DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
  SWR 2 AULA - Sendung vom 27. August 2006

Der Lehrer - Tausendsassa oder Fußabstreifer der Nation?

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Lehrer“ – das ist in Deutschland mehr als in jedem anderen Land der Welt ein hochemotionalisiertes Thema. Gehen wir es dennoch staubtrocken statistisch an: Es gibt hier 800.000 Lehrer auf rund 660.000 Lehrerstellen. Wöchentlich unterrichten diese Pädagogen an 42.000 deutschen Schulen 15 Millionen Unterrichtsstunden. In einem Jahr macht das etwa eine halbe Milliarde Stunden aus.

Lehrer in Deutschland! Dieses Thema ist ein Thema bei Stammtischen, und es füllt Gazetten, Fernsehkanäle und Bibliotheken. Kaum ein Berufsstand wird so häufig in die Öffentlichkeit gezerrt. Eine Anfrage bei der Internetsuchmaschine Google etwa ergibt beim Stichwort Lehrer 32 Millionen Treffer. Der Lehrerberuf ist also ein öffentlicher Beruf. Er ist es im Großen – in den Medien. Und er ist es im Kleinen: So es häusliche Mittags- und Abendtische überhaupt noch gibt, kann es einem einzelnen Lehrer, der einen schlechten Tag hatte, passieren, dass er an diesem Tag an 200 Mittags- oder Abendtischen motziges Gesprächsthema ist.

Sein öffentlicher Charakter ist aber die problematische Seite des Lehrerberufes. Natürlich müssen schulisches Geschehen und Lehrerhandeln transparent sein. Aber es erschwert das Bemühen um Bildung und Erziehung in der Schule ungemein, wenn jeder glaubt, hier schlau mitreden zu können.

Gewiss muss Kritik an Schule und Lehrerschaft sein. Unsere Bildungseinrichtungen und ihr Personal sollten mit Kritik offen und ehrlich umgehen. Wenn diese Kritik fair vorgetragen wird, sollte sie souverän angenommen werden. Volkssport aber scheint etwas anderes geworden zu sein. Heute nämlich dominiert in Sachen Lehrer öffentlich das dumme Gerede. Und diverse Politiker samt medialem Anhang machen dieses Gerede nicht nur salonfähig; sie liefern auch noch Stichworte.

Beispiele gefällig?


Am 29. März 1995 gibt der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder der Schülerzeitung eines niedersächsischen Gymnasiums ein Interview. Von Lehrern meint er zu wissen, „dass sie lieber alle Fünfe gerade sein lassen, was ihre eigenen Dienstleistungen angeht ....“ Und in diesem Kontext kommt dann der berühmt-berüchtigte Satz: „Also Freunde, Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

Der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle meint im Januar 1997 zu wissen: „Es gibt schon einen Grund, warum immer weniger Jugendliche zu den Veranstaltungen der Grünen gehen: Die möchten nicht auch noch die Abende mir ihren Lehrern verbringen.“

Am 18.September 1997 flüstert der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, einem Diskutanten auf einem Podium zu: „Was die Lehrer in einer Woche arbeiten, habe ich schon bis Dienstagabend geschafft.“ Was Beck nicht ahnte: Das Mikrofon war noch angeschaltet und ein paar hundert Lehrer im Publikum hörten es.

Im März 1999 ließ sich der damalige Vorsitzende der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Günther Oettinger, vor dem CDU-Wirtschaftsrat Reutlingen/Tübingen mit der Bemerkung vernehmen, dass Lehrer jenseits des 50. Lebensjahrs „faule Hunde“ seien.

