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Gastkommentar aus DIE WELT vom 13. November 2006
Hegel als moderner Pädagoge
Kultur geht vor Natur
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Der
Todestag Georg Wilhelm Friedrich Hegels jährt sich am 14. November
zum 175. Mal. Für die einen der Vollender des deutschen Idealismus,
sehen andere in ihm den Wegbereiter des Marxismus. Wieder anderen gilt
er als Musterexemplar eines ungenießbaren Philosophen. Wenige
freilich wissen, dass dieser 1770 in Stuttgart geborene und 1831 in
Berlin gestorbene Mann der berühmteste deutsche Gymnasialdirektor
war.
Mithilfe seines Freundes Friedrich Immanuel Niethammer, Oberschulrat in
München, war Hegel 1808 für acht Jahre leiter des
Egidiengymnasiums in Nürnberg geworden. Diese Schule hatte 1526
Melanchthon, der Praeceptor Germaniae und Freund Luthers,
gegründet, weshalb sie heute Melanchthongymnasium heißt.
Hegel soll als Lehrer freundlich und milde, zugleich von unbestrittener
Autorität gewesen sein. Auch die Niederungen des Schulalltags
kannte er: 50 Jahre lang waren keine Schulräume mehr getüncht
worden. Toiletten gab es nicht, die Schüler mussten in
Nachbarhäuser gehen.
Vor allem hat der Rektor Hegel fünf Reden zum Schuljahresabschluss
und eine philosophische Gymnasialpropädeutik hinterlassen. Daraus
und aus anderen Schriften lassen sich Elemente einer Pädagogik
ableiten, die heute, in Zeiten einer hyperaktiven schulpolitischen
Innovationsrhetorik erfreulich bodenständig erscheint. Hegel
erweist sich als Verfechter intakter Erziehungsanstalten; er machte
sich übrigens auch stark für die Förderung begabter
Schüler aus finanziell schwächeren Eltenhäusern,
für die er Stipendien sammelte. Fünf pädagogische
Elemente Hegels sind es gerade 2006 wert, diskutiert zu werden.
Erstens: Das A und O jeglicher Bildung ist ihm das Studium der Antike.
Wörtlich sagt Hegel über sein Gymnasium: "Der Geist und Zweck
unserer Anstalt ist die Vorbereitung zum gelehrten Studium, und zwar
eine Vorbereitung, welche auf den Grund der Griechen und Römer
erbaut ist." Dieses Studium forme nicht nur den Verstand, sondern den
ganzen Menschen. Dagegen stärke nicht jeder "nützliche Stoff"
die Seele. Überhaupt sieht Hegel Bildung als Aneignung von Welt
jenseits des Nutzens beruflicher und ökonomischer Praxis. Wie wahr
diese Überlegungen doch in einer Zeit sind, in der sich Bildung
vor allem am messbaren (Pisa-)Erfolg und am praktischen Nutzen messen
lassen muss.
Zweitens: Als "völlige Verkehrtheit" betrachtet Hegel eine
Erziehung "vom Kinde aus". Erzieher sollten sich nicht "zu dem
kindischen Sinne der Schüler herunterlassen", sondern "diese zum
Ernste der Sache heraufheben". Eine nur noch spielende Erziehung habe
zur Folge, dass der Knabe "alles mit verächtlichem Sinne
betrachtet". Hegel wendet sich damit gegen Rousseau, den er
ursprünglich als Ideengeber der Französischen Revolution
geschätzt hatte. Aber Hegel geht es in der Bildung nicht um
Natur-, sondern um Kulturgemäßheit. Das "Zurück zur
Natur" stört ihn, denn: "Die pädagogischen Versuche, den
Menschen dem allgemeinen Leben zu entziehen und auf dem Lande
heraufzubilden, sind vergeblich gewesen, weil es nicht gelingen kann,
den Menschen den Gesetzen der Welt zu entfremden." Auch dieser Gedanke
sollte uns heute bewegen, haben wir unsere Kinder mit einer
Spaß-, Wohlfühl- und Erleichterungspädagogik doch zu
lange in einer ewigen Gegenwart eingekerkert!
Drittens: Höchst modern, auch im Sinne neuester Gehirnforschung,
wird Hegel, wenn er sich zu einem aktiven Lernen bekennt: "Nicht das
Empfangen, sondern die Selbsttätigkeit des Ergreifens macht erst
eine Kenntnis zu unserem Eigentum."
Viertens: Den Eltern schreibt Hegel etwas ins Stammbuch, woran man sich
gerade in Zeiten einer fortschreitenden Verstaatlichung von Erziehung
erinnern sollte: "Ein Staatsinstitut hat bei seinen Schülern die
Zucht nicht erst zu bewirken, sondern vorauszusetzen." Dabei sei es
höchst nötig, dass sich Schule und Familie gegenseitig nicht
hinderten, dass "die eine nicht die Autorität und die Achtung der
anderen schwächt".
Fünftens: "Ein geordneter Stufengang und die Absonderung der
ungleichen Schüler in getrennte Klassen unter eigenen Lehrern
sowie andererseits Unabhängigkeit des Unterrichts der Lehrer von
der Willkür und Neigung der Eltern sind Erfordernisse, welche zum
Gedeihen öffentlicher Lehranstalten unumgänglich notwendig
sind." Daraus ein Plädoyer für ein gegliedertes Schulwesen
abzuleiten mag gewagt erscheinen. Aber eine klare Absage an jede Art
einheitlicher Beschulung ist dieses Diktum allemal.
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