Aus NETZEITUNG.DE vom 3. Juli 2006
Lehrer verteidigen Unterricht zu Holocaust
Der Deutsche Lehrerverband hält nichts davon, ein
extra Schulfach zum Thema Nationalsozialismus einzuführen.
Verbands-Präsident Kraus warnte vor einer Überforderung der Schüler mit
diesem Teil der deutschen Geschichte.
Von Dietmar Neuerer
Als «falsch und nicht
gerechtfertigt» hat der Deutsche Lehrerverband (DL) die Forderung des
Zentralrats der Juden nach einem bundesweit einheitlichen Schulfach
speziell zum Thema Nationalsozialismus bezeichnet. «Keine Epoche der
deutschen Geschichte wird so intensiv an deutschen Schulen behandelt
wie der Nationalsozialismus», sagte DL-Präsident Josef Kraus der
Netzeitung.
So gebe es in den Lehrbüchern und in den Schulen eine
«eindeutige Akzentsetzung», was die Zeit zwischen 1933 und 1945
betreffe, erläuterte Kraus. Die Lehrer widmeten sich diesem
Zeitabschnitt «im nötigen Zeitumfang und in der nötigen
Differenzierung». In Gymnasien werde das Thema sogar zweimal
unterrichtet - in der Mittel- und Oberstufe. Darüber hinaus sei es auch
Bestandteil der Fächer Sozialkunde und Deutsch.
«Abwehrreaktion» bei Jugend möglich
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte es zuvor
in der Netzeitung als «dringend notwendig» bezeichnet, den
Geschichtsunterricht neu zu gestalten, weil das Thema
Nationalsozialismus darin viel zu kurz komme. Ausweg könne nur ein
eigenes Schulfach sein, sagte Zentralratspräsidentin Charlotte
Knobloch. Sie begründete ihren Vorschlag mit Versäumnissen der Schulen
bei dem Thema. «In den neuen Bundesländern gibt es immer noch
Lehrkräfte und Personal im Erziehungsbereich, die über die
Vergangenheit fast überhaupt nichts wissen», beklagte sie.
Der
Lehrerverband warnte hingegen davor, aus 1200 Jahren deutsche
Geschichte 12 Jahre auszugliedern. Damit provoziere man bei den
Jugendlichen eine «Abwehrreaktion», argumentierte Verbands-Chef Kraus.
Gerade beim Thema Nationalsozialismus müsse man «höllisch aufpassen,
dass die Jalousien nicht herunter gehen».
Defizite in Ostdeutschland
Kraus,
selbst Leiter eines Gymnasiums in Bayern, verwies vor diesem
Hintergrund darauf, dass an seiner Schule die Auseinandersetzung mit
dem Thema Nationalsozialismus «eine gehobene Rolle» spiele. So gebe es
regelmäßig Studienreisen zu ehemaligen Konzentrationslagern, und es
würden Zeitzeugen in den Schulunterricht eingeladen.
Gleichwohl
räumte Kraus Defizite beim Geschichtsunterricht in den neuen
Bundesländern ein. Er begründete dies damit, dass es nach dem Fall der
Mauer nicht gelungen sei, alle Lehrer auszutauschen, die
«weltanschaulich vorbelastet» gewesen seien. Sie seien lediglich
«provisorisch ersetzt» worden mit Pädagogen, die nicht ausreichend
geschichtswissenschaftlich geschult seien.
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