Im Frühjahr 2002 antwortete ein Kölner Bundestagsabgeordneter im Untersuchungsausschuss des Bundestags zu den Parteispenden auf die Frage, warum er bestimmte Praktiken nicht mit seinem Schatzmeister besprochen habe, wie folgt: „Das konnte man nicht. Das war kein Mensch, das war ein Lehrer.“

Im Mai 2003 veröffentlicht der „grüne“ Haushaltsexperte Oswald Metzger ein Buch mit dem Titel „Einspruch!“. Darin lässt er sich über Lehrer wie folgt aus: „Als Bauherren sind sie bei Handwerkern wegen ihrer Mängelrügen gefürchtet; viel Zeit haben sie … und nach dem dritten Glas Rotwein werden sie so richtig revolutionär.“

Da können Wirtschaftskapitäne nicht abseits stehen; auch sie gefallen sich bevorzugt im Sommerloch mit Lehrerschelten. Ihr Lieblingsklischee ist der angeblich weltfremde Lehrer, der 75 Urlaubstage abfeiere, der aber keine Ahnung von der Wirtschaft habe und der deshalb schleunigst einmal in die Produktion gesteckt werden müsse.

Viele Medien bemühen sich, solche Urteile sogar noch zu toppen.

Im April 1994 mokieren sich Zeitungen über „Deutschlands faulsten Lehrer“: Namentlich weiden sie sich an einem „Inselpädagogen“, der nach dreijährigem Krankenstand wegen Beklemmungen, die er vor der Klasse bekomme, dienstunfähig sei.

Im November 1996 reicht die Presse eine 55-jährige Lehrerin und Anti-Müll-Aktivistin durch die Schlagzeilen. Die Dame war lange Zeit zwar umweltaktivistisch in Erscheinung getreten, aber für die Schule nicht dienstfähig gewesen.

Die HÖRZU lässt am 20. November 1998 die immerhin renommierte Bildungsexpertin Uschi Glas zu Wort kommen. Diese Dame weiß folgendes: „Ich bin dagegen, dass Lehrer verbeamtet werden. ... Es gibt einfach zu viele, die den Job vor allem wegen der Absicherung machen.“
 

Der STERN weiß im Januar 1999 zu berichten, dass angeblich zwei Drittel der Lehrer keine Ahnung hätten, wie man eine Uhr umstellt, wenn man von Frankfurt nach New York fliegt, und dass ein Drittel der Lehrer nicht in der Lage sei, 30 Prozent von 120 Mark zu berechnen.

Die BILD-Zeitung macht ihre Titelseite am 20. November 2000 mit der dicken Balkenüberschrift auf: „Sind alle Lehrer so doof?“ Hintergrund: Ein Grundschullehrer wusste in der Günther-Jauch-Show „Wer wird Millionär“ nicht, dass die Nordsee-Bucht, in die die Ems mündet, Dollart heißt.

Im Juli 2006 greift die deutsche Presse das ärgerliche Beispiel eines hessischen Lehrers auf, der - wegen Dienstunfähigkeit frühpensioniert und gerichtlich zugestanden – Ruhestandsgeld bezieht, aber in der Schweiz voll unterrichtet und dort zusätzlich zu seinen hessischen Pensionsbezügen ein volles Gehalt bezieht.

Volkes Stimme schließt sich solchen Urteilen und Verdruss-Beispielen verallgemeinernd gerne an. Was Wunder, dass unter 17 regelmäßig untersuchten Berufen laut Institut für Demoskopie Allensbach die Grundschullehrer gerade noch auf Rang 11 und die Studienräte gar nur auf Rang 13 rangieren. Schlechter stehen hier nur noch die Politiker, die Gewerkschaftsführer und die Buchhändler da.

Ansonsten fabrizieren auch Filmemacher gerne Gegen- bzw. Zerrbilder. So hatten Deutschlands Lehrer ihr virtuelles Vorbild jahrelang mit dem Studienrat "Dr. Specht" aus der gleichnamigen ZDF-Serie. Dr. Specht entspricht so recht dem Idealbild des Lehrers als Polit-, Beziehungskisten- und Sozial-Ingenieur. Mal bringt er das Innenleben einer Wessi-Schule auf Vordermann, mal räumt er in einer Ossi-Schule mit "roten Socken" auf. Keine sexhungrige Schülermutter, keine fiese Kollegen-Intrige, kein Multi-Kulti-Trouble, keine Drogenstory, kein Neo-Nazi-Fall, den bzw. die er nicht in den Griff bekäme! Immer mit einem kessen Szenespruch auf den Lippen, immer frisch verliebt, schwirrt er über die Mattscheiben-Schule, um nur jeden möglichen Zoff zu schlichten. Auch sonst hat er alle akut-curricularen „Kernprobleme“ im Griff - vom "Ozonloch" bis zu "Tschernobyl". Und die Specht'sche Schule funktioniert auch noch, selbst wenn man sich fragt, wann dieser Deutsch- und Geschichtslehrer denn eigentlich unterrichtet und korrigiert.

Der Lehrer also als pädagogischer Schimanski und Professor Brinkmann zugleich? Gottlob nein! Denn Specht'sche Schule verhält sich zu wirklicher Schule wie Märchen zu Realität, wie Schwarzwaldklinik zu echtem Krankenhaus.

Und weiter: Im Februar 2001 ist sich ein öffentlich rechtlicher Fernsehkanal um 20.15 Uhr nicht zu schade, einen Spielfilm mit dem Titel auszustrahlen: „Bei Klingelzeichen Mord – Warum musste die Lehrerin sterben“. Das ganze geschah zwei Jahre nach der Ermordung einer Gymnasiallehrerin mitten im Unterricht in Meißen. Und nahezu zeitgleich ging der Film „Tötet Miss Tingle“ in die Kinos – ein Film, der bereits auf dem Plakat eine Lehrerin im Fadenkreuz einer Armbrust zeigt.

Da kann man nur ein Wort eines berühmten Mannes dagegensetzen: „Es ist ein Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.“ Dieser Satz stammt von keinem Bundespräsidenten, auch von keinem Lehrerfunktionär. Nein, dieser Satz stammt von einem der namhaftesten deutschen Philosophen, nämlich von Karl Jaspers. Er schrieb diese Mahnung 1966 in sein Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“

Diese Mahnung ist aktueller denn je. Denn sowohl die Frage, welche - und wie viele - Lehrer Deutschland hervorbringt, als auch die Frage, wie es seine Lehrer achtet, harrt erneut einer Antwort. Überhaupt hat das Volk der Dichter und Denker ein offenbar gebrochenes Verhältnis zum Lehrer. Dabei ist dieses Volk nicht nur ein Volk der Dichter und Denker, sondern auch ein Volk der großen Pädagogen.

Natürlich wissen wir, dass nicht alle 800.000 Lehrer in Deutschland zugleich und in einem Humboldts, Kerschensteiners, Sprangers und Pestalozzis sind. Lehrer selbst, ihre Chefs und ihre Verbandsvertreter dürfen diesbezüglich nicht naiv oder betriebsblind sein.

Das Gros der Lehrer, ihre Chefs und ihre Vertreter wissen, welche Lehrer sie nicht mögen und brauchen können. Deshalb sind die Schulleiter und auch ihre Lehrerkollegien stinkesauer auf diejenigen, die sich um Klassenfahrten herumdrücken; die mit Korrekturen nicht fertig werden; die ausgerechnet immer am Elternsprechtag „krank“ sind; die Innovation mit Schaumschlägerei verwechseln; die miserable Notenschnitte einfahren und dafür ausschließlich die Klasse verantwortlich machen.

Das Dumme ist nur, dass ein einziger solcher Lehrer die solide und engagierte Arbeit des gesamten restlichen Kollegiums in Misskredit bringen kann. Tatsache ist aber auch: Die überwältigende Mehrheit der Lehrer macht eine gute und vielfach sogar aufopfernde Arbeit: im schulischen Unterrichtsalltag, bei Elterngesprächen, bei Wandertagen, bei Wettbewerben, in Lesenächten, in der Schülerzeitungsredaktion, beim internationalen Schüleraustausch, bei der Suche nach einer Lehrstelle für den angehenden Schulabsolventen.

Aber selbst Lehrer mit stabilem Nervenkostüm sind am Resignieren und gestehen ein, wie schwierig es ist, in einer Klasse tagtäglich erst einmal ein Klima zu schaffen, das nach Unterricht aussieht. Und sie schwanken zwischen Resignation und Wut, wenn selbst zehn schriftlich oder telefonisch übermittelte Einladungen zum Gespräch von Eltern unbeantwortet bleiben. Die Rütli-Schule in Berlin ist nur das spektakulärste Beispiel dafür.

Schwer tun sich die Lehrer auch damit, dass ein wachsender Teil der Elternschaft nicht nur berechtigte Ansprüche an die Benotung ihrer Kinder stellt, sondern Noten oder erzieherische Maßnahmen der Schule im manchmal blind-narzisstischen Glauben an das eigene Kind anficht, mit dem Anwalt droht oder gar das Gericht bemüht.

Realität ist auch, dass sehr viele Lehrer eine erheblich längere Jahresarbeitszeit haben als andere Berufe. Von den 1.600 Arbeitsstunden pro Jahr, die ein deutscher Industriearbeiter hat, können die meisten Lehrer nur träumen. Auf 1.800 bis 2.000 Arbeitsstunden kommt ein Lehrer einer weiterführenden Schule pro Jahr. Allein 1.000 Stunden korrigiert ein Deutsch- bzw. Englischlehrer eines Gymnasiums pro Jahr. Er hat schließlich in bis zu sieben verschiedenen Deutsch- bzw. Englischklassen mehr als 300 Schüler, die in einem Schuljahr in der Summe rund 4.000 Prüfungsaufsätze, Übungsaufsätze, Übersetzungen, Diktate und dergleichen zur gefälligen Korrektur produzieren. Dabei hat die betreffende Lehrkraft noch keine einzige Unterrichtsstunde vorbereitet oder gar gehalten. Wöchentlich kommt damit so mancher Lehrer alles in allem auf Arbeitszeiten von 50 Stunden und mehr.

Zudem attestieren renommierte Studien der Lehrerschaft regelmäßig und zu erheblichen Teilen psychosomatische Erschöpfungssymptome. Ein Münchner Arbeitsmediziner namens Müller-Limroth hatte bereits in den 80er Jahren gesagt, dass Lehrer während des Unterrichts oft dem Stress (konkret dem Adrenalinschub) eines Formel-I-Rennfahrers ausgesetzt sind. Und zuletzt wurde in Studien der Universitäten Erlangen, Hamburg, Potsdam und Freiburg gleichlautend festgehalten: Lehrer sind vielfach am Rande der Erschöpfung; sie neigen sehr häufig zu gravierenden kardiologischen, neurologischen und psychosomatischen Erkrankungen. Die Chefs von Spezialkliniken wissen ein Lied davon zu singen: Viele Lehrer sind nach 25 oder 30 Berufsjahren schlicht und einfach ausgepowert.

Folge ist, dass immer weniger Lehrer die reguläre Ruhestandsgrenze erreichen. Ablesbar ist das daran, dass der Krankenstand der Lehrer mit etwa 2,5 Prozent zwar unterdurchschnittlich ist, es aber kaum noch Lehrer jenseits der 60 im Dienst gibt.

Außerdem geht unter den Lehrern Deutschlands die Angst um. Bis 1999 sagte man, an Deutschlands Schulen hätten wir in Sachen Gewalt keine US-amerikanischen Verhältnisse. Seit 1999 kann man das nicht mehr sagen. Seitdem sind 15 Lehrer an Deutschlands Schulen ermordet worden: in Meißen eine Lehrerin, in Brannenburg ein Internatslehrer, in Freising ein Schulleiter und in Erfurt beim schrecklichen Massaker neben vier Schülern zwölf Lehrer.
 

Aber nicht nur der alltägliche Stress in der Klasse und die latente Angst spielen eine Rolle. Kaputt macht auch die permanente Überforderung von Schule und Lehrerschaft von außen.

Was ist damit gemeint?

Nun, wenn Politik und Gesellschaft irgendwelche Missstände ausgemacht haben, dann denken sie sofort an Schule und Lehrerschaft: Wenn Glatzköpfe Ausländer angreifen, dann hätten die Schule zu wenig über Nationalsozialismus aufgeklärt. Wenn die Heranwachsenden gewalttätiger werden, dann sei die schulische Werteerziehung defizitär. Wenn sich Kinder zu Hause Hackfleisch-Videos hereinziehen, dann habe die schulische Medienpädagogik versagt. Wenn Kinder an Haltungsschäden oder Übergewicht leiden, dann habe die Schule zu wenig Gesundheitserziehung betrieben. Und wenn Kinder auf Grund veränderter Familienstrukturen zu Straßenwaisen werden, dann sei Schule schuld, weil sie sich nachmittags nicht um die Kinder kümmere.
 

