DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus "Die Tagespost" vom 8. März 2007

Mehr als nur "Hinterhof der Nation"

Die Hauptschule ist mit ihrem berufsbezogenen Profil höchst lebendig

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Progressiv bewegte Bildungspolitik und entsprechend konforme „Bildungswissenschaft“ geben sich gern generös: Jetzt will man einmal mehr die Hauptschule über Bord werfen. „Restschule Hauptschule“, „Ausgeblutet“, „Hinterhof der Nation“, „Bildungsghetto ohne Chance“, „Die Hauptschule ist tot“  – so lauten die Diagnosen, die leider oft genug öffentlich nachgebetet werden. Tatsächlich handelt es sich hier aber um keine seriösen Diagnosen, sondern um zynische und ideologisch motivierte Etiketten, die nur einen einzigen Zweck haben – nämlich ein einheitliches Gesamtschulsystem herbeizureden.

Solches Gerede hinterlässt Spuren bis hinein in die Familien. Selbst wenn so manches Kind in der Hauptschule am besten aufgehoben wäre, boxt man es - vielfach maßlos überfordernd - in eine Realschule oder in ein Gymnasium, bloß um Hauptschule und deren Klientel zu umgehen. Besonders zu schaffen macht der Hauptschule aber auch der Teil einer Wirtschaft, die sich zwar in schlauen programmatischen Papieren um die Hauptschüler sorgt, seit Jahrzehnten aber in Sachen Lehrstellenbesetzung einen Verdrängungswettbewerb zuungunsten der Hauptschüler in Gang gesetzt hat: Abiturient schlägt Realschüler, Realschüler schlägt Hauptschüler.

Allen Vorurteilen zum Trotz, die Fakten sagen etwas anderes. Erstens ist die Hauptschule in den alten Ländern die Schule von 30 Prozent der Dreizehnjährigen. Die „Rest“-Etiketten sind deshalb eine Verleumdung von anderthalb Millionen Schülern an 7.000 deutschen Hauptschulen bzw. Schulen mit Hauptschulbildungsgang. Besonders seltsam mutet die Darstellung als „Restschule“ an, wenn sie aus Parteien kommt, die selbst mit nur 28 oder 19 oder 8 Prozent Wählerstimmen Volksparteien und keine Restparteien sein wollen. Das sollte sich zumal die SPD hinter den Spiegel stecken; denn gerade sie ist es an vorderster Front, die der Hauptschule den Garaus machen möchte.

Zweitens ist Hauptschule in den deutschen Ländern, in denen man sie politisch gewollt hat, von einem Leistungsniveau, das in anderen deutschen Ländern weder Gesamtschulen noch Realschulen erreichen. Dies gilt vor allem für die bayerischen Hauptschulen, die beim PISA-Test das Ergebnis der Gesamt- und Realschulen mehrerer norddeutscher Länder übertrafen, wiewohl diese personell und sächlich erheblich besser – nämlich um rund 30 Prozent besser - ausgestattet sind.

Drittens ist die Hauptschule eine höchst lebendige Schule. Der seit 1999 alle zwei Jahre ausgelobte und vom jeweiligen Bundespräsidenten überreichte Deutsche Hauptschulpreis liefert Beweise en masse. Hauptschule ist vor allem eine unendlich vielfältige Schule; solche Vielfalt gehorcht zugleich der Not der Hauptschulen, sich an unterschiedlichste politische Vorgaben und an eine äußerst heterogene Schülerklientel anpassen zu müssen. Trotz schwierigster sozialer Umstände und mit multiethnischer Schülerschaft leisten Hauptschulen über das Fachliche hinaus jedenfalls Enormes: bei der Vermittlung von Praktika, bei der Lehrstellensuche, im praktischen oder gestalterischen Bereich, beim Einüben von Strategien zum konstruktiven Lösen von Konflikten usw. Zu verdanken ist das einem Engagement von Lehrern, das man gelegentlich manch anderen Schularten wünschte.


