DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Gastkommentar aus DIE WELT vom 3. November 2007


Rheinland-Pfalz schafft die Hauptschule ab

"Blanke Schaufensterpolitik"

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Als die SPD in Rheinland-Pfalz 1991 die Regierung übernahm, wurde die dortige Hauptschule von mehr als 40 Prozent der Schülerschaft besucht. Heute beklagt die Mainzer Landesregierung, dass der Anteil der Hauptschüler nur noch etwa die Hälfte von damals betrage. Diese Klage ist scheinheilig, denn man hat die Hauptschule seitens der Landespolitik aktiv vernachlässigt. Die aktuelle Entscheidung in Mainz, die Hauptschule nunmehr ganz abzuschaffen, hat von daher einen schalen Nachgeschmack. Falsch bleibt die Entscheidung trotzdem, denn die Abschaffung der Hauptschule ist blanke Symbol- und Schaufensterpolitik. Kein einziges schulpolitisches und schulpädagogisches Problem ist damit gelöst, es wird nur umetikettiert. Hauptschule hat nun einmal eine heterogene, herausfordernde Klientel, die einer besonderen Förderung bedarf – einer Förderung, die eine moderne Hauptschulpädagogik am besten leisten kann. Mit der Kappung der Hauptschule ist deren Schülerschaft nicht verschwunden oder wie durch ein Wunder zu einer hoch leistungsfähigen und hoch motivierten geworden. Eine Abschaffung der Hauptschule oder deren Zusammenlegung mit der Realschule schafft für die originäre Hauptschülerschaft auch keine einzige Lehrstelle zusätzlich.
 
Überhaupt sollte man bei der Betrachtung von Hauptschule etwas seriöser zu Werke gehen: Es gibt in Deutschland 7.000 Hauptschulen, die nicht nur auf dem flachen Land, sondern oft auch in Ballungsgebieten Hervorragendes leisten. In den sog. alten Ländern besuchen nach wie vor über 30 Prozent der Vierzehnjährigen eine Hauptschule; allein von daher ist die Hauptschule keine Restschule. Solche Etikettierungen sind menschenverachtend. Wenn 30 Prozent als Rest gelten müssten, dann wären Parteien mit 30prozentigen Wahlergebnissen keine Volks-, sondern Restparteien. Zudem ist der seit 1999 vom jeweiligen Bundespräsidenten verliehene Deutsche Hauptschulpreis eindrucksvoller Beweis für die großartigen Leistungen vieler Hauptschulen.
 
Die Alternative zur Hauptschule kann nur eine verbesserte Hauptschule sein, die in sich noch mehr differenziert und fördert, die eng mit dem Arbeitsmarkt und den beruflichen Schulen zusammenarbeitet und deren Absolventen von einer hoffentlich verantwortungsbewussten Wirtschaft angenommen werden. Gelegentlich könnte hier ein Blick nach Bayern nicht schaden: Dort gibt es mittlerweile 15 Landkreise, die – bei hohem Hauptschüleranteil! – Vollbeschäftigung, das heißt eine Arbeitslosenquote von unter drei Prozent haben.



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