Aber auch andere (so manche Bildungs-, Lehrer- und Elternfunktionäre) meinen, schulische Vollwert-Erziehung mit vermeintlich omnipotenten Lehrern müsse die elterliche Erziehung Schritt für Schritt ersetzen. Schule solle vermitteln: das Zähneputzen, die Körperpflege, das Auto- und Mofafahren, Kurse in Selbstverteidigung für Mädchen, Ernährungslehre, die Verbraucher- und die Aktienkunde.

So entstehen dicke pädagogische Versandhauskataloge mit einem inflationär wachsenden Spektrum an schulischen Bindestrich- und Segment-Erziehungen: mit Medien-, Freizeit-, Konsum-, Umwelt-, Gesundheitserziehung sowie Friedenslehre. Fehlt nur noch das Fach "Liebeskunde", das sich die holländischen Grünen für die Wahlen 1998 als Schulfach in ihr Wahlkampfprogramm geschrieben haben. Immerhin aber kam die damalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt Ende 2002 auf die Idee, das Schulfach „Familienkunde“ zu fordern: Begründung Nr. 1: Damit lasse sich die Scheidungsrate senken! Begründung Nr. 2: „Viele wissen nicht, was Liebe ist, da kann der Staat helfen!“

Die Lehrer müssten sich geschmeichelt vorkommen ob solchen Zutrauens in ihre anscheinend grenzenlosen Möglichkeiten. Aber es ist anders, denn Lehrer merken es, sobald sie zum Feigenblatt einer sich forsch gebenden, gleichwohl ratlosen Gesellschaftspolitik werden.
 

Ja, und dann tut den Lehrern die Entprofessionalisierung der Bildungsdebatten weh: In Talkshows über PISA dürfen bei einer außerparlamentarischen Worterteilerin der Nation praktizierende Väter und Mütter aus dem Show-Business über Schule daherschwadronieren. Fehlt eigentlich nur noch ein Bildungs- und Lehrer-Buch von den erfahrenen Mehrfachvätern Boris Becker und Franz Beckenbauer!

Zwischenbilanz: Lehrer sind keine Zauberer, keine Tausendsassas, und sie sind auch nicht die gesellschaftspolitischen Fußabstreifer und Müllwerker der Nation.

Dass das Bild vom deutschen Lehrer freilich gleichermaßen in der Erwartung wie auch in der Einschätzung maßlos verzerrt ist, dafür gibt es ganz praktische Gründe. Dazu gehören: das „schwarze“ Schaf, das es in diesem Berufsstand ebenso gibt wie unter Juristen, Pastoren, Steuerbeamten, Managern, Handwerkern usw.; die Bequemlichkeit der Politik und der Gesellschaft, Probleme selbst zu lösen, verbunden mit der Bereitschaft, die Probleme eben von den staatlich geprüften pädagogischen Besserwissern lösen zu lassen; die Selbstverleugnung vieler Lehrer, die sich etwa am Strand auf den Kanaren nicht als Lehrer „outen“ wollen.

Aber wahrscheinlich reicht die Aversion der Deutschen gegen Lehrer noch weiter und tiefer. Das beginnt schon mit der deutschen Literatur. Wenn deutsche Dichter und Denker über die Schule geschrieben haben, dann haben sie dies zum größten Teil in einer Melange aus Schulangst und Tyrannenfurcht getan. Teilweise entsprang diese Haltung einer Auflehnung gegen die schulische Reproduktion eines preußischen Untertanengeists. Auch die Namen, die Lehrer in der Literatur bekamen, sprechen Bände: Affenschmalz, Knüppeldick, Unrat heißen sie etwa bei Frank Wedekind oder Heinrich Mann.

Und selbst bei Thomas Mann erlebt man Lehrer überwiegend als grausam, lächerlich, verstockt, senil oder besessen. Gottfried Keller, Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke, Robert Musil, Bertolt Brecht sind weitere Vertreter einer deutschsprachigen Literatur, die ein sehr kritisches Lehrerbild kennt.

Die Romantik einer „Feuerzangenbowle“ gerät dabei in den Hintergrund, auch wenn es in deren Widmungsadresse heißt: „Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.“

Das überwiegend Negative setzt sich fort mit Legendenbildungen um Genies der Deutschen. Albert Einstein, Wilhelm Busch, Justus von Liebig, Theodor Fontane, Robert Bosch sollen schlechte Schüler gewesen sein, so will es die Legende. Dass ein Hölderlin, ein Schopenhauer, ein Nietzsche hervorragende Schüler waren, passt nicht so ganz in diese Legendenbildung. Und ebenso wenig passt es ins Bild, dass Georg Wilhelm Friedrich Hegel der berühmteste deutsche Schulleiter war, nämlich von 1809 bis 1815 als Gymnasialdirektor in Nürnberg.

Wahrscheinlich hat alles im Kern mit dem Problem der Deutschen im Umgang mit Autoritäten zu tun. Was die wilhelminische Zeit betrifft, so ist das nachvollziehbar. Eine Wiederbelebung erfuhr diese Aversion gegen Autoritäten dann natürlich durch die „reeducation“ nach 1945 und gut zwei Jahrzehnte später durch die 68er Bewegung mit ihrem antiautoritären Affekt. Damals ist etwas geschehen bzw. suggeriert worden, was sich noch heute auf „die“ Lehrer projiziert.

Aber lassen wir historische und tiefenpsychologische Betrachtungen!

Etwas anderes macht große Sorge, nämlich die zukünftige Versorgung der 42.000 deutschen Schulen mit ausreichend vielen und gut qualifizierten Lehrern. Hier steht uns ein gewaltiges Problem ins Haus! Die 800.000 Lehrer in Deutschland haben ein Durchschnittsalter von 47 Jahren; in den weiterführenden Schulen beträgt das Durchschnittsalter sogar 49 Jahre, in verschiedenen Ausbildungsrichtungen der berufsbildenden Schulen oft 53 Jahre. Anders gewendet heißt das: In den kommenden zwölf Jahren bis zum Jahr 2018 treten rund 320.000 Lehrer in den Ruhestand. Die für deren Ersatz notwendigen rund 350.000 bis 380.000 Bewerber fehlen, weil die Zahl der Lehramtsstudenten schulformspezifisch nicht immer Schritt hält mit der Zahl der Pensionierungen.
 

Als Problem kommt hinzu, dass wir in weiten Lehramtsbereichen keine jungen Männer mehr bekommen. Die fortschreitende Feminisierung des Lehrerberufes müsste insofern problematisiert werden. Man denke nur einmal daran, was es bedeuten könnte, wenn Mädchen oder Jungen im ersten Lebensjahrzehnt mit keinem einzigen Mann mehr zu tun haben, weil die Mutter alleinerziehend ist und dann in Kindergarten und Schule ebenfalls nur Frauen da sind.

Es ist jedenfalls zu befürchten, dass die zukünftig notwendigen qualifizierten Lehramtsbewerber nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind. Die Folgen wären vor allem größere Klassen sowie Kürzungen des Wochenunterrichts und damit drastische Einbußen in der Bildungsqualität. Die deutschen PISA-Ergebnisse werden damit nicht unbedingt angehoben.

Dabei wäre - anders als in der freien Wirtschaft - der Personalbedarf der Schulen recht gut prognostizierbar gewesen. Die entscheidenden Variablen des Lehrerbedarfs sind zum Teil auf mehrere Jahrzehnte hinaus bekannt (nämlich die Altersstruktur der aktiven Lehrerschaft), zumindest aber auf ein Jahrzehnt hinaus (nämlich die Zahl der Schüler und die Zahl der Lehramtsstudenten). Die freie Wirtschaft hat Planzahlen dieser prognostischen Zuverlässigkeit nicht. Hätten Siemens und Daimler-Chrysler mit in der Summe ebenfalls 800.000 Beschäftigten eine vergleichbare Personalpolitik betrieben, sie wären gewiss keine Weltfirmen mehr.

Ansonsten müssten die Gründe bekannt sein, warum junge Leute sich seltener für den Lehrerberuf entscheiden.

Erstens: Der Lehrerberuf ist für viele karriereorientierte junge Erwachsene nicht lukrativ. Referendare und Lehramtsanwärter müssen sich im Lebensalter von knapp 30 Jahren – übrigens am Rande des Existenzminimums - mit monatlichen Anwärterbezügen zwischen 800 und 1.000 Euro begnügen; diese Sätze liegen unterhalb der Ausbildungsvergütung in vielen Ausbildungsberufen. Junglehrer und Lehramtsassessoren bekommen zum Teil nur befristete und im Beschäftigungsumfang erheblich reduzierte Verträge angeboten. Wenn die Wirtschaft diesen jungen Leuten bei passender Qualifikation dagegen Jahreseinkommen von 40.000 Euro und mehr bietet, ist der Lehrerberuf nicht konkurrenzfähig.

Zweitens: Junge Leute lassen sich vom sinkenden Sozialprestige eines Berufes - wie in jedem anderen Berufsbereich auch - beeinflussen. Das soeben skizzierte veröffentlichte Image der Lehrerschaft hinterlässt auch diesbezüglich seine Spuren.

Drittens: Gerade junge Leute, die ihre Schulzeit unmittelbar hinter sich haben, Abiturienten also, wissen, was Schule heute bedeutet. Einer Empfehlung etwa ihres Schulleiters, doch vielleicht Lehrer zu werden, begegnen sie mit Äußerungen wie folgenden: „Ich habe nun wirklich keine Lust, mich mit fremder Leute frechen Kindern herumschlagen!“ Oder sie sagen: „Da hätte ich es ja mit einem Volk zu tun, wie wir es 12 oder 13 Jahre lang waren!“

Solche Aussagen gehen übrigens in die Richtung einer Erhebung aus dem Hause Allensbach vom Jahr 2002. Danach meinen 74 Prozent der Leute, es sei schwer, heute Lehrer zu sein.

Aber zurück zur Lehrerversorgung: Sie kann jedenfalls nicht mehr mit punktuellen Maßnahmen gesichert werden. Es ist ein großes Bündel von Maßnahmen notwendig, die sich nicht innerhalb einer einzelnen Legislaturperiode erschöpfen dürfen. Es sollte zudem angestrebt werden, dass die Zahl der Bewerber um ein Lehramt über den Bedarfszahlen liegt: Zum einen nämlich treten rund 30 Prozent der Lehramtsstudenten nicht in den Schuldienst ein, zum zweiten sollte die Bewerberzahl so groß sein, dass wenigstens ein Stückchen weit eine Bestenauswahl stattfinden kann.

Ein Bologneser Bachelor- und Master-Modell jedenfalls bringt keinen Lehrernachwuchs, vielmehr gefährdet er die Ansprüche an eine moderne Lehrerbildung. Vor allem fachwissenschaftlich hochmotivierte junge Leute lassen sich für einen solchen Lehrer „light“ nicht gewinnen.

Zum Schluss: Was brauchen und was sollen Lehrer?

Lehrer brauchen Rückhalt in der Gesellschaft. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass das Ansehen von Schule und Lehrerberuf offenbar korreliert mit der nationalen PISA-Leistung. Die Skandinavier beispielsweise können sich überhaupt nicht vorstellen, wie Politiker in Deutschland wiedergewählt werden, die Sprüche wie die zitierten vom Stapel lassen. Ist ja pädagogisch auch ganz einfach: Wenn die Autorität einer Bildungseinrichtung und ihres Personals öffentlich verhackstückt wird, dann muss man sich nicht wundern, wenn die jungen Leute diese Einrichtungen und ihre Lehrer nicht mehr ernstnehmen.

Vielleicht aber ist Deutschland mit seinen Lehrern auch verwöhnt. Sie dürfen nicht streiken. Das ist gut so. Siehe Frankreich im Frühsommer 2003: Dort war sogar das sogenannte BAC (Bacchalaureat) wegen eines flächendeckenden Lehrerstreiks gefährdet!

Lehrer brauchen vor allem den Rückhalt der Eltern. Diesbezüglich schaut es nicht gut aus in Deutschland, denn laut PISA-Begleitstudie nehmen Eltern in allen anderen Ländern mehr Anteil an der Schullaufbahn ihrer Kinder als in Deutschland. Deshalb gilt gerade für Deutschland: Es gelingt uns keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive!

Der Einfluss der Schule reicht an all die problematischen Jugend-Phänomene von der Drogen- und Medienabhängigkeit bis hin zur Gewaltanfälligkeit nicht heran. Insofern ist es utopisch, zumindest ist es ein Ablenkungsmanöver zu glauben, Schule könnte gesellschaftliche Besserungsanstalt und Reparaturwerkstatt sein.

Hier erinnert man sich an Eduard Spranger: Er warnte schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vor der inneren Unaufrichtigkeit einer Gesellschaft, die Erziehung verlange, wo sie die Ergebnisse von Erziehung aber eigentlich nicht schätze (siehe Medien!).

Lehrer brauchen ansonsten Leistungsanreize. Aber das Materielle ist nicht unbedingt das Wichtigste. Lehrer brauchen vor allem Anerkennung. Dann und wann spricht ein Bundespräsident diese aus. Aber solches wird selten über die Medien transportiert, weil diese sich lieber zum fünfzigsten Mal mit dem „faulsten Lehrer“ Deutschlands beschäftigen.

Lehrer brauchen sodann Chefs, die sich vor sie stellen, wenn Eltern oder Öffentlichkeit überziehen. Im übrigen brauchen wir Lehrer, die Persönlichkeit zeigen. Wir brauchen keine normierten Lehrer, sondern Individuen, ja vielleicht sogar wieder ein paar Originale.

Abschied sollten wir schließlich nehmen von allen Überhöhungen des Lehrerbildes. Vielleicht war Friedrich Adolph Diesterweg nicht ganz unschuldig an gewaltig überzogenen Erwartungen an Schule und Lehrerberuf, indem er nämlich den Lehrern vor über 100 Jahren unter anderem wünschte: den Scharfsinn eines Lessing, das Gemüt eines Johann Peter Hebel, die Begeisterung eines Pestalozzi, die Kenntnisse eines Leibniz, die Weisheit eines Sokrates, die Liebe Jesu Christi und an erster Stelle die Gesundheit und die Kraft eines Germanen.

Von der offiziellen Pädagogik wird heute leider so getan, als müsse jeder Lehrer auch noch haben: das Entertainer-Talent eines Show-Masters, das Rechtsverständnis eines Verwaltungsrichters, die Hingabe einer Mutter Teresa sowie das Öko-Engagement eines Greenpeace-Aktivisten.

Aber bleiben wir auf dem Teppich! Es wäre ja schon ein großer Fortschritt, wenn man gelegentlich an die erwähnte Sentenz von Karl Jaspers dächte: „Es ist das Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.“ So wie manche in Deutschland mit Lehrern umgehen, darf man zurückfragen: Ob Jaspers dergleichen auch über jeden Wirtschaftsfunktionär und Politiker sagen würde? Aber so boshaft will keiner sein. Vielmehr sollen Luther und Knigge das Schlusswort haben.

Luther sagte 1530: „Einen fleißigen guten Schulmeister … kann man mit keinem Gelde bezahlen ..... So wollt ich kein Amt lieber haben, als Schulmeister … zu sein. Denn ich weiß, dass dieses Werk neben dem Predigtamt das allernützlichste, größte und beste ist.“ Und Knigge? In seinem Band "Über den Umgang mit Menschen" schrieb er 1788: "Der geringste Dorfschulmeister, wenn er seine Pflicht treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate als der Finanzminister ...“

Die Lehrer sollten daraus ein wenig mehr Selbstbewusstsein schöpfen.


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