Viertens: Dort wo man Hauptschule politisch gefördert hat, ist sie auch zukunftsfähig. Als Beispiel mag Bayern dienen, das ja bekanntermaßen der deutsche PISA-Sieger und zugleich das einzige deutsche Land ist, das an der internationalen PISA-Spitze mithält. Bayern hat bei fast vierzig Prozent Hauptschüleranteil seit dem Jahr 2000 die Weichen in Richtung einer weiteren Ausdifferenzierung der Hauptschule gestellt. Für besonders leistungsfähige Hauptschüler gibt es ab der siebten Jahrgangsstufe die sogenannten M-Züge (M für „mittlere Reife“). Außerdem wurden für schwächere Schüler  „Praxisklassen“ eingeführt; das sind Klassen, in denen die Begegnung mit Betrieben einen hohen Stellenwert hat und die deswegen eine gute Bilanz bei der Lehrstellenvermittlung haben. Die bayerische Hauptschule ist allein für sich ein gegliedertes Schulwesen, denn sie vergibt vier unterschiedliche Abschlüsse: den Abschluss der Praxisklasse, den erfolgreichen Hauptschulabschluss, den Qualifizierenden Hauptschulabschluss und den Mittleren Schulabschluss. Hessen ist seit dem Regierungswechsel von 1999 ebenfalls auf einem richtigen Weg. Es stärkt die Hauptschulen, die von der rot-grünen Vorgängerregierung heruntergewirtschaftet worden waren, vor allem über die „SchuB“-Klassen; das sind Klassen, in denen – so wörtlich die Übersetzung - „Lernen und Arbeiten in Schule und Betrieb“ stattfinden. Die vor Wochenfrist aus einer interessierten Presseecke lancierten Berichte, die hessische Landesregierung würde von der Hauptschule abrücken, sind vor diesem Hintergrund blanker Unsinn.
 
Die Hauptschule verdient wohlwollende Aufmerksamkeit. Von ihrer Existenz leben die Realschule und schließlich auch das Gymnasium. Viel wichtiger aber bleibt: Die Existenz der Hauptschule hat einen pädagogischen Grund. Für mindestens zwanzig bis dreißig Prozent eines Geburtsjahrgangs stellt die Pädagogik dieser Schulart nämlich die optimale Förderung dar. Für viele bietet sie die einzige Hoffnung auf einen Schulabschluss. Vor allem aber gilt: Mit einer Abschaffung der Hauptschule wäre für diese Klientel nicht eine einzige Lehrstelle oder gar ein einziger Arbeitsplatz zusätzlich geschaffen.
 
Deshalb bleibt die Politik gefordert, einen günstigeren Rahmen für diese Schulart zu schaffen. Hauptschule muss eine Schulart mit eigenem Profil, eigenen Lehrplänen, eigener Methodik, eigener Lehrerausbildung, eigenen Abschlussprüfungen sein bzw. werden können. Dazu gehört es, dass alle Schüler der Hauptschule sichere Grundfertigkeiten erwerben. Diese Kernbereiche sind auszuweiten: durch Aufwertung von Deutsch und Mathematik in der Stundentafel sowie durch einen Unterricht, der nicht abstrakt-theoretisch, sondern praxisorientiert vorgeht. Das große Plus der Hauptschule sollte ihr arbeitswelt- und berufsbezogenes Profil sein; es ist durch eine intensive Zusammenarbeit mit Betrieben und berufsbildenden Schulen, durch kontinuierliche Förderung einer breit angelegten ökonomischen Bildung und durch unterrichtlich begleitete Praktika ab Klasse acht auszubauen. Hauptschulen müssen angesichts der Heterogenität der Schülerschaft zudem die individuellen Förderbedürfnisse der Schüler berücksichtigen können, zum Beispiel durch eine verstärkte Lehrerzuweisung, damit der spezifischen Arbeit in der Hauptschule - etwa der Integration von Migranten - besser entsprochen werden kann. Nicht zuletzt zur Sicherung des Lehrernachwuchses muss die Attraktivität des Hauptschullehramtes durch Leistungsanreize sowie durch vertretbare Arbeitszeitregelungen verbessert werden. Außerdem müssen Ganztagsangebote gerade an Hauptschulen – vordringlich in sozialen Brennpunkten – ausgebaut werden, denn diese bieten die Chance, die erzieherische Arbeit der Schule zu fördern. Die bayerische Konzeption weist hier in die richtige Richtung.
 
Zugleich gilt: Hätte man Hauptschule in Sachen Aufmerksamkeit, Zuwendung, Sachausstattung und Personal genauso luxuriös ausgestattet, wie dies die Stadtstaaten und NRW mit ihren Gesamtschulen taten, müsste einem um die Zukunft der Hauptschule nicht bange sein.


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