DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 5. November 1999

SKEPTISCH / Zuerst müssen die Inhalte stimmen, dann kann Qualität geschaffen und gesichert werden

Der dornige Weg des Umdenkens

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Der "Bildungspolitiker" Roman Herzog fehlt uns. Er hat zwar mit seiner berühmten Hauruck-Bildungsrede vom 5. November 1997 nichts Sichtbares bewirkt, aber ein wichtiger Impuls ist seine Rede nach wie vor. Man sollte sie erneut, diesmal offen und ehrlich nachlesen, denn zu viele haben sich damals in reichlich selektiver, ja schiefer Rezeption auf Herzog berufen und von ihm bestätigt gefühlt, wiewohl er nichts Bequemes, viel eher – vor allem für "Reformer" – manch Schmerzliches gesagt hat.

Es sei in Erinnerung gerufen: Herzog wartete mit Plädoyers auf für Anstrengung in der Schule, für die Notengebung, für ein gegliedertes Schulwesen, für die Hauptschule, für die berufliche Bildung, für mehr Pflichtfächer, für eine werteorientierte Bildung. Viele Ewig-Morgige haben das nicht hören wollen, denn sonst könnten sie nicht unvermindert weiterbasteln an Illusionen von einer die Fächer überwindenden, notenfreien und autonomen Animationsschule.

Deutsche Schulpolitik scheint indes resistent gegen präsidiale Argumente und gegen Empirie zu sein. Weder ein Herzog noch massenweise schlimmste Defizitanalysen zu einzelnen Bundesländern oder zur Gesamtschule vermögen offenbar ein Umdenken einleiten. Herzog jedenfalls – das bleibt sein Verdienst – hat wichtige Erkenntnisse ausgesprochen. Seine "Eckpunkte" sollten deshalb Prüfsteine für bildungspolitische Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene sein. Vor allem kommt es jetzt darauf an, Irrwege zu verlassen, die Herzog konkret dingfest gemacht hat.

Darüber hinaus hätten wir allen Grund, nach Jahren der schulpolitischen Illusionen und der curricularen Beliebigkeiten wenigsten im Inhaltlichen, das heißt in der Frage der Bildungsgegenstände und des Fächerkanons, Gehirnschmalz zu investieren. Denn wer Bildungsqualität sichern oder gar erst schaffen will, der kann dies nur über die Inhalte. Dies zu proklamieren oder gar zu realisieren, bräuchten wir einen Roman Herzog Nummer 2.


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