachsenden Generation eine
Verwilderung von Sitten. Dass die Lehrerschaft darauf sensibel reagiert,
das muss man verstehen. Wir dürfen nicht übersehen, dass wir in den
letzten Jahren doch heftige,
ja lebensbedrohliche,
Attacken gegen Lehrer hatten in Deutschland. Ich will jetzt nicht nur
Erfurt bemühen, wo 13 Lehrer ums Leben kamen, es sind ja auch in drei weiteren
Orten Lehrer ermordet worden, Schulleiter usw. Da wird natürlich die
Haut ein bisschen dünner und da reagiert man dann sehr sensibel, wenn so etwas
passiert. Gleichwohl füge ich aber hinzu: es ist das natürlich kein
Massenphänomen unter 12 Millionen Schülern in Deutschland, sondern es
konzentriert sich wahrscheinlich auf drei oder vier oder fünf Prozent besondere
Risikoschüler.
Sie sagen
„Verwilderung von Sitten“. Nun hat es ja Schülerstreiche wirklich in allen
Generationen gegeben. Immer auch in deftigerer Form und ob das als Affront
empfunden wurde, hing ja immer ein bisschen von den Reizschwellen der
jeweiligen Zeit ab. Unsere heute liegen zweifellos hoch. Inwiefern
unterscheidet sich die neue Form des Verspottens da wirklich in der Substanz
von dem, was immer schon gängige Schülerpraxis war an veralbern und parodieren?
Deftigkeiten
gab es immer, wenn ich mir in den früheren Jahren, in den 60er, 70er Jahren
Abiturstreiche beispielsweise anschaue. Was neu ist, das ist die
Nutzung neuer Medien. Und dass das Ganze global verbreitet werden kann. Das ist das Problem. In den
früheren Jahrzehnten war das ein lokales Ereignis, das sich auf eine einzelne
Schule, auf eine Kleinstadt oder auf ein Stadtviertel bezog. Und nun ist es
im Grunde genommen über die Cyberwelt
globalisiert.
Welches
sind denn die Folgen dieser Gewalt bei den Lehrern nach Ihrer Beobachtung. Sind
die Krankmeldungen mehr geworden, die Krankheiten andere als früher?
Da
haben wir
keine verlässlichen Daten. Wir wissen halt, dass in den letzten
Jahrzehnten die
Rate an Frühpensionierungen zugenommen hat, und wenig Lehrer
heutzutage
das Pensionierungsalter mit 65 erreichen. Es liegt eher so bei 61, 62
Jahren.
Im Übrigen sind die Reaktionen von Lehrer zu Lehrer sehr
unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Lehrer, die gehen da relativ
gelassen
stabil damit um. Aber es gibt auch Lehrer, die darunter schon schwer
zu leiden haben. Aber unabhängig jetzt von den möglicherweise
psychosomatischen
Folgen bei manchen Lehrern, befürchte ich halt und beobachte ich
eine
Veränderung des Klimas in manchen Schulen, eine Abkühlung des
Klimas, und das
würde ich sehr bedauern. Wir haben in den letzten Jahrzehnten
zwischen
Lehrern und Schülern doch eine Kommunikation, ein Verhältnis
bekommen, das
weitestgehend entspannt ist. Und wir haben im Grunde genommen eine
Augenhöhe erreicht. Jetzt steht zu befürchten, dass es
aufgrund dieser Vorgänge im Internet zu
Solidarisierungen unter den Lehrern kommt und dass wir ein bisschen so
in alte
hierarchische Strukturen Lehrerschaft/Schülerschaft im
Gegeneinander zurückfallen
könnten.
Die
Gretchenfrage lautet: wie ist dem beizukommen? Technisch möglicherweise in Form
von Handy-Verboten, aber die so genannten Fakes, also Montagen irgendwelcher
Art in Verbindung mit anderen Videos, die werden Sie damit ja auch nicht
verhindern können?
Ja nun, wir
haben in einigen Bundesländern ein Verbot der Nutzung von elektronischen
Speichermedien, also von MP3-Player bis hin zu Digitalkameras usw. Das ist ein
bisschen Schaufensterpolitik, denn das wissen wir auch, dass heut ein 12- oder 14- oder 17-jähriger Schüler,
der einen Lehrer in unglücklicher Position aufnehmen möchte mit einer Kamera,
das natürlich immer schafft und wenn er so etwas ins Internet stellen will, so
was natürlich nicht verhindert werden kann.
Sie gehen
vergleichsweise gelassen mit diesem Thema um. Wenn ich jetzt daran denke, dass
die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit der Gewerkschaft der Polizei
heute vor die Presse geht, dann frage ich mich, ob das eventuell, ob das Thema
übertrieben wird. Sehen Sie das so?
Also, es ist
kein Massenphänomen. Und ich sage auch als Anwalt von Jugend: das ist kein
Phänomen, das 12 Millionen Schüler in Deutschland erfasst hat. Das ist ein
Phänomen und ein Problem, für das vielleicht drei, vier, fünf Prozent - mit
regionalen Unterschieden - von Schülern gerade stehen müssen. Ansonsten wünsche
ich mir erstens, dass das Gros der vernünftigen Schülerschaft einen gewissen
positiven, konstruktiven Gruppendruck ausübt auf die Schüler, die es darauf
anlegen, das Klima zu vergiften. Und ich wünsche mir auch, dass die
organisierte Elternschaft mal die Stimme erhebt. Das habe ich in den letzten
Wochen vermisst.
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