DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus "Neues Deutschland" vom 18. Januar 2002

Streitfrage: Was läuft an der deutschen Schule falsch?

"Endlich handeln statt diskutieren!"

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die PISA-Untersuchung mit ihrem für Deutschland alles andere als schmeichelhaften Ergebnis hat wie ein Stimulans für all diejenigen gewirkt, die in der Schulpolitik mitmischen oder meinen, dies tun zu müssen. Während die anderen an dieser Studie beteiligten Länder auch bei schwächeren Ergebnissen recht gelassen mit PISA umgehen, hat die Debatte in Deutschland leicht hysterische, zumindest hyperaktive Züge angenommen. Bei der Betrachtung der politischen, publizistischen und pädagogischen Kommentare wird man auch den Eindruck nicht los, hier könnte es sich um déjà-vu-Erlebnisse handeln - frei nach dem Motto: Alles schon mal dagewesen. Tatsächlich findet man in der Debatte um PISA keinen Vorschlag, der nicht schon einmal gehandelt worden wäre. Wenn PISA also nicht nur den Effekt haben soll, dass sich alle möglichen schulpolitischen Vorstellungen wieder gegenseitig neutralisieren, dann muss PISA der Anlass sein, aus dem Pool an Ideen die wichtigsten herauszudestillieren. Die folgenden sechs Überlegungen sollten dabei ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Erstens: Wir müssen nicht gleich den japanischen oder koreanischen Drill in den Schulen nachahmen, aber ein bisschen mehr Anstrengung dürfte schon sein in unseren Schulen. Der Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen kann nicht über eine Erleichterungs- und Spaßpädagogik gelingen. Wir brauchen statt dessen mehr einübendes Lernen, bei dem wichtige Lernstoffe sich im Interesse der Festigung über die Schuljahre hinweg wiederholen.

Zweitens: Wir brauchen eine Kanon-Debatte, also eine Debatte um zentrale Inhalte schulischer Bildung. Die völlige Egalisierung der Lerninhalte nach dem Prinzip des exemplarischen Lernens ist in Beliebigkeit ausgeartet. Es muss uns deshalb wieder um maßgebliche Inhalte vor allem in den Fächern Deutsch, Fremdsprache(n), Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte gehen. Diese sind die entscheidende Basis für die spätere Berufs- und Studierreife.

Drittens: Wir müssen unsere jungen Leute viel besser im Umgang mit der Muttersprache schulen. Der Deutschunterricht hat in Deutschland keine Lobby; andere Länder statten ihre Muttersprache als Schulfach mit viel mehr Schulstunden aus. Zur Förderung der muttersprachlichen Kompetenzen gehört auch, dass die Lehrer aller Fächer auf sprachliche Exaktheit bei ihren Schülern dringen und dass der Deutschunterricht neben der Beschreibung von Vorgängen, Gegenständen und Bildern auch das Verbalisieren von Schaubildern zum Gegenstand macht. An letzterem sind viele deutsche Schüler bei PISA gescheitert.

Viertens: Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit für diejenige Schülerpopulation, die in PISA am schwächsten abgeschnitten hat. Das sind die Hauptschüler und unter ihnen wiederum die Migrantenkinder. Es war falsch, die Hauptschule schulpolitisch zu vernachlässigen und sie zur Restschule zu erklären. Und es war falsch, was manche Bundesländer praktizierten, nämlich die Migrantenkinder vor allem in ihrer Herkunftssprache zu fördern, anstatt sie ihrer Integration wegen forciert in Deutsch als Fremdsprache zu unterweisen.

Fünftens: Wir brauchen nicht andere Länder nachzuahmen, sondern wir sollten uns darauf besinnen, was das deutsche Schulwesen einst zu einem der führenden in der Welt gemacht hat. Zu diesen Stärken gehört vor allem der hohe Differenzierungsgrad des Schulwesens. Zu unseren Stärken gehören im Detail somit die äußere Fachleistungsdifferenzierung, das Eignungsprinzip bei der Positionierung der Schüler im verzweigten System, die Unterrichtung nach einem klar gegliederten Fächerprinzip, die Wissenschaftsorientierung der Unterrichtung, die Lehrerzentrierung des Unterrichtsgeschehens, das sog. Abitur statt dem Aditur-Prinzip, das duale Berufsbildungssystem und die zweiphasige Lehrerbildung.

Sechstens: Wir müssen alte Scheuklappen ablegen und bereit sein, Schulpolitik so nüchtern zu sehen, wie dies die Engländer tun. Tony Blair hat erkannt, wo die Schwächen des dortigen Schulsystems liegen, und er war sich nicht zu schade, Schulreformen fortzusetzen, die seine Vorgängerregierung initiiert hatte: das Zurückdrängen schulischer Autonomie, die zu einem Wildwuchs an schulischen Inhalten und Ansprüchen geführt hatte; die Fortführung eines verbindlichen Curriculums; die zentrale Testung der Schulleistungen in bestimmten Jahrgangsstufen; die Relativierung des „child centered learning“, das die Kinder unterfordert.

Und: Ohne die Eltern geht nichts. Es wird keine Bildungsoffensive ohne eine Erziehungsoffensive zu Hause geben können!


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