DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

18. Mai 2007


Das bayerische Gymnasium verkommt zur Endlos-Baustelle

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Das bayerische Gymnasium ist die leistungsstärkste Schulform der Welt. In PISA etwa hat dieses Gymnasium - als neunjähriges wohlgemerkt! - mit Werten von über 600 Punkten innerdeutsch und international alles andere in den Schatten gestellt. Und auch in Sachen Schulkultur gibt es keine Bildungsinstitution, die mit Orchestern, Chören, Theatergruppen und anderem mehr vergleichbar Großartiges leistet.

Jetzt ist aus diesem Erfolgsmodell eine Endlos-Baustelle geworden, auf der keiner mehr so recht weiß, woran er eigentlich baut. Man erinnere sich: Im November 2003 überraschte der damals frisch gekürte Ministerpräsident Stoiber trotz jahrelanger gegenteiliger Beteuerungen mit der Verkürzung des neunjährigen zum achtjährigen Gymnasium (G8). Er tat dies übrigens zu einem Zeitpunkt, als gerade eben seit zwei Monaten ein neues G9 mit neuer Stundentafel und neuen Lehrplänen begonnen hatte. Im Frühjahr 2004 wurde eifrig hyperventilierend an den Grundstrukturen des G8 gebastelt. Im Herbst 2004 wurden die neuen G9-Fünftklässler zu G8-Sechstklässlern umdefiniert. Das G8 begann und lebte erst einmal von der Hand in den Mund, will sagen, man hatte gerade mal für das jeweils bevorstehende Schuljahr neue Lehrbücher. Von einer Konzeption der Oberstufe war man noch weit entfernt.
  
In der Folge schleppte sich das G8 so recht und schlecht dahin, die Gymnasien vor Ort unternahmen alles, um den Kindern den G8-Alltag zu erleichtern. Denn die Klagen häuften sich alsbald: Die Mensa-Bauten für die Mittagsbetreuung waren nicht fertig, der zweimal wöchentliche Nachmittagsunterricht bereits für Zwölfjährige stresste, die Musik-, Sport- und Theatergruppen bekamen von den G8-Schülern her kaum noch Nachwuchs.

Reichlich spät, im Frühjahr 2007, lichtete sich der Nebel um die Konzeption der Oberstufe. Die dafür vorgesehenen Stundentafeln wurden unter das Gymnasialvolk gebracht, die geplanten sog. Seminarfächer ebenso – letztere freilich noch recht vage. Gleichzeitig begannen - endlich - Gedankenspiele um die Bewältigung des im Jahr 2011 bevorstehenden doppelten Abiturjahrgangs. Diese sehen nun vor: Der letzte G9-Jahrgang soll sein Abitur um ein halbes Jahr vorgezogen bekommen. Damit sollen die Abiturienten bereits zum Sommersemester 2011 mit dem Studium beginnen können. Wie die Hochschulen das bewerkstelligen wollen und was mit den jungen Männern geschieht, die ihre Dienstpflicht bei der Bundeswehr oder beim Zivildienst abzuleisten haben, bleibt freilich offen. So weit so gut: Nun müssen aber laut Vereinbarung der Kultusministerkonferenz die letzten beiden Gymnasialjahre eine Einheit sein. Also muss die Kursphase für die letzten G9-Abiturienten bereits in der Mitte der 11. Klasse beginnen. Das wiederum erfordert für die 10. und 11. Klasse neue Lehrpläne, die angeblich bereits in Auftrag gegeben wurden.

Vorläufiger Höhepunkt dieses Durcheinanders ist die Absicht, die G8-Reform von unten her erneut zu reformieren. Ganz aktuell verkündete Bayerns Kultusminister Schneider, es solle, um das Gymnasium leichter zu machen, die zweite Fremdsprache nicht wie seit 2004 mit der 6. Klasse, sondern wie früher wieder mit der 7. Klasse beginnen. Eine Reform der Reform der Reform der Reform also? Wahrscheinlich hat man nicht einmal darüber nachgedacht, dass mittlerweile alle anderen Bundesländer die zweite gymnasiale Fremdsprache auf die 6. Jahrgangsstufe vorgezogen haben. Das heißt: Früher hatten „Nordlichter“ wegen des hohen bayerischen Anspruchs Probleme, bei einem Wohnortwechsel in Bayern schulisch Fuß zu fassen; demnächst werden bayerische Kinder wegen des späteren Beginns der zweiten Fremdsprache womöglich Probleme haben, in einem außerbayerischen Bundesland Anschluss zu finden. Vermutlich hat man auch nicht darüber nachgedacht, dass die Verlagerung der zweiten Fremdsprache bei einem G8, das in den Klassen 11 und 12 verpflichtend nur eine – und zwar fortgesetzte – Fremdsprache kennt, den allmählichen Tod einer dritten gymnasialen Fremdsprache bedeutet.

Da fragt sich auch der unbefangene Laie, ob hier nur noch Amateure am Werk sind, die nicht über ihren Tagesaktionismus hinaussehen können. Und ein Mensch aus dem Baufach wundert sich: Wie kann man mit dem Keller zu bauen beginnen, wo man noch nicht einmal weiß, wie die oberen Etagen aussehen? Dabei hätte man sich nur an zwei Grundsätze halten müssen: Erstens liegt gerade bei Schulreformen die Beweislast bei den Reformern, nicht bei den erfolgreichen Bewahrern.  Und zweitens hat ein Heranwachsender nur eine Bildungsbiographie; wenn diese misslingt, dann kann das „Produkt“ nicht erneut auf die „Fertigungsstraße“ gestellt werden. Insofern wäre gerade bei Schulreformen größte Behutsamkeit angebracht, sonst werden aus Schülern Versuchskaninchen. Aber auch politisch mutet das Ganze etwas absurd an. Merke: Wenn jemand den teuflischen Auftrag hätte, das Erfolgsmodell des bayerischen Gymnasium ganz unauffällig kaputt zu machen, er würde wahrscheinlich so ähnlich vorgehen.


© 2007 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang