DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


DL-Präsident Josef Kraus im ZDF-Chat nach der Sendung von
Maybrit Illner
 
vom 7. Februar 2008


Josef Kraus
: Guten Abend in die Runde!  

Frage: Sehr geehrter Herr Kraus, gerne würde ich erfahren, wie sich die fünf Milliarden Euro ergeben, die der Nachhilfemarkt in Deutschland groß sein soll?  

Kraus: Die fünf Milliarden relativieren sich, wenn man sie durch die Zahl von den zwölf Millionen Schülern teilt - dann sind es pro Jahr und Nase 400 Euro! Das klingt weitaus weniger dramatisch. 

Frage: Ich wünsche mir Kontrolle, aber auch Hilfe, zum Beispiel Supervisionen für Lehrer.

Kraus: Im Ärztebereich gibt es die sogenannten Balintgruppen, die sich sehr gut bewährt haben bei der Aufarbeitung beruflicher Belastungen. Ähnliches wäre für Lehrer zu wünschen.

Frage: Warum verkürzt man für das G8 nicht die Ferienzeit im Sommer, zu Weihnachten und zu Ostern jeweils um eine Woche?

Kraus: Weil sich dadurch der Stress für die Kinder nicht reduziert. Wahrscheinlich gäbe es in Deutschland dann erhebliche Verkehrsprobleme in Urlaubszeiten.  

Frage: Ich denke, dass ein Hauptproblem die Person der Lehrer darstellt. Ich wäre gerne Lehrer geworden, aber die Aussichten, mein Leben lang in einer Region oder einer Schule das Gleiche zu tun, haben mich abgeschreckt. Jetzt unterrichte ich an einer Uni und habe alle Möglichkeiten der Welt. Ist es nicht so, dass die Unflexibilität des Berufs dazu führt, dass nur ein bestimmter Typus Mensch noch Lehrer wird, und zwar der, der nicht als Vorbild für das später geforderte Berufsleben gelten kann?  

Kraus: Das ist ein Klischee - allerdings wünschte ich mir mehr personelle Durchlässigkeit zwischen Hochschule, Forschung, Wirtschaft und Schule. 

Frage: Lieber Herr Kraus, wie kann man den Lehrerberuf aufwerten, Ihrer Meinung nach?

Kraus: Kurzfassung: Ich zitiere Karl Jaspers: Es ist das Schicksal eines Volkes, wie es seine Lehrer achtet. Im übrigen ist der Lehrerberuf vielleicht für junge Anwärter auch materiell völlig uninteressant.


Frage: Hallo und guten Abend, finden Sie das krampfhafte Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem eigentlich richtig? In dem System wird im zarten Alter von zehn Jahren immerhin schon der Verlauf der restlichen 60 durchnittlichen Jahre festgelegt, aussortiert oder die Bildungs-Ochsentour verordnet.

Kraus: Wir haben in Deutschland eine ausgeprägte vertikale Durchlässigkeit. 50 Prozent der Studienanfänger kommen nicht aus dem Gymnasium. Es gibt bei uns keine Sackgassen. 

Frage: Herr Kraus, wie stehen sie zum Zentralabitur? Ich gehöre zu den Versuchskaninchen, die dieses Jahr in Niedersachsen das Abitur schreiben müssen. Wir haben im Schnitt zwölf Wochenstunden mehr und einen Leistungskurs mehr und jeweils eine Leistungskurs-Wochenstunde weniger ... das ist einfach ungerecht!  

Kraus: Ich bin für Zentralabitur je Bundesland. Aber gegen ein Bundeszentralabitur. Zentralabitur ist einfach transparenter und gerechter.  

Frage: Macht die Schule alleine unsere Kinder kaputt?  

Kraus: Unsere Schulen und Schüler leisten ohnehin mehr, als es die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zulassen.  

Frage: Sehr geehrter Herr Kraus, haben Sie vielen Dank für deutliche Worte. Als Lehrer an einem münsterschen Gymnasium möchte ich Folgendes in die Diskussion einbringen: Wir haben aus eigener Kraft heraus die 45-Minuten-Stunde zugunsten einer 90-Minuten-Stunde abgelöst und sind alle mit den neuen Bedingungen sehr zufrieden. Schüler, Eltern und Lehrer. Welche Überlegungen auf Landeseben gibt es dazu?  

Kraus: Lernpsychologisch ist das durchaus zu begrüßen; der Nachteil ist, dass bestimmte Fächer dann nur einmal pro Woche vorkommen und damit der Abstand auch für das Speichern und Festigen des Gelernten zu lang wird.  

Frage: Hallo. Ich bin momentan Lehreranwärter und kurz vor meinem Abschluss des Referendariats. Herr Kraus hat vorhin mitgeteilt, dass es einen enormen Lehrermangel geben wird beziehungsweise schon gibt. Warum wird uns dann in den Seminaren ans Herz gelegt, uns schon eine neue Ausbildungsstelle zu suchen, da die Länder diesen Sommer kaum neue Lehrer einstellen werden? Wer hat nun Recht? Meiner Meinung nach ist es sehr schade, dass an den diversen Pädagogischen Hochschulen ein sehr großer Lehrermangel propagiert wird - und während des Referendariats wird uns Lehreranwärtern dann verdeutlicht, dass die meisten von uns keine Aussicht auf eine Festanstellung haben! 

Kraus: Es hängt sehr von den Unterrichtsfächern und der Schulform ab. Den größten Mangel gibt es in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften, Latein sowie in den beruflichen Schulen, in Elektrotechnik, Metalltechnik und Wirtschaftspädagogik. 

Frage: Wieso werden am Gymnasium mehr als 30 Schüler in eine Klasse gepfercht? Wie soll ein Lehrer da noch pädagogisch und auf einzelne Kinder bezogen agieren? 

Kraus: Natürlich wäre es besser, ein Lehrer hätte nur 22 Schüler vor sich. Aber das scheitert an restriktiver Finanzpolitik und am Lehrermangel.

Frage: Herr Kraus, sind eigentlich Privatschulen nicht eine Bereicherung für den ganzen Markt? Bringen die nicht neue Ideen und frischen Wind in die Bildungslandschaft?  

Kraus: Sie sind eine Bereicherung und eine wichtige Ergänzung. Aber sie schneiden in Leistungstests nicht besser ab, obwohl sie eine sozial ausgewählte Population haben.  

Frage: Welche Möglichkeiten haben Eltern, wenn sich ein Lehrer wirklich als unfähig erweist?  

Kraus: Kurzfassung: Erst intensives Gespräch mit dem Lehrer, gegebenenfalls mit mehreren anderen Eltern zusammen; dann Darstellung der Situation beim Schulleiter; dann möglicherweise bei der Schulverwaltung; oder bei gravierenden Verstößen gegen Schulrecht: Einspruch beim Verwaltungsgericht.  

Frage: Sehr geehrter Herr Kraus, Sie erwähnten, dass es in Zukunft zu einem großen Bedarf an Lehrkräften kommen wird. Gilt dies auch für Berufsschullehrer? Ich als Schreinermeister überlege, ob ich die Pädagogik-Schule besuchen soll, um als Berufsschullehrer eine neue Aufgabe zu übernehmen.  

Kraus: Besser wäre Elekrotechnik, Metalltechnik, Informationstechnik :-) 

Frage: Hallo Herr Kraus. Warum gibt es in unseren Schulen noch so viel Frontalunterricht? Sollten Schüler nicht selbstbestimmter, selbstverantwortlicher, selbstorganisierter lernen dürfen? Liegt darin nicht ein Problem für Schüler und Lehrer? Weniger Stress für alle. Weniger Burn-out. Meiner Meinung nach sind Schüler in unseren Schulen nicht über- sondern unterfordert. Im Frontalunterricht sind die Schüler passiv. Was sagen Sie dazu? 

Kraus: Die gute Mischung macht's! Ein Lehrer, der etwas spannend erzählen oder spannend demonstrieren kann, schlägt alle anderen methodischen Varianten aus dem Feld. 

Frage: Wie wäre es dann mit besserer Bezahlung für Lehrer und höheren Einstellungsquoten, der Zukunft zuliebe? 
Kraus: Ich würde mir wünschen, dass es auch für Lehrer mehr Leistungsanreize in Form von Beförderungen oder Prämien gibt.

Frage: Herr Kraus, können Sie mir sagen, warum alle Politiker von Bildung, Bildung, Bildung reden - aber dennoch eine so restriktive Finanzspolitik betreiben? 

Kraus: Weil es ihnen an Durchblick fehlt und sie immer nur an die nächste Wahl denken. Bildungspolitik aber muss über mindestens drei Legislaturperioden geplant werden.

Frage: Welche Möglichkeiten haben Lehrer, wenn sich Eltern wirklich als unfähig erweisen? 

Kraus: Kurzfassung: Wenn die Einladung zum Besuch in der Schule wiederholt ausgeschlagen und Erziehungspflichten grob vernachlässigt werden, bleibt eigentlich nur die Intervention durch das Jugendamt.

Josef Kraus: Ich wünsche allen Chattern auch zukünftig eine wache Beobachtung der Bildungsszene. Mischen Sie sich ein! Viele Grüße